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Der Herbst-Blues von 1975

Vor 43 Jahren handelte der einstige Kommunist und «az»-Verwaltungsratspräsident Ernst Illi wie ein «übelster Kapitalist»: Er entliess mehr als die Hälfte der Redaktion, um die Löhne zu senken.

Längst hat der Sound von B. B. King und Muddy Waters die Welt erobert. Schwerer, amerikanischer Blues hallt aus den Boxen. Die Fernsehsender zeigen, wie US-Präsident Gerald Ford in Salzburg auf der Treppe der «Air Force One» ausrutscht und auf den Hintern fällt. Derweil stehen die Kommunisten nach dem Sieg über die Amerikaner in Vietnam kurz davor, auch Laos unter ihre Kontrolle zu bringen.

Wir schrei­ben den 3. Juni 1975.

An diesem Dienstag braut sich über der Schaffhauser Webergasse ein Unwetter zusammen. An den nächsten beiden Tagen wird gar Hagel auf die Munotstadt niederprasseln. Das wird die Schweizerische Hagelversicherungsgesellschaft später in ihren Akten notieren.

Am Tag vor dem Sturm treffen sich die Bosse der damaligen «schaffhauser az» und reden Tacheles: Verwaltungsratspräsident Ernst Illi sagt, «das Redaktionsproblem» müsse subito gelöst werden. So steht es im Protokoll der damaligen Verwaltungsratssitzung.

Dreieinhalb Monate später entlässt der Verwaltungsrat den Chefredaktor Hanspeter Gahlinger sowie Redaktorin Susie Ilg und Redaktor Max Hess. Nur Lisbeth Vetter und Hugo Leu bleiben übrig. Ein Aufschrei geht durch die Medienbranche.

Was war geschehen?

Interne Zensur

Die Zeiten wurden rau. Inserateeinnahmen brachen weg, die Abozahlen sanken. Die «schaffhauser az» stand unter Spardruck. «Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die Redaktionskosten mit 75’000 Franken viel zu hoch sind (…)», steht im Protokoll der VR-Sitzung vom Juni 1975.

Taktgeber im Verwaltungsrat der «schaffhauser az» waren damals zwei einstige Kommunisten, die schon lange das Pensionsalter erreicht hatten: Verwaltungsratspräsident Ernst Illi, einst Gemeindepräsident von Neuhausen, hatte bereits mehr als 70 Jahre auf dem Buckel. Und VR-Mitglied Walther Bringolf, zu diesem Zeitpunkt längst als Stadtpräsident und Nationalrat zurückgetreten, war gar schon 80 Jahre alt.

Unter dem Titel «Die Grossväter schlugen zu» rollte das damalige alternative Schaffhauser Magazin «Info» im November 1975 die Hintergründe der Entlassungen auf. Laut dem Magazin herrschte innerhalb der Schaffhauser Linken schon seit längerer Zeit ein zäher Machtkampf zwischen zwei Generationen, der auch für Zoff zwischen Redaktion und Verwaltungsrat sorgte. Den Alten war die Redaktion zu aggressiv und nahm zu wenig Rücksicht auf Inserenten. Deshalb griffen sie ein. So schrieb das «Info»: «Die alteingesessenen Setzer, gedeckt vom Verwaltungsrat, (…) zensurierten Artikel nach eigenem Gutdünken, liessen ganze Linien weg, verwiesen Beiträge, die ihnen nicht passten, auf zweitrangige Plätze oder verhinderten überhaupt das Erscheinen von nicht genehmen Arbeiten.» Die «az» hatte nach dem Verständnis von Illi und Bringolf als Propagandablatt für die Partei zu dienen.

Dass dies nicht immer der Fall war, zeigt ein Brief eines Genossen an den VR. Darin beklagt sich der SP-Politiker, sein Votum im Parlament sei in der Berichterstattung der «az» ungenügend berücksichtigt worden.

Die Dolchstosslegende

Eine jüngere SP-Generation um den Thaynger Gemeindepräsidenten Walter Stamm und Kurt Reiniger, Bringolfs Nachfolger im Nationalrat, hatte – «alarmiert durch das Abserbeln der ‹az› einerseits und die Klagen der Redaktion andererseits» – im Jahr zuvor versucht, die alte Garde um Illi und Bringolf abzulösen. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, die «az» ruinieren zu wollen.

Reiniger und Stamm, vom «Info» «Palastrevolutionäre» genannt, forderten die Einberufung einer Aktionärsversammlung und die Einsetzung eines Krisenstabes – dem sie selbst angehören sollten.
Auch die Redaktion positionierte sich: Sie stellte sich hinter die «Palastrevolutionäre» und drohte damit, kollektiv den Hut zu nehmen, wenn die Forderungen von Reiniger und Stamm abgelehnt würden.

Allerdings verbündeten sich die beiden Putschisten ausgerechnet mit dem Verleger des «Schaffhauser Bocks», René Steiner. Dies wiederum brachte Walther Bringolf, der im «Bock» eine Konkurrenz sah, gewaltig auf die Palme. Er beschuldigte die jüngeren Genossen, die «az» an Steiner verhökern zu wollen – eine «Dolchstosslegende», wie das «Info» später festhielt. Dennoch stellten sich die Aktionäre mehrheitlich auf die Seite von Bringolf. Die Palastrevolution scheiterte.

In der Folge baute der Verwaltungsrat seine Macht aus und schwang im September 1975 die grosse Entlassungskeule.

Illis Alleingang

Im Vorfeld der Kündigungen hatte Chefredaktor Gahlinger eigene Sparvorschläge eingebracht. So sollte bei den Fotografien gespart sowie das Budget für die freien Mitarbeiter halbiert werden. 17’000 Franken hätte man seiner Ansicht nach ohne Entlassungen einsparen können. Der Verwaltungsrat hielt davon allerdings wenig. Ausserdem seien die Sparvorschläge eine Woche zu spät eingetroffen.

Das Gremium beschloss deshalb einstimmig, Gahlinger zu entlassen. Unter anderem warf es dem Geschassten fehlende organisatorische Fähigkeiten vor.

Die Kündigungen von Susie Ilg und Max Hess hatte VR-Präsident Ernst Illi allerdings im Alleingang entschieden und die Betroffenen nicht im Vorfeld informiert. Illi hatte gehofft, Ilg und Hess danach zu einem tieferen Lohn wieder für die «az» gewinnen zu können. Das zeigen die Akten. Ein Vorhaben, das nicht aufging – und schweizweit für Empörung sorgte.

Die Schweizerische Journalisten-Union protestierte gegen die Entlassungen in einem in den «Schaffhauser Nachrichten» publizierten offenen Brief an den Verwaltungsrat. Sie kritisierte unter anderem, dass der VR «die gesamte schweizerische Gewerkschaftsbewegung in Misskredit» gebracht habe. Den Versuch, Ilg und Hess zu günstigeren Konditionen erneut anzustellen, bezeichnete die Journalisten-Union gar als ein «Verhalten, das übelster kapitalistischer Tradition entspricht».

Auch die Gewerkschaft VPOD forderte den VR auf, die Kündigungen rückgängig zu machen. Die Geschäftsleitung der SP meldete sich ebenfalls zu Wort und distanzierte sich von den Entlassungen. Und sogar die «SN» nahmen «mit Sorge» von den Kündigungen Kenntnis.

Gahlingers Theorie

Hanspeter Gahlinger seinerseits vermutete im Interview mit dem «Info», dass Personen aus dem Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) hinter seiner Entlassung steckten. Dies, nachdem er in mehreren Artikeln die Georg Fischer AG kritisiert hatte, weil sie eine Arbeitersiedlung im Pantli-Quartier «bei Nacht und Nebel» abgerissen hatte. Gahlinger musste allerdings auch einräumen, dass er die Sparvorschläge eine Woche zu spät eingereicht hatte.

Trotz Protesten gegen die Entlassungen blieb der Verwaltungsrat der «az» hart. Zudem hatten Susie Ilg und Max Hess ohnehin keine Lust mehr, zur Zeitung zurückzukehren, wie sie dem VR mitteilten. Später ernannte der Verwaltungsrat Arthur Müller als neuen Chefredaktor.

Susie Ilg sollte danach Korrespondentin bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA werden und Hanspeter Gahlinger Nachrichtenchef beim «Blick».

Max Hess wird 1981 in den Schaffhauser Stadtrat und acht Jahre später gar zum dritten sozialdemokratischen Stadtpräsidenten nach Hermann Schlatter und Walther Bringolf gewählt.

Der Wandel bei der «az» wird erst ein paar Jahre später eingeleitet, als Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott – der Autor des damaligen «Info»-Artikels – bei der Zeitung einsteigen.

Dieser Artikel erschien im Rahmen der Jubiläumsserie «100 Jahre az» am 25. Oktober in der «schaffhauser az» und beruht unter anderem auf dem Buch «Wir sind da und bleiben da» des Wirtschafts­historikers Adrian Knoepfli.