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Abgang eines Rebellen

Er flog aus der Kanti, schmiss die Lehre hin, sein Vormund warf das Handtuch: Werner Bächtold, früherer Präsident der Schaffhauser Sozialdemokraten, verlässt die politische Bühne. Ein Rückblick.

«Merkwürdigerweise fühlt sich der Wähler nicht verantwortlich für das Versagen der Regierung, die er gewählt hat.» Das sagte einst der italienische Schriftsteller und Journalist Alberto Moravia.

Werner Bächtold lacht, als er den Spruch zum ersten Mal hört. Dann lehnt er sich zurück und verwirft die Hände.

Zweimal ist er für die SP angetreten, um in die Schaffhauser Regierung einzuziehen. Zweimal ist er gescheitert. Und dann geschieht das: Dasselbe Stimmvolk, das Bächtold nicht in der Regierung haben will, folgt den Empfehlungen von ihm und der Partei, die er präsidiert, und versenkt sämtliche Sparvorlagen der Regierung – um sie weniger als zwei Monate später wiederzuwählen.

Werner Bächtold. Bild: SP Schaffhausen.

Versuchen, den Wähler zu verstehen: Das muss Werner Bächtold künftig nicht mehr. Der frühere SP-Präsident verlässt die politische Bühne, gibt sein Mandat als Kantonsrat ab und will kürzertreten. Im Herbst wird er 65 Jahre alt und pensioniert.

Die erste Demo

Rückblende: 23. März 1969, Hemishofen. Es regnet in Strömen. Ein Meer aus Regenschirmen verdeckt die Köpfe von rund 7’000 Personen. Dazwischen ragt ein Transparent in die Luft: «Hütet euch bei Hemishofen».

Mittendrin: der 15-jährige Werner Bächtold. Es ist seine erste Demonstration.

Die Kundgebung gegen ein geplantes Stauwehr bei Hemishofen verläuft friedlich und endet, «ohne dass die Ordnungskräfte der Steiner, Diessenhofer und Schaffhauser Pontoniere einzugreifen brauchten», berichten die «Schaffhauser Nachrichten» tags darauf.
Jahrzehnte später wird Werner Bächtold vorgeworfen, er sei ein «Zerstörer des Rheins». Doch dazu später.

Die Teilnahme an der Demonstration wurde von der Mutter gebilligt. Allerdings wäre Werner Bächtold wohl auch hingegangen, wenn er die Erlaubnis nicht bekommen hätte. Schon früh übte er sich als Rebell: «Mä hat mir gseit: ‹Wämä Chriesi isst und denn goht go bade, denn isch da dä sicher Tod. Da hani natürli möse usprobiere – und wiemä gseht, hanis überlebt. Dänn hani nümme alles glaubt, womä mir gseit hät.»

Der Schicksalsschlag

Kurze Zeit später kommen seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Werner Bächtold, mitten in der Pubertät, und seine beiden älteren Geschwister stehen plötzlich alleine da. Was nun?

«Man wollte mich in ein Lehrlingsheim verfrachten», erinnert sich Werner Bächtold.

Dagegen wehrt er sich – erfolgreich. Eine Tante übernimmt «pro forma» die Verantwortung für die drei Geschwister, die vorerst im Elternhaus auf dem Emmersberg bleiben. Werner Bächtold bekommt einen Vormund – dem er das Leben allerdings auch nicht gerade einfach macht.
Der Jugendliche fliegt aus der Kanti, fängt eine Lehre an – «auf Druck der Verwandtschaft» – und bricht sie nach einem Jahr gleich wieder ab. «Da hat mein Vormund das Handtuch geworfen. Nachträglich gesehen verstehe ich das gut, so einfach war das nicht mit einem pubertierenden jungen Mann.»

Werner Bächtold geht nach Glarus, macht die Matura, kommt wieder zurück. Lehrerseminar in Schaffhausen. Obwohl: «Eigentlich wollte ich nie wirklich Lehrer werden. Es war der schnellste Weg, um einen Abschluss zu erreichen.»

Nach der Ausbildung geht er an die Uni, studiert vier Semester Geschichte und Germanistik, arbeitet nebenbei auf dem Bau, in einer Buchhandlung und im Service, um «das wirkliche Leben» kennenzulernen. Dann wird er doch Lehrer. Zehn Jahre im Gega an der Bachstrasse, zehn Jahre auf der Breite, wo er auch Schulhausvorsteher wird. «Ich habe es gerne gemacht», sagt er heute.

Als die ältere der beiden Töchter ins gleiche Schulhaus kommt, hängt Werner Bächtold den Lehrerjob an den Nagel. «Ich dachte: ‹Nein, das tue ich ihr nicht an›. Ich wollte nicht, dass sie gehänselt wird. Und sie sollte ihre Geheimnisse aus der Schule bewahren können. Eltern müssen nicht immer alles wissen.»

«Er war engagiert»

Es folgt der Wechsel in die Verwaltung, ins Schulamt der Stadt, später nach Winterthur – und der Einstieg in die Politik.

Werner Bächtold ist 50 Jahre alt, als er 2004 in den Kantonsrat gewählt wird. Innerhalb der Partei übernimmt er bald wichtige Ämter. 2009 wird er Präsident der SP-Fraktion im Kantonsparlament, später Präsident der kantonalen Partei. Zeitweise leitet er die arbeitsintensive Geschäftsprüfungskommission, bis zum Schluss wird er in über 50 Kommissionen sitzen. Werner Bächtold macht keine halben Sachen. «Er war engagiert», konstatiert SVP-Mann Walter Hotz.

«Es braucht viel, bis ich die Fassung verliere.»
Werner Bächtold

Auf die Frage, was er anders machen würde, wenn er nochmals von vorne anfangen könnte, sagt Werner Bächtold: «Ich würde früher in die Politik einsteigen.»

Gleichzeitig hält er fest: «Ich habe es nicht getan, weil ich meine Kinder aufwachsen sehen und ein aktiver Vater sein wollte.» Beruf, Familie und Politik, das sei kaum vereinbar, meint Bächtold. Vorausgesetzt, man sei ein aktiver Politiker. «Wenn man wie ein Hinterbänkler nur herumsitzt und den anderen die Luft wegatmet, dann geht das schon.»

Der Politiker

Der Politiker Werner Bächtold kann austeilen, das zeigen seine Voten. Bei seinen Linken, und auch den Linksaussen, kommt er damit jahrelang gut an. Als er 2009 gegen Christian Amsler zum ersten Mal für den Regierungsrat kandidiert, lanciert die Alternative Liste eine eigene Kampagne pro Bächtold. AL-Mann Florian Keller sagt: «Werner Bächtold war einer der gescheitesten Leute im Rat und einer der progressivsten SPler.»

Vielleicht zu weit links, um in einem konservativen Kanton in die Regierung gewählt zu werden?

Werner Bächtold sagt, er sei immer kompromissbereit gewesen. Manchmal hatten daran aber nicht einmal seine Parteikollegen ihre Freude, Werner Bächtold war innerhalb der SP plötzlich in der Minderheit.

2006 spricht sich Werner Bächtold gegen die Volksinitiative «Nur eine Fremdsprache an der Primarschule» aus. Die Partei fällt die Ja-Parole.

2007 unterstützt er die Zentralisierung des Steuerwesens. Die Partei ist dagegen.

2009 nimmt er das Schulgesetz an, schreibt einen Pro-Leserbrief («Es werden bedarfsgerechte Tagesstrukturen realisiert») und nimmt Seite an Seite mit der damaligen Erziehungsdirektorin Rosmarie Widmer Gysel (SVP) an einer Podiumsdiskussion teil. Unter den Gegnern: der damalige Lehrervereinspräsident Roland Kammer. Auch die Partei ist dagegen.

2014 stimmt Werner Bächtold im Kantonsrat für das Wasserwirtschaftsgesetz. Wieder: Die Partei ist dagegen. Werner Bächtold, der leidenschaftliche Stachelweidling-Fahrer, wird «Zerstörer des Rheins» genannt. «Jemand hat mir gesagt: ‹Wer für das Wasserwirtschaftsgesetz stimmt, hat sein Daseinsrecht in der SP verloren.› Das fand ich absolut lächerlich.» Werner Bächtold reagiert – und tritt dem Ja-Komitee bei. Ein Jahr später wird er Parteipräsident.
Er selbst sagt, es brauche viel, bis er die Fassung verliere. Und doch kam es vor: zum Beispiel, als die Entlastungslektion für Klassenlehrer vom Kantonsrat abgelehnt wird – mit dem Segen von Erziehungsdirektor Christian Amsler. Werner Bächtold protestiert und tritt unter lautem Getöse aus der zuständigen Kommission aus.

Inzwischen ist die Entlastungslektion genehmigt, sie soll im August 2020 in Kraft treten – sechs Jahre später als ursprünglich versprochen.
Werner Bächtold wird die Einführung als Pensionär aus dem «Unruhestand», wie er selbst sagt, mitverfolgen.

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Ausgewählte Zitate von Werner Bächtold:

«Ich bin doch nicht blöd»
Werner Bächtold lehnt die Unternehmenssteuerreform II ab, 2008.

«Mir kommen keine Tränen, wenn sich das Vermögen eines Einzelnen von zehn auf fünf Milliarden Franken reduziert»
Podiumsdiskussion zur Finanzkrise, 2009.

«Das ist ein Schlag ins Gesicht all derjenigen Familien, denen am Ende des Monats nicht viel oder gar nichts übrig bleibt»
Zu den Sparmassnahmen bei den Prämienverbilligungen, 2011.

«Ich bin kein Cüpli- und Apéro-Typ»
Vor den Regierungsratswahlen, 2012.

«Das ist ein Verbrechen an der Jugend»
Zum Sparpaket ESH4, 2015.

«Ich verzichte in der Regel auf Polemik»
Zur Entlastungslektion, 2017.

Dieser Artikel erschien am 19. Juli 2018 in der «Schaffhauser AZ».

Entlastungslektion – Wer wie abgestimmt hat

Der Schaffhauser Kantonsrat hat heute Montag die Vorlage «Umsetzung zusätzliche Klassenlehrerentlastung» an die Kommission zurückgewiesen. Vorläufig gibt es für die Schaffhauser Klassenlehrer keine (zusätzliche) Entlastungslektion. Diese Entlastungslektion hatte der Schaffhauser Regierungsrat den Lehrern nach einem Streik vor fünf Jahren versprochen. Eine Mehrheit aus FDP und SVP will, dass die Vorlage kostenneutral umgesetzt wird. Auch der Schaffhauser Regierungsrat hatte sich dafür ausgesprochen.

Abstimmung Entlastungslektion
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