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Nette und nicht so Nette

Sie lobbyieren für Banken, Airlines, strengeren Tierschutz oder bekämpfen die Islamisierung: Das sind unsere vier Leute in Bern.

Die Ständeräte Hannes Germann (SVP) und Thomas Minder (parteilos) sowie die Nationalratsmitglieder Thomas Hurter (SVP) und Martina Munz (SP) wollen am 20. Oktober wieder nach Bern gewählt werden. Aber was tun sie dort? Von welchen Firmen und Verbänden werden sie bezahlt? Und wie stimmen sie ab? Eine Spurensuche.

Hannes Germann

Hannes Germann zählt schon beinahe zum Inventar des Bundeshauses. Bereits seit 17 Jahren politisiert Germann im Ständerat. Im August 2002 gewann er das Duell gegen SP-Mann Hermann Keller und wurde seither viermal glanzvoll wiedergewählt.

Was ihm im Kanton Schaffhausen stets ausgezeichnete Wahlresultate einbringt, schmälert seine Chancen, Bundesrat zu werden: Germann gilt als netter, freundlicher SVP-Mann, der auch hin und wieder von der Parteilinie abweicht. Altbundesrat Adolf Ogi zählte ihn einst zum Kreis der «vernünftigen SVPler» und die NZZ titelte 2015 «Zu brav für die SVP». Der frühere Primarlehrer aus Opfertshofen war wieder einmal als möglicher Bundesratskandidat gehandelt, von den eigenen Parteikolleginnen und -kollegen aber nicht auf den offiziellen SVP-Wahlvorschlag gesetzt worden. 
Germann ist aber auch einer, der sich gerne hinter den Kulissen versteckt hält. Dass der Ständerat heute noch das Image einer halben «Dunkelkammer» hat, liegt an Politikern wie dem früheren Journalisten der Schaffhauser Nachrichten. 2017 stimmte Germann gegen die Veröffentlichung aller Abstimmungsresultate des Ständerats. Noch heute bleibt deshalb meistens geheim, wer wie abgestimmt hat (es sei denn, man verfolgt die Debatten live). Jene Abstimmungen, die veröffentlicht werden, zeigen, dass Germann beispielsweise der Initiative «Schweizer Recht statt fremde Richter» (Selbstbestimmungsinitiative) zugestimmt und sich bei der No-Billag-Initiative der Stimme enthalten hat.

Transparenz verweigert Germann auch, wenn es um seine Einkünfte aus seinen diversen Mandaten geht. Germann ist unter anderem Verwaltungsratspräsident der Ersparniskasse, Verwaltungsratsvizepräsident des Schaffhauser Elektrizitätswerks (EKS), Präsident des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten, Präsident des Schweizer Gemeindeverbandes und Stiftungsratspräsident des Neuhauser Wohnheims Diheiplus. Die AZ schätzte einst, dass Germann zusätzlich zu seinem Lohn als Ständerat aus all seinen Mandaten 90 000 Franken pro Jahr verdient (siehe Ausgabe vom 14.6.2018).

Wie stark sich Germann ob all dieser Mandate noch um die einzelnen Firmen und Verbände kümmern kann, bleibt offen. Tatsache ist, dass sowohl die Ersparniskasse (ein früherer Direktor fälschte Dokumente und hinterliess einen Schaden von 3,7 Millionen Franken), das Diheiplus (die Stiftung schrieb 2015 einen Verlust von 600 000 Franken) wie auch das EKS in den letzten Jahren für negative Schlagzeilen sorgten. An Hannes Germann prallte das freilich ab.

Dass Germann in Bern allerdings tief im Filz der Lobbyisten steckt, zeigte sich kürzlich daran, dass er von der WOZ auf den 2. Platz der Swiss Lobby Awards in der Kategorie Banken gehievt wurde: Er hat sich als Bankenvertreter trotz Finanzkrise immer wieder für laxere Regeln für die Geldinstitute eingesetzt und wollte das Bankgeheimnis so lange wie möglich bewahren.

Ein weiteres Indiz auf Germanns Verstrickungen: Jedes Parlamentsmitglied kann zwei sogenannte Batches vergeben, die es Drittpersonen erlauben, die «nichtöffentlichen Teile des Parlamentsgebäudes» zu betreten. Germann gestattet einer Lobbyistin der Hotz Communications AG, die unter anderem American British Tobacco zu ihren Klienten zählt, sowie einem Lobbyisten der Agentur Furrerhugi Zugang ins Bundeshaus. Furrerhugi steht beispielsweise im Dienst des Rohstoffkonzerns Glencore.

Thomas Hurter

2007 schnappte Thomas Hurter den Freisinnigen den Nationalratssitz weg, den zuvor Gerold Bührer innehatte. Nach zwei erfolgreichen Wiederwahlen kandidiert der 55-Jährige nun für seine vierte Amtszeit.

Wie sein Parteikollege Germann wurde auch Thomas Hurter 2015 als Bundesratskandidat gehandelt, aber auch er schaffte es nach den Hearings nicht auf den Wahlvorschlag der SVP, weil er ebenso bisweilen als «Abweichler» (NZZ) gilt. Daran hat sich in den letzten vier Jahren nicht viel geändert. Erst letzte Woche brüskierte Hurter seine Partei, als er sich als einer von nur zwei SVP-Mitgliedern im Nationalrat bei der Abstimmung über die Begrenzungsinitiative (auch Kündigungsinitiative genannt) der Stimme enthielt. Die Begrenzungsinitiative der SVP verlangt die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU.

Auch vor eineinhalb Jahren, bei der Abstimmung über die No-Billag-Initiative, die dem SRF den Stecker ziehen wollte, stellte sich Hurter gegen seine eigene Partei. Das sorgte sogar innerhalb der Schaffhauser SVP für kritische Stimmen. Mit diesem Kurs dürfte es Thomas Hurter auch in Zukunft kaum jemals auf ein SVP-Bundesratsticket schaffen. Wenn er politisch noch aufsteigen will, bleibt ihm einzig der Wechsel in den Ständerat, wenn Hannes Germann dereinst zurücktritt. Dafür wiederum stehen seine Chancen als moderater SVPler sehr gut.

Während Germann für die Banken lobbyiert, sind Hurters Steckenpferde die Armee und die Verkehrspolitik. Wenn es um den Flugverkehr geht, tritt der Swiss-Pilot Hurter gerne in den SRF-Sendungen Schawinski, Rundschau oder Kassensturz auf. Hurter spricht sich für den Kauf neuer Kampfjets und gegen neue Abgaben auf den Flug- und Autoverkehr aus. Subventionen für Elektrobusse lehnt er selbst dann ab, wenn sie seiner eigenen Heimatstadt zugute kommen würden. CO₂-Abgaben auf Treibstoffe könnten seiner Ansicht nach «zu mehr Tank- und Einkaufstourismus» führen. Damit fährt er ganz auf der Linie des Automobilclubs der Schweiz (ACS), den er präsidiert.

Mitunter muss Swiss-Pilot Thomas Hurter keinen Hehl daraus machen, welche Interessen er in Bern vertritt. Vor drei Wochen, als die FDP in einem politischen Vorstoss forderte, dass beim Kauf von Flugtickets künftig angegeben wird, wie viel CO₂ der gebuchte Flug verbraucht, sagte er: «Ich lege hier meine Interessen offen: Ich bin Präsident der Aerosuisse, das ist der Dachverband der Luft- und Raumfahrt (…).» Anschliessend erläuterte Hurter, warum diese «Transparenz» nichts bringe, lediglich «Symbolpolitik» sei und deshalb abgelehnt gehöre.

In Sachen Transparenz fährt Hurter die gleiche Schiene wie Hannes Germann. Wie viel Geld Thomas Hurter für seine Mandate als Präsident von Aerosuisse und ACS kassiert, macht er nicht publik. Auch seine Einkünfte aus den anderen Mandaten deklariert er nicht. Hurter ist unter anderem noch Verwaltungsrat des Versicherungsbrokers Argenius Risk Experts und Vizepräsident von Glasfasernetz Schweiz.

Lobbyisten den Zugang ins Bundeshaus zu verschaffen, scheint er aber nicht nötig zu haben. Thomas Hurter hat nur einen seiner beiden Zugangspässe vergeben: an seine Frau, Regierungsrätin Cornelia Stamm Hurter.

Thomas Minder

Vor acht Jahren hat Thomas Minder im Fahrwasser seiner Abzocker-Initiative den Sprung in den Ständerat geschafft und der Schaffhauser FDP den letzten Sitz in Bern genommen. Noch heute ist Minder der einzige parteilose Ständerat. Vor vier Jahren wehrte er die Angriffe von SP und FDP auf seinen Sitz schon einmal ab, jetzt kandidiert der 58-jährige Besitzer der Neuhauser Firma Trybol zum dritten Mal.

Obwohl Minder in der SVP-Fraktion politisiert, weicht er noch häufiger von der Parteilinie ab als Hurter oder Germann. Das zeigte 2015 eine Analyse von Minders Stimmverhalten. Als Minder schliesslich die zweite Gotthardröhre bekämpfte und als «Weltpremiere des Blödsinns» bezeichnete, forderte ein Aargauer SVP-Nationalrat gar, Minder solle aus der SVP-Fraktion austreten.
Das ist vier Jahre her. Seither scheint sich allerdings nicht viel geändert zu haben. Ein Grund dafür ist, dass der Neuhauser Ornithologe einen klar grüneren Kurs als die SVP fährt, beispielsweise stimmte Minder der Energiestrategie 2050 zu. Laut Ecorating, einem Umweltranking von diversen Umweltverbänden wie WWF, Greenpeace und Pro Natura, stimmt Minder zu 60 Prozent umweltfreundlich. Das ist häufiger als die meisten Ständeräte von FDP und CVP, die SVPler rangieren abgeschlagen am Ende der Skala. Zum Vergleich: Minders Fraktionskollege Hannes Germann kommt auf zehn Prozent, Nationalrat Thomas Hurter stimmte lediglich bei fünf Prozent der Abstimmungen zugunsten der Umwelt. Nur Martina Munz schwingt mit einem Wert von 98 Prozent weit obenauf.

Anders als die beiden SVPler stimmte Minder auch, als es darum ging, Finanzhilfen des Bundes für die familienergänzende Kinderbetreuung zu verlängern, damit Institutionen wie Kinderkrippen weiterhin subventioniert werden. Während Germann und Hurter dagegen stimmten, votierte Minder dafür.

In der Migrationspolitik überholt Minder die SVP aber bisweilen sogar rechtsaussen. Er unterstützt die Initiative für ein Burkaverbot und wettert wie die Hardliner gegen «die Masslosigkeit der Zuwanderung». 2014 nahm er als einziger der 46 Ständerätinnen und Ständeräte die Ecopop-Initiative an, die eine massive Beschränkung der Zuwanderung verlangte. Selbst der SVP war diese Initiative zu radikal.

Und Minder setzt auf Prinzipien: Den Steuer-AHV-Deal lehnte er ab, weil zwei sachfremde Geschäfte miteinander zu einem Päckli verschnürt und damit die sogenannte «Einheit der Materie» verletzt worden sei.

Seinen wichtigsten Kampf ficht Minder aber nach wie vor gegen Lohnexzesse, beispielsweise von Chefbeamten, und die Berner Filzpolitik. Er forderte, dass Topkader von bundesnahen Betrieben wie der Post keine Abgangsentschädigungen mehr erhalten und dass «Lobbyisten keine dauerhaften Zutrittskarten mehr auszustellen sind». Minder selber gewährt lediglich seinem persönlichen Mitarbeiter Claudio Kuster Zugang ins Bundeshaus.

Auch in Sachen Transparenz zeigen sich Unterschiede zu seinem Ratskollegen Hannes Germann: Minder stimmte für die Veröffentlichung aller Ständeratsabstimmungen und legt seine Einkünfte aus seinen Mandaten gegenüber dem Verein Lobbywatch offen. Allerdings hat Minder auch nicht viel zu verbergen. Seine einzigen Verwaltungsratsmandate hat er bei seinen eigenen Firmen Dianam SA und Trybol. Dafür zahle er sich nicht einen einzigen Franken aus. Minders Kritiker wiederum sagen, der parteilose Ständerat sei in Bern isoliert. Gerade in Wirtschaftskreisen macht sich Minder mit seinem Kampf gegen die Lobbyisten keine Freunde. Das zeigt sich auch daran, dass Minder – obwohl er selber Unternehmer ist – bei diesen Wahlen keine Unterstützung des kantonalen Gewerbeverbandes erhält. Dieser empfiehlt die beiden früheren Lehrer Hannes Germann und Christian Amsler zur Wahl in den Ständerat. Hingegen hat der Neuhauser Gewerbeverband mitgeteilt, «im Rahmen seiner finanziellen Kompetenzen» Thomas Minder zu unterstützen. Man scheint sich da offenbar nicht ganz einig zu sein.

Martina Munz

Man könnte sie als klassische Hinterbänklerin bezeichnen: SP-Nationalrätin Martina Munz rangiert beim Parlamentarier-Rating der SonntagsZeitung, das den Einfluss einer Politikerin oder eines Politikers misst, unter ferner liefen: Platz 150 (von 173). Sogar der angeblich isolierte Thomas Minder ist weiter vorne (Platz 116). Thomas Hurter landet auf Platz 83, Hannes Germann erreicht den beachtlichen achten Rang.

Fakt ist: In wichtigen Fragen wie dem Steuer-AHV-Deal ziehen in Bern andere die Fäden, darunter die Ständeräte Ruedi Noser (FDP), Konrad Graber (CVP) und Christian Levrat (SP). Die NZZ am Sonntag bezeichnete die mächtige Gruppe um die drei Ständeräte auch schon als «Schattenregierung». SP-Präsident Levrat landete im besagten Parlamentarier-Rating denn auch auf Platz 1.

Nach dem Rücktritt von Hans-Jürg Fehr rutschte Martina Munz 2013 in den Nationalrat nach. Vor vier Jahren wurde Munz zwar im Amt bestätigt, die Schaffhauser SP verlor jedoch sechs Prozent Wähleranteil und erreichte mit 28,8 Prozent das schlechteste Wahlresultat seit mehr als 30 Jahren. Jetzt will die 63-jährige Hallauerin ihren Sitz zum zweiten Mal verteidigen.

Dass aus Martina Munz nach einer allfälligen Wiederwahl noch eine der einflussreichsten Politikerinnen wird, darf allerdings bezweifelt werden. Wobei man Munz mangelnden Fleiss nicht absprechen kann. Von den vier Bisherigen ist Munz gemessen an der Anzahl eingereichter politischer Vorstösse die aktivste. Sie hat bereits 171 Interpellationen, Anfragen oder Motionen lanciert. Zum Vergleich: Thomas Hurter kommt auf 113, Minder auf 45. Hannes Germann, obwohl schon fast dreimal so lange in Bern als Martina Munz, hat 39 politische Vorstösse verfasst.

Die Themen, die Martina Munz in Bern beackert, scheinen aber von geringerer Bedeutung zu sein: Bildung, Umweltschutz, Atommüllendlager. Die studierte Agronomin verfolgt den Prozess für ein Atommüllendlager stets mit kritischen Augen. Sie fordert, dass die Kosten für Schulverlegungen vergünstigt werden. Und sie will einen strengeren Tierschutz: Die Zwingerhaltung von Hunden soll bewilligungspflichtig werden.

Die frappanten Unterschiede zu den anderen drei Bundesparlamentariern zeigen sich auch beim Abstimmungsverhalten: Munz stimmte als Einzige des Schaffhauser Quartetts in Bern für das Gleichstellungsgesetz, das Lohnkontrollen bei Firmen verlangt, die unterschiedliche Löhne für Männer und Frauen zahlen. Weiter votierte die Sozialdemokratin für die Atomausstiegsinitiative, sie nahm den 14-tägigen Vaterschaftsurlaub an und lehnte die Selbstbestimmungsinitiative der SVP ab.

Wie Thomas Minder gibt sie ihre Nebeneinkünfte bekannt. Laut ihren Angaben gegenüber Lobbywatch erhält Martina Munz jährlich 12 000 Franken als Präsidentin der Schweizer Allianz Gentechfrei und 2000 Franken für das Präsidium der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Bildungsforschung. Hinzu kommen 200 Franken pro Halbtag als Mitglied der Regionalkonferenz Zürich Nordost.

Ihre Zugangspässe fürs Parlament vergibt Munz an jeweils einen Lobbyisten des Schweizer Tierschutzes und der Swisspower AG, einer Allianz aus 21 Stadtwerken, der unter anderem der städtische Netzbetreiber SH Power angehört. 

Dieser Artikel erschien im Oktober 2019 in der «Schaffhauser AZ».

Nationalratswahl 2019 – die Ausgangslage

CVP und GLP wollen bei den Nationalratswahlen nicht mit der SVP eine Allianz bilden. Warum das der SP nützt.

Die magische Zahl lautet: 33,4. So hoch muss der Wähleranteil einer Partei sein, um im Kanton Schaffhausen einen der beiden Nationalratssitze zu erobern.

Zurzeit politisieren Martina Munz (SP) und Thomas Hurter (SVP) in der grossen Kammer. Beide steigen auch diesmal als Favoritin und Favorit ins Rennen.

Allerdings ist insbesondere Martina Munz auf die Unterstützung von anderen Parteien angewiesen. Das zeigt der Blick auf die Wahlergebnisse von 2015. Im Gegensatz zur SVP, die vor vier Jahren mit 45 Prozent der Stimmen das nötige Quorum locker erreichte, benötigte die SP (29 Prozent) die Stimmen von der AL (4,4 Prozent) und den Grünen (3,4 Prozent). Die drei Parteien waren eine Listenverbindung eingegangen, weshalb die Stimmen der SP zugute kamen. Das Bündnis SP-AL-Grüne kam damit auf 37 Prozent. Das reichte für Martina Munz.

Auch in diesem Jahr werden die Grünen «zu 99,9 Prozent» wieder antreten und mit der SP eine Listenverbindung eingehen, sagt ihr Co-Präsident Roland Müller. Gleiches bei der AL: Laut Co-Präsidentin Anna Naeff werde die AL ebenfalls wieder Teil der linksgrünen Allianz sein.

Das sind gute Nachrichten für die Sozialdemokraten. Die schlechte jedoch folgt sogleich.

CVP und GLP mischen mit

In diesem Jahr gibt es zusätzliche Konkurrenz. Während bei den letzten Nationalratswahlen keine einzige der Mitteparteien GLP, EVP und CVP angetreten war, ist das diesmal anders. Die CVP hat gestern Mittwochabend Gregor Schweri, Marcel Stettler, Franz Marty und Thomas Theiler präsentiert. Auch die GLP werde zu den Nationalratswahlen antreten, sagt Co-Präsident Christoph Hak gegenüber der AZ.

Damit dürfte der Wähleranteil diverser anderer Parteien schrumpfen, auch jener der SP. Das zeigt der Vergleich zwischen den Nationalratswahlen 2015 und den Kantonsratswahlen 2016.

Dabei ist auch klar: Realistische Chancen, einen Sitz im Nationalrat zu ergattern, haben die Grünliberalen und die Christdemokraten nicht. Sie stehen bei 5,7 Prozent (GLP) und 3,7 Prozent (CVP). Aber je nachdem, welche Strategien die beiden Parteien wählen, können sie die Wahlen zugunsten der einen oder anderen Partei entscheidend beeinflussen.

Worst-Case-Szenario für die SP wäre ein breites Mitte-Rechts-Bündnis, das von der GLP bis zur EDU reicht und sowohl die FDP wie auch die SVP beinhaltet. Wie die Resultate der Kantonsratswahlen 2016 zeigen, kommt eine solche Allianz auf 66 Prozent der Stimmen. Legt dieses Mitte-Rechts-Bündnis bei den Wahlen nur ein Prozent zu, ist Martina Munz abgewählt. Ihr Sitz würde wohl an die SVP gehen, weil die «Volkspartei» allein doppelt so viele Stimmen macht wie die zweitgrösste Partei im bürgerlichen Lager, die FDP.

Doch dazu wird es kaum kommen. Sowohl CVP-Präsidentin Nathalie Zumstein wie auch GLP-Co-Präsident Christoph Hak sagen auf Nachfrage der AZ, dass sie eine Listenverbindung mit der SVP ausschliessen.

Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die SVP beide Sitze macht, markant. Das ist die zweite gute Nachricht für die SP.

Bündnis mit der FDP?

Bleibt die Frage, mit wem CVP und GLP zusammenspannen. Beide können sich eine Listenverbindung mit der FDP vorstellen.

Entsprechende Gespräche hätten bereits stattgefunden, heisst es aus beiden Parteien. GLP-Mann Christoph Hak stellt allerdings Bedingungen: Die Kandidaturen der FDP, Marcel Fringer und Claudia Ellenberger-Richli, müssten sich zumindest in einem gewissen Mass zu einer grünen Umweltpolitik bekennen.

Ein Bündnis aus FDP, GLP und CVP inklusive der Stimmen der EVP-Wählerschaft hat im Duell mit Linksgrün allerdings schlechtere Karten. Die vier Parteien kommen gemäss den Kantonsratswahlen 2016 auf 27 Prozent, die linksgrüne Allianz aus SP, AL und Grünen steht bei 34 Prozent. Sollte sich die GLP gar mit der SP, verbünden, was Hak derzeit nicht ausschliesst, scheint die Wahl so gut wie entschieden.

Dieser Analyse erschien am 28. Februar in der «Schaffhauser AZ».

Kein Geschenk für die Heimatstadt

Die Stadt könnte von Subventionen des Bundes für E-Busse profitieren. Ausgerechnet Nationalrat Thomas Hurter ist dagegen – der einzige Stadtschaffhauser Politiker in Bern.

Vision 2027: Elektrobusse werden am Bahnhof an Ladestationen mit Strom versorgt. Bild: zVg
Vision 2027: Elektrobusse werden am Bahnhof an Ladestationen mit Strom versorgt. Bild: zVg

Ein Lobbyist für die Stadt, das ist er nicht. Thomas Hurter (SVP) – der einzige Bundesparlamentarier, der in der Stadt Schaffhausen wohnt – ist dagegen, dass Bundesbern eine neue Kasse aufmacht, um den Städten bei der Anschaffung von Elektrobussen finanziell unter die Arme zu greifen.

Die Verkehrskommission des Nationalrats, der Hurter angehört, hat kürzlich einen politischen Vorstoss verabschiedet, der den Bundesrat auffordert, zu prüfen, wie die Umstellung von Diesel- auf Elektrobusse finanziell gefördert werden kann. Weil die Technik relativ neu sei und erst kleine Stückzahlen hergestellt würden, seien die Anschaffungskosten eines Elektrobusses noch sehr viel teurer als die eines Dieselbusses. «Damit der Strassen-ÖV auch in der Schweiz künftig eine Vorbildfunktion einnimmt, soll der Bund befristet – im Sinne einer Anschubfinanzierung – einen Teil dieser Mehrkosten übernehmen, um die Durchsetzung von klimaneutralen Bussen in der Fläche zu beschleunigen», schreibt die Verkehrskommission in ihrem Vorstoss.

Nur eine Minderheit der Kommission, darunter Thomas Hurter, Präsident des Automobil Clubs der Schweiz (ACS), war dagegen.

Der umweltfreundliche Stadtrat

Subventionen für Städte, die auf Elektrobusse umsteigen: Da müssen bei Hurters Parteikollege Daniel Preisig, Finanz- und Busreferent der Munotstadt, zwangsläufig Dollarzeichen in den Augen aufleuchten. Die Stadt und die Schaffhauser Verkehrsbetriebe (VBSH) planen momentan die grosse E-Bus-Revolution. Derzeit besitzen die VBSH 41 Busse, wovon 7 Trolleybusse mit Strom angetrieben werden. Der Rest sind Autobusse mit Dieselantrieb. Ab 2027 soll die gesamte Busflotte nur noch aus Elektrobussen mit Schnellladesystemen bestehen.

Das wird teuer: Mit Investitionskosten von über 20 Millionen Franken rechnet die Stadt allein für die Anschaffung der ersten 15 Elektrobusse. Zum Vergleich: Dieselbusse wären für knapp 15 Millionen Franken zu haben.

Angesichts dieser Kosten ist klar: Ein zusätzlicher Batzen aus Bern würde mit offenen Armen in Empfang genommen.

Busreferent Daniel Preisig sagt denn auch: «Die VBSH und die Stadt stehen in engem Kontakt mit den Verbänden (Verband öffentlicher Verkehr VöV und Städteverband), welche bei der Bundespolitik die Forderung für eine stärkere Unterstützung von Elektrobussen auch in unserem Namen platziert haben.» Und: «Ich persönlich glaube an die Zukunft der Elektromobilität, besonders im öffentlichen Verkehr. Ein intelligent ausgestaltetes, zeitlich befristetes Förderprogramm oder die schrittweise Aufhebung der heute bestehenden, indirekten Subvention für Dieselbusse (Mineralölsteuer-Rückerstattung für den strassengebundenen ÖV) kann diese sinnvolle Entwicklung beschleunigen.» Preisig betont aber auch, dass das Schaffhauser E-Bus-Projekt wirtschaftlich sei: «Mit den tieferen Betriebskosten der E-Busse werden die Anfangsinvestitionen über die ganze Lebensdauer wieder eingespielt.»

Hurter bleibt hart

Nationalrat Thomas Hurter ist sich bewusst, dass seine Heimatstadt auf Elektrobusse umsteigen will und sich sein Parteikollege Daniel Preisig dafür einsetzt. Dennoch lehnt er einen neuen Fördertopf ab: «Bereits heute gibt es das Gefäss Agglomerationsprogramme, mit dem Hunderte von Millionen Franken in die Kantone und Städte fliessen. Daher soll ein allfälliger Antrag dort gestellt werden. Es braucht keine neuen Fördertöpfe!», sagt der Nationalrat.

Subventionen für die Anschaffung von Elektrobussen würden andere Busse benachteiligen, beispielsweise Trolleybusse, die noch ökologischer seien, wie dies auch in der Kommission ausgeführt worden sei. «Die Frage stellt sich dann auch, warum nur der ÖV von solchen Subventionen profitieren sollte.» Und: «Wenn Bundesbern erst einmal eine neue Kasse aufmacht, dann bleibt sie ewig, und der Steuerzahler muss sie berappen», sagt Hurter.

Thomas Hurter: «Wenn Bundesbern erst einmal eine neue Kasse aufmacht, dann bleibt sie ewig.»
Thomas Hurter: «Wenn Bundesbern erst einmal eine neue Kasse aufmacht, dann bleibt sie ewig.»

Auch die Stadt hat für das E-Bus-Projekt bereits 4,5 Millionen Franken an Bundesgeldern aus dem Agglomerationsprogramm zugesichert erhalten, wodurch die Kosten für die Stadt sinken. Das Agglomerationsprogramm berücksichtigt allerdings nur Investitionen in die Infrastruktur. Dazu gehören laut Preisig die Ladearme, die Leistungselektronik und die Depoterweiterung.

Die Anschaffung der Busse wird hingegen nicht unterstützt. Zumindest noch nicht.

Dieser Artikel erschien am 31. Januar in der «Schaffhauser AZ».

«Solidarität» oder «Schuss vor den Bug»

Die «No Billag»-Initiative sorgt in der Schaffhauser SVP für Unruhe. Namhafte Aushängeschilder der Partei kämpfen für ein Nein. Ein Besuch beim Parteitag.

«Hmm, do stimmt öpis nid.» Thomas Hurter ist kurz genervt und wirft dem Parteisekretär einen bösen Blick zu. Mariano Fioretti zuckt leicht zusammen. Mit einer Folie von Hurters Powerpointpräsentation ist etwas schiefgelaufen. Was der Nationalrat zeigen will, ist nicht erkennbar. Zufall, womöglich.

Thomas Hurter lässt sich nicht beirren, fährt fort und wird zum Schluss fast ein wenig pathetisch. Der Nationalrat lässt auf der Grossleinwand das weisse Kreuz auf rotem Grund einblenden. Dazu vier Stichworte: 1. Schweizer Kompromiss, 2. Solidarität hat unser Land erfolgreich gemacht, 3. Zusammenhalt der Schweiz, 4. Unabhängig von ausländischen Mediengiganten.

«Und da seit en SVPler», zischt einer der Zuhörer. Er kann es nicht fassen.

Die Stimmung ist gereizt. Wegen Thomas Hurter. Einige schütteln den Kopf, verwerfen die Hände, verstehen es nicht. Da weibelt der eigene Nationalrat für ein Nein zur «No Billag»-Initiative, vor seinen treusten Anhängern. Vor jenen, die ihn gewählt haben. Dank ihnen sitzt er überhaupt in Bern, der Thomas Hurter. Und jetzt das? Da gits doch nid!

Es ist Montagabend, knapp nach 20 Uhr. Draussen regnet es. Schon den ganzen Tag. Dicke Wolken ziehen über die Munotstadt. Huere Schiisswätter, um genau zu sein. Ein Tag, um zuhause zu sitzen und TV zu schauen. Auf SRF1 läuft die Quizsendung «Wir mal vier» mit Sven Epiney, auf dem Zweiten die amerikanische TV-Serie «Chicago Fire».

Man könnte auch ein Buch lesen.

Rund 60 Schaffhauser SVP-Mitglieder, vor allem Herren, haben sich dann doch entschieden, das Haus zu verlassen. Es ist schliesslich Parteitag der wählerstärksten Schaffhauser Partei und der «stärksten SVP-Sektion der Schweiz», wie Parteichef Pentti Aellig immer wieder gerne betont.

Der grosse Saal des alten Schützenhauses auf der Schaffhauser Breite ist fast voll. Einige sind aus den hintersten Ecken des Kantons gekommen. Aus Beggingen, Buchberg, Stein am Rhein. Auf der Traktandenliste steht: Parolenfassung zur «No Billag»-Initiative.

«Das Sprachrohr der EU»

Noch bevor Nationalrat Thomas Hurter eintrifft, geht’s richtig zur Sache. Parteichef Aellig eröffnet die Debatte. Mit scharfen Worten schiesst er gegen die «Elite an den goldenen Futtertrögen», den «Medienkoloss SRG» und die «subventionierten, gefügig gemachten Privatmedien»: Diese Dreierallianz befinde sich auf «orchestrierter Bedrohungstournee». Sie drohe damit, es gäbe keine Tagesschau, kein Lauberhornrennen mehr. «Das ist völliger Unsinn, das wissen wir alle hier drin! Bundesrat und Parlament würden auch bei einem Ja die SRG niemals beenden. Sie sind sehr flexibel mit dem Auslegen des Volkswillens. Man muss keine Angst haben. Darum jetzt: Schuss vor den Bug!»

Es ist Aelligs Mantra. «Schuss vor den Bug», sagt er immer wieder. In den «Schaffhauser Nachrichten», auf Twitter, an diesem Abend.

Wenig später hat Gastredner Nicolas Edelmann seinen Auftritt. Der parteilose Befürworter der «No Billag»-Initiative zählt auf: «Die SRG hat 108 Facebook-, 54 Twitter-, 32 Instagram- und 42 Youtube-Accounts.» Und er sagt Sätze wie: «Politiker und Lobbyisten möchten immer mehr Geld und immer mehr Macht, das ultimative Monopol.» – «Ein Millionär zahlt gleich viel Billag wie ein Büezer.» – «Die SRG hat über 200 Mitarbeiter für die Bundesratswahlen eingesetzt.» Ausserdem müsse etwas gegen diese «Abzocker-Löhne» getan werden: «Der Medianlohn bei der SRG beträgt 107’000 Franken, der CEO verdient 500’000 Franken.» Und vor allem: «Die SRG ist das Sprachrohr der EU.»

Edelmann sagt, dass es gegen all diese Missstände ein Heilmittel gebe: Die «No Billag»-Initiative.
Zum Schluss stellt er die rhetorische Frage: «Soll das Fernsehen wieder das Fernsehen des Volks werden? Dann stimmt Ja!»

«Jetzt haben sie Angst»

Die Diskussion ist eröffnet. Einer der Anwesenden sagt: «Die SRG-Mitarbeiter bezahlen keine Billag. Ich arbeite beim EKS, ich muss auch für den Strom bezahlen.» Ein anderer: «Das Monster ist überbordet. Jetzt haben sie massiv Angst. Aber es bizli spoht!» Oder: «Man muss nicht den Teufel an die Wand malen: Kein Fernsehen mehr für Taube und kein Radio mehr für Blinde, das wird nicht geschehen.» Und: «Die SRG ist ein Moloch geworden. Ich verstehe nicht, was ‹Der Bestatter› für den Zusammenhalt unseres Landes beisteuert.» Ausserdem: «Das ist eine Sauerei. Dem müssen wir jetzt Einhalt gebieten. Wa do alls gsendet wird, so linksgstüürets. Stimmed jo, damit öpis passiert!» Tosender Applaus im Saal.

Die Gegner haben einen schweren Stand. Regierungsrat Ernst Landolt versucht es: Man solle auch an die älteren Leute denken, die viel Radio hören und viel Fernsehen schauen. «Die wännd guets Schwiizer Fernseh und Radio, nid das Net­flix-Züügs, wo dänn no vom Usland chunt.»

Kantonsrätin Virginia Stoll unterstützt ihn: Wer soll das Fernsehen finanzieren, wenn die Initiative angenommen wird? «Da werded irgendwelchi riichi Sieche si. Wännd mir Schwiizer üs denn manipuliere loh vo usländische Medie?»
Kantonsrat Markus Müller verweist darauf, dass auch Radio Munot betroffen ist. Doch das kommt nicht überall gut an: «Dä söll säge, dasser de Präsident vom Radio Munot Club isch!»

Immer wieder der Hurter

Und dann wieder der Thomas Hurter. Immer wieder räumt er ein: Ja, er sei auch unzufrieden mit der SRG. Ja, er hätte auch gerne ein anderes Fernsehen. Aber «Der Bestatter» sei eben kostendeckend. «Jede luegt dä Seich.» Und ja, er hätte gerne einen Gegenvorschlag und eine Billag von 200 Franken. Er sagt aber auch: «Das ganze Paket hält unser Land zusammen.» Die Randregionen, die Minderheiten, die Rätoromanen, die Gehörlosen. Solidarität eben.
Doch die Basis will davon nichts hören. «Ich has Gfühl, es SRF isch nur für Randgruppe gmacht», sagt einer. Schallendes Gelächter im Saal.

Kurz vor der Abstimmung zur Parolenfassung ergreift Pentti Aellig nochmals das Wort: Die Initiative sei vielleicht etwas hart, sagt er. «Aber ich bin extrem pessimistisch. Ich glaube, dass nichts geschieht, wenn nicht dieser Schuss vor den Bug kommt.»

Dann wird abgestimmt. Das Resultat ist eindeutig. 40 sind dafür, nur 13 dagegen, ein paar enthalten sich. Die Schaffhauser SVP fällt die Ja-Parole zur «No Billag»-Initiative. Draussen regnet es immer noch.

Dieser Artikel erschien am 25. Januar in der «schaffhauser az».