Tag Archives: Kurzarbeit

Retten oder nicht retten

Gewerkschafter Lorenz Keller fordert in der aktuellen Krise einen stärkeren Kündigungsschutz. Derweil sagt Unternehmer Giorgio Behr, der Staat solle jetzt nicht jeden Job retten. Ein Streitgespräch zum Tag der Arbeit.

Streitgespräch via Internet: Lorenz Keller (links) und Giorgio Behr. Bild: Screenshot

Giorgio Behr, Sie sind bereits über 70 Jahre alt und gehören damit zur Risikogruppe. Sind Sie deshalb nach Andermatt geflüchtet?

Giorgio Behr Wir sind nicht geflüchtet. Unser jüngster Sohn hat sich freiwillig für zusätzliche Diensttage im Callcenter des Zivilschutzes gemeldet. Deshalb mussten wir eine Lösung finden, damit er in der Region bleiben kann. So lag es nahe, dass wir in unser Haus nach Andermatt ziehen.

Wie geht es Ihnen dort? Kauft jemand für Sie ein?

Behr Wir leben in Selbst-Isolation, jeden Morgen machen wir einen 90-minütigen Spaziergang. Der lokale Metzgermeister bedient uns alle vier, fünf Tage und eine Angestellte kauft für uns ein. Wir sehen sie aber nie, wir kommunizieren nur via WhatsApp. Und über Telefonkonferenzen bleibe ich in Kontakt mit meinem Team bei der BBC-Gruppe, auch mit den Kindern und den Enkelkindern. Das geht ganz gut.

Lorenz Keller, wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Lorenz Keller Normalerweise nehme ich den Zug und fahre nach Zürich oder Bern zur Arbeit. Jetzt bin ich im Home-Office, während mein Sohn nebenan Hausaufgaben macht. Unser Betreuungskonzept hat stark auf der Grossmutter beruht, das geht jetzt natürlich nicht mehr auf. Aber es ist ein Klagen auf sehr, sehr hohem Niveau. Es funktioniert erstaunlich gut.

Jetzt werden Berufe wie Verkäuferinnen oder Pflegekräfte als systemrelevant erklärt. Giorgio Behr, hat sich Ihr Bild von diesen Berufen verändert? Braucht es in diesen Branchen mehr Lohn?

Behr Das ist natürlich eine Suggestivfrage, die mich zu einem Nein provozieren will. Ich habe jeden Beruf immer respektiert. In der Schweiz sind wir gesamthaft betrachtet sehr vorbildlich, wenn man die niedrigsten Löhne mit den höchsten Löhnen vergleicht. In Frankreich zum Beispiel ist das viel schlechter.

Keller Viele dieser Berufe sind heute Tieflohn-Jobs. Selbstverständlich findet man immer irgendwo ein Land, in dem die Löhne noch tiefer sind. Aber es kann nicht das Ziel sein, Abwärtsvergleiche zu machen oder deswegen Löhne noch mehr zu drücken. Es ist auch keine neue Forderung der Gewerkschaften, dass die Arbeitsbedingungen in diesen Branchen endlich besser werden sollen. In der Vergangenheit haben die Arbeitgeber aber das Gegenteil verlangt. Mehr Flexibilität, früher anfangen, länger bleiben und unregelmässigere Einsätze. Also immer mehr Stress. Und praktisch alles sind typische «Frauenberufe». Das ist kein Zufall. Jetzt braucht es endlich einen anständigen Lohn. All jene, die jetzt froh sind, dass diese Berufe ausgeübt werden, sollen nun nicht nur A sagen, sondern auch B und entsprechend handeln. Aber auch in der Industrie gibt es sehr tiefe Löhne, beispielsweise bei der IWC in Schaffhausen. Dort gibt es Leute, die nur knapp 4000 Franken im Monat verdienen. So viel braucht es in der Schweiz doch mindestens, um davon leben zu können.

Behr Zu diesem Betrag kann ich nicht Nein sagen. Aber ich glaube, die meisten Industriefirmen zahlen weit mehr als 4000 Franken.

Nun werden aus Wirtschaftskreisen mehr Lockerungen gefordert. Stimmen Sie diesen Forderungen ebenfalls zu, Giorgio Behr?

Behr Es läuft ein noch nie dagewesenes Experiment, mit sehr vielen Variablen und Unbekannten. Ändert man zu viel zu rasch, wird der Wiedereinstieg unkontrollierbar. Sackt die Wirtschaft noch einmal ab, wird auch die reiche Schweiz nicht mehr in der Lage sein, die nötigen Mittel zur Rettung einzusetzen.

Keller Wichtig ist, dass bei allen Arbeitsplätzen die Schutzmassnahmen eingehalten werden. Das wird etwas kosten. Aber diesen Preis müssen wir alle miteinander bezahlen. Wenn wir in eine zweite oder eine dritte Welle geraten, ist der Preis – auch für die Wirtschaft – noch viel, viel höher.

Lorenz Keller, die Gewerkschaften fordern, dass in der aktuellen Krise keine Kündigungen ausgesprochen werden. Der Kündigungsschutz soll sogar noch verstärkt werden. Würde es längerfristig nicht mehr Sinn machen, wenn eine Firma jetzt einen Teil der Angestellten entlässt – so hart es für die Betroffenen ist –, um einen Konkurs zu verhindern und damit zumindest einen Teil der Arbeitsplätze langfristig zu sichern? Wenn die Firma pleitegeht, sind alle Arbeitsplätze verloren.

Keller Giorgio Behr hat vorher eine Suggestivfrage unterstellt, das mache ich jetzt auch.

(Giorgio Behr lacht)

Keller Die grossen Firmen sind ziemlich gut darin, jetzt Gelder zu fordern. Es wird aber nicht reichen, nur die Firmen zu retten. Wenn man so viel Geld ins System pumpt, dann kann es nicht sein, dass eine Firma Gelder bezieht und gleichzeitig die Angestellten auf die Strasse stellt. All jene, die jetzt hart getroffen wurden, also Coiffeure, Restaurants, Läden, werden nur wieder rentabel sein, wenn die Leute genug Geld haben, um zu konsumieren. Aber wenn keine Löhne mehr bezahlt werden und die Arbeitslosigkeit steigt, wird auch die Nachfrage einbrechen. Das ist für die Wirtschaft noch schlechter.

Behr Ich glaube nicht, dass das angeblich fehlende Geld in der Tasche der Leute ein Problem ist. Wegen des Lockdowns wurde weniger eingekauft. Die Entschädigung für Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit ist in der Schweiz so hoch wie nirgends sonst auf der Welt. Vielmehr werden die Leute in einer solchen Situation einfach vorsichtiger. Sie sind nicht bereit, heute ein Auto zu kaufen, sondern erst übermorgen. Daher ist es wichtig, dass die Leute optimistisch in die nächste Phase gehen. Das müssen wir gemeinsam hinkriegen. Entlässt ein Unternehmer jetzt jemanden, demotiviert er die anderen Mitarbeitenden. Dann haben alle Angst, dass sie den Arbeitsplatz verlieren. Jeder Unternehmer, der kühlen Kopf bewahrt, kündigt deshalb in dieser Phase niemandem.

Keller Das ist nicht die Erfahrung, die wir machen. Gerade bei den temporär Angestellten, die zuerst noch von der Kurzarbeit ausgeschlossen waren, hat es am Anfang der Krise Kündigungen gehagelt. Und Leute in Kurzarbeit erhalten nur 80 Prozent des Lohnes.

«Wenn immer alle anständig wären,
dann bräuchte es tatsächlich weniger Regeln.»
Lorenz Keller

Behr Das Problem ist: Wir halten viele Betriebe am Leben – auch im Sport und in der Kultur –, die eigentlich gar nicht überlebensfähig sind. Wir schwächen die Starken, weil die nichts bekommen. Zu Recht, die sind ja stark. Aber wir müssen auch bereit sein, einige Betriebe in Konkurs gehen zu lassen. Wenn ich lese, dass eine Wirtin nach 30 Tagen Lockdown nur noch 27 Franken auf dem Konto hat, obwohl sie die Entschädigung der Kurzarbeit bereits erhalten hat, muss ich mich schon fragen, wie sie bis jetzt gewirtschaftet hat. Ein vernünftig geführtes Unternehmen kann mit den Mitteln Kurzarbeit und Sofortkredit einige Monate überleben. Natürlich gibt es die Problematik der Mieten. Da bin ich auch der Meinung, dass intelligente Vermieter einen Mietzinsnachlass machen. Grundsätzlich bin ich jemand, der auf Selbstverantwortung statt auf stärkere Regulierungen setzt. Ich glaube, damit kommen wir weiter, das ist eine Stärke der Schweiz. Mit zunehmenden Regulierungen schaffen wir nur Arbeit für Kontrolleure.

Keller Jetzt sind wir bei einem Tonbändli, das wir schon ein paar Mal gehört haben. En passant sagen Sie, Herr Behr, die Grossen würden nichts bekommen. Die Realität sieht anders aus. Tamedia schüttet jährlich Millionen und Abermillionen an Dividenden aus und hat jetzt Journalisten in Kurzarbeit geschickt. Das ist absurd. Wenn immer alle anständig wären, dann bräuchte es tatsächlich weniger Regeln. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hat aber gezeigt, dass das nicht so ist. Die Grossen nehmen gerne, wenn es etwas zu nehmen gibt. Dann lassen sie es an den Kleinen aus. Geld nehmen, gleichzeitig Leute entlassen und Dividenden auszahlen, das müssen wir verbieten. Ich befürchte, es wird eine Welle an Konkursen über uns brechen. Der Druck auf alle Arbeitnehmenden wird steigen. Und wenn die, die heute schon die schlechtesten Löhne haben, auf der Strecke bleiben, dann haben wir unseren Job nicht gemacht. Hier stehen alle in der Verantwortung.

«Der Unternehmer war bisher
immer der Dummkopf der Nation.»
Giorgio Behr

Behr Niemand bestreitet, dass es gewisse Regeln braucht. Aber der Unternehmer war ja bisher immer der Dummkopf der Nation. Am 1. August wird er gelobt. Aber sonst geht immer alles gegen den Unternehmer, zum Beispiel die Vermögenssteuer. Vielleicht müsste die Schweiz mal realisieren, dass es in Unternehmen unterschiedliche Leute gibt. Wenn verantwortungsvolle Leute da sind, die nicht nach 10 Jahren mit Boni weg sind und sagen «Après moi le déluge!», kommen wir weiter. Zu den Löhnen: Schauen wir auf die Löhne in der Gastrobranche …

Keller Mindestlöhne von 3470 Franken!

Behr Ich spreche von Löhnen über 4000 Franken. Tiefere Löhne sind kaum zu rechtfertigen, da sind wir uns einig. In dieser Branche findet man kaum noch Köche und Servicepersonal. Woran liegt das? Vielleicht gibt es halt einfach zu viele dieser Lokale. Vielleicht wäre es besser, wenn es weniger gäbe, dafür gute, dann kann auch ein richtiger Lohn bezahlt werden. Ein gelegentliches Ausdünnen ist nicht die dümmste Lösung. Es gibt von allem eine Übersättigung, auch im Sport oder beim Reisen. Easyjet bietet Flüge nach Berlin für 20 Franken an, gleichzeitig kriegen sie Geld vom Staat. Ist das noch sinnvoll? Wir brauchen eine Ausdünnung, weil solche Angebote nicht mehr zu begründen sind.

Keller Das sind zwei verschiedene Themen. Die Leute, die in diesen angeblich schlecht geführten Beizen arbeiten, die Ihrer Meinung nach weg sollen, die haben kein üppiges Bankkonto. Diese Leute fragen sich, wie bezahle ich die Miete, wie die Krankenkasse. Für diese Menschen müssen wir schauen. Eine Debatte über die Angebotskorrektur ist eine andere Diskussion.

Behr Nein, das ist keine andere Diskussion. Wenn wir eine solche Angebotskorrektur jetzt verhindern, lassen wir zu, dass es weiterhin viele Betriebe gibt, die es sich gar nicht leisten können, höhere Löhne zu bezahlen. Sie sorgen dafür, dass man rettet, was gar nicht gerettet werden soll. Wenn man die Starken nicht fördert, gibt es immer weniger Starke, die den Schwachen helfen können.

Reden wir darüber, wer am Ende all die beschlossenen Hilfspakete bezahlt. SP-Präsident Christian Levrat meinte kürzlich im «Tages-Anzeiger», Personen mit einem Einkommen ab 300 000 Franken sollen zur Kasse gebeten werden. Ausserdem bringt er eine Erbschaftssteuer ab 10 Millionen Franken ins Spiel. Was halten Sie davon, Giorgio Behr?

Behr Ich gehe davon aus, dass von den 17 Milliarden Franken an Sofortkrediten der allergrösste Teil wieder zurückbezahlt wird. Was sicher verlorengeht, sind die Mittel, mit denen die Kurzarbeit unterstützt wird. Die Lösung zu finden, wer das bezahlen soll, das überlasse ich den Politikern. Aber ich sehe das alles in allem nicht so dramatisch.

Lorenz Keller, würden denn die Gewerkschaften Hand bieten, beispielsweise über höhere Lohnabzüge, die Arbeitslosenkasse zu unterstützen?

Keller Wenn man ehrlich ist: Probleme, die mit Geld gelöst werden können, lösen wir dann schon, gerade in der Schweiz. Hier ist genug Geld vorhanden. Bei Steuersenkungen oder neuen Kampfjets ist ja offenbar nie das Problem da, dass nachher zu wenig Geld vorhanden wäre. Wenn der erste Impuls aber ist, bei den Löhnen und nicht beim Vermögen anzusetzen, finde ich das falsch. Es gibt Orte, wo immer mehr Geld auf immer grösseren Haufen liegt.

Behr Das Dümmste, das man machen kann, ist eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Das trifft den kleinen Mann mehr als den grossen. Am einfachsten wäre ein Einheitssatz der Mehrwertsteuer, dann könnte man sie sogar senken. Abzüge beim Lohn schwächen die Kaufkraft. Dabei sollten wir die Kaufkraft erhöhen. Das können wir durch Initiativen wie Fair Pricing. Eine Frauenzeitschrift zum Beispiel kostet in der Schweiz 50 bis 70 Prozent mehr als im Deutschen. Man sieht ja am Grenzverkehr, dass bei uns alles viel teurer ist. Es gibt Leute, die daran verdienen! Das ist unsäglich. Da müssen wir ansetzen.

Keller Kaufkraft hat auch eine Ausgabenseite: Mieten und Krankenkassenprämien.

Zum Schluss: Kann man aus dieser Krise etwas lernen? Die Mobilität nimmt ab, man diskutiert per Telefon, statt irgendwohin zu fahren, es gibt weniger CO₂-Ausstoss. Ist das ein Zukunftsmodell?

Behr Wir haben bei der BBC-Gruppe schon Arbeitszeitmodelle mit 4-Tage-Woche, natürlich mit 10 Arbeitsstunden pro Tag, und Home-Office. Jetzt sehen die Leute: Ja, es geht. Und zum Beispiel in der Landwirtschaft: Weshalb nicht wieder zwei, drei Wochen Landdienst einführen? Das gilt auch für Asylsuchende. Was man da in Deutschland macht, Züge mit Tausenden von ausländischen Arbeitern zu füllen, das ist Nonsens. Man kann nicht immer mehr Leute reinlassen. Das führt dazu, dass man die Infrastruktur ständig ausbauen muss. Im medizinischen Bereich müssen wird endlich dafür sorgen, dass wir in der Schweiz genügend Pflegekräfte und Ärzte ausbilden. Es kann nicht sein, dass in Genf oder im Tessin fast 30 Prozent der Arbeitnehmenden Grenzgänger sind.

Keller Um bei der Pflege zu bleiben: Wenn man anfängt, Arbeitnehmende aus dem eigenen Kanton und Grenzgänger gegeneinander auszuspielen und damit an den Löhnen schraubt, dann hat natürlich niemand mehr Lust, in diesem Bereich zu arbeiten.

Behr Es gibt zu wenig Ausbildungsplätze, da fängt das Problem an!

Keller Es gibt die Pflegeinitiative, die unter anderem genau das ändern will. Aber wir müssen auch die Arbeitsbedingungen verbessern. Es nützt nichts, wenn wir viele Leute ausbilden, die dann der Branche den Rücken kehren, sobald sie eine Familie gründen, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gegeben ist. Und noch etwas: Vor der Coronakrise haben wir uns zu Recht intensiv mit der Klimakrise und einem «Green New Deal» befasst. Das gerät jetzt komplett in den Hintergrund. Beim Wiederaufbau der Weltwirtschaft müssen wir beim Umweltschutz mehr Gas geben. Es bringt nichts, die Welt jetzt vor Corona zu retten, wenn sie in 20 Jahren wegen des Klimawandels sowieso futsch ist.

Behr Zu viel Regulierung hemmt die Innovation, auch beim Klimawandel. Der grösste Arbeitgeber für Gesundheit und Pflege ist der Staat, das sind nicht wir Unternehmer.

Dieses Streitgespräch erschien am 30. April in der «Schaffhauser AZ».

Dividende und Kurzarbeit

Umstrittene Praktiken bei Phoenix Mecano und Georg Fischer

Die Technologiefirma Phoenix Mecano hat wegen der Coronakrise an mehreren Standorten Kurzarbeit eingeführt. Am Hauptstandort in Stein am Rhein gilt seit Anfang April Kurzarbeit. Das bestätigt CEO Rochus Kobler gegenüber der AZ. Phoenix Mecano stellt unter anderem Industriegehäuse und elektromechanische Teile her, hat weltweit über 7000 Mitarbeitende und generierte 2019 einen Umsatz von 680 Millionen Euro, umgerechnet etwa 715 Millionen Franken.

Gleichzeitig beantragt das Unternehmen an der nächsten Generalversammlung vom 20. Mai die Ausschüttung einer Dividende von 10 Franken pro Aktie. Das gibt die Firma in ihrem aktuellen Geschäftsbericht bekannt. Das entspricht einer Ausschüttung von 9,6 Millionen Franken.

Dazu muss man wissen: Kurzarbeit wird grundsätzlich über die Arbeitslosenversicherung (ALV) finanziert, in die wir alle, Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeber, jeden Monat einen Teil unseres Lohnes einzahlen. Schauen Sie auf Ihrer Lohnabrechnung nach, wie hoch ihr monatlicher Beitrag an die ALV ist.

Weil diese Beiträge aber für eine grosse Krise nicht ausreichen, hat der Bundesrat entschieden, zusätzlich zu einem rückzahlbaren Kredit über acht Milliarden Franken sechs Milliarden à fonds perdu in die ALV-Kasse einzuschiessen. Das heisst, die Lohnkosten der Firmen, die Kurzarbeit eingeführt haben, werden derzeit zu einem grossen Teil aus der Staatskasse mitfinanziert.

Kurzarbeit einführen und gleichzeitig Dividenden auszahlen, darin sieht CEO Rochus Kobler indes keinen Widerspruch: «Das hat nichts miteinander zu tun. Das Instrument der Kurzarbeit hat die Schweiz eingeführt, um Arbeitsplätze zu erhalten», sagt Kobler. An anderen Standorten in Asien und den USA, wo man keine Kurzarbeit kennt, habe die Firma Entlassungen vornehmen müssen. Das soll am Standort in Stein am Rhein, wo laut Firmenwebsite rund 125 Mitarbeitende tätig sind, verhindert werden.

Ausserdem werde nur fünf Prozent des Umsatzes in der Schweiz generiert. «Die Dividende aber wird an Aktionärinnen und Aktionäre weltweit ausbezahlt», sagt Kobler. Diese wiederum würden in das Wachstum des Unternehmens investieren. Zudem habe man die Dividende von 17 Franken im Jahr 2018 auf 10 Franken für 2019 reduziert. «Dadurch wird die Liquidität des Unternehmens geschont», so Kobler.

Auch die Georg Fischer AG hat Kurzarbeit eingeführt, während die Aktionärinnen und Aktionäre an der Generalversammlung von letzter Woche der Ausschüttung einer Dividende von 25 Franken pro Aktie zugestimmt haben. Gleichzeitig gab die GF in den Schaffhauser Nachrichten bekannt, dass angesichts der Coronakrise rund 200 Führungskräfte auf 20 bis 30 Prozent des Lohnes verzichten würden.

Sind auch bei Phoenix Mecano Lohnreduktionen bei der Chefetage vorgesehen? Rochus Kobler sagt, bei Phoenix Mecano sei der Lohn von rund 50 Führungskräften zu einem Teil vom Erfolg des Unternehmens abhängig. Dieser werde sich wegen der Coronakrise deshalb automatisch reduzieren. Sein eigener Bonus könne in diesem Jahr womöglich gar auf null Franken sinken. 2019 hatte
Kobler laut Geschäftsbericht 860 000 Franken verdient (inklusive Sozialabgaben), davon 74 000 als variable Vergütung. 2018 lag Koblers Lohn noch bei knapp einer Million.

Dieser Artikel erschien am 23. April in der «Schaffhauser AZ» in verkürzter Form.

Laden dicht

Die Geschäfte sind geschlossen. Was ist jetzt mit den Mieten? Der Präsident des Gewerbeverbandes erlässt sie, die Brauerei Falken nicht.

Die Stühle sind auf den Tischen aufeinander gestapelt, der Pächter hantiert mit einem Putzlappen, die Tochter turnt durchs leere Lokal. Im Restaurant Falken in der Schaffhauser Altstadt ist wie in vielen anderen Betrieben zurzeit nichts los. Pächter Jonas Jacky nutzt die Zeit, um die Beiz auf Vordermann zu bringen. Die Angestellten hat er in Kurzarbeit geschickt. Das habe gut geklappt, erzählt er am Telefon und klingt dabei noch relativ gelassen. Einen Notfallkredit musste er bisher nicht aufnehmen. Und das habe er auch nicht vor: Schulden anhäufen, das will Jacky vermeiden. Noch habe er ein paar Reserven. «Ich bin sparsam», sagt Jacky. Auch die Miete fürs Lokal werde er bezahlen können.

Ein paar Sorgen macht sich Martin Winter, Pächter des Restaurants Rhyhalde am oberen Ende des Lindli. Erst im Februar hatte er als neuer Pächter das Lokal eröffnet. Jetzt ist der Laden schon wieder dicht. An einzelnen Tagen biete er Take-Away an, sagt Winter. «Es ist ein Zeichen, dass wir noch am Leben sind. Diese Einnahmen reichen aber natürlich nirgends hin.» Wenigstens hätten einige Gläubiger für seine Situation Verständnis, er könne ein paar Ausgaben derzeit aufschieben, sagt er. «Aber aufgeschoben heisst nicht aufgehoben.»

Von der Stadt in den Reiat: Etwas enttäuscht ist Christine Hatt. Die Altdorferin betreibt am Thaynger Kreuzplatz im Alleingang ein kleines Schmuckgeschäft, repariert Uhren, wechselt Batterien. Ein paar Reparaturen habe sie in den ersten Tagen nach der Einführung des Lockdowns noch machen können, sagt Hatt, aber neue Kundschaft sei seither keine mehr dazugekommen. Einnahmen hat sie nicht, Kosten aber sehr wohl. Beim Amt habe es geheissen, man werde sich um sie kümmern, sobald man dazu käme, erzählt Hatt und schiebt nach: «Das dauert viel zu lange.» Einen Kredit aufnehmen und Schulden machen, das will auch sie nicht. Lieber werde sie ihr Geschäft ganz schliessen, wenn es denn unausweichlich sei.

Christine Hatt sagt aber auch: «Andere sind sicher schlimmer dran.» Sie werde ohnehin bald pensioniert. Und immerhin: Im April muss Christine Hatt für ihren Laden keine Miete bezahlen. Ihr Vermieter ist ihr entgegengekommen, darüber sei sie sehr froh.

Marcel Fringer erlässt die Mieten

Der Vermieter von Christine Hatt heisst Marcel Fringer, amtiert als Präsident des kantonalen Gewerbeverbandes, war 2019 Nationalratskandidat der FDP und will Ende August, sofern die Wahlen planmässig stattfinden, neuer Gmeindspräsi von Thayngen werden. Vielleicht schwingt deshalb bei Fringer eine kleine Portion Opportunismus mit. Immerhin stünde es einem Kandidaten fürs Gemeindepräsidium wohl nicht allzu gut an, in Krisenzeiten als geiziger Vermieter Schlagzeilen zu machen.

Die Mietfrage indes spaltet derzeit die Politik, die Verbände und die Rechtsexpertinnen. Der Schweizerische Mieterinnen- und Mieterverband hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das zum Schluss kommt, dass Geschäfte derzeit keine oder keine vollständige Miete bezahlen müssen. Der Schweizerische Hauseigentümerverband HEV konterte allerdings umgehend und liess ebenfalls ein Gutachten anfertigen. Die vom HEV bezahlten Experten sagen wenig überraschend das Gegenteil: Die Mieten müssen weiterhin bezahlt werden. Soweit die Rechtslage: völlig unklar.

Auch Marcel Fringer ist gegen generelle Mieterlasse. Fringer sagt, seine Frau und er könnten es sich leisten, einen Monat auf die Mieteinnahmen für die gemeinsame Liegenschaft zu verzichten. Andere hingegen nicht.

Damit ist Fringer ganz auf der Linie des Bundesrates. Die Landesregierung hat in den letzten Wochen deutlich gemacht, dass sie keine generellen Mieterlasse will.

Das bedeutet auch: Die FDP-Bundesräte sind gegen Mieterlasse, schliesslich sitzen zwei FDP-Vertreter in der Landesregierung und geben dort den Kurs vor. Weder Mitte-Links noch die SVP haben ohne die Stimmen der beiden Freisinnigen eine Mehrheit.

Warum will die FDP keine Mieterlasse für die kleinen Unternehmen, die immer wieder, gerade auch vom Freisinn, als «Rückgrat der Wirtschaft» geadelt werden? Stehen die Freisinnigen in Krisenzeiten wie damals beim Swissair-Grounding wieder den Grossen zur Seite, diesmal den Immobilienfirmen, und lassen die Kleinen hängen?

«Sicher nicht», sagt Fringer. Die eine Branche gegen die andere auszuspielen, das sei keine Lösung. Generelle Mieterlasse würden lediglich dazu führen, dass sich das Problem verlagert, von den Mieterinnen und Mietern zur Vermieterin. Und: Die Vermieter, das seien nicht nur grosse und reiche Immobilienfirmen, schon gar nicht in Schaffhausen oder Thayngen. Hier seien die Vermieter viele einzelne Privatpersonen, die auf die Mieteinnahmen angewiesen sind. «Die haben auch Rechnungen zu bezahlen: Reparaturen, Hypothekarzinsen, Amortisationskosten», sagt Fringer. Und: «Wenn der Bundesrat die Mietreduktion reglementieren würde, dann müssten auch die Banken in die Pflicht genommen werden und allenfalls auf Hypothekarzinsen oder Amortisationskosten verzichten, was meines Wissen bereits geschieht. Das würde die Vermieterinnen entlasten. Dann wiederum könnten die Mieten gesenkt werden.»

Marcel Fringer schiebt den Ball also den Banken zu.

Folgt ein Beizensterben?

Wer hätte das gedacht: Auch bei den Banken sitzen Freisinnige auf Chefsesseln.

FDP-Kantonsrat Lorenz Laich ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Clientis BS Bank. Zu Fringers Input schreibt er, seine Bank sei «bereit, Gesuche zu prüfen, welche die Sistierung von Amortisationszahlungen oder einen Zahlungsaufschub bei Zinsen zum Gegenstand haben». Aber: «Ganz grundsätzlich kann es nicht sein, dass einer Branche geholfen werden soll, indem eine andere Branche dafür in die Bresche springt und dadurch unter Umständen dann selber in Bedrängnis gerät.»

Laich plädiert für persönliche Gespräch zwischen Mietern und Vermieterinnen: «Wenn bisher die Verpflichtungen stets zuverlässig und termingerecht erfüllt worden sind, darf durchaus ein Entgegenkommen erwartet bzw. verlangt werden.»

Das Gespräch bringt aber nicht immer eine Lösung. Das weiss Renato Pedroncelli, Präsident des Schaffhauser Gastroverbandes. In der Gastrobranche sind die Margen ohnehin tief. Schon 2018 war die Rede vom grossen Beizensterben. Nun ist Corona da. Folgt das nächste Beizensterben?

«Einige werden nicht mehr aufmachen», befürchtet Pedroncelli. Mit ein Grund dafür: die Mieten.

Einige Vermieter stellen sich stur

Ein paar Beizerinnen und Beizer haben dabei noch Glück: Die Stadträte von Schaffhausen und Stein am Rhein haben ihren Pächterinnen und Pächtern die Miete für den April erlassen. Daniel Preisig, Schaffhauser Immobilienreferent, schreibt: «Es geht um das Überleben der Betriebe, um die Sicherung von Arbeitsplätzen und auch darum, Leerstände zu vermeiden. Bei einem Leerstand hätte die Stadt über Monate gar keinen Pachtertrag.» Der Erlass der Monatspacht April für die Restaurants koste die Stadt laut Preisig rund 20 000 Franken. Ausserdem habe der Stadtrat entschieden, für den Rest des Jahres auf ein «Umsatzpachtmodell» umzustellen. Die generelle Sockelpacht entfalle, während die Stadt «angemessen am Umsatz beteiligt» werde.

Die Mieterlasse von Schaffhausen und Stein am Rhein seien «ein positives Zeichen», sagt Pedroncelli, auch wenn es gleichzeitig eine Ungleichbehandlung zwischen den städtischen Betrieben und den privaten Beizerinnen und Beizern bedeute, die keinen Mieterlass erhalten. Pedroncelli hofft, dass der Entscheid als Signal für andere Vermieter verstanden werde. Allerdings habe er auch schon Rückmeldungen erhalten, wonach sich einige private Vermieterinnen und Vermieter «teilweise stur» stellen. Einem Betrieb sei sogar mitgeteilt worden, wenn er die Miete nicht bezahlen könne, solle er eben kündigen.

Das wiederum kann Gion Hendry, Präsident des Schaffhauser Hauseigentümerverbandes HEV, nicht ganz nachvollziehen. Es werde in der aktuellen Krise vermutlich nicht einfach, neue Mieterinnen und Mieter zu finden, sagt er. Deshalb plädiert auch Hendry für das persönliche Gespräch. Und Hendry spricht aus Erfahrung: In seiner Anwaltskanzlei seien inzwischen rund 30 Fälle gelandet, bei 20 habe man schon einvernehmliche Lösungen gefunden, einige wenige Vermieterinnen hätten ihre Mieten immerhin um die Hälfte reduziert. «Wir sind nicht gänzlich unverständig», sagt Hendry.

Vermieterin selber in der Krise

Zurück zu Jonas Jacky ins traditionsreiche Falken-Restaurant. Die Vermieterin von Jacky heisst Brauerei Falken und besteht derzeit darauf, dass die Mieten bezahlt werden. Das bestätigt CEO Markus Höfler gegenüber der AZ. Rund 20 Liegenschaften verpachtet die Brauerei, die derzeit selber von der Krise gebeutelt wird. 80 Prozent der Kundschaft seiner Firma stammen aus der Gastrobranche, sagt Höfler. Dementsprechend hoch sei wahrscheinlich auch der Umsatzeinbruch. Für die Mitarbeitenden musste die Brauerei deshalb bereits Kurzarbeit anmelden. Der Lohn der betroffenen Angestellten werde aber von der Firma aufgestockt, sagt Höfler. Entlassungen seien in der aktuellen Phase nicht geplant.
Bei den Mieten signalisiert Höfler notfalls Gesprächsbereitschaft: «Wenn zuverlässige Pächterinnen und Pächter, die in der Vergangenheit immer pünktlich ihre Rechnungen bezahlt haben, wegen den Mieten in Schwierigkeiten kommen, werden wir eine Lösung finden», sagt Höfler. Allen werde man aber wohl nicht entgegenkommen können.

Dieser Artikel erschien am 16. April in der «Schaffhauser AZ».