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Neuhausen soll kein Beringen werden

Notwendige Verdichtung oder «Klientelpolitik»? Neuhausen stimmt über eine neue Bauordnung ab. Das Abstimmungsmagazin ist so dick wie ein Buch.

Im Zentrum wird genau festgelegt, wo wie hoch gebaut werden darf. Grafik: Planungsbericht im Abstimmungsmagazin
Im Zentrum wird genau festgelegt, wo wie hoch gebaut werden darf. Grafik: Planungsbericht im Abstimmungsmagazin

Vielleicht ist es das dickste Abstimmungsmagazin aller Zeiten. Grafiken, Pläne und haufenweise Bauordnungsartikel finden sich darin. Fein säuberlich ist jedes Grundstück aufgeführt, das umgezont werden soll. Total: 132 Seiten. «Einen imposanten Stapel Papier» nennt Gemeindepräsident Stephan Rawyler die Broschüre zu den Abstimmungen über den Neuhauser Zonenplan und die neue Bauordnung, über die parallel abgestimmt wird.

Doch das allein genügt nicht, dachte sich die Gemeinde und initiierte zusätzlich noch drei Infoveranstaltungen. Eine fand in der Aula des Schulhauses Gemeindewiesen statt.

Es ist Donnerstagabend. Draussen ist es längst dunkel. Vereinzelt spenden ein paar Strassenlaternen ein wenig Licht. Drinnen, in der hell erleuchteten Aula, versammeln sich etwa 25 Personen, darunter viele lokale Politiker. Der durchschnittliche Gast ist männlich, hat keine oder graue Haare. CVP-Einwohnerrat Thomas Theiler nutzt die Gelegenheit und verteilt Flyer gegen den Zonenplan. «Masslos» und «Unverantwortlich» steht in Grossbuchstaben darauf geschrieben.

Bis zu 40 Meter hoch

Konradin Winzeler schreitet ans Mikrofon. Der Raumplaner hält das Einleitungsreferat: Man müsse die grossen Zusammenhänge sehen. Vorgaben von Bund und Kanton, Entscheide des Stimmvolks, Quartiergespräche, jahrelange Arbeit. Und jetzt also ist es so weit. Jetzt wird abgestimmt. Winzeler hält das Abstimmungsmagazin in die Höhe: «Ich hoffe, Sie können damit einen fundierten Entscheid fällen.»
Im Detail mag es kompliziert sein, im Grundsatz ist es einfach. Es geht darum: Wo in Neuhausen soll gebaut werden, wie hoch soll gebaut werden, bzw. soll überhaupt noch mehr gebaut werden?
Eine Neuerung betrifft das Zentrum. Wird der Zonenplan am 25. November angenommen, soll es an einigen Standorten unter Auflagen möglich sein, Gebäude von bis zu 40 Metern Höhe zu bauen (siehe Grafik). Darunter fällt das Areal des heutigen Werkhofs, das freigespielt wird.

Auch das Gebiet der Gärtnerei beim Rosenbergschulhaus würde umgezont werden, von einer Zone für öffentliche Bauten in die Wohnzone 3. Eine allfällige Erweiterung des Rosenbergschulhauses könnte laut Abstimmungsmagazin beispielsweise auf der grünen Wiese, dem Trainingsplatz zwischen Gärtnerei und Turnhalle, realisiert werden. Ähnlich also wie beim Kirchackerschulhaus, wo derzeit ein Erweiterungsbau auf dem früheren Pausenplatz entsteht.

«Dass Pausen- und Trainingsplätze für Schulhäuser weichen müssen, während gleich nebenan öffentliches Land an private Investoren verkauft werden soll, geht mir gegen den Strich», sagt AL-Einwohnerrätin Nicole Hinder. «Das ist Klientelpolitik. Kinder brauchen ihre Freiräume.» Hinder schlägt stattdessen eine Zwischennutzung mit einem Gemeindegarten oder einem Erlebnisspielplatz vor. In 20 Jahren, wenn tatsächlich noch mehr Wohnraum benötigt werde, könne man das Grundstück immer noch verbauen.

Gemeindepräsident Stephan Rawyler (FDP) hält dagegen: «Verkäufe, sollte es dazu kommen, sind jetzt beim Zonenplan nicht das Thema, dazu wird es separate Abstimmungen geben.» Zudem gebe es in diesem Quartier viele Einfamilienhäuser und genügend Grünflächen. «Es gibt keinen Bedarf für einen Park oder einen Spielplatz, hingegen ist die Lage für Wohnungen attraktiv.»

Die Zürcher anlocken

Fast 30 Jahre alt ist der aktuell gültige Neuhauser Zonenplan inzwischen. Und so weit sind sich alle einig: Es braucht einen neuen. Doch wie er genau aussehen soll, der neue Zonenplan, hier gehen die Meinungen auseinander.

Zurück in die Aula des Schulhauses Gemeindewiesen: Nach dem Vortrag von Raumplaner Winzeler erhalten die Befürworter um die Einwohnerräte Arnold Isliker (SVP) und Markus Anderegg (FDP) das Wort. Die «Argumente contra» sind hingegen kein offizielles Traktandum.

Architekt Anderegg lobt den sogenannten Gestaltungsbeirat, der neu eingeführt werden soll. Dieses Gremium, dem neben zwei Gemeinderäten auch drei Experten aus den Bereichen Architektur, Landschafts- und Umgebungsgestaltung angehören werden, wird künftig Quartierpläne prüfen. «Bis jetzt konnte der Gemeinderat relativ selbstherrlich, sage ich mal, über Bauprojekte entscheiden», sagt Anderegg.
Ausserdem hat der freisinnige Einwohnerrat die Finanzen im Blick: «Wir brauchen einen marginalen Zuzug an neuen Leuten, die hier Steuern zahlen.» Es ist klar, wer gemeint ist: die reichen Zürcher.

Arnold Isliker doppelt nach und fragt in die Runde: «Sollen wir denn wie die Beringer ins Grüne bauen? Etwa beim Chlaffental, wo es keinen ÖV gibt?»

Bauen für die Rendite

Nach einer Stunde wird die offene Diskussion eröffnet. Die Gäste – sofern sie keine Politiker sind – bleiben mehrheitlich skeptisch.

Eine Person kritisiert die Erhöhung der Ausnützungziffer, die beispielsweise in der Wohnzone 3 von 0,6 auf 0,8 angehoben werden soll. Konkret heisst das: Es darf dichter gebaut werden.

Eine Stimmbürgerin nimmt das Votum auf: «Wenn höher gebaut und die Ausnützungsziffer erhöht wird, steht dann nicht die Hälfte der neuen Wohnungen leer?»

SVP-Mann Isliker entgegnet: «Wir müssen uns alle an der eigenen Nase nehmen. Unsere Pensionskassen müssen Rendite machen, und bei den Banken bekommen sie keine Zinsen mehr. Darum müssen sie bauen.» Und weiter: «Die Jungen stören sich nicht an Hochhäusern, die sehen das anders als wir. Wir machen das ja für die Zukunft.»

Verhärtete Fronten

Bis hierhin hat er still zugehört, nur hin- und wieder leise den Kopf geschüttelt: Dann muss CVP-Einwohnerrat Thomas Theiler seinem Ärger Luft verschaffen. Er holt zum Monolog aus: «Der Leerwohnungsbestand steigt. Wollen wir so viele leere Wohnungen? Und die Zürcher. Fragen Sie mal die Zürcher, ob sie überhaupt wissen, wo Neuhausen ist!» Ausserdem werde der Verkehr zunehmen, dafür genüge die Infrastruktur nicht.

Gemeinderat Dino Tamagni (SVP) kontert: Die Infrastruktur reiche für zusätzliche 2’500 Personen.

Nach knapp zwei Stunden ist Schluss. Draus­sen, an der Bushaltestelle, wartet eine Besucherin auf den 1er-Bus. Sie ist aufgebracht. «Immer die Märligschichte», sagt sie. Sie werde dagegen stimmen.

Dieser Artikel erschien am 15. November in der «Schaffhauser AZ».