Tag Archives: Kultur

«Niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben»

Der Zürcher Musiker Stereo Luchs hat erfolgreich den jamaikanischen Dancehall-Sound und Mundart-Lyrics kombiniert. Die Jugend fährt voll darauf ab, auch in Schaffhausen.

Foto: Facebook.
Foto: Facebook.

Den Swiss Music Award holte er nicht. Dennoch reitet der Vollblutzürcher Silvio Brunner alias Stereo Luchs seit dem Release seines zweiten Albums «Lince» Ende des vergangenen Jahres auf einer Erfolgswelle. Der «Tages-Anzeiger» nannte die Platte «grossartig», fünf der sechs Club-Shows im vergangenen Dezember waren ausverkauft, darunter das Taptab.

Seit Anfang Juni tourt der studierte Architekt erneut durch die Schweiz. Diesen Samstag spielt er mit der Basler Band «The Scrucialists» am Taptab-Hinterhoffest. Mit Schaffhausen verbindet den Mittdreissiger aber nicht nur die Auftritte auf hiesigen Bühnen, sondern auch eine Freundschaft mit «Min King»-Sänger Philipp Albrecht.

az Stereo Luchs, warum gibt es noch kein Duett von dir und Philipp Albrecht?
Stereo Luchs Gute Frage, wir haben es versucht, für das letzte Album von «Min King» war ein gemeinsamer Song geplant. Aber irgendwie hat er nicht dazugepasst und blieb liegen. Wahrscheinlich holen wir das bald nach. Wir haben schon drei angefangene Songs auf der Harddisc.

Wie kam der Kontakt zwischen dir und Philipp Albrecht zustande?
Ich habe ihn in einem Zürcher Plattenladen kennengelernt, dem Reggae Fever im Kreis 4. Dort haben wir uns hin und wieder gesehen. Ich habe mitbekommen, dass er singt, damals noch bei einer Ska-Band, Plenty Enuff. Das ist schon ziemlich lange her, 15 Jahre oder so. Wann und wie genau der Kickoff war und wir begannen, zusammen an musikalischen Projekten zu arbeiten, weiss ich nicht mehr…

Inzwischen sind deine Shows und jene von «Min King» häufig ausverkauft, eure Songs werden in den kommerziellen Radios gespielt, aber ihr seid unterschiedliche Wege gegangen: Du hast dein Album «Lince» bei einem Major Label, Universal, herausgebracht, «Min King» hat sich dagegen entschieden.
Philipp meinte, «mach das nicht, mach das nicht» (lacht).

Es gibt Bands, die befürchten, bei einem Major-Label könnten sie nicht mehr das tun, was sie wollen, sondern müssten sich den Vorstellungen der Labels anpassen.
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich bin extrem heikel, wenn mir jemand sagen will, wie ich mein Ding machen soll. Aber ich habe einen solchen Druck nie gespürt. Es ist alles 100-prozentig so, wie ich es machen wollte. Das Label nimmt mir vor allem bürokratische Arbeit ab. Vorher habe ich alles selber herausgegeben, über mein eigenes Label «Pegel, Pegel», das war mega viel Arbeit, vor allem Buchhaltung, Promo, Vertrieb. Ich habe selber Päckli an cede.ch geschickt und Excel-Listen geführt… Dann noch ein neues Album zu machen, das ging nicht. «Min King» sind mehrere Personen, sie können sich die Arbeit aufteilen, aber ich muss alles selber machen.

Drei Jahre vorher, 2014, hast du die Dancehall-Single «Ich blib grad» veröffentlicht. Du singst: «Zu vil Chohle killt Vibes» und «Ich läb vo Freud a de Musig und nid vo Platteverchäuf». Drei Jahre später der Major-Deal. Bist du eingeknickt?
Nein, nur weil das neue Album bei Universal erschien, habe ich nicht mehr Geld. Ich versuche jetzt, von der Musik zu leben und habe meinen früheren Bürojob beim Hochbauamt aufgegeben. Ich habe mich also für weniger statt für mehr Geld entschieden. «Alles oder nichts» ist die Devise.

Und geht’s auf?
Momentan kann ich viele Liveshows spielen. Ich komme über die Runden, aber ich lebe wie ein Student (lacht). Ich glaube, man überschätzt dieses Major-Label-Ding.

Dein neues Album «Lince» stiess auf breite Resonanz, die Presse hat dich auf dem Radar, du hast viele Interviews gegeben. In «Ich blib grad» singst du auch:

De Hype blibt still, ke mediale Exzess,
bruch kä Rampeliecht und kä Rägäbogepress.
«Ich blib grad», 2014

Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich habe ziemlich viel Promo gemacht, ja. Aber alles Dinge, die ich cool fand.

Hast du auch Anfragen abgelehnt?
Auf jeden Fall. Ich nenne keine Mediennamen, aber ich mache nicht alles mit. Mit «medialem Exzess» meine ich diese Selfie-Kultur, das «Me-me-me»-Ding… Damit kann ich nach wie vor nicht viel anfangen. Ich bin auf Instagram präsenter als auch schon, aber ich halte nicht die ganze Zeit das Handy vor den Grind und sage: «Kauft meine CD, kauft meine CD.»

Müsste man aber nicht genau das tun? Der «Tages-Anzeiger» schrieb, du seist zu «eigenbrötlerisch». Das stehe dir im Weg, um ein Star zu werden.
Ich glaube, damit meinte der Autor, dass ich lieber im Studio als auf der Bühne bin. Ich weiss nicht, wie eigenbrötlerisch ich bin… Aber Star, was heisst das schon, das ist ein seltsamer Begriff. Das ist zu amerikanisch gedacht. Was sind denn Stars in der Schweiz? Vielleicht gibt es Leute, die das werden wollen. Ich will einfach jeden Tag Musik machen.

Müsstest du nicht genau das machen, wenn du von der Musik leben willst?
Hey, jein. CD-Verkäufe decken meine Miete definitiv nicht, das ist schon so. Aber früher habe ich nicht bewusst weniger Promo gemacht. Oft war ich einfach zu spät dran, weil ich dieses und jenes auch noch tun musste. Ich habe beispielsweise nie einen Videoclip hinbekommen. Ok, amigs hanis eifach verhängt. So sollte es diesmal nicht sein. Wenn ich mir schon die Arbeit mache, ein Album zu produzieren – und das ist verdammt viel Arbeit –, dann will ich es auch unter die Leute bringen, aber nicht auf eine unappetitliche Art.

Im Vergleich zu deinem ersten Album «Stepp usem Reservat» scheint «Lince» deutlich persönlicher zu sein, dafür weniger gesellschaftskritisch.
Das kann man so zusammenfassen. Das heisst nicht, dass ich weniger gesellschaftskritisch geworden bin. Ich war an einer Weichenstellung, stellte mir Fragen: Wie geht’s musikalisch weiter, wie geht’s privat weiter… dann ist das dabei rausgekommen. Songs schribsch eifach, die wott muesch schriebe.

Wieso känni die Stross scho,
a dere Chrüzig bini scho moll gsi.
Sie chunt mr bekannt vor,
ich weiss immer nonid wohii.
«Sie seit», 2017

Warum? Liegt das am Älterwerden?
Ich glaube, wenn man jünger ist, hat man mehr Energie, die man direkt rauslassen muss. Im Sinn von «Figg di, figg di, schiist mi ah», vielleicht aber auch nicht immer extrem reflektiert.

Hast du einmal über die Stränge geschlagen und Passagen verfasst, die du heute nicht mehr schreiben würdest?
Es gibt sicher Zeilen, die ich nicht mehr genau so schrei­ben würde. Aber ich bereue nichts. Was mich etwas nervt, gerade im Reggae- und Dancehall-Business, ist dieses Schwarz-Weiss-Ding: Auf der einen Seite die Bösen, die alles falsch machen, auf der anderen Seite die Künstler, die alles wissen und alles richtig machen. Niemand ist 100-prozentig perfekt, niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben. Diese Erkenntnis kommt mit dem Alter. Man sieht immer mehr Graustufen, immer mehr Widersprüche, auch bei sich selber. Mir fiel es schwerer, einen Bashing-Song gegen einen Politiker oder eine Partei zu produzieren. Aber einen Song zu schreiben, der alles relativiert, das kannst du auch nicht machen. Also habe ich es sein lassen. Dann schreibst du lieber ein Buch, da hast du mehr Zeilen, um alles zu erklären.
So oder so: Einen «Fuck Trump»- oder «Fuck Blocher»-Song zu machen, ist nicht besonders schwierig. Es muss schon hin und wieder gesagt werden, aber ich bin nicht der, der diese Songs macht.

Was als alternativer, urbaner Künstler schon fast zur Pflicht gehört, hast du aber auch schon gemacht: das Polizei-Bashing.
(lacht) Auf dem neuen Album wird sie verschont.

Die letzten vier Jahre hatte Zürich mit Richard Wolff einen links-alternativen Polizeivorsteher. Hat sich etwas verändert? Ist die Polizei toleranter geworden?
Der allerkrasseste Peak ist ein Stück weit vorbei. 2011, als ich «Was isch los» geschrieben habe, war der Anfang einer krassen Nulltoleranz-Phase. Alles, was alternativ war, wurde nicht bewilligt oder dichtgemacht. Es gab hohe Bussen, Soundanlagen wurden beschlagnahmt. Es kam zu einigen Verhaftungen, Velofahrer wurden zu Boden gerissen. Diese «Jetzt-müssen-wir-mal-durchgreifen-Phase» ist nicht mehr ganz so heftig, aber die Polizei ist schon noch ziemlich repressiv. Ich glaube, Wolff konnte gar nicht alles ändern, er ist nur eine Person im ganzen Apparat.

Was isch den los mit ihne,
d’Youths wännd sich amüsiere aber chönd nöd will de Chaschtewage stoht scho do.
Was ischs Problem mit ihne,
mir wännd doch nu es bizli Roots, Realität und Kultur i däne Strosse ha.
«Was isch los», 2013

Kommen wir zurück zu deinem neuen Album: Du gehst mit anderen Schweizer Mundart-Künstlern teilweise hart ins Gericht:

CH-Musig macht mi liecht verläge,
paar vo dene sind nöd nume liecht dänäbed.
«Träne uf em Tanzbode», 2017

Hast du darauf Reaktionen erhalten?
Nein, ich habe auch niemanden persönlich angegriffen. Es geht in dem Song um die gesamte Schweizer Musik-Szene, diesen kleinen Kuchen. Schweizer Mundart-Musik brennt auf super-kleiner Flamme und es passiert zum Teil nicht so viel Neues. Es ist auch ein Stück weit ein Frust-Song. Ich meine, ich könnte auch einfach mit der Freundin ins Kino oder irgendwo essen gehen, anstatt im Studio zu hocken. Und zum Teil werden Songs hochgejubelt, einfach weil sie auf Mundart sind. Ich finde viele Texte einfach nicht gut. Wenn das alle anderen anders sehen – fair enough. Mir ist es wichtig, dass ich so gut wie möglich hinter jeder Zeile stehen kann und keine Klischees bediene.

«Lince» kann man kaum einem Genre zuordnen. Es gibt weniger harte Dancehall-Songs wie auf dem Vorgänger. Aber auch kaum richtige Reggae-Lieder. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Das wurde ich schon oft gefragt und ich habe mich immer schwer getan, darauf eine kluge Antwort zu finden. Ich habe es dann mit «urbaner Musik» zusammengefasst, was eigentlich ein Scheiss-Begriff ist. Der Kern ist sicher noch Reggae und Dancehall. Aber auch andere Einflüsse, bizli England, bizli Lagos. Das hatte nicht nur musikalische Gründe, sondern hing auch mit den Texten zsammen. Die passten zum Teil nicht auf Dancehall- oder Reggae-Beats.

Foto: Facebook.
Foto: Facebook.

«Ziitreis» ist dein poppigster Song und hat es vermutlich deshalb in die Mainstream-Radios geschafft. Hast du darüber nachgedacht, den Song auf einem Reggae-Beat zu produzieren?
Ich hatte ihn auf einem eigenen Beat, die meisten Beats habe ich demomässig selber produziert. Das war ein poppiger Modern-Roots-Island-Pop-Plastik-Beat. Auch ziemlich poppig, aber mit mehr Offbeat. Es gab schon vier Versionen von diesem Song. Die Hookline ist schon mehrere Jahre alt. Aber es passte nicht, ich kam nicht weiter. Das war der einzige Song, den Chris vom Berliner Kollektiv «Kitschkrieg» bei der Produktion von «Lince» völlig umgekrempelt hat. Und ich has huere gfühlt. Klar, «Ziitreis» könnte auch ein Reggae-Song sein, und ich werde das auch wieder machen. Aber ich wollte mich von diesem Image befreien, Stereo Luchs sei Reggae und Retro. Ich wollte meine Freiheit zurück.

D’Summer werded chürzer und d’Kater hebed länger ane
D’Jungs mached Nochwuchs, studiered Babyname
Schiebed Chinderwage, anderi laded Tinder abe
Ich mach mis Ding, hol’ es Guinness usem Inderlade.

«Ziitreis», 2017

Dieses Interview erschien am 21. Juni in der «schaffhauser az».

Zugespitzte Kampagne

Die Befürworter des Geldspielgesetzes suggerieren in einem Inserat, bei einem Nein an der Urne seien Kammgarn, Jazzfestival und Stars in Town in Gefahr. Ob das geschieht, ist mehr als fraglich.

Inserat zum Geldspielgesetz, «SN» vom 19. Mai.
Inserat zum Geldspielgesetz, «SN» vom 19. Mai.

«Tiergehege geschlossen – wegen Geldmangel». «Konzert abgesagt – wegen Geldmangel». Mit diesen Sprüchen werben die Befürworter des Geldspielgesetzes seit mehreren Wochen für ein Ja an der Urne. Und nun hat die Drohkulisse auch Schaffhausen erreicht: Bei einer Ablehnung des neuen Geldspielgesetzes seien die Unterstützungsbeiträge für Kammgarn, Jazzfestival und «Stars in Town» in Gefahr. Das suggeriert ein Inserat in den «Schaffhauser Nachrichten».

Aber stimmt das? Drohen der Kammgarn, dem Jazzfestival und dem Stars in Town das grosse Lichterlöschen?

Adrian Brugger, Geschäftsleiter der Stars in Town AG, die das gleichnamige Festival organisiert, sagt auf Nachfrage der «az», er habe vom Inserat keine Kenntnis gehabt. Auch habe der Regierungsrat den Festivalorganisatoren gegenüber nie erwähnt, dass die Unterstützung (2017: 50’000 Franken) sinken würde, sollte das Geldspielgesetz abgelehnt werden. Zumindest in den nächsten beiden Jahren können die Beiträge an das Stars in Town gar nicht reduziert werden. «Unsere Leistungsvereinbarung läuft bis 2020.»

Brugger betont aber auch, dass ohne Unterstützung des Kantons das Stars in Town kaum über die Runden kommt: «Auch wenn der Kulturbeitrag nur ca. 1,3 Prozent (mit Defizitgarantie 2,6 Prozent) des Gesamtbudgets entspricht, ist dieser Beitrag für unsere finanzielle Absicherung wichtig.»

Urs Röllin vom Jazzfestival, das 2017 107’000 Franken vom Kanton bekam, und Hausi Naef von der Kammgarn (2017: 100’000 Franken) wollen gegenüber der «az» derzeit keine Fragen zum Inserat beantworten. Urs Röllin sagt, er habe sich noch nicht vertieft mit der Abstimmung befasst.

Kultur dank Lottospielern

Nun stellt sich die Frage: Warum könnten Kammgarn, Jazzfestival und Stars in Town Unterstützungsgelder des Kantons verlieren, wenn das Geldspielgesetz abgelehnt wird?

Derzeit werden die drei Kulturinstitutionen vom Kanton über den sogenannten Lotteriegewinn-Fonds mitfinanziert. Generell läuft praktisch die gesamte kantonale Kulturförderung über diesen Fonds. Eine Vielzahl weiterer Institutionen wie das Stadttheater (2017: 230’000 CHF) und das Museum zu Allerheiligen (2017: 215’000 CHF), aber auch die Bibliotheken der Stadt Schaffhausen, diverse Sportvereine oder archäologische Projekte werden damit unterstützt.

Gespiesen wird der Lotteriegewinn-Fonds durch Abgaben von Swisslos, dem Lottospielanbieter in der Deutschschweiz. Sprich: Wer Lotto spielt, unterstützt auch die Schaffhauser Kulturszene.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Kanton jedes Jahr minim mehr Geld von Swisslos erhält. 2017 waren es 3,8 Millionen Franken, 10 Jahre zuvor 3,4 Millionen.

Im Gegensatz dazu steht es um das Schaffhauser Casino deutlich schlechter. Zumindest der Kanton Schaffhausen profitiert nicht mehr gleich viel wie noch vor zehn Jahren. 2007 betrug die sogenannte Spielbankenabgabe des Casinos auf dem Herrenacker noch satte 3,2 Millionen Franken. Zehn Jahre später waren es nur noch 1,9 Millionen.

Auch die Stadt bekommt weniger Geld: 2007 erhielt die Munotstadt etwas mehr als eine Million Franken. Inzwischen sind es weniger als 600’000 Franken.

Die Casino-Misere

Gründe für diesen Rückgang sind laut Andreas Vögeli, Sekretär des kantonalen Innendepartements, das Raucherschutzgesetz, das 2012 eröffnete Casino in Zürich, neue, in Grenznähe gelegene Spielhöllen und vor allem: der Online-Markt.

Gemäss einer vom Bund beauftragten Studie der Universität Bern machen ausländische Glücksspiel-Anbieter via Internet jährlich über 250 Millionen Franken Profit. Im Gegensatz zu den Schweizer Casinos und Swisslos zahlen die ausländischen Firmen in der Schweiz aber keine Abgaben an Bund und Kantone.

Hier setzt das Geldspielgesetz an, das am 10. Juni zur Abstimmung kommt. «Das Geldspielgesetz will Anbieter ohne Schweizer Bewilligung deshalb auch im Internet vom Schweizer Markt fernhalten. Dafür sieht es Zugangssperren vor.» So lautet der Plan gemäss Abstimmungsmagazin. Im Gegenzug soll es Schweizer Anbietern wie dem Schaffhauser Casino erlaubt sein, künftig auch Online-Spiele anzubieten.

Die Gegner des Geldspielgesetzes, angeführt von den Jungfreisinnigen, stören sich vor allem an diesen Zugangssperren. Sie sprechen von «Internet-Zensur» und einem gefährlichen Präzedenzfall, «der weiteren Eingriffen in die Freiheit des Internets Tür und Tor öffnet. Diesen Dammbruch gilt es zu verhindern.»

Geht es nach ihnen, soll das internationale Online-Casino-Angebot nach Schweizer Auflagen reguliert und besteuert werden, anstatt es komplett zu sperren.

Konkurrenz aus Gibraltar

Doch zurück zur Schaffhauser Kulturszene: Anders als die Gelder von Swisslos flies­sen die Abgaben des Casinos in Schaffhausen nicht in den Lotteriegewinn-Fonds, sondern wie Steuereinnahmen in den normalen Staatshaushalt, beim Kanton wie auch bei der Stadt. Das bestätigen das kantonale Finanzdepartement sowie Stadtschreiber Christian Schneider gegenüber der «az». Der Kanton finanziert damit Polizei, Schullektionen oder das Kantonsspital – aber keine der drei Kulturinstitutionen. Warum sollte nun ausgerechnet bei der Kultur gespart werden?

Das nationale Ja-Komitee wie auch der zuständige Regierungsrat Walter Vogelsanger (SP, ebenfalls Mitglied des Ja-Komitees) argumentieren, dass die Einlagen in den Lotteriegewinn-Fonds künftig zurückgehen werden, wenn das neue Geldspielgesetz abgelehnt und der Status quo bestehen bliebe.

Roger Fasnacht, Direktor von Swisslos, sagt: «Es gibt seit 1 bis 2 Jahren neue Angebote aus Malta und Gibraltar, welche die Lotterien direkt konkurrenzieren. In Deutschland erwirtschaften sie bereits 1 Milliarde Euro Umsatz. Ähnlich aggressiv sind sie in Australien und Grossbritannien. Bei einem Nein zum Geldspielgesetz werden sie den Schweizer Markt aggressiv attackieren, den sie bisher nur am Rande bearbeitet haben.»

Und Regierungsrat Walter Vogelsanger meint: «Falls die Einlagen in den Lotteriegewinn-Fonds zurückgehen (damit ist zu rechnen, wenn bei einem konstanten Spielvolumen der Online-Anteil wächst und diese Mittel vermehrt ins Ausland abfliessen), bleibt selbstredend weniger für die Kultur übrig.»

Mehr Geld für die Kultur?

Das neue Geldspielgesetz sieht jedoch nicht nur Zugangssperren für ausländische Online-Anbieter vor. Um die Schweizer Glücksspielanbieter attraktiver zu machen, sollen Lottogewinne bis zu einer Million Franken künftig steuerfrei werden. Die daraus resultierenden Steuerausfälle betragen laut dem Obwaldner Ständerat Karl Vogler über 100 Millionen Franken.

Geld, das auch dem Kanton Schaffhausen fehlen wird? Departementsekretär Andreas Vögeli verweist darauf, dass im Gegenzug ausländische Anbieter, die keine Abgaben zahlen, vom Markt ausgeschlossen werden: «In der Gesamtrechnung gewinnt man mehr, darum sind diese Steuerausfälle verkraftbar.» Laut Swisslos und dem Abstimmungsmagazin sollen die Mehreinnahmen mittelfristig bis zu 300 Millionen Franken betragen. Geld, das laut Vögeli auch dem Lotteriegewinn-Fonds zugute kommen soll – und damit der Schaffhauser Kulturförderung. Das zumindest ist der Plan.

Gemäss aktuellem Stand sind die Einnahmen des kantonalen Lotteriegewinn-Fonds allerdings noch nicht rückläufig. Das ist Fakt.

Handkehrum sind der Stadt, die nur vom Casino und nicht von den Lotterien profitiert, in den letzten zehn Jahren Hunderttausende von Franken entgangen. Und auch die Stadt unterstützt das Jazzfestival und die Kammgarn mit finanziellen Mitteln, wenn auch mit weniger Geld als der Kanton.

Fazit: Die Drohung im Inserat ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen – aber sehr zugespitzt.

Dieser Artikel erschien am 24. Mai in der «schaffhauser az».

Der Riese und die Zwerge

Wie die Kulturgelder der Stadt Schaffhausen verteilt werden – eine Analyse

«Wir wollen und brauchen die Kultur, aber sie soll nicht immer noch mehr erhalten.» Das sagte FDF-Grossstadträtin Nicole Herren im Dezember 2015 während der Debatte über die Subventionen an die Kammgarn. Die Geschichte ist bekannt: Mit einer Stimme Unterschied lehnte der Grosse Stadtrat eine Erhöhung der Subventionen für die Kammgarn ab. Die Kulturszene geriet in Aufruhr, versuchte sich zu organisieren – und fand sich im Schaffhauser Kulturbündnis wieder.

Seither ist es ruhiger geworden. Es ist die berühmte Ruhe vor dem Sturm, denn Ende dieses Jahres dürfte die damalige Debatte erneut hochkochen: Die drei­jährige Leistungsvereinbarung mit der Kammgarn läuft ab und muss neu ausgehandelt werden. Der Grosse Stadtrat wird also erneut über höhere Subventionen für die Kammgarn entscheiden. Doch ist das gerechtfertigt? Stimmt es, was die freisinnige Parlamentarierin gesagt hat, oder waren ihre Worte – wie man heute sagt – Fake News?

Bei der Kammgarn gespart

Die Antwort ist auf den ersten Blick eindeutig: ein klarer Fall von Fake News. Die Jahresrechnungen zeigen, dass die städtischen Subventionen für die Kammgarn seit dem Jahr 2005 nicht gestiegen, sondern sogar gesunken sind.

Konkret erhielt die Kammgarn im Jahr 2005 von der Stadt 80’000 Franken, davon 60’000 als Teil einer Leistungsvereinbarung für das kulturelle Programm sowie 20’000 als «Betriebsbeitrag». Heute liegen die Netto-Subventionen für die Kammgarn bei 70’000 Franken. Wiederum 60’000 fürs Programm sowie 10’000 dafür, dass die Kammgarn eine externe Revisionsstelle beizieht, um ihre Jahresrechnungen zu prüfen. Insgesamt sind die Netto-Subventionen somit um 10’000 Franken gesunken. Und das, obwohl die Kammgarn – zusammen mit Vebikus und Taptab – laut dem von Stadt und Kanton herausgegebenen Kulturbrief 2017 die «klar besucherstärkste Kulturinstitution in Schaffhausen» ist.

Die Profiteure

Gleichzeitig sind die Ausgaben der Stadt für die Kultur deutlich angewachsen. Nicole Herren hatte also doch nicht ganz unrecht. Gab die Stadt 2005 noch rund 3,8 Millionen Franken für die Kultur aus, sind es inzwischen fünf Millionen. Davon profitiert hat vor allem das Museum zu Allerheiligen.

2005 unterstützte die Stadt das Museum mit netto 2,2 Millionen Franken. 2016 waren es – inklusive Sonderausstellungen – bereits 3,2 Millionen. Insgesamt fliessen fast zwei Drittel des städtischen Kultur­etats in das Museum. Oder anders gesagt: Ein Jahr Museumsbetrieb kostet die Stadt gleich viel wie 46 Jahre Kammgarn. Und die Tendenz zeigt weiter nach oben: Für dieses Jahr ist ein Netto-Aufwand von 3,5 Millionen Franken budgetiert.

Ein detaillierter Blick auf die einzelnen Budgetposten zeigt, dass vor allem die Lohnkosten gestiegen sind. Sie betrugen 2016 2,6 Millionen Franken, 550’000 Franken mehr als noch 2005.

Neben dem Museum hat auch das Stadttheater profitiert. Während das Stadttheater 2005 mit netto 694’000 Franken unterstützt wurde, waren es 2016 schon 819’000 Franken. Wie beim Museum zeigt sich, dass die Kosten über die Jahre relativ konstant zugenommen haben, beispielsweise sind die Lohnkosten von 615’000 auf 750’000 Franken gestiegen – und sie werden weiter zunehmen: Per Oktober 2017 bewilligte der Stadtrat eine zusätz­liche Stelle als Bühnentechniker.

Für die Steigerung der Kulturausgaben ist zudem der sogenannte «Kulturdienst» mitverantwortlich. Auch hier liegen die Lohnkosten mittlerweile 70’000 Franken höher als noch 2005.

Weniger Kulturförderung

Im Gegensatz dazu ist der Etat «Kulturförderung» gesunken. Unter diesem Budgetposten subventioniert die Stadt neben der Kammgarn und dem Musik Collegium MCS eine Vielzahl weiterer kleiner Institutionen vom Momoll Theater über das Sommertheater bis zum Jazzfestival. Dazu werden einzelne Veranstaltungen wie die Oper «Carmen» des Munotvereins oder Bands wie Lo Fat Orchestra und die United Brass Schaffhausen unterstützt. Aus­serdem werden die jährlichen Kulturförderpreise aus diesem Budget finanziert.

Während die Stadt 2005 netto 691’000 Franken für die «Kulturförderung» ausgab, darunter 110’000 Franken für die inzwischen geschlossenen «Hallen für Neue Kunst», lagen die Ausgaben 2016 noch bei netto 587’000 Franken.
Durchschnittlich betrachtet sind die Ausgaben für die Kulturförderung um 9500 Franken pro Jahr reduziert worden.

Das Fazit ist klar: Wäre Nicole Herren konsequent gewesen, hätte sie nicht bei der Kammgarn, sondern beim Museum, dem Stadttheater oder dem Kulturdienst den Rotstift ansetzen müssen.

***

Museum Allerheiligen
64,7 Prozent
Netto-Aufwand 2016:
3,2 Millionen Franken
Netto-Aufwand 2005:
2,2 Millionen Franken
Durchschnittliche Erhöhung seit 2005:
+ 89’800 Franken pro Jahr

Stadttheater
16,6 Prozent
Netto-Aufwand 2016:
819’000 Franken
Netto-Aufwand 2005:
694’000 Franken
Durchschnittliche Erhöhung seit 2005:
+ 11’300 Franken pro Jahr

Musik Collegium Schaffhausen (MCS)
2,2 Prozent
Subventionen 2016:
109’200 Franken
Künftige Subventionen:
120’000 Franken
Das Musik Collegium Schaffhausen (MCS), dessen Präsident der städtische Kulturreferent Raphaël Rohner (FDP) ist, soll künftig 120’000 statt wie bisher 109’200 Franken erhalten. Das gab die Stadt Ende Februar bekannt.

Kammgarn
1,4 Prozent
Subventionen 2016:
70’000 Franken
Subventionen 2005:
80’000 Franken
Durchschnittliche Reduktion seit 2005:
– 900 Franken pro Jahr

Bachfest
1 Prozent
Das Bachfest findet nur alle zwei Jahre statt, zuletzt im Jahr 2016. Insgesamt wurde das Bachfest mit 98’300 Franken netto subven­tioniert. Verteilt auf zwei Jahre resultieren für 2016 Netto-­Subventionen von 49’150 Franken.

Rest
9,3 Prozent
Dazu gehören elf Organisationen wie Schauwerk, Sgaramusch, Taptab und Vebikus, die eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen haben. Ausserdem wurden 2016 rund 60 kleinere Projekte gefördert, darunter Konzerte im Orient und im Rüden sowie Musikgruppen wie «Papst & Abstinenzler» und der Frauenchor Herblingen. Weiter werden jährlich 40’000 Franken für Förderpreise ausgegeben.
Leistungsvereinbarungen (ohne Kammgarn und MCS):
172’500 Franken
Rund 60 kleine Projekte:
104’800 Franken
Förderpreise:
40’000 Franken
Beiträge an kantonale und städtische Vereinigungen und Institutionen, einmalige Beiträge an Veranstaltungen, Konzertbetrieb St. Johann, Organisten:
143’300 Franken
Total: 460’600 Franken

Kulturdienst
4,8 Prozent
Netto-Aufwand 2016:
237’100 Franken

Quellen: Stadtrechnungen, Kulturbriefe

Dieser Artikel erschien am 8. März in der «schaffhauser az».