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Plädoyer für eine EDU-Regierung

Seit 2003 ist die Schaffhauser Stimmbevölkerung öfter den Abstimmungsparolen der EDU gefolgt als jenen der Regierung.

Es ging um Leben und Tod – zumindest für die Äschen. Das suggerierte die Kampagne der Gegner des neuen Wasserwirtschaftsgesetzes. Und weil die Schaffhauser Stimmbevölkerung loyal hinter den Äschen steht, lehnte sie am 18. Mai mit 58,7 Prozent die Revision des Wasserwirtschaftsgesetzes ab und stimmte damit einmal mehr gegen die Empfehlung der Regierung.

Diese Niederlage ist in der laufenden Legislatur der vorläufige Tiefpunkt für den Regierungsrat. Seit den Wahlen vom Herbst 2012 entschied das Schaffhauser Stimmvolk bereits bei den beiden Sparvorlagen (Kieferorthopädie und Landeskirchen), der Prämienverbilligungsinitiative und der Stahlgiesserei-Vorlage anders als von den Regierenden gewünscht. Damit wurden fünf von acht Abstimmungen verloren. Überhaupt haben die Schaffhauser seit 2003 nur zwei Vorlagen gegen die Empfehlung des Regierungsrates deutlicher verworfen: Das Schulgesetz vom Februar 2009 (71,9%) und die Strassenverkehrssteuer vom Mai 2003 (64,1%). Grund genug, die Abstimmungsempfehlungen von Kantons- und Regierungsrat einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die «Volkspartei» politisiert am Volk vorbei

Wäre Politik ein Sport, eine Abstimmung ein Spiel und die Parteien je eine Mannschaft, wäre die EDU Schaffhauser Meister – und die Junge SVP verdient sich die rote Loser-Laterne, knapp hinter ihrer Mutterpartei. Das zeigt eine Auswertung aller Parteiparolen seit Beginn des Jahres 2003. Mit 39 von 54 gewonnenen Abstimmungen erreicht die EDU eine Siegquote von 72,2%, höher als jene des Regierungrates (71,7%). Hinter der Partei mit einem Wähleranteil von 3,53% (Kantonsratswahl 2012) folgen die SP und die CVP, die sich mit 70,4% Rang zwei teilen. Erst dahinter reiht sich der Kantonsrat ein, dessen Abstimmungsempfehlungen jeweils in 68,5% der Fälle befolgt wird. Die unterschiedlichen Werte im Vergleich zum Regierungsrat erklären sich erstens dadurch, dass die Regierung nicht zu allen Vorlagen eine Abstimmungsempfehlung ausgesprochen hat oder diese «nicht (mehr) lückenlos vorhanden» sind, wie Staatsschreiber Christian Ritzmann auf Anfrage schreibt. Zweitens gibt es drei Fälle, in denen die Regierung eine andere Parole als die Mehrheit des Kantonsrates aussprach. Die Volksinitiativen «Bierdeckel», «EKS vors Volk» und «60 Kantonsräte sind genug».

Immerhin folgt die Stimmbevölkerung den Empfehlungen der Exekutive und der Legislative öfter als jenen der meisten Parteien. Hinter der FDP (66,7%), der ÖBS und der EVP (je 64,8%), folgen die Jungfreisinnigen (64%) sowie die AL (59,2%). Auf den letzten Rängen landen die SVP (57,4%) und ihre Jungpartei (56%). Das Schaffhauser «Volk» folgt damit am wenigsten den Parolen der «Volkspartei».

Wer diese tiefe Quote mit der Oppositionsrolle der SVP erklären will, kommt nicht weit. Die Partei, die nämlich am häufigsten eine Parole gegen die Mehrheit des Kantonsrates ausspricht und somit die aktivste Oppositionspartei darstellt, ist die AL. Bei 24 von 49 Abstimmungsvorlagen hat sie die gegenteilige Parole ausgegeben und dabei immerhin neunmal gewonnen. Häufiger hat nur die SP den Kampf gegen die Regierung für sich enschieden. Sie trägt in zehn von 22 Fällen, in denen sie die Oppositionsrolle einnimmt, den Sieg davon. Die SVP ergriff zwar auch häufig eine Parole gegen die Regierung (16 Mal), war dabei aber nur viermal erfolgreich.

Die AL ist faktisch die Jungpartei der SP

In 87,8% fassen die AL und die SP die gleiche Parole. Nur die Junge SVP und die SVP haben mit 88% eine höhere Übereinstimmung. In 86% sind sich die Jungfreisinnigen und die FDP einig.

Grosses Konfliktpotenzial gibt es zwischen der AL und den Jungfreisinnigen. Lediglich 38,8% beträgt die Übereinstimmung zwischen diesen beiden Parteien. Das ist der tiefste Wert überhaupt. Hingegen scheint die CVP mit allen Parteien gut auszukommen. Am tiefsten sind die Gemeinsamkeiten mit der AL (55,1%), am höchsten mit der FDP (83,3%).

Kantonaler Vergleich: Schaffhausen im Mittelfeld

Im kantonalen Vergleich rangiert Schaffhausen in der unteren Tabellenhälfte. Mit einer Siegquote von 71,7% seit 2003 schafft es der Regierungsrat nur auf Platz 15 von 24 mitspielenden Kantonen. Für Glarus und Appenzell Innerrhoden sind keine Daten verfügbar, weil diese andere Spielregeln anwenden (Landsgemeinde). Damit ist Schaffhausen sowohl unter dem kantonalen Durchschnittswert von 75,5% und hinter dem Bundesrat (73,1%). Immerhin lässt man grosse Namen wie Genf (70%) Basel-Stadt (68,5%), und Bern (47,4%) hinter sich. Und noch wichtiger: Den Thurgau (66,7%). Zu den Spitzenplätzen fehlt aber einiges. Die Nidwaldner Regierungen haben nur eine von 22 Vorlagen verloren, nämlich die Totalrevision des kantonalen Baugesetzes vom 28. September 2008. Das ergibt eine Erfolgsquote von 95,5%. Dahinter folgen Zug (92,3%) und St. Gallen (90%), wobei die St. Galler Regierung erst seit 2010 Abstimmungsempfehlungen ausspricht.

Diese Tabelle muss jedoch mit Vorsicht interpretiert werden, weil leider einige Kantone im Archivieren der Abstimmungsempfehlungen ihrer Regierungen ziemlich schlampig vorgehen. Vor allem in Bern und im Tessin fehlen im verwendeten Datensatz von «Année Politique Suisse», das vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern herausgegeben wird, relativ viele Parolen.

Quellen: Année Politique Suisse, Staatskanzlei Kanton Schaffhausen, «Schaffhauser Nachrichten»

Dieser Artikel erschien im August 2014 im Magazin «Lappi tue d’Augen uf».

«Wir fordern nur unser Recht ein»

Ein Bundesgerichtsentscheid von 2003 verpflichtet die Kantone dazu, Plätze für die Jenischen zur Verfügung zu stellen. Doch mit der Umsetzung hapert es gewaltig. Schaffhausen hat bis heute keine Lösung parat.

Der PROVISORISCHE DURCHGANGSPLATZ beim Langriet. Foto: Jimmy Sauter

Das Wetter ist wechselhaft an diesem Mittwoch, dem 14. Mai. Zwischendurch regnet es, eine kühle Brise weht im Neuhauser Langriet. Die Temperaturen laden nicht gerade dazu ein, im Freien unter einer Plane auf einem Plastikstuhl zu verweilen und die frische Luft zu geniessen.

Reto Moser, Aktuar und Vorstandsmitglied der Bewegung Schweizer Reisenden, macht das nichts aus. Er verkriecht sich bei diesen Bedingungen nicht in einer warmen Stube. Er zieht den grossen Teil des Jahres mit seinem Wohnwagen durch die Schweiz, wie viele andere Jenische.

Reto Moser hat extra früher aufgehört zu arbeiten, um sich mit den Gemeindepräsidenten von Neuhausen und Beringen, Stephan Rawyler und Hansruedi Schuler, beim Verkehrsgarten zu treffen. Eine Woche zuvor hatte er hier seine temporäre Wohnstätte aufgebaut. Zum Zeitpunkt des Treffens mit den zwei Gemeindepräsidenten lebten noch sieben weitere Familien vor Ort. Bis zum 21. Mai durften sie bleiben.

Dass die Gruppe zwei Wochen in Neuhausen leben konnte, ist eine Ausnahme. Lange Zeit haben die Jenischen den Kanton Schaffhausen nämlich gemieden. Nicht weil sie wollten, sondern weil es hier keinen Durchgangsplatz für sie gibt. Dabei wäre der Kanton dazu verpflichtet, der Minderheit einen Platz zur Verfügung zu stellen.

Die Kantone sind in der Pflicht

Die Jenischen sind in der Schweiz offiziell als nationale Minderheit anerkannt, sie sind Schweizer Bürgerinnen und Bürger, leisten hier Militärdienst, zahlen Steuern. Trotz internationaler Verpflichtungen lässt die Schweiz das Volk aber bisher vielerorts im Regen stehen.

Wir blenden zurück: Am 1. Februar 1999 war das Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten in Kraft getreten. Darin anerkennt die Schweiz die Fahrenden als nationale Minderheit und verpflichtet sich «die Bedingungen zu fördern, die es Angehörigen nationaler Minderheiten ermöglichen, ihre Kultur zu pflegen und weiterzuentwickeln und die wesentlichen Bestandteile ihrer Identität, nämlich ihre Religion, ihre Sprache, ihre Traditionen und ihr kulturelles Erbe, zu bewahren.» (Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten. Art. 5, Abs. 1)

Am 28. März 2003 fällte das Bundesgericht einen Grundsatzentscheid über die Rechte der Jenischen in der Schweiz. Er lautet wie folgt: «Die Nutzungsplanung muss Zonen und geeignete Plätze vorsehen, die für den Aufenthalt von Schweizer Fahrenden geeignet sind und deren traditioneller Lebensweise entsprechen (…)». Weil die Raumplanung eine Kompetenz der Kantone ist, wird damit auch Schaffhausen in die Pflicht genommen.

Schaffhausen: Zero Plätze

Warum gibt es heute – elf Jahre nach dem Bundesgerichtsentscheid – im Kanton Schaffhausen keinen festen Platz für die Jenischen? Hat der Kanton überhaupt jemals Anstrengungen vorgenommen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen? Tatsächlich schien sich lange Zeit niemand darum zu kümmern. Erst im Jahre 2012 unternahm der Kanton erste Bemühungen, den Verpflichtungen nachzukommen. Susanne Gatti, Dienststellenleiterin des Planungs- und Naturschutzamtes, erklärt: «Wir sind im Rahmen der Richtplanerarbeitung 2012 mit der Stiftung ‚Zukunft für Schweizer Fahrende’ in Kontakt getreten. Gemäss deren Standbericht 2010 fehlt im Kanton Schaffhausen ein Durchgangsplatz mit 10 Stellplätzen.» Ob und wo es früher solche Plätze gab, ist den Behörden unbekannt: «Wir führen keine Übersicht über aufgehobene Durchgangsplätze in Schaffhausen».

Zumindest in Neuhausen ist man in dieser Angelegenheit besser informiert. Stefan Rawyler: «Bis vor wenigen Jahren konnte die Gemeinde den Platz oberhalb der ‚Chiesgrueb’ zur Verfügung stellen. Als ständiger Durchgangsplatz hätte sich dieser aber nicht geeignet. Zudem wird der Platz in den letzten Jahren für andere Zwecke regelmässig genutzt, so dass er auch für einen kurzfristigen Aufenthalt von Fahrenden nicht mehr zur Verfügung steht.» Auch in Zukunft sei kein ständiger Durchgangsplatz möglich, weil Neuhausen flächenmässig keine grosse Gemeinde sei. Neuhausen stellt den Jenischen aber für dieses Jahr immerhin zweimal provisorisch den Verkehrsgarten zur Verfügung. Reto Moser sieht jedoch nicht ein, warum der «Chiesgrueb»-Platz nicht genutzt werden kann: «Der Platz steht leer. Es stehen lediglich zwei grosse Container darauf.»

Ein Platz in Beringen?

Zurück ins Langriet. Reto Moser zeigt den Herren das Camp. Der Beringer Gemeindepräsident Hansruedi Schuler hat Verständnis für die Jenischen und prüft mögliche Standorte in seiner Gemeinde. Erste Gespräche zwischen Beringen, dem Kanton und der Bewegung der Schweizer Reisenden haben bereits stattgefunden: «Dabei ging es um grundsätzliche Abklärungen, ob ein Platz für die Schweizer Fahrenden gefunden werden könnte. Es wurden auch mögliche Gebiete angeschaut, konkrete Standorte sind jedoch noch nicht definiert worden. Im Moment sind die kantonalen Stellen daran, zu prüfen wie es konkret weiter gehen könnte». Nach rund zwanzig Minuten ziehen beide wieder ab.

Reto Moser setzt sich an den Tisch auf seinem Vorplatz und erklärt dem Lappi-Journalisten die missliche Lage. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: «Offiziell gibt es hierzulande 43 Plätze, wo wir unsere Wohnwagen abstellen können. Aber diese Zahlen entsprechen nicht der Realität. Viele Plätze, die aufgeführt werden, verfügen über keine genügende Infrastruktur». Dabei sind die Anforderungen gering. «Wir benötigen lediglich Wasser, Strom und eine sanitäre Anlage. Zudem sollte ein Platz schon über die Grösse verfügen, dass man sicher 10 bis 15 Wohnwagen abstellen kann. Schweizweit gibt es weniger als 20 solcher Plätze. Das heisst, dass die publizierte Liste nicht den Tatsachen entspricht und somit der Bevölkerung falsche Zahlen vorgegaukelt werden. Diese falschen Aussagen erschweren unsere Bemühungen für zusätzliche Plätze.»

«Von Grund auf aufklären»

Ob der Kanton mit dem nötigen Nachdruck auf die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags pocht, den Jenischen einen Platz zu bieten, wenn sich alle Gemeinden zurückhalten, ist fraglich. Susanne Gatti sagt: «Die von uns ins Auge gefassten Standorte sind aus verschiedenen Gründen nicht in Frage gekommen.»

Auch ob in Beringen dereinst ein Durchgangsplatz eingerichtet wird, steht in den Sternen. «Wir machen uns keine Illusionen, es ist ein langer Weg», sagt Reto Moser. Wenn für einen Platz die Raumplanungszonen geändert werden müssen, könnte es sogar zu einer Volksabstimmung kommen. So geschehen am 18. Mai im sanktgallischen Thal. Anwohner ergriffen das Referendum gegen den geplanten Platz. Am Schluss machten 127 Stimmen den Unterschied. 52,8 Prozent der Stimmbevölkerung sagten nein. Es ist nur eines von wenigen Beispielen, das die Ablehnung zeigt, mit der die Bevölkerung den Jenischen begegnet.

Für Reto Moser ist deshalb klar: «Wir müssen die Schweizer nicht sensibilisieren, wir müssen sie von Grund auf aufklären. Es herrscht Nichtwissen par excellence, durch sämtliche Bevölkerungsschichten.»

Auf die Missachtung ihrer Rechte haben die Jenischen im April mit einer Demonstration auf der Kleinen Allmend in Bern hingewiesen, bis die Berner Polizei der Besetzung ein unsanftes Ende setzte. Marco Graf, Vizepräsident der Bewegung, hat sich mittlerweile zu uns gesetzt. Er erklärt: «Die Aktion war ein Hilfeschrei.» Und Reto Moser ergänzt: «Ja, es war nie unsere Absicht, die Vorschlaghammer-Methode zu ergreifen, aber es war jetzt einfach notwendig, um politischen Druck aufzubauen, sonst passiert gar nichts. Wir warten bereits zu lange auf Lösungen.» Beide ziehen sie ein durchwegs positives Fazit nach der Besetzung. Auf einen Schlag wurden den Jenischen in der Schweiz drei zusätzliche Plätze zur Verfügung gestellt. Genug ist das aber noch lange nicht.

Links:
Rahmenübereinkommen
Bundesgerichtsentscheid (E. 3.1 und 3.2.)

Dieser Artikel erschien am 4. Juni 2014 im Magazin «Lappi tue d’Augen uf»

100 Stutz für 100 Stümpen

Seit Oktober kommen erwischte KifferInnen mit einer Ordnungsbusse davon – das begrüssen auch Fachleute.

kiffen
Bild: Yann Aders

Vage erinnert sich H.* zurück. Geschätzte acht Jahre ist es her. Unzählige Stunden verbrachte er damals auf der Munotwiese, am Lindli oder beim Windegghüsli. Mit dabei hatte er immer ein Säckchen Gras. Zusammen mit Kumpels wurde kräftig gequalmt. Aus Spass, aus Genuss, aus Langeweile. Ein wenig auch, um still gegen das System zu rebellieren. Die Polizei war selten ein Problem.

«Meistens war sie von weit her zu sehen. Zum Beispiel auf der Munotwiese, wenn die Patrouille mit dem Auto vom Künzleheim her Richtung Munot fuhr. Bevor wir uns überhaupt aufrafften, um das Marihuana zu verstecken, warteten wir erst mal ab, ob die Beamten überhaupt ausstiegen und in unsere Richtung kamen. Oft war es dann ganz lustig, wenn die Polizisten unsere Rucksäcke und Taschen durchsuchten, aber nichts fanden ausser den üblichen legalen Zutaten.»

Polizei: von Weitem sichtbar

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und KifferInnen ist auch heute noch Praxis. Die Initiative zur Legalisierung von Cannabis erlitt Ende 2008 Schiffbruch. 63 Prozent lehnten sie ab. Trotzdem hat sich die Gesetzeslage aber vor kurzem leicht verändert. Eine parlamentarische Initiative der CVP-Fraktion brachte den Vorschlag eines schweizweit einheitlichen Ordnungsbussensystems auf den Tisch.

Der Nationalrat trat darauf ein und sprach sich dafür aus, Cannabis-KonsumentInnen, die mit weniger als 10 Gramm erwischt werden, mit 200 Franken zu büssen. Dagegen war vor allem die SVP. Von Verharmlosung und einer scheibchenweisen Legalisierung gegen den Volkswillen war die Rede. Damit fand die Volkspartei aber kein Gehör.

Schaffhausen: keine Statistik

Die Diskussion drehte sich fortan noch über mehrere Sessionen hinweg um die Höhe der Busse. Andrea Geissbühler, Polizistin und SVP-Nationalrätin aus Bern, argumentierte, dass der Zusatzaufwand für die Polizei nur mit einer Busse von 200 Franken gedeckt werden könne.

Aber, welcher Zusatzaufwand? Patrick Caprez, Kommunikationsbeauftragter der Schaffhauser Polizei, verneint jedenfalls, dass das neue Gesetz für die Schaffhauser Polizei einen zusätzlichen Arbeitsaufwand verursacht. Weniger Arbeit gebe es deswegen aber auch nicht.

Beim langwierigen Gezänk um die Bussenhöhe zwischen National- und Ständerat setzte sich zum Schluss die kleine Kammer durch, die auf hundert Franken beharrte. Wie viele Bussen die Schaffhauser Polizei seit dem 1. Oktober 2013, als das Gesetz in Kraft trat, verteilt hat, weiss Patrick Caprez nicht.

«Darüber führen wir keine Statistik». Auch eine Einschätzung, ob es ähnlich viele wie im Kanton Basel-Stadt (fünf Bussen im Monat Oktober) oder im Kanton Zürich (110) waren, will Patrick Caprez nicht geben. Ein paar werden es aber schon gewesen sein, weil die Sünder immerhin teilweise vom neuen Bussensystem Gebrauch machten und die hundert Stutz gleich bar den Polizisten in die Hand drückten.

In den Räten wurde aber nicht nur über die Höhe der Bussen diskutiert, sondern auch über die Menge des erlaubten Haschisch- und Cannabis-Besitzes. Der Schwyzer SVP-Ständerat Peter Föhn meinte, dass mit zehn Gramm 100 Joints gedreht werden könnten.

Sprach er da etwa aus eigener Erfahrung? Falls ja, scheint es ziemlich starkes Gras gewesen zu sein, das Peter Föhn da geraucht hatte. Die Lappi-Redaktion kommt nach intensiver Recherche zum Schluss, dass 0.25 Gramm Marihuana pro Joint annehmbar sind. Aus zehn Gramm ungefähr 40 Joints zu drehen, scheint somit realistisch, wobei es natürlich auf Lust und Laune der KonsumentInnenen ankommt.

Spricht Peter Föhn aus Erfahrung?

Bleibt zu klären, was die Vorteile des neuen Gesetzes sind. Peter Sticher, erster Staatsanwalt des Kantons Schaffhausen, und Patrick Dörflinger vom Verein für Jugendfragen, Prävention und Suchthilfe (VJPS) begrüssen unisono das Ordnungsbussenmodell für Erwachsene.

Für Patrick Dörflinger trägt der Verzicht auf ein Strafverfahren zur Entstigmatisierung der Konsumierenden bei. Auch Peter Sticher ist der Meinung, dass die bisherige Bekämpfung des Cannabiskonsums mit strafrechtlichen Mitteln für die Justiz mit erheblichem Aufwand verbunden war, welcher im Verhältnis zur Schwere des Delikts nicht immer im gleichen Masse als angemessen empfunden wurde.

«Mit dem Bussenmodell werden die Staatsanwaltschaft des Kantons Schaffhausen entlastet und Kosten eingespart. Ausserdem existiert nun eine schweizweit einheitliche Sanktionspraxis», sagt Peter Sticher.

Gleichzeitig findet es Patrick Dörflinger wichtig, dass mit Jugendlichen anders umgegangen wird. Er unterstützt deshalb die Einführung der Meldebefugnis. Dadurch kann die Gefährdung von suchtmittelkonsumierenden Jugendlichen vom VJPS abgeklärt werden, bevor eine Behörde eingeschaltet wird.

«Wenn es lediglich um eine geringfügige Problematik geht, reichen oftmals flankierende Massnahmen aus. In diesen Fällen wird der Jugendliche nicht behördlich erfasst und er hat zusätzlich eine Stelle kennengelernt, die ihm unter Umständen in künftigen Krisen wieder beratend und unterstützend zur Verfügung stehen kann.»

Diese Ansicht vertritt auch Peter Sticher: «Die Einführung eines Bussensystems für Jugendliche ist aus Gründen des Jugendschutzes kein Thema.» Und er hält fest: «Der Cannabiskonsum ist mit der Gesetzesänderung – aus meiner Sicht zu Recht – nicht entkriminalisiert worden.»

Für H., der längst erwachsen geworden ist, hat sich somit nicht viel verändert. «Die hundert Stutz kann ich auch sinnvoller ausgeben, als sie einem Polizisten in die Hand drücken. Zum Beispiel für mehr Gras.»

* Den Namen hat die Redaktion vergessen.

Dieser Artikel erschien im Dezember 2013 im Magazin «Lappi tue d’Augen uf»

Hiki-Haka in Wettswil-Bonstetten

Überall wird Fussball gespielt, auch auf dem Land. Mit dem Tiki-Taka des FC Barcelona hat das Zweitliga-Spiel, das der Lappi besucht hat, so viel gemein, wie die Muttenzer Kurve mit dem Fangrüppchen des FC Kosova.

FC Wettswil-Bonstetten – FC Kosova ZH 1:1

Während Tausende vor der Glotze das EM-Spiel Holland-Dänemark verfolgen, machen sich drei Lappi-Redaktoren auf den Weg ins Zürcher Hinterland, um sich ein anderes Fussballspiel anzusehen. Es ist ein warmer, sonniger Tag. In Scharen stürmen Rentner und solche, die es bald sein werden, den Zug nach Zürich. Mit Ellbogeneinsatz können wir uns gerade noch Plätze in einem Viererabteil sichern. Was die Damen und Herren trotz EM nach Zürich führt, ist uns schleierhaft. Wir wissen nur, was garantiert nicht der Grund ist: Das Spiel des FC Wettswil-Bonstetten gegen den FC Kosova ZH. Rund um den Fussballplatz des FCWB gibt es nämlich noch viel weniger Sitzplätze als in den SBB-Zügen. Passend dazu lautet auch der Name der Wettswiler Wiese: Stadion «Moos».

Am Bahnhof in Wettswil deutet nichts auf das grosse Match hin. Obwohl es sich immerhin um den letzten Spieltag der «2. Liga interregional, Gruppe 5» – so der offizielle Name – handelt. Klingt in etwa gleich bescheuert wie «Raiffeisen Super League». Auf jeden Fall steht der FCWB mit grossem Vorsprung auf Platz eins seiner Liga. Der Aufstieg ist also schon gesichert, und die Party dazu soll heute steigen. Da hätte man doch ein paar Hinweisschilder für auswärtige Gäste erwartet. Vielleicht hat in Wettswil einfach niemand damit gerechnet, dass von auswärts jemand kommt.

Dank der Karten-App auf dem iPhone finden wir den richtigen Weg trotzdem. Vorbei an einem Tümpel, zwei Eseln und mehreren Bauernhöfen gelangen wir zum Clubhaus des FCWB. Lärm dröhnt uns entgegen. Wir sehen einige Festtische und -bänke, dahinter eine improvisierte Bühne. Wir kämpfen uns zwischen heimischen Fans hindurch, von denen einige bereits das Aufstiegs-Shirt tragen, und begeben uns erstmal zur Bar, wo wir ein Stück Schaffhausen finden: Falkenbier. Kaum haben wir Platz genommen, ertönt aus den Boxen in ziemlich mieser Qualität der Soundtrack von «Pirates of the Caribbean». Das Zeichen für die Spieler. Sie kommen aus dem Clubhaus und gehen einen Meter neben uns vorbei auf den Rasen. Das sind noch Spieler zum Anfassen. Der Speaker klärt die Zuschauer darüber auf, dass der FC Kosova ZH dem Heimteam einen Harass kosovarisches Bier mitgebracht hat. Eine freundliche Geste. Und vor allem: Eine gute Idee, das Präsent zum Aufstieg vor dem Spiel zu überreichen. Danach hat man sich vielleicht nicht mehr so lieb.

Einiges an der Zeremonie erinnert an die grossen Fussballspiele aus dem TV. Spieler, die den FCWB verlassen, werden mit Blumen verabschiedet. Die Linienrichter kontrollieren die Tornetze. Der Schiri pfeift an. Sogleich bemerkt der aufmerksame Besucher aber einige ziemlich wichtige Dinge, die hier fehlen. Eine Matchuhr ist nicht in Sicht. Und vor allem hat es keine Balljungen. Der erste Schuss eines Kosova-Spielers landet gleich mal fünfzig Meter hinter dem Tor. Eine ältere Dame macht sich langsam auf den Weg Richtung Ball.

Ahnungslose TV-Kommentatoren werfen den Spaniern vor, ihr Tiki-Taka sei brotlose Kunst. Dabei ist dieses Kurzpass-Spiel alles andere als einfach. Die Spieler des FCWB beherrschen es scheinbar nicht. Fast alle ihrer Angriffe leiten die Verteidiger mit einem hohen Ball in Richtung gegnerisches Tor ein, oft mit wenig Erfolg. Aber es geht noch schlechter. Wenn es nämlich Javier Crespo Mendez – der Torhüter mit dem spanischen Namen und den österreichischen Füssen – mit einem weiten Abschlag versucht, heisst es meist «Achtung Ball!» Die Wahrscheinlichkeit, dass der lange Ball einem unachtsamen Zuschauer auf den Kopf prallt, ist um einiges höher, als dass er einen Stürmer der Rot-Schwarzen erreicht. Vielleicht ist die Stimmung unter den geschätzten 200 Besuchern deshalb ziemlich verhalten. Die junge Frau neben uns unterhält sich jedenfalls mit ihren zwei Kollegen über ihre Pickel-Probleme.

Plötzlich wird es zum ersten Mal laut. Der für seine Abschläge getadelte Goalie des FCWB pariert einen knallharten Schuss eines Kosovaren glänzend. Den folgenden Eckball bringt die Nummer 8 des in weissen Shirts spielenden FC Kosova hoch vor das Tor. Der Ball fliegt über Mendez hinweg, es sieht so aus, als würde der Eckball direkt im Tor landen – nein, er klatscht an den hinteren Pfosten. Viel Glück für das Heimteam. Kaum zu glauben, dass diese Mannschaft in der Rückrunde alle Partien gewonnen hat. Das letzte Team, von dem sie besiegt wurde, war – genau – der FC Kosova ZH. Und der macht jetzt richtig Druck. Eine Abseitsentscheidung bringt mehrere Kosova-Spieler in Rage. Die Lappi-Redaktion steht jedoch genau richtig und kann den Entscheid nur bestätigen. Es bleibt zur Pause beim 0:0.

Es mag ein Klischee sein, aber die Kosovaren bringen eine ordentliche Portion Aggressivität mit ins Spiel. Nicht ganz überraschend fliegt kurz nach der Pause der erste von ihnen vom Platz: Gelb-rote Karte. Die rund dreissig angereisten Kosova-Fans toben vor Wut. Schiedsrichter Daniel Locchi muss sich üble Schmährufe anhören. «Pfiife» und «Tubel» gehören zur harmlosen Sorte, die meisten und vermutlich schlimmeren Beschimpfungen ertönen aber in Albanisch. Offizielle Sicherheitskräfte sind übrigens keine anwesend. Aber wer weiss, vielleicht gibt es unter den Kosova-Fans den einen oder anderen, der für gewöhnlich dieser Arbeit nachgeht. Oder unter den Spielern.

Obwohl der FC Kosova nur noch mit zehn Mann auf dem Feld ist, schlägt der Ball wenig später zum ersten Mal im Tor der Rot-Schwarzen ein. Alban Hotjani bringt die Gäste in Führung. Wenig später fast das 0:2. Einen Freistoss kann der zur Pause neu eingewechselte Goalie Davide Maggiulli für die Wettswiler gerade noch um den Pfosten lenken. Das war knapp.

An der Seitenlinie singt ein Grüppchen Mädchen «let’s go WB, let’s go». Viel Geduld haben sie aber nicht. Die gleichaltrigen Jungs, die auf dem Nebenplatz kicken, sind viel interessanter.

Auf dem grossen Platz versuchen die Kosovaren, Zeit zu schinden, indem sie mit dem Ball zur Eckfahne laufen. Doch diesmal klappt᾽s nicht. Die Wettswiler erobern sich die Kugel. Es läuft die gefühlte 95. Minute. Ein hoher Ball nach vorne. Gerangel. Ein Pfiff. Penalty! Tobende Kosovaren auf dem Feld und drumherum. Das darf doch nicht wahr sein. Srdjan Aksic, der serbische Torjäger in den Reihen des FCWB, nimmt sich den Ball und haut ihn ins Tor. Abpfiff. Aus. 1:1.

Das Schiedsrichter-Trio verlässt eilig das Feld und verschwindet in der Kabine. Die Kosova-Spieler lassen die Köpfe hängen. Die Nummer 8 mag kein Interview geben. Er hält die Anfrage für einen Scherz. «Wotsch mi verarsche?» Srdjan Aksic ist auskunftsfreudiger: «Normal Penalty, das isch de Job vom Captain. Er macht Penalty sehr gut, sehr richtig. Aber er hat sich verletzt in vierzigschte Minute und dann kommt die Chance für mich.»

Für die Meisterparty bleibt das Lappi-Team dann nicht mehr. Eine Hundsverlochete auf dem Feld genügt uns, da braucht’s keine zweite am Festbank. Immerhin war das miese Gekicke des FCWB nicht im TV zu sehen. Von anderen Mannschaften kann man das nämlich nicht behaupten. Gell, lieber Arjen Robben.

Dieser Artikel erschien am 24. August 2012 im Magazin «Lappi tue d’Augen uf»