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Williams Erbe

Wie der Kanton Schaffhausen mit dem Erbe eines
Toten trickst – und damit Geld verdient.

Bea und Bernard Sigerist, Gäste des Duke of Westminster bei der Hochzeit von dessen Bruder in der Wobourne Abbey. Selber heirateten die beiden am 3.Januar 1921 in Le Grand-Saconnex bei Genf, 50 Jahre später konnten sie die Diamantene Hochzeit feiern. Bild: PPB, London, publiziert in den «Schaffhauser Nachrichten» vom 25. Januar 1986.

Er zählt zu den grössten Immobilienfonds der Schweiz: der Fonds Immobilier Romands, kurz FIR, besitzt schweizweit knapp 4000 Wohnungen im Wert von rund 1,3 Milliarden Franken. Damit ist der FIR laut dem Blick der neuntgrösste Eigentümer und Verwalter von Wohnimmobilien in der Schweiz. 

Wie der Name erahnen lässt, ist der FIR vor allem in der Westschweiz tätig. In der Stadt Schaffhausen besitzt er keine einzige Wohnung. Das geht aus Daten der Schaffhauser Geoinformation hervor.

Obwohl der FIR nichts mit Schaffhausen zu tun hat, hält der Kanton Anteile an diesem Fonds. Und er verdient damit seit Jahrzehnten Geld.

Warum besitzt der Kanton Schaffhausen Anteilscheine an einem Westschweizer Immobilienfonds? Und was macht er mit den Erträgen, die er dank der Fondsbeteiligungen erhält?

Das Leben des William Bernard Sigerist

Die Geschichte dahinter führt von Schaffhausen um die halbe Welt: nach Paris, London, Angola, Argentinien und schliesslich nach Montreux an den Genfersee. Es ist die Geschichte von William Bernard Sigerist, Kind einer Weinhändlerfamilie, Kavallerieleutnant, Selfmademan. 

Im September 1891 wurde William Bernard Sigerist in Schaffhausen geboren. Damals wurde er noch Wilhelm Bernhard Sigerist genannt, erst später beantragte er die Änderung seines Vornamens.

Nach einer kaufmännischen Lehre soll WBS, wie er sich selbst abgekürzt bezeichnete, in der Weinhandlung seiner Eltern im Haus zum Uranienturm (heute Scheffmacher) am Walther-Bringolf-Platz ausgeholfen haben. So berichteten es die Schaffhauser Nachrichten 1986 in einem Nachruf. 

Daneben habe WBS bei geselligen Anlässen Gitarre und Laute gespielt und sei als «Salonlöwe» bekannt gewesen – bis er eines Tages «Hals über Kopf» aus Schaffhausen flüchtete. Schuld daran war «eine Liebesaffäre in gutbürgerlichem Kreis», die WBS eine Aufforderung zum Duell eingebrockt hatte. 

WBS, obwohl im Umgang mit Waffen geschult – schliesslich bekleidete er in der Armee den Rang eines Kavallerieleutnants –, trat auf Anraten seines Hauptmanns nicht zum Duell an und flüchtete zu seinem Bruder nach Paris. Wenig später begann er bei einer Bank in London zu arbeiten. 

Laut einem «mysteriösen Bleistifteintrag» (SN) im Zivilstandsregister der Stadt Schaffhausen soll er «ab 1915 bei Scotland Yard», der Polizeibehörde von Greater London, tätig gewesen sein. Ob dem tatsächlich so war, bleibt fraglich. Weitere Mutmassungen lauten, WBS habe während der Kriege gar beim Aufspüren deutscher Spione geholfen. Belegt ist hingegen, dass er 1921 in Genf geheiratet hat. 

Nach den Kriegen arbeitete WBS unter anderem als Lieferant für englische Fruchtsalatfirmen und war als Ernte-Aufklärer in Italien und Spanien unterwegs. Eine gute Geschäftsnase habe ihn ausgezeichnet: «Den Eskimos einen Eisschrank verkaufen – das konnte er», sagte Nelly Sigerist in den SN über ihren Onkel.

Später reiste WBS im Auftrag des Bundes nach Angola und Argentinien und begleitete Seetransporte. Und in Montreux fand er ein neues Zuhause. Unter anderem gründete er dort den «International Club Montreux», der bis heute existiert.

Schliesslich starb William Bernard Sigerist im Dezember 1983 im Alter von 92 Jahren am Genfersee. Seine Heimat Schaffhausen hat er indes nie vergessen. Und er machte ihr zum Schluss noch ein Geschenk.

Nach seinem Tod vermachte WBS dem Kanton Schaffhausen 340’000 Franken. Das verkündete der damalige Schaffhauser Regierungspräsident Kurt Waldvogel im Jahr 1985. Der Schaffhauser Regierungsrat versprach seinerzeit, die Gelder nicht «zum Stopfen irgendwelcher Defizite» zu verwenden, und verteilte einen grossen Teil umgehend an diverse gemeinnützige Organisationen. 150’000 Franken gingen an den Bau eines Wohnheims für Behinderte der Neuhauser Stiftung Rabenfluh, weitere Beträge erhielten der Hilfsverein für psychisch Kranke und ein Verein für Schutzaufsicht und Entlassenenfürsorge. So berichteten es die SN 1985. 

Ein kleiner Rest blieb fürs Erste unberührt. Dazu gehörten offenbar auch Anteilscheine am Westschweizer Immobilienfonds FIR. Anscheinend hatte WBS zu seinen Lebzeiten in diesen Fonds investiert und mindestens einen Teil seiner Anteile dem Kanton vermacht. 

Der FIR – die kleine Goldgrube

Der milliardenschwere Fonds FIR existiert seit 1954 und ist damit einer der ältesten Immobilienfonds der Schweiz. Wie aus einem Dokument der St. Galler Kantonalbank vom Januar 2014 hervorgeht, performte der FIR zwischen 2008 und 2013 überdurchschnittlich. Oder wie es die Bank formuliert: Der FIR «konnte in der Vergangenheit seinen Benchmark wie auch die Vergleichsgruppe regelmässig schlagen». 

Auch der Jahresbericht 2018/2019 des FIR zeigt, dass sein Vermögen seit 2003 rapide angewachsen ist: Von 484 Millionen Franken auf heute knapp 1,3 Milliarden. Im letzten Jahr erwirtschaftete der FIR einen Gewinn von 30 Millionen Franken. Dieses «ausgezeichnete Resultat», wie es FIR-Generaldirektor Sandro De Pari im Geschäftsbericht formuliert, ermöglichte eine Ausschüttung von 4.15 Franken pro Anteil, so viel wie seit mindestens 15 Jahren nicht. Von diesen Dividenden profitierte auch der Kanton Schaffhausen.

Gemäss Finanzdepartement hat der Kanton dank dem Immobilienfonds FIR seit 25 Jahren eine Rendite von total 225’000 Franken erzielt. Rund 100 000 Franken verdiente er an Dividenden. Hinzu kommt, dass sich der Wert der Anteilscheine von 1995 (73’000 Franken) bis Ende 2018 (195’000 Franken) mehr als verdoppelt hat, ohne dass der Kanton neue Anteile hinzugekauft hätte. 

Bleibt die Frage: Was macht der Kanton Schaffhausen mit diesem Geld?

Die kurze Antwort lautet: Es fliesst seit fast 25 Jahren in die allgemeine Staatskasse und deckt damit irgendwelche Defizite. Der Kanton macht mit dem Vermächtnis von WBS inzwischen also genau das, was die Regierung von 1985 einst gesagt hat, werde man nicht tun.

Die lange, etwas kompliziertere Antwort beginnt im Jahr 1996, 13 Jahre nach dem Tod von WBS. Damals erhielt der Kanton erneut ein Geldgeschenk. Ein Mann namens Adolf Schaufelberger vermachte dem Kanton und der Stadt nach seinem Tod jeweils 180 000 Franken für gemeinnützige Zwecke.

Williams Erbe fliesst heute in die Kantonskasse statt in einen wohltätigen Fonds.

Der Kanton entschied darauf, einen sogenannten «Fonds für wohltätige Zwecke» zu gründen. Das Vermögen, das Schaufelberger hinterlassen hatte, sowie die übrig gebliebenen Mittel von WBS flossen in diesen gemeinnützigen Fonds, wie das Finanzdepartement schreibt. Ausserdem habe man eine «finanzielle Einlage im Sinne einer Abgeltung für die Anteilscheine FIR in ebendiesen Fonds zum damaligen Verkehrswert» getätigt. Im Klartext: Der Kanton entschied, die Anteilscheine auf eigene Rechnung weiter zu nutzen, und zahlte dafür so viel Geld in den Fonds für wohltätige Zwecke ein, wie die Anteile seinerzeit wert waren. Oder anders gesagt: Der Kanton kaufte sich die FIR-Anteile quasi selber ab und befreite sich damit von irgendwelchen Auflagen, die WBS einst gemacht hatte. Man könnte das als kleine Trickserei bezeichnen. 

Immer weniger Geld für wohltätige Zwecke

Das Finanzdepartement schreibt: «Alternativ hätten die Anteilscheine FIR damals verkauft und der Erlös ebenfalls mit den übrigen Barmitteln in den Fonds eingelegt werden können. Im Ergebnis wäre der Fonds mit Mitteln in derselben Höhe geäufnet worden. Der Nachteil hätte darin bestanden, dass bei einem Verkauf entsprechende Transaktionskosten angefallen wären.» Und: «Der Vermächtnisgeber hat keine Bestimmung erlassen, dass die Anteilscheine FIR auf immer und ewig gehalten werden müssen. Um die Stetigkeit der Ausschüttungen sicherzustellen und dem vom Legatgeber festgelegten Verwendungszweck nachzukommen, wurde das Anlagerisiko mit der Übernahme durch den Kanton eliminiert.»

Dieses «Anlagerisiko» hat sich inzwischen als kleine Goldgrube entpuppt, deren Erträge in die Kantonskasse fliessen. Derweil wird der Fonds für wohltätige Zwecke immer kleiner. 2017 betrug sein Vermögen 69 000 Franken. Bei seiner Gründung 1996 waren noch 360 000 Franken im Topf.

Das ist einerseits logisch, weil alle paar Jahre ein Betrag für ein gemeinnütziges Projekt ausgegeben wird. Beispielsweise wurden 2017 15 000 Franken zugunsten eines Gartenprojekts der Evangelisch-reformierten Kirche für Flüchtlingsfrauen gesprochen.

Andererseits wird das Fondsvermögen auch deshalb kleiner, weil es ausser den kaum mehr vorhandenen Zinsen keine Einnahmen gibt. Irgendwann, in ein paar Jahren, wird es im Fonds für wohltätige Zwecke vermutlich kein Geld mehr haben, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen, während der Kanton mit dem Erbe von William Bernard Sigerist, den FIR-Anteilscheinen, weiterhin Geld verdient.

Was würde WBS wohl dazu sagen?

Dieser Text erschien am 20. Februar in der «Schaffhauser AZ».