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Club der verloren gegangenen Träume

Ein geleakter Businessplan von Aniello Fontana offenbart das ganze finanzielle Dilemma des FC Schaffhausen. Am Ende musste der frühere FCS-Mäzen eine Wohnung nach der anderen verkaufen, um seinen Club zu retten.

Es war ein einziger grosser Chnorz. Ein Jahr ist vergangen, seit Roland Klein den FC Schaffhausen für einen symbolischen Franken übernommen und das Erbe von Aniello Fontana angetreten hat. Es war ein Jahr der negativen Schlagzeilen, der gegenseitigen Beschuldigungen und der Erfolglosigkeit. «Schaffhausen-Zoff immer irrer», titelte der Blick, nachdem sich Anfang Mai schliesslich auch noch Agnes Fontana zu Wort gemeldet hatte. Die Witwe des langjährigen FCS-Mäzens Aniello Fontana drohte in den Schaffhauser Nachrichten damit, den Club aus dem Stadion zu werfen. Klein konterte: «Sie können uns gerne kündigen, im Hinblick auf die hohen Kosten für das Stadion würden Sie uns sogar einen Gefallen tun.»

Das Dilemma ist offensichtlich: Es ist keiner mehr da, der die Probleme des Clubs mit Geld löst. Der FCS hat jahrzehntelang nur als professioneller Fussballclub existiert, weil der Immobilienhändler Fontana unermüdlich Geld in den Verein gepumpt hat. Es begann Ende 1991 damit, als der FCS laut Vereinschronik «vor dem Ruin» stand und Fontana den Club vor dem Kollaps rettete, indem er Schulden von 1,1 Millionen Franken tilgte. Seither folgten weitere Millionen. Einige frühere Weggefährten, die anonym bleiben möchten, sagen gegenüber der AZ, Fontana habe inklusive Stadionbau 30 Millionen Franken in den Club investiert, andere nennen gar 45 Millionen.

Nur einmal schwarze Zahlen

Es heisst auch, der Club habe in den 27 Jahren unter Fontana in fast jedem Jahr ein Defizit verursacht. Einzig im Jahr 2003 habe der FCS schwarze Zahlen geschrieben. Das war, als der Verein bis in den Cuphalbfinal in Basel vorstiess und von den hohen Ticketeinnahmen profitierte, die dank der damals 27 000 Zuschauerinnen und Zuschauer zustande kamen.

Seit dem Tod von Aniello Fontana aber ist der grosse Streit ums Geld entbrannt. Bittere Ironie der Geschichte: Der ehemalige Patron des Clubs ist daran nicht ganz unschuldig.

Das Firmengeflecht

Fontana hat um den Bau des Stadions ein kompliziertes Firmengeflecht installiert. Da ist die Firma Methabau, die den Mantelteil des Stadions besitzt. Dann die Firma Fontana Invest II, deren einzige Verwaltungsrätin inzwischen die Witwe Agnes Fontana ist. Irgendwie ist die Basler WIR-Bank involviert, die beim Bau einst als Geldgeberin auftrat. Und dann gibt es die Stadion Schaffhausen AG, die eigentlich nichts besitzt und von der keiner genau weiss, wozu sie überhaupt nützlich ist, ausser vielleicht um Steuern und Sozialabgaben zu optimieren und ein paar Fans dazu zu bringen, völlig überteuerte Aktien zu kaufen und den Club damit zu subventionieren.

Jetzt allerdings zeigen sich die Schwächen dieses Konstrukts. Die verschiedenen Protagonisten haben sich verkracht und legen sich gegenseitig Steine in den Weg. Dabei sind sie aufeinander angewiesen. Ohne FCS keine Mieteinnahmen für die Fontanas und womöglich gar der Konkurs der Stadionbesitzerin Fontana Invest. Und ohne Stadion keine Spielstätte für den Club und damit unter Umständen keine Lizenz, was in letzter Konsequenz gar den Zwangsabstieg in die Niederungen des Amateurfussballs bedeuten könnte.

Es sei denn, der Club bekommt von der Stadt und der Liga tatsächlich die Erlaubnis, wieder an einen anderen Ort umziehen zu können. «Wir prüfen aktuell, ob wir wieder im Stadion Breite trainieren und spielen können, sollte es zu einer Kündigung kommen. Eine Machbarkeitsstudie ist in Abklärung, Stadtrat Raphaël Rohner habe ich darüber bereits informiert.» Das sagte Roland Klein Anfang Mai in den SN.

Wie ernst dieser Plan ist, bleibt offen. Der zuständige Stadtrat Raphaël Rohner sagt heute, einen Monat später, es sei noch kein offizielles Gesuch des FCS eingegangen, wieder auf der Breite spielen zu können. Auch das Neuhauser Stadion Langriet ist offenbar keine Option. Hier sei ebenfalls keine Anfrage gestellt worden, sagt Gemeindepräsident Stephan Rawyler. Auf die Frage, ob der Wegzug eine leere Drohung war, antwortet Roland Klein nicht.

Am 25. Februar 2017 war die FCS-Welt noch in Ordnung: Im Eröffnungsspiel des Lipo-Parks schlägt der FCS den FC Winterthur 2:1. Bild: J. Sauter.

Stadtrat Raphaël Rohner moniert derweil: «Wir verfügen zurzeit noch immer nicht über die für eine objektive Beurteilung der Situation und des effektiven Handlungsbedarfs notwendigen Informationen, vor allem in Bezug auf die Verträge und die finanzielle Lage der Eigner.» Die Stadt tappt im Dunkeln. Klar ist einzig: Ohne FCS im Herblingertal ist Aniello Fontanas Stadion vollkommen sinnlos.

Der Businessplan von 2012

Aber um wie viele tausend Franken geht es in diesem Streit? Wie viel zahlt der Club für die Nutzung des Stadions? Ist es wirklich zu teuer, oder ist das nur eine Ausrede?

Roland Klein und Methabau schweigen. Laut Agnes Fontana und den SN zahlt der Club derzeit 350 000 Franken Miete pro Jahr, wovon 200 000 für den Stadionteil und 150 000 für den Mantelteil (Garderoben, VIP-Bereich, Büros und Sitzungszimmer) anfallen.

Klar ist: Auf der Breite waren die Kosten deutlich tiefer. In der Challenge League verlangte die Stadt als Vermieterin 20 000 Franken pro Jahr, in der Super League 40 000. Das gibt die Stadt gegenüber der AZ bekannt.

Zum Vergleich: Der FC Wil bezahlt laut der Stadionbesitzerin, der Stadt Wil, jährlich eine Miete von 27 500 Franken sowie einen Infrastrukturbeitrag von knapp 50 000 Franken.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Klein aus finanziellen Gründen Fontanas Stadion verlassen will. Allerdings: Aniello Fontana musste doch irgendeinen Plan haben, wie das Stadion finanziert werden sollte. Wie sah dieser Plan aus?

Ein Businesskonzept des FCS aus dem Jahr 2012, das der AZ vorliegt, zeigt detailliert, wie Fontana einst gerechnet hat (siehe Kasten). Zwar sind einige Zahlen inzwischen überholt, so kostete das Stadion nicht 22 Millionen Franken, wie im damaligen Businessplan festgehalten, sondern nur 16 Millionen. Zumindest war das die im Abstimmungsmagazin 2015 kolportierte Zahl. Dennoch lassen sich aus dem Businessplan Rückschlüsse ziehen, vor allem auf die jährlichen Kosten des Stadions.

Laut aktualisiertem Businessplan fallen für Hypotheken (3 Prozent), voraussichtlich bei der Kreditgeberin WIR-Bank, pro Jahr 262 000 Franken an. Für die Rückzahlung eines Darlehens, wahrscheinlich von der Firma Methabau, kommen 145 000 Franken dazu. Die Betriebs- und Unterhaltskosten sowie Zahlungen in einen Erneuerungsfonds machen zusammen 224 000 Franken aus. Allein für das Stadion fallen demnach Kosten von 631 000 Franken pro Jahr an. Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb die Stadionbesitzerin Agnes Fontana der Firma Methabau laut deren Aussagen in den SN noch 3,2 Millionen Franken schuldet. Gegenüber der WIR-Bank dürften die Schulden wohl noch deutlich höher sein. Die Bank äussert sich auf Nachfrage der AZ nicht. Die Zahlen indes erhärten den Verdacht, dass sich die Fontana Invest eine weitere Mietreduktion womöglich gar nicht leisten kann.

Insgesamt zeige der Businessplan, dass das finanzielle Konzept von Aniello Fontana niemals habe aufgehen können. So zumindest ist die Einschätzung von Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, der die Zahlen für die AZ studiert hat. «Das Stadion ist ein Klumpen, der Geld kostet», konstatiert er. Und: Die budgetierten Ausgaben, beispielsweise für die Sicherheitskosten (100 000 Franken) seien zu tief angesetzt, während die Einnahmen, beispielsweise aus Ticketverkäufen (600 000 Franken), zu optimistisch berechnet wurden: «Nicht einmal mit 2800 Personen pro Spiel kommen wir auf diesen Betrag», sagt Mösli. Der FCS hat im Schnitt rund 1500 Gäste. Darunter seien aber zahlreiche Tickets für Kinder, Sponsoren oder Saisonkartenbesitzer, die gratis oder sehr günstig abgegeben werden, meint Mösli.

16 Wohnungen in 2 Jahren verkauft

Dass der Club die Kosten des Stadions langfristig nicht aufbringen kann, schien 2018 auch Aniello Fontana zu dämmern. Im Laufe des Jahres hat Fontana dieses Loch vermutlich gestopft, indem er Wohnung um Wohnung verkauft hat.

Belegt ist: Insgesamt haben Aniello und Agnes Fontana 2018 und 2019 laut den Schaffhauser Amtsblättern 16 Wohnungen im Kanton Schaffhausen verkauft, hinzu kamen Stockwerkverkäufe des Hotels Chlosterhof in Stein am Rhein. «Wir haben für den Stadionbau alle unsere Liegenschaften verkauft, um das Stadion zu finanzieren und damit in Schaffhausen weiterhin Profifussball zu garantieren», sagte Agnes Fontana Anfang Mai im Blick. Noch im August 2019 wurden offene Rechnungen bei der Stadion Schaffhausen AG im Umfang von 112 000 Franken beglichen, wie Unterlagen zeigen.

Ihr Mann aber hätte es wissen können. Viele, auch nahestehende Personen, hatten es ihm gesagt: Aniello, das Stadion ist zu teuer. Alternative Szenarien, ein Challenge-League-Stadion, wurden diskutiert, doch Fontana wollte nicht hören.

Auch Andreas Mösli kann es heute noch nicht nachvollziehen: «Es war ein Fehler, dieses Stadion zu bauen», sagt er. Auch der FC Winterthur befasste sich in den letzten Jahren mit der Frage, ob man ein neues Stadion erstellen solle, um die Auflagen der Liga einhalten zu können. «Wir haben mehrere Standorte geprüft und wieder verworfen. Ein neues Stadion an einem anderen Standort wäre zu teuer geworden», sagt Mösli. Schliesslich wurde das bisherige Stadion Schützenwiese sanft renoviert und ergänzt. Die Stadt Winterthur investierte knapp neun Millionen Franken, woran sich der FCW mit einer Million beteiligen musste. Der FCS hingegen erhielt von der Stadt Schaffhausen praktisch keinen Rappen. Und: Die Winterthurer Schützenwiese ist nicht Super-League-tauglich. Das heisst: Sollte der FC Winterthur irgendwann einmal aufsteigen, wird er am Stadion nochmals nachbessern und investieren müssen, solange die Auflagen der Liga nicht geändert werden.

In dieser Lage war der FC Schaffhausen schon einmal. Und das ist womöglich mit ein Grund, warum Aniello Fontana dieses Stadion unbedingt bauen wollte. Er hatte einen Traum.

Der Traum von der Super League

Im Sommer 2004 stieg der FCS in die höchste Liga auf. Das Stadion Breite genügte den Auflagen der Liga allerdings schon damals nicht. Erst auf den letzten Drücker half die Stadt mit, die Breite so einzurichten, dass die Liga zumindest provisorisch ihren Segen geben konnte, um Super-League-Spiele durchführen zu können. Und dann gab es sie, diese magischen Momente, die der Fussball bewirken kann. Sie fanden auf der Breite statt, unter den Augen von Aniello Fontana.

Es ist der 14. November 2004, Temperaturen um den Gefrierpunkt, als 7250 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Breite kommen, einige hocken auf Bäumen, um den aktuellen Aufsteiger FC Schaffhausen gegen den amtierenden Schweizer Meister FC Basel zu sehen. Dank eines Eigentores des Basler Aussenverteidigers David Degen gewinnt der FCS 1:0. Nach dem Match johlen und jubeln die FCS-Spieler rund um ihren Trainer Jürgen Seeberger herum, der gerade live ins Sportpanorama zugeschaltet wird und dem Moderator Matthias Hüppi ein paar Fragen beantworten soll. Seeberger sagt: «Entschuldigung Herr Hüppi, ich verstehe überhaupt nichts.»

FCS-Trainer Jürgen Seeberger nach dem Sieg gegen den FC Basel. Bild: Screenshot SRF Sportpanorama.

Vielleicht waren es Spiele und Emotionen wie diese, von denen Fontana auch später noch geträumt hat und die er seinem FCS auch in Zukunft ermöglichen wollte.

Es hat sich ausgeträumt

Fern von Schaffhausen, in Basel, liest der frühere FCS-Spieler und Clubangestellte Martin Thalmann die aktuellen Schlagzeilen rund um den Club. «Es tut mir weh, was derzeit passiert», sagt er. «Aniello Fontana hat langfristig gedacht, für die nächsten 40, 50 Jahre. Jetzt ist der Club in einer schwierigen Phase», meint Thalmann. «Aber vielleicht haben sie in Zukunft wieder ein starkes Team beisammen und schaffen den Aufstieg.»

Stand heute, scheint dieser Traum weiter weg als je zuvor. Denn was nützt es, ein modernes Stadion zu haben, wenn man es sich nicht leisten kann? Ist es überhaupt möglich, einen Challenge-League-Club kostendeckend zu führen?

Andreas Mösli sagt: «Nein. Es braucht einen Mäzen oder mindestens einen Hauptsponsor, der mit Herzblut und dem nötigem Geld dabei ist.»

Axel Thoma, einst Sportchef beim FCS, bei GC und beim FC Wil, findet hingegen: «Ja, es ist möglich.» Während fünf Saisons beim FC Wil sei ihm das gelungen. Dafür brauche es aber ein Konzept. Seines lautete: Spieler verkaufen. «Im Schnitt haben wir dadurch pro Saison eine halbe Million Franken eingenommen», meint Thoma. «So kann es aufgehen.»

Andreas Mösli ist skeptisch: «Wir hatten einmal Glück, als wir Manuel Akanji verkauft haben.» Akanji, heute Nationalspieler, kickte einst in Winterthur, bevor er via Basel nach Dortmund wechselte. «Dieser Transfer hat unseren Hauptsponsor ein paar Saisons lang entlastet. Aber solche Einnahmen kann man nicht budgetieren.»

Und die Swiss Football League meint: «Der Betrieb eines Fussballunternehmens kann auch ohne Mäzen funktionieren. Der FC St. Gallen beweist in dieser Saison eindrücklich, dass der sportliche Erfolg nicht zu Lasten einer umsichtigen Unternehmensführung erzwungen werden muss.»

In St. Gallen träumen sie vom Meistertitel 2020. In Schaffhausen leckt man die Wunden der Ära Fontana. Das war schon anders. 2003 empfing der FCS die St. Galler zuhause auf der Breite zum Cup-Viertelfinal. 3800 Zuschauerinnen und Zuschauer und Aniello Fontana waren mit dabei. Die FCS-Fans hissten ein Spruchband: «Ihr gehört an die OLMA, wir zum Finale.» Der FCS siegte dank eines Treffers von Enzo Todisco, der sein Glück kaum fassen konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Diese Siege sind nicht vom Himmel gefallen. Fontana hat sich und dem FCS solche Momente mit Geld erkauft. Diese Zeit ist jetzt zumindest fürs Erste vorbei. Es hat sich ausgeträumt.

Dieser Artikel erschien am 11. Juni 2020 in der «Schaffhauser AZ».

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die FDP will mit Diego Faccani einen zweiten Sitz im Stadtrat erobern. Schon wieder. Warum es diesmal klappen soll, weiss niemand so genau.

Diego Faccani, Raphaël Rohner und Christian Stamm (von links). Foto: Stefan Kiss.

Diego Faccani, Raphaël Rohner und Christian Stamm sitzen um den Bartresen des Hotels Promenade und warten. Warten darauf, dass die FDP-Mitglieder entscheiden. 

Die Zeit vergeht. Einige nippen an einer Bierflasche. Man macht einen Witz. 

Dann, nach einer halben Stunde, öffnet sich die Tür. Journis und Kandidaten werden wieder hereingebeten. Die Parteibasis hat hinter geschlossenen Türen diskutiert und beschlossen: Neben dem amtierenden Stadtrat Raphaël Rohner wird die Partei Ende August mit Diego Faccani ins Rennen um den frei werdenden Sitz von Simon Stocker (AL) steigen. Christian Stamm, der ebenfalls zur Auswahl stand, zieht den Kürzeren. Der Entscheid sei «mit grosser Mehrheit und sehr eindeutig gefallen», verkündet der Präsident der FDP Stadt, Stephan Schlatter. Applaus im kleinen Saal. 

Eine Überraschung ist das nicht. Mutig ist es auch nicht wirklich. Und erfolgreich? Die definitive Antwort werden erst die Wahlen geben. Die Zeichen indes deuten kaum darauf, dass es diesmal anders ausgehen wird als noch vor vier Jahren, als die FDP mit dem gleichen Duo antrat – und scheiterte. 

Schon einmal gescheitert

Bereits 2016 wollte Diego Faccani in den Stadtrat. Damals ging es um einen freisinnigen Sitz, jenen von Urs Hunziker. Faccani landete mit 4600 Stimmen allerdings nur auf dem letzten Platz aller sechs Kandidierenden. Es fehlten knapp 1200 Stimmen auf den fünftplatzierten Daniel Preisig (SVP). Auf Katrin Bernath, die direkte Konkurrentin von der GLP, waren es gar 1500 Stimmen. Seither sind die Freisinnigen nur noch mit einer Person im Stadtrat vertreten. Wie aussergewöhnlich das ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: In den letzten 100 Jahren gab es nur 15 Jahre, in denen die FDP mit weniger als zwei Vertretern im Stadtrat sass. Die letzten vier Jahre gehören dazu. 

Der Verlust des zweiten Stadtratssitzes war indes nur die logische Konsequenz einer Reihe von Wahlniederlagen. Seit 2008 haben FDP und Jungfreisinnige einen Drittel ihrer Wählerinnen und Wähler verloren, die Partei schrumpfte von knapp 24 Prozent (9 Sitze im Parlament) auf 16 Prozent (6 Sitze). Die AZ titelte «FDP: Kurs aufs Riff» und «Aufgelaufen»

Nun also Prinzip Hoffnung. Denn so viel ist klar: In den letzten vier Jahren hat sich das politische Klima kaum zugunsten der Freisinnigen verändert. Im Gegenteil. Bei den letzten Nationalratswahlen unterboten sich FDP und Jungpartei noch einmal. In der Stadt Schaffhausen resultierte ein Wähleranteil von 9,6 Prozent, so wenig wie seit mindestens 1975 nicht. Damals waren es 34 Prozent gewesen, 1999 sogar 40 Prozent. 

Derzeit stehen aber Grün und Grünliberal im Trend. Wahlanalysen von SRF und dem Statistischen Amt des Kantons Zürich zeigen, dass die FDP zuletzt vor allem an die GLP Wählerinnen und Wähler verloren hat.

Die Stadtschaffhauser FDP zeigt sich darüber bis heute unbeeindruckt und macht keine Anstalten, ein grünes Mäntelchen anzuziehen: Erst letzte Woche diskutierte das Stadtparlament darüber, ob der städtische Stromversorger SH Power künftig nur noch Ökostrom anbieten soll. Der sogenannte Egalstrom, der unter anderem nicht erneuerbare Energien aus dem Ausland beinhaltet, soll gestrichen werden. Der Vorstoss kam von einem Grünliberalen. Freisinnige Sprecher lehnten die Forderung ab und kritisierten die GLP. Martin Egger sagte, bei einem solchen «Zwang» zum Ökostrom, da «blutet mein liberales Herz». Und Till Hardmeier forderte, die GLP solle das Wort «liberal» aus ihrem Parteinamen streichen.

SP-Mann Tanner bleibt gelassen

Die GLP sei eben «relativ wenig liberal», sagt auch Stephan Schlatter am Ende des Parteitages vom vergangenen Donnerstag zur AZ. Fragt man Grünliberale und Linke, heisst es wiederum, die FDP sei in den letzten Jahren nach rechts abgedriftet. 

Mittendrin in dieser von Wahlniederlagen arg gebeutelten Partei steht Diego Faccani, das Altstadtkind, das früher im Tellenbrunnen gebadet hat und heute das Schuhgeschäft der Eltern weiterführt. Seit sieben Jahren politisiert Faccani für die Freisinnigen, seit 2013 im Stadtparlament, seit 2017 auch im Kantonsrat. Er ist weder ein ultraliberaler Hardliner wie Christian Heydecker noch einer, der überdurchschnittlich häufig nach links ausschert, wie das Thomas Hauser macht. Das zeigte die Kantonsratsanalyse der AZ von Anfang Jahr.

«Stamm wäre als populärer, bekannter Mann der SP echt gefährlich geworden»
Urs Tanner, SP.

Sein Konkurrent an diesem Abend im Hotel Promenade: Christian Stamm, politischer Neueinsteiger, aber kein unbekannter Name. Der Moderator von politischen Diskussionen bei Tele D und Radio Munot, Vorstandsmitglied des Quartiervereins Herblingen und kürzlich auch interimistisch Mediensprecher des FC Schaffhausen, trat in den Medien immer wieder in Erscheinung. Wo er politisch steht, wusste man bis anhin nicht wirklich. Irgendwo am linken Flügel des bürgerlichen Lagers vielleicht. Ein Ideologe ist er sicherlich nicht. Das zeigt sich auch daran, dass er in der Vergangenheit bereits von SP, GLP und SVP angefragt worden sei, ob er für ein politisches Amt kandidieren wolle, wie Stamm selber sagt. Vielleicht gerade deshalb, weil man ihn nicht wirklich einordnen kann, meinte SP-Fraktionschef Urs Tanner schon vor dem Parteitag der Freisinnigen gegenüber der AZ, er stufe Stamm im Vergleich mit Faccani als gefährlicheren Kandidaten ein. Heute sagt Tanner: «Wer das Resultat von Diego Faccani vor vier Jahren anschaut und den Zustand der FDP, der wundert sich. Stamm wäre als populärer, bekannter Mann der SP echt gefährlich geworden.»

Nun wird die SP gegen Faccani antreten. Die Skepsis gegenüber dem Quereinsteiger Stamm war bei vielen Mitgliedern zu gross. Man setzt auf den, den man schon kennt. Derweil wird Tanner zuhause wohl leise vor sich hin lächeln. 

FDP: Vergangenheit schönreden

Am Ende der Parteiversammlung, an der fast durchgehend die aus rechtsbürgerlicher Sicht bestehende, faktisch aber nicht vorhandene «linke Mehrheit» in der Stadt beklagt wurde, bleibt eine letzte, entscheidende Frage: Warum soll diesmal klappen, was bereits vor vier Jahren nicht funktioniert hat?

«Faccani ist ja eigentlich schon 2016 gewählt worden»
Vier FDP-Mitglieder.

Vier FDP-Mitglieder sagen unabhängig voneinander dasselbe: «Diego Faccani ist ja eigentlich schon 2016 gewählt worden, aber halt als Überzähliger ausgeschieden.»

Sie meinen damit, dass Faccani 2016 das sogenannte absolute Mehr, eine gesetzlich festgelegte Anzahl Stimmen, die auf einer mathematischen Formel basiert, erreicht hat. Freilich nützte ihm das herzlich wenig, weil das die anderen fünf Kandidierenden ebenfalls geschafft haben. Am Ende, wenn alle das absolute Mehr erreichen, werden die fünf Personen mit den meisten Stimmen gewählt. Den Hinweis auf das Erreichen dieser Hürde ist lediglich eine beschönigende Ausrede von Verliererparteien. Das gilt nicht nur für die FDP, sondern auch für die SP, die jeweils dasselbe sagt, wenn sie mal wieder mit einem Angriff auf einen zweiten Regierungsratssitz gescheitert ist. 

Gibt es sonst noch ein Argument?

Grossstadtratspräsidentin Nicole Herren sagt: «Die Zeichen stehen vielleicht nicht unbedingt für die FDP. Es wird eine schwierige Aufgabe, aber ein Vertreter des Gewerbes würde dem Stadtrat guttun.»

Grossstadtrat Till Hardmeier meint, mit einem Kandidaten vom linken Flügel wären die Wahlchancen vermutlich höher. Ihm sei ein Kandidat auf Parteilinie aber lieber. Und Faccani bringe «einen grossen Politrucksack» mit. 

Parteipräsident Stephan Schlatter übt sich in Zweckoptimismus: «Diesmal klappt es. Es braucht jetzt eine Veränderung. Wir müssen knackiger auftreten und weniger kompromissbereit sein.»

Und Kantonsrat Thomas Hauser schöpft Hoffnung, weil die FDP diesmal einen eigenständigen Wahlkampf betreiben und nicht mehr eine derart enge Allianz mit der SVP eingehen werde wie noch vor vier Jahren. Damals bildeten Rohner und Faccani mit SVP-Mann Daniel Preisig ein Gespann. «Das bürgerliche Dreierticket» liess sich gemeinsam auf Wahlplakaten abbilden, so, als würden sie eine gemeinsame Partei vertreten. Heute spricht sich Hauser gegen eine solche gemeinsame Wahlkampagne aus: Indem man die Eigenmarke FDP stärke, könne es nur besser werden, sagt er. 

Das ist immerhin eine neue Strategie. Ob sie auch gut genug ist, wird sich zeigen.

Resultate Stadtratswahl 2016
Gewählt:
Peter Neukomm (SP): 7869 Stimmen
Simon Stocker (AL): 7232 Stimmen
Raphaël Rohner (FDP): 6179 Stimmen
Katrin Bernath (GLP): 6095 Stimmen
Daniel Preisig (SVP): 5804 Stimmen
Nicht gewählt:
Diego Faccani (FDP): 4642 Stimmen
Absolutes Mehr: 3852 Stimmen

Dieser Artikel erschien am 27. Februar in der «Schaffhauser AZ».