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FCS: Aufstieg in drei Jahren

Mit der anfänglichen Zurückhaltung ist es vorbei: Jetzt sagt Roland Klein, er wolle mit dem FC Schaffhausen wieder in die Super League.

«Traumschlösser werden sicher nicht gebaut, das kann ich garantieren.» Das sagte Roland Klein vor einem Jahr, als er neuer Präsident des FC Schaffhausen wurde. Nun ging am vergangenen Wochenende die erste Saison der Ära Klein zu Ende. Die Baustellen bleiben gross: Hauptsponsor weg, Sicherheitschef weg, rote Zahlen, zweitletzter Platz. Und trotzdem träumt der Club bereits wieder von der Super League.

Roland Klein, ich nehme an, Sie haben sich die erste Saison beim FCS anders vorgestellt. Wie lautet Ihr Fazit? Abhaken und nach vorne schauen?

Roland Klein Nach vorne schauen sicher. Abhaken noch nicht ganz. Man muss immer darauf achten, aus dem Vergangenen Schlüsse zu ziehen und es in Zukunft besser zu machen. Finanziell gesehen haben wir die Kurve hinbekommen, der Club stand kurz vor dem Bankrott, heute steht er auf gesunden Beinen, alle Rechnungen sind bezahlt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Es gab viele negative Schlagzeilen: Streitereien um die Stadionmiete, Mobbingvorwürfe, offene Schulden bei der Stadion AG. Und als man dachte, es kann nicht mehr schlimmer kommen, kam noch die Coronakrise. Gab es nie eine Phase, in der Sie darüber nachgedacht haben, alles wieder hinzuschmeissen?

Nein. Ich habe gewusst, dass es nicht einfach wird. Aber ich habe schon genug Erfahrungen im Fussballgeschäft gesammelt, um das alles richtig einschätzen zu können.

Sportlich lautete Ihr Ziel, den Ligaerhalt zu schaffen. Das war geschenkt, nachdem entschieden wurde, dass es wegen der Coronakrise keinen Absteiger geben wird. Ansonsten sieht die Bilanz relativ bescheiden aus: Nur sechs Siege in 36 Spielen, weniger als ein Tor pro Spiel erzielt. Lag einfach nicht mehr drin?

Die nackten Zahlen sind sehr negativ. Es war aber klar, dass die erste Saisonhälfte sehr schwierig werden würde. Die Vorbereitungszeit nach der Übernahme des Clubs war sehr kurz. Dann, Anfang der zweiten Saisonhälfte, hatten wir einen guten Lauf. Man sah einen Aufwärtstrend. Bis die Zwangspause kam. Nachher hatten vor allem die jungen Spieler grosse Mühe, wieder den Tritt zu finden. Sie sind vielleicht etwas leichtfertiger mit der Situation umgegangen und dachten sich: Wir sind dann schon parat, wenn es wieder losgeht. So war es aber nicht. Die Fitness hat gefehlt.

Diese Saison hat auch gezeigt, dass Murat Yakin allein keine Wunder bewirken kann. Dennoch haben Sie die Verträge mit den Yakins verlängert. Was für eine Rolle spielt Murat Yakin beim FCS? Er bezeichnet sich ja selber als «Trainer plus».

Normalerweise kommen und gehen Trainer innert kurzer Zeit. Das garantiert keine Konstanz. Wenn man den sportlichen Erfolg planen will, muss man Konstanz reinbringen. Und für einen Club wie Schaffhausen ist es schon speziell, Personen wie Murat und Hakan Yakin hier zu haben. Ich glaube, die sportliche Führung, die wir hier haben, ist etwas vom Besten, das es gibt, auch im Vergleich mit den Super-League-Clubs.

Ob sich der FCS gute Spieler leisten kann, hängt bekanntlich mit den finanziellen Mitteln zusammen, die dem Club zur Verfügung stehen. Nun ist der bisherige Hauptsponsor Bollinger aber ausgestiegen. Was stimmt Sie optimistisch, ausgerechnet in Krisenzeiten neue Unternehmen zu finden, die beim FCS Geld für Werbung ausgeben werden?

Zuerst einmal muss ich der Firma Bollinger danken, dass sie den Club viele Jahre lang finanziell unterstützt hat. Das ist aussergewöhnlich. Thomas Bollinger war auch in schwierigen Zeiten dabei. Er hat aber schon vor einem Jahr gesagt, dass das die letzte Saison sein werde, in der er als Trikotsponsor auftreten wird. Das hat also nichts mit der Coronakrise zu tun. Aber sicher wird es schwierig, in dieser Zeit neue Sponsoren zu finden. Wenn man wüsste, ab wann es wieder normal weitergeht… So ist es fast unmöglich zu planen.

«In den letzten Monaten bestanden die einzigen Einnahmen aus dem Verkauf einer Handvoll Würste.»
Roland Klein

Was bedeutet das für das Budget der kommenden Saison? Gibt es ein Worst-Case-Szenario?

Wir haben ein Budget von rund drei Millionen Franken. Das zeigt, wie viel pro Monat reinkommen muss. In den letzten Monaten bestanden die einzigen Einnahmen aus dem Verkauf einer Handvoll Würste. Es kann eine sehr harte Zeit werden. Aber generell können Vereine in der Challenge League kein Geld verdienen. In der Super League ist es möglich, wenn man vernünftig wirtschaftet. Die Einnahmen in der Super League, unter anderem aus Fernsehgeldern, sind sechsmal höher.

Das heisst, der FCS muss aufsteigen?

Wir wollen in den nächsten zwei, drei Jahren in die Super League.

Dafür muss aber investiert werden. Der «Blick» warf die Frage auf, ob Patrick Liotard-Vogt, der Enkel eines früheren Nestlé-Managers, beim FCS als Investor einsteigt, nachdem Sie ihn zu einem Heimspiel eingeladen hatten. Was ist da dran?

Wir haben lose Gespräche geführt und werden sehen, ob es irgendwann zu einer Zusammenarbeit oder einer Partnerschaft kommt.

Es gibt immer wieder Clubs wie Neuenburg Xamax oder der FC Wil, bei denen Investoren einstiegen, keinen Erfolg hatten, wieder abzogen und einen enormen Schuldenberg hinterliessen. Teilweise gingen die Vereine pleite und mussten in den Amateurligen neu anfangen. Das nährt die Skepsis.

Im Moment gibt es mit Ineos bei Lausanne und Champion Union HK Holdings Limited bei GC Investoren, die – so denke ich – einen seriösen Job machen. Natürlich verstehe ich, dass es Bedenken gibt. Der FC Wil wollte mehr, als er sein kann. Sie hatten höhere Ambitionen und hatten das Gefühl, mit den türkischen Investoren ist das möglich.

Ist der FC Schaffhausen nicht auf einem ähnlichen Niveau wie der FC Wil?

Es kommt immer darauf an, wie man das Ziel erreichen will. Alles auf eine Karte setzen, fünf Spieler einkaufen, die das Budget enorm belasten und hoffen, dass es klappt, das wollen wir nicht. Wir haben zwar jetzt neue Spieler geholt, die uns qualitativ weiterbringen werden, das glauben wir jedenfalls, aber die verdienen einen Lohn, der in einem vernünftigen Rahmen liegt und den wir tragen können.

GC und Lausanne gehören Investoren, die noch weitere Teams in anderen Ligen besitzen. GC wurde auch schon das «Farmteam» des englischen Premier-League-Clubs Wolverhampton Wanderers genannt. Kann das die Lösung sein?

Ich glaube, im Fussball werden solche Konstrukte künftig noch häufiger auftauchen. Vor allem in kleineren Ländern wie der Schweiz, Österreich oder Dänemark. Weil sie wirtschaftlich Sinn machen. Für einen Schweizer Club ist es unglaublich schwierig geworden, einen guten ausländischen Spieler zu holen. Früher war das möglich, der FCS konnte Spieler aus der zweiten deutschen Bundesliga holen. Jogi Löw, Uwe Dreher, Axel Thoma. Es war für sie attraktiv, in der Schweiz zu spielen. Inzwischen haben sich die Löhne enorm unterschiedlich entwickelt, die Schere ging extrem auseinander. In der Super League gibt es noch ein paar wenige Spieler, die sehr gute Löhne erhalten. Aber ansonsten ist die Super League zu einer Verkaufsliga geworden. Die Clubs bilden junge Spieler aus und verkaufen sie dann an ausländische Vereine. Ich meine: Wolverhampton bekommt mindestens 100 Millionen Pfund allein aus Fernsehgeldern. Das heisst, der Verein kann es sich leisten, junge Spieler zu kaufen und diese für ein, zwei Jahre in tieferen Ligen spielen zu lassen. Wenn es der Schweizer Fussball geschickt anstellt, kann er davon profitieren. Und solange es auf dem Spielfeld noch stimmt und die Partnerschaften langfristig ausgelegt sind, spielt es keine Rolle, wer hinter den Kulissen das Geld gibt.

«Eine zweite Profiliga ist aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht mehr realistisch.»
Roland Klein

Wenn der FCS Teil eines solchen Konstrukts wird, dann wären Sie als Club-Präsident aber nur noch der Schaffhauser Abteilungsleiter einer internationalen Fussballfirma.

(lacht) Wenn es einmal so weit kommen sollte, dann bin ich vielleicht nicht mehr hier. Nein, der FC Schaffhausen wird sicher nicht Teil der Wolverhampton Wanderers oder von Manchester United, das ist klar. Aber vielleicht finden wir jemanden, der beim FCS einsteigen wird.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten die Ausgaben des Clubs um zwei Millionen Franken gesenkt…

2,5 Millionen…

Schreibt der FCS jetzt eine schwarze Null?

Nein. Aber es ist alles bezahlt.

Und wer hat das Defizit übernommen?

Es gibt nicht viele, die dafür infrage kommen.

Das heisst, Sie persönlich haben das Loch gestopft?

Unter anderem. Um den FCS zu retten, waren während den letzten zwölf Monaten viele beteiligt. Manche auch nur im Hintergrund.

Wie viel mussten Sie persönlich einschiessen?

Das will ich nicht sagen.

Eine Grössenordnung?

Das soll privat bleiben.

Und obwohl der FCS keine schwarzen Zahlen schreibt, wird jetzt der Aufstieg anvisiert? Wie soll das funktionieren? Gegenüber vielen anderen Clubs in der Challenge League, gerade gegenüber GC, wird der FCS – was die finanziellen Mittel angeht – immer der Underdog bleiben.

Es gibt ja noch die Möglichkeit, als Zweitplatzierter über die Barrage aufzusteigen. Und es muss auch noch nicht nächste Saison klappen. Klar wäre es mir lieber gewesen, GC wäre aufgestiegen, dann hätten wir in der nächsten Saison eine ausgeglichenere Liga.

Zum Schluss: Während der Zwangspause wurde darüber diskutiert, die Super League auf zwölf Vereine aufzustocken und die Challenge League auf acht Teams zu reduzieren. Sie sprachen sich dafür aus, der Vorschlag wurde aber abgelehnt. Warum?

Ich habe den Eindruck, als würden wir Clubs auf ein Rotlicht zufahren, die Augen zumachen und hoffen, dass von links und rechts nichts kommt, wenn wir uns nur auf die Bundeskredite verlassen. In der 12er-Super-League und der 8er-Challenge-League hätte es ein Jahr lang keine Absteiger gegeben. Dies hätte es finanziell schwächeren Clubs ermöglicht, sich ein Jahr lang, mit stark verminderten Ausgaben, der schwierigen Coronazeit zu widersetzen. Klar wäre eine Challenge League ohne Aufsteiger nicht besonders spannend gewesen, aber die Vereine hätten massiv Kosten sparen können. Eine zweite Profiliga mit zehn Teams ist aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht mehr realistisch. Aber vielleicht werden nicht alle Vereine durch die Coronakrise kommen und es wird am Ende nur noch 14, 15 oder 16 Clubs geben, die einen Profibetrieb aufrechterhalten können. Dann bleibt womöglich gar keine andere Wahl, als aus Super League und Challenge League eine gemeinsame Liga zu bilden. Wer weiss.

Dieses Interview erschien am 6. August in der Schaffhauser AZ.

Club der verloren gegangenen Träume

Ein geleakter Businessplan von Aniello Fontana offenbart das ganze finanzielle Dilemma des FC Schaffhausen. Am Ende musste der frühere FCS-Mäzen eine Wohnung nach der anderen verkaufen, um seinen Club zu retten.

Es war ein einziger grosser Chnorz. Ein Jahr ist vergangen, seit Roland Klein den FC Schaffhausen für einen symbolischen Franken übernommen und das Erbe von Aniello Fontana angetreten hat. Es war ein Jahr der negativen Schlagzeilen, der gegenseitigen Beschuldigungen und der Erfolglosigkeit. «Schaffhausen-Zoff immer irrer», titelte der Blick, nachdem sich Anfang Mai schliesslich auch noch Agnes Fontana zu Wort gemeldet hatte. Die Witwe des langjährigen FCS-Mäzens Aniello Fontana drohte in den Schaffhauser Nachrichten damit, den Club aus dem Stadion zu werfen. Klein konterte: «Sie können uns gerne kündigen, im Hinblick auf die hohen Kosten für das Stadion würden Sie uns sogar einen Gefallen tun.»

Das Dilemma ist offensichtlich: Es ist keiner mehr da, der die Probleme des Clubs mit Geld löst. Der FCS hat jahrzehntelang nur als professioneller Fussballclub existiert, weil der Immobilienhändler Fontana unermüdlich Geld in den Verein gepumpt hat. Es begann Ende 1991 damit, als der FCS laut Vereinschronik «vor dem Ruin» stand und Fontana den Club vor dem Kollaps rettete, indem er Schulden von 1,1 Millionen Franken tilgte. Seither folgten weitere Millionen. Einige frühere Weggefährten, die anonym bleiben möchten, sagen gegenüber der AZ, Fontana habe inklusive Stadionbau 30 Millionen Franken in den Club investiert, andere nennen gar 45 Millionen.

Nur einmal schwarze Zahlen

Es heisst auch, der Club habe in den 27 Jahren unter Fontana in fast jedem Jahr ein Defizit verursacht. Einzig im Jahr 2003 habe der FCS schwarze Zahlen geschrieben. Das war, als der Verein bis in den Cuphalbfinal in Basel vorstiess und von den hohen Ticketeinnahmen profitierte, die dank der damals 27 000 Zuschauerinnen und Zuschauer zustande kamen.

Seit dem Tod von Aniello Fontana aber ist der grosse Streit ums Geld entbrannt. Bittere Ironie der Geschichte: Der ehemalige Patron des Clubs ist daran nicht ganz unschuldig.

Das Firmengeflecht

Fontana hat um den Bau des Stadions ein kompliziertes Firmengeflecht installiert. Da ist die Firma Methabau, die den Mantelteil des Stadions besitzt. Dann die Firma Fontana Invest II, deren einzige Verwaltungsrätin inzwischen die Witwe Agnes Fontana ist. Irgendwie ist die Basler WIR-Bank involviert, die beim Bau einst als Geldgeberin auftrat. Und dann gibt es die Stadion Schaffhausen AG, die eigentlich nichts besitzt und von der keiner genau weiss, wozu sie überhaupt nützlich ist, ausser vielleicht um Steuern und Sozialabgaben zu optimieren und ein paar Fans dazu zu bringen, völlig überteuerte Aktien zu kaufen und den Club damit zu subventionieren.

Jetzt allerdings zeigen sich die Schwächen dieses Konstrukts. Die verschiedenen Protagonisten haben sich verkracht und legen sich gegenseitig Steine in den Weg. Dabei sind sie aufeinander angewiesen. Ohne FCS keine Mieteinnahmen für die Fontanas und womöglich gar der Konkurs der Stadionbesitzerin Fontana Invest. Und ohne Stadion keine Spielstätte für den Club und damit unter Umständen keine Lizenz, was in letzter Konsequenz gar den Zwangsabstieg in die Niederungen des Amateurfussballs bedeuten könnte.

Es sei denn, der Club bekommt von der Stadt und der Liga tatsächlich die Erlaubnis, wieder an einen anderen Ort umziehen zu können. «Wir prüfen aktuell, ob wir wieder im Stadion Breite trainieren und spielen können, sollte es zu einer Kündigung kommen. Eine Machbarkeitsstudie ist in Abklärung, Stadtrat Raphaël Rohner habe ich darüber bereits informiert.» Das sagte Roland Klein Anfang Mai in den SN.

Wie ernst dieser Plan ist, bleibt offen. Der zuständige Stadtrat Raphaël Rohner sagt heute, einen Monat später, es sei noch kein offizielles Gesuch des FCS eingegangen, wieder auf der Breite spielen zu können. Auch das Neuhauser Stadion Langriet ist offenbar keine Option. Hier sei ebenfalls keine Anfrage gestellt worden, sagt Gemeindepräsident Stephan Rawyler. Auf die Frage, ob der Wegzug eine leere Drohung war, antwortet Roland Klein nicht.

Am 25. Februar 2017 war die FCS-Welt noch in Ordnung: Im Eröffnungsspiel des Lipo-Parks schlägt der FCS den FC Winterthur 2:1. Bild: J. Sauter.

Stadtrat Raphaël Rohner moniert derweil: «Wir verfügen zurzeit noch immer nicht über die für eine objektive Beurteilung der Situation und des effektiven Handlungsbedarfs notwendigen Informationen, vor allem in Bezug auf die Verträge und die finanzielle Lage der Eigner.» Die Stadt tappt im Dunkeln. Klar ist einzig: Ohne FCS im Herblingertal ist Aniello Fontanas Stadion vollkommen sinnlos.

Der Businessplan von 2012

Aber um wie viele tausend Franken geht es in diesem Streit? Wie viel zahlt der Club für die Nutzung des Stadions? Ist es wirklich zu teuer, oder ist das nur eine Ausrede?

Roland Klein und Methabau schweigen. Laut Agnes Fontana und den SN zahlt der Club derzeit 350 000 Franken Miete pro Jahr, wovon 200 000 für den Stadionteil und 150 000 für den Mantelteil (Garderoben, VIP-Bereich, Büros und Sitzungszimmer) anfallen.

Klar ist: Auf der Breite waren die Kosten deutlich tiefer. In der Challenge League verlangte die Stadt als Vermieterin 20 000 Franken pro Jahr, in der Super League 40 000. Das gibt die Stadt gegenüber der AZ bekannt.

Zum Vergleich: Der FC Wil bezahlt laut der Stadionbesitzerin, der Stadt Wil, jährlich eine Miete von 27 500 Franken sowie einen Infrastrukturbeitrag von knapp 50 000 Franken.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Klein aus finanziellen Gründen Fontanas Stadion verlassen will. Allerdings: Aniello Fontana musste doch irgendeinen Plan haben, wie das Stadion finanziert werden sollte. Wie sah dieser Plan aus?

Ein Businesskonzept des FCS aus dem Jahr 2012, das der AZ vorliegt, zeigt detailliert, wie Fontana einst gerechnet hat (siehe Kasten). Zwar sind einige Zahlen inzwischen überholt, so kostete das Stadion nicht 22 Millionen Franken, wie im damaligen Businessplan festgehalten, sondern nur 16 Millionen. Zumindest war das die im Abstimmungsmagazin 2015 kolportierte Zahl. Dennoch lassen sich aus dem Businessplan Rückschlüsse ziehen, vor allem auf die jährlichen Kosten des Stadions.

Laut aktualisiertem Businessplan fallen für Hypotheken (3 Prozent), voraussichtlich bei der Kreditgeberin WIR-Bank, pro Jahr 262 000 Franken an. Für die Rückzahlung eines Darlehens, wahrscheinlich von der Firma Methabau, kommen 145 000 Franken dazu. Die Betriebs- und Unterhaltskosten sowie Zahlungen in einen Erneuerungsfonds machen zusammen 224 000 Franken aus. Allein für das Stadion fallen demnach Kosten von 631 000 Franken pro Jahr an. Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb die Stadionbesitzerin Agnes Fontana der Firma Methabau laut deren Aussagen in den SN noch 3,2 Millionen Franken schuldet. Gegenüber der WIR-Bank dürften die Schulden wohl noch deutlich höher sein. Die Bank äussert sich auf Nachfrage der AZ nicht. Die Zahlen indes erhärten den Verdacht, dass sich die Fontana Invest eine weitere Mietreduktion womöglich gar nicht leisten kann.

Insgesamt zeige der Businessplan, dass das finanzielle Konzept von Aniello Fontana niemals habe aufgehen können. So zumindest ist die Einschätzung von Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, der die Zahlen für die AZ studiert hat. «Das Stadion ist ein Klumpen, der Geld kostet», konstatiert er. Und: Die budgetierten Ausgaben, beispielsweise für die Sicherheitskosten (100 000 Franken) seien zu tief angesetzt, während die Einnahmen, beispielsweise aus Ticketverkäufen (600 000 Franken), zu optimistisch berechnet wurden: «Nicht einmal mit 2800 Personen pro Spiel kommen wir auf diesen Betrag», sagt Mösli. Der FCS hat im Schnitt rund 1500 Gäste. Darunter seien aber zahlreiche Tickets für Kinder, Sponsoren oder Saisonkartenbesitzer, die gratis oder sehr günstig abgegeben werden, meint Mösli.

16 Wohnungen in 2 Jahren verkauft

Dass der Club die Kosten des Stadions langfristig nicht aufbringen kann, schien 2018 auch Aniello Fontana zu dämmern. Im Laufe des Jahres hat Fontana dieses Loch vermutlich gestopft, indem er Wohnung um Wohnung verkauft hat.

Belegt ist: Insgesamt haben Aniello und Agnes Fontana 2018 und 2019 laut den Schaffhauser Amtsblättern 16 Wohnungen im Kanton Schaffhausen verkauft, hinzu kamen Stockwerkverkäufe des Hotels Chlosterhof in Stein am Rhein. «Wir haben für den Stadionbau alle unsere Liegenschaften verkauft, um das Stadion zu finanzieren und damit in Schaffhausen weiterhin Profifussball zu garantieren», sagte Agnes Fontana Anfang Mai im Blick. Noch im August 2019 wurden offene Rechnungen bei der Stadion Schaffhausen AG im Umfang von 112 000 Franken beglichen, wie Unterlagen zeigen.

Ihr Mann aber hätte es wissen können. Viele, auch nahestehende Personen, hatten es ihm gesagt: Aniello, das Stadion ist zu teuer. Alternative Szenarien, ein Challenge-League-Stadion, wurden diskutiert, doch Fontana wollte nicht hören.

Auch Andreas Mösli kann es heute noch nicht nachvollziehen: «Es war ein Fehler, dieses Stadion zu bauen», sagt er. Auch der FC Winterthur befasste sich in den letzten Jahren mit der Frage, ob man ein neues Stadion erstellen solle, um die Auflagen der Liga einhalten zu können. «Wir haben mehrere Standorte geprüft und wieder verworfen. Ein neues Stadion an einem anderen Standort wäre zu teuer geworden», sagt Mösli. Schliesslich wurde das bisherige Stadion Schützenwiese sanft renoviert und ergänzt. Die Stadt Winterthur investierte knapp neun Millionen Franken, woran sich der FCW mit einer Million beteiligen musste. Der FCS hingegen erhielt von der Stadt Schaffhausen praktisch keinen Rappen. Und: Die Winterthurer Schützenwiese ist nicht Super-League-tauglich. Das heisst: Sollte der FC Winterthur irgendwann einmal aufsteigen, wird er am Stadion nochmals nachbessern und investieren müssen, solange die Auflagen der Liga nicht geändert werden.

In dieser Lage war der FC Schaffhausen schon einmal. Und das ist womöglich mit ein Grund, warum Aniello Fontana dieses Stadion unbedingt bauen wollte. Er hatte einen Traum.

Der Traum von der Super League

Im Sommer 2004 stieg der FCS in die höchste Liga auf. Das Stadion Breite genügte den Auflagen der Liga allerdings schon damals nicht. Erst auf den letzten Drücker half die Stadt mit, die Breite so einzurichten, dass die Liga zumindest provisorisch ihren Segen geben konnte, um Super-League-Spiele durchführen zu können. Und dann gab es sie, diese magischen Momente, die der Fussball bewirken kann. Sie fanden auf der Breite statt, unter den Augen von Aniello Fontana.

Es ist der 14. November 2004, Temperaturen um den Gefrierpunkt, als 7250 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Breite kommen, einige hocken auf Bäumen, um den aktuellen Aufsteiger FC Schaffhausen gegen den amtierenden Schweizer Meister FC Basel zu sehen. Dank eines Eigentores des Basler Aussenverteidigers David Degen gewinnt der FCS 1:0. Nach dem Match johlen und jubeln die FCS-Spieler rund um ihren Trainer Jürgen Seeberger herum, der gerade live ins Sportpanorama zugeschaltet wird und dem Moderator Matthias Hüppi ein paar Fragen beantworten soll. Seeberger sagt: «Entschuldigung Herr Hüppi, ich verstehe überhaupt nichts.»

FCS-Trainer Jürgen Seeberger nach dem Sieg gegen den FC Basel. Bild: Screenshot SRF Sportpanorama.

Vielleicht waren es Spiele und Emotionen wie diese, von denen Fontana auch später noch geträumt hat und die er seinem FCS auch in Zukunft ermöglichen wollte.

Es hat sich ausgeträumt

Fern von Schaffhausen, in Basel, liest der frühere FCS-Spieler und Clubangestellte Martin Thalmann die aktuellen Schlagzeilen rund um den Club. «Es tut mir weh, was derzeit passiert», sagt er. «Aniello Fontana hat langfristig gedacht, für die nächsten 40, 50 Jahre. Jetzt ist der Club in einer schwierigen Phase», meint Thalmann. «Aber vielleicht haben sie in Zukunft wieder ein starkes Team beisammen und schaffen den Aufstieg.»

Stand heute, scheint dieser Traum weiter weg als je zuvor. Denn was nützt es, ein modernes Stadion zu haben, wenn man es sich nicht leisten kann? Ist es überhaupt möglich, einen Challenge-League-Club kostendeckend zu führen?

Andreas Mösli sagt: «Nein. Es braucht einen Mäzen oder mindestens einen Hauptsponsor, der mit Herzblut und dem nötigem Geld dabei ist.»

Axel Thoma, einst Sportchef beim FCS, bei GC und beim FC Wil, findet hingegen: «Ja, es ist möglich.» Während fünf Saisons beim FC Wil sei ihm das gelungen. Dafür brauche es aber ein Konzept. Seines lautete: Spieler verkaufen. «Im Schnitt haben wir dadurch pro Saison eine halbe Million Franken eingenommen», meint Thoma. «So kann es aufgehen.»

Andreas Mösli ist skeptisch: «Wir hatten einmal Glück, als wir Manuel Akanji verkauft haben.» Akanji, heute Nationalspieler, kickte einst in Winterthur, bevor er via Basel nach Dortmund wechselte. «Dieser Transfer hat unseren Hauptsponsor ein paar Saisons lang entlastet. Aber solche Einnahmen kann man nicht budgetieren.»

Und die Swiss Football League meint: «Der Betrieb eines Fussballunternehmens kann auch ohne Mäzen funktionieren. Der FC St. Gallen beweist in dieser Saison eindrücklich, dass der sportliche Erfolg nicht zu Lasten einer umsichtigen Unternehmensführung erzwungen werden muss.»

In St. Gallen träumen sie vom Meistertitel 2020. In Schaffhausen leckt man die Wunden der Ära Fontana. Das war schon anders. 2003 empfing der FCS die St. Galler zuhause auf der Breite zum Cup-Viertelfinal. 3800 Zuschauerinnen und Zuschauer und Aniello Fontana waren mit dabei. Die FCS-Fans hissten ein Spruchband: «Ihr gehört an die OLMA, wir zum Finale.» Der FCS siegte dank eines Treffers von Enzo Todisco, der sein Glück kaum fassen konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Diese Siege sind nicht vom Himmel gefallen. Fontana hat sich und dem FCS solche Momente mit Geld erkauft. Diese Zeit ist jetzt zumindest fürs Erste vorbei. Es hat sich ausgeträumt.

Dieser Artikel erschien am 11. Juni 2020 in der «Schaffhauser AZ».

Auswärtsspiel

Zürich. Eine Stadt mit einer grossen Fussballtradition. GC und die Champions League. Muris Tor gegen Ajax. Legendär.

Das war einmal. Heute: Zwei abgerissene Stadien. Eines wurde neu gebaut, aber keiner will es. Zumindest nicht, um darin Fussball zu schauen.

Nun, liebe Zürcher, stellt euch vor, es gibt irgendwo eine Stadt. Diese Stadt hat ein tolles Fussballstadion. Platz für 30’000 Besucher. Keine Tartanbahn zwischen Sitzplatz und Rasen. Keine Pfeiler, die das Dach stützen müssen, weil es sonst zusammenkracht. Nur, es geht kaum jemand hin, weil der Club, der darin spielt, irgendwo in der «Brack»-Liga herumdümpelt, und gegen wenig namhafte Vereine wie etwa den Dumpinglohnzahler-Club Wohlen antreten muss. Ein Stadion für niemanden, sozusagen. Das muss hart sein.

Servette Genf – FC Schaffhausen 2:1, 6. Oktober 2013

Die Rede ist natürlich vom «Stade de Genève», in dem Servette spielt, ebenfalls ein traditionsreicher Club. Unvergessen, wie die Genfer Berlin eroberten. 3:0 gegen die Hertha. Legendär.

Das war einmal. Heute gastiert der FC Schaffhausen in Genf. Und der steht in der «Brack»-Tabelle sogar weiter oben als die Servettiens. Das muss hart sein.

Immerhin können die Genfer heute gewinnen, wobei sich die Schaffhauser hinten nicht allzu geschickt anstellen. Es steht bereits 2:0 für die Genfer, als FCS-Trainer Jacobacci einen «Zettel» einwechselt. Dazu einen neuen Spieler, damit der den Zettel überbringt. Unter den Gelb-Schwarzen auf dem Platz herrscht Aufregung. Huch, ein Zettel. Was mag wohl draufstehen? Vielleicht sowas wie «jetzt schiesst endlich ein Tor». Ok, die Anweisung wird befolgt. 2:1. Aber dabei bleibt’s. Zu dumm, stand nicht darauf «Jetzt schiesst endlich drei Tore». Das ist hart.

Dieser Text erschien am 6. Oktober 2013 auf schaffhausen.net