Category Archives: Politik

Das Kita-Gesetz nimmt die erste Hürde

Familienpolitik: Der Kantonsrat will mehr Geld für die externe Kinderbetreuung ausgeben.

Der Schaffhauser Kantonsrat will 12 Millionen Franken für die familienergänzende Kinderbetreuung ausgeben. Er hat zu diesem Zweck am Montag die Schaffung einer sogenannten finanzpolitischen Reserve mit 53 zu einer Stimme angenommen. Einzig Marcel Montanari (JF) lehnte dies ab.

Der Schaffhauser Regierungsrat will mit den Geldern von 2020 bis 2028 die externe Betreuung von Kleinkindern unterstützen. Konkret sollen im Rahmen des neuen «Gesetzes zur Förderung der familienergänzenden Kinderbetreuung im Vorschulalter» die Eltern entlastet werden. Sie sollen in den Genuss von Gutschriften für die Betreuungskosten kommen.

Bis anhin fehlt eine gesetzliche Grundlage für kantonale Subventionen an Einrichtungen wie Kindertagesstätten, die Kinder vor dem Schuleintritt betreuen. Die familienergänzende Kinderbetreuung wird deshalb bisher «grösstenteils durch die Eltern finanziert», schreibt der Regierungsrat. Nur vereinzelte Gemeinden wie die Stadt Schaffhausen und Neuhausen subventionieren ihre Betreuungseinrichtungen. «Trotz dieser Unterstützung werden immer wieder Stimmen laut, die besagen, dass die Preise für die familienergänzende Kinderbetreuung zu hoch seien und dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch diese Kosten behindert werde», begründet die Regierung das neue Kita-Gesetz. Nun soll der Kanton «mithelfen, die externen Betreuungskosten für Kinder im Vorschulbereich zu senken».

Die Regierung argumentiert damit, «dass Investitionen in die familienergänzende Kinderbetreuung diverse positive Effekte aufweisen». Unter anderem hätten ausserfamiliäre Kinderbetreuungsplätze «einen konkreten volkswirtschaftlichen und finanziellen Nutzen für eine Gemeinde». Ausserdem seien sie «ein wichtiges Argument bei der Wahl eines Firmenstandorts, da qualifizierte Arbeitskräfte oft auf entsprechende Angebote angewiesen sind».

Die finanzielle Unterstützung wird allerdings bis 2028 begrenzt. Ausserdem soll die Wirksamkeit der Subventionen überprüft werden, sagte Finanzdirektorin Cornelia Stamm Hurter (SVP).

Über das «Gesetz zur Förderung der familienergänzenden Kinderbetreuung im Vorschulalter» wird der Kantonsrat zwar noch separat abstimmen. Indem er die benötigten 12 Millionen Franken nun als finanzpolitische Reserve explizit für die Kinderbetreuung zur Seite gelegt hat, fällte er aber bereits einen wegweisenden Vorentscheid.

Dieser Text erschien am 20. Juni in der «Schaffhauser AZ».

Der Deal hält

Steuerreform: Von Krötenschluckern und Prinzipienreitern

SP-Kantonsrat Kurt Zubler fürchtete «bei all den Kröten, die geschluckt werden», bereits um den Fortbestand besagter Tierart. Es sollte sich allerdings schnell zeigen: Nicht alle Kantonsräte waren am Montag im Rahmen der ersten Debatte um die kantonale Steuerreform und das sozialpolitische Zusatzpaket (sogenannte «flankierende Massnahmen für Private») dazu bereit, Kröten zu schlucken. Einige Parteien beharrten auf ihren Prinzipien.

Nach der nationalen Abstimmung über das Paket Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF), die im Mai angenommen wurde, folgt nun die Umsetzung der Steuerreform auf kantonaler Ebene. Künftig sollen die normalen Unternehmen wie auch die internationalen Statusgesellschaften mit einem Gesamtsteuersatz von 12,35 Prozent belastet werden. Heute werden die normalen Firmen mit 16 Prozent, die Statusgesellschaften nur mit rund 8,7 Prozent besteuert.

Die Fraktionssprecher von SP, FDP, SVP und den Mitteparteien signalisierten Zustimmung zum Paket, das die SP und die bürgerliche Regierung hinter den Kulissen geschnürt hatte, obwohl sie alle nicht vollends begeistert waren. Einzig die Sprecher der AL und der Grünen machten klar, dass sie die Steuerreform ablehnen werden. So sagte AL-Kantonsrat Matthias Frick, er lasse sich nicht mit «Zückerli» ködern.

Mit den «Zückerli» meinte Frick das sozialpolitische Zusatzpaket, das unter anderem höhere Kinder- und Ausbildungszulagen sowie eine Steuergutschrift von 320 Franken pro Kind und Jahr beinhaltet. Insbesondere die Steuergutschrift, die bei einigen Familien, die wenig oder gar keine Steuern zahlen, dazu führen kann, dass sie netto Gelder ausbezahlt erhalten, sorgte für Kritik aus der FDP. Dennoch werde auch die FDP mit Ja stimmen, so ihr Sprecher.

Wenn die Fronten unverändert bleiben, dürften die Steuerreform und das Zusatzpaket bei der Schlussabstimmung an der nächsten Kantonsratssitzung klar angenommen werden.

Dieser Text erschien am 20. Juni in der «Schaffhauser AZ».

«Ich kann auch keine Lehrpersonen herbeizaubern»

Lehrermangel: Erziehungsdirektor Christian Amsler kündigt eine Vorlage für geleitete Schulen an und nimmt zu den Vorwürfen aus der Stadt Stellung.

Christian Amsler, der Lehrerverein spricht von einem Notstand. Sie sind der oberste Chef der Lehrpersonen. Würden Sie sagen, Sie haben alles versucht, was möglich war, oder gibt es Punkte, wo Sie selbstkritisch sagen, hier hätte ich die Lage verbessern können?
Christian Amsler Es ist natürlich so: Der Erziehungsdirektor kann auch nicht einfach Lehrerinnen und Lehrer herbeizaubern. Und es hatte immer Phasen, in denen es zu viele oder zu wenige Lehrpersonen gab. 2010, als ich frisch ins Amt kam, hatten wir ebenfalls eine Phase des Lehrermangels. Das ist also nichts Neues. Aber es ist auch in der gesamten Schweiz eine demographische Realität, dass in den nächsten Jahren viele Lehrpersonen in Pension gehen werden. Gleichzeitig wird die Anzahl Schülerinnen und Schüler zunehmen. Wir werden also künftig sicher vermehrt mit einem Mangel an Lehrpersonen konfrontiert sein. Einfach dem Erziehungsdirektor die Schuld zuzuschieben, halte ich allerdings für verkehrt. Es ist ein Puzzle aus vielen Teilen.

Das wichtigste Puzzlestück ist der Lohn.
Ich verstehe, dass der Lehrerinnen- und Lehrerverein das Thema Lohn wieder aufs Tapet bringt. Ich bin der Erste, der sagt, man müsse Lehrerinnen und Lehrer anständig entlöhnen. Aber die Sache ist komplexer, als viele meinen. Man kann nicht einfach so machen (Christian Amsler schnippst mit den Fingern) und die Löhne steigen.

Aber die Lehrpersonen klagen ja schon seit vielen Jahren über ihren Lohn. Konnte man diese Situation nicht voraussehen?
Wir kommen aus einer Zeit, in der wir Entlastungspakete schnüren mussten. Das war für alle anstrengend, für die Regierung, für den Kantonsrat, für die Angestellten des Kantons und für alle übrigen Betroffenen. Ja, wir haben ein Problem im Lohnsystem, das jetzt unbedingt angegangen werden muss. Das gilt aber für alle Kantonsangestellten. Die Regierung weist seit Jahren darauf hin. Aber um das zu ändern, muss auch der Kantonsrat mitarbeiten.

2017 hat der Kantonsrat eine Vorlage zur Erhöhung der Löhne aller Staatsangestellten abgelehnt. Auch Mitglieder Ihrer Partei, der FDP, haben dagegen gestimmt. Wie konnte das geschehen?
Es gibt viele Parteien im Kantonsrat. Die Problematik dieser Vorlage war, dass die Löhne jedes Jahr automatisch mindestens ein Prozent steigen sollten. Dafür hatten die bürgerlichen Parteien kein Gehör. Aber jetzt müssen wir unbedingt mehrere Prozent genehmigen. Die Regierung schlägt nun drei Prozent vor.

Drei Prozent wären laut dem Lehrerinnen- und Lehrerverein nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Löhne müssten um 25 Prozent erhöht werden, um auf das Niveau von Zürich zu kommen.
Auf dieses Niveau werden wir nie kommen, das ist uns allen klar. Aber drei Prozent ist ein erster Schritt. Und dann müssen wir jedes Jahr schauen, was drinliegt. Man muss aber auch sehen: Jede Lohnerhöhung um ein Prozent löst Ausgaben in Millionenhöhe aus. Es betrifft ja nicht nur die Lehrpersonen, sondern auch das Pflegepersonal, Polizistinnen und Polizisten sowie alle anderen Verwaltungsangestellten. Trotz der guten Finanzlage wird es schwierig, das durchzubringen. Aber ich bin optimistisch, dass der Kantonsrat jetzt mitziehen wird. Denn sonst haben wir ein echtes Rekrutierungsproblem. Ich habe allerdings auch etwas Mühe, wenn jetzt nur von den Lehrpersonen gesprochen wird. Vielleicht melden sie sich am lautesten zu Wort. Das ist nicht verboten. Aber es geht nicht nur um die Lehrpersonen.

Konkrete Massnahmen, um ausschliesslich die Löhne der Lehrpersonen zu erhöhen, wird es also nicht geben?
Der Lohn ist eine wichtige Komponente, aber nur ein Faktor. Das Berufsumfeld ist ebenfalls wichtig. Geleitete Schulen sind gerade für viele jüngere Lehrpersonen eine Bedingung. Nachdem der Souverän das 2012 abgelehnt hat, kann hoffentlich bald ein neuer Versuch gestartet werden. Es gibt einen hängigen Vorstoss aus dem Parlament, der die flächendeckende Einführung von geleiteten Schulen fordert. Ich bin überzeugt, dass sich eine Mehrheit des Kantonsrates dafür aussprechen wird. Dann wird das Erziehungsdepartement sehr rasch eine neue Vorlage bringen. Und dann hätte auch der letzte Kanton dieses Landes geleitete Schulen.

Sie nehmen beim Thema Lohn den Kantonsrat in die Pflicht. Laut der Schulpräsidentin der Stadt, Katrin Huber, gäbe es aber mehrere Punkte, die das Erziehungsdepartement (ED) eigenhändig verbessern könnte. Beispielsweise sei eine pensionierte Lehrperson aus dem Kanton Thurgau, die eine Stellvertretung übernehmen sollte, vom ED im Minimallohn eingestuft worden, obwohl sie viele Jahre Berufserfahrung mitbrachte. Auch eine Lehrperson, die nach dem Mutterschaftsurlaub noch zusätzlich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub machte, wurde zurückgestuft. Weshalb?
Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch und wollen, dass der Berufsstandard der Lehrperson hochgehalten wird. Es kann nicht einfach Krethi und Plethi Unterricht geben. Und wir können nicht immer ein Auge zudrücken und Sonderlösungen genehmigen. Wir sind zwar flexibel und Notlösungen über eine kürzere Zeit sind tragbar, aber wir können beispielsweise niemanden Englisch unterrichten lassen, der dafür nicht ausgebildet ist. Das können wir nicht tolerieren. Ich bin überzeugt, dass das auch im Interesse der ausgebildeten Lehrpersonen und des Lehrerinnen- und Lehrervereins ist.

Laut Katrin Huber empfinden einige Lehrpersonen die Lohneinstufungen als «willkürlich» und beklagen eine «mangelhafte Wertschätzung». Vergrault das ED damit nicht zusätzlich Lehrpersonen?
Ich wehre mich entschieden dagegen, dass die Lohneinstufungen willkürlich seien. Wir haben in der Lohnverordnung ganz klare Richtlinien, wie Lehrerinnen und Lehrer eingestuft werden. Es werden schulische und ausserschulische Tätigkeiten angerechnet, wie die geleistete Lehrtätigkeit bzw. andere geleistete Berufsjahre. Ausserdem wird die Erziehung von Kindern bis hin zur Lebenserfahrung berücksichtigt. Die Lohneinreihung zu Beginn der Anstellung steht meiner Ansicht nach nicht im Zusammenhang mit fehlender Wertschätzung. Diese Betrachtung könnte eher im Kontext der Lohnentwicklung gesehen werden. Selbstverständlich sind nicht alle Lehrpersonen mit der Einreihung zufrieden, insbesondere wenn die Unterschiede zu den Nachbarkantonen miteinbezogen werden.

Katrin Huber sagt, das ED ziehe Personen, die ursprünglich als Kindergartenlehrperson ausgebildet wurden, danach die heilpädagogische Weiterbildung absolvierten und nun als Heilpädagoginnen und Heilpädagogen auf Primarstufe arbeiten, fünf Prozent vom Lohn ab, weil sie stufenfremd arbeiten. Andere Kantone würden das nicht so handhaben. Das mache Schaffhausen zusätzlich unattraktiv.
Die Funktion der heilpädagogischen Lehrperson an der Primarstufe setzt im Kanton Schaffhausen eine Primarlehrerausbildung voraus. Sonst erfolgt ein Lohnabzug von fünf Prozent. Das entspricht der Lehrerverordnung. Wenn nun eine Kindergärtnerin mit heilpädagogischer Ausbildung an der Primarstufe arbeitet, so wird sie in einer höheren Lohnstufe, in diesem Fall Lohnband 10, eingeteilt. Daraus erfolgt dann der Abzug. Das bedeutet, dass sie trotz Reduktion immer noch mindestens knapp drei Prozent mehr verdient als eine heilpädagogische Lehrperson am Kindergarten. Ich weiss, das ist teilweise unschön. Ich wäre der Erste, der Hand bieten würde, wenn die Lehrpersonen auf allen Stufen gleich viel verdienten. Ein Einheitslohn wäre ein mutiger Schritt, das ist das finnische Modell. Ich vermute aber, es sind gerade die Lehrpersonen, die sich am meisten dagegen wehren würden.

Bei den Kindergartenlehrpersonen liegt eine konkrete Forderung auf dem Tisch: Der Lehrerinnen- und Lehrerverein hat Ende 2018 einen Antrag gestellt, die Kindergartenlehrpersonen höher einzustufen, weil sich ihre Ausbildung nicht mehr von der Ausbildung einer Lehrperson auf der Primarstufe unterscheide.
Es ist legitim, wenn eine Berufsgruppe wegen Faktoren, die sich geändert haben, einen solchen Antrag stellt. Der Prozess läuft in enger Zusammenarbeit mit dem Finanzdepartement. Ich bin gespannt, was das für Auswirkungen hat. Kommt dazu: An unserer PH gibt es neu die Ausbildung Kindergarten und Unterstufe (KGU). Schon in wenigen Jahren werden die Abgängerinnen und Abgänger also sowohl auf Primarstufe wie auch im Kindergarten arbeiten können. Dass jene, die die gleiche Ausbildung haben, auch gleich viel verdienen sollten, ist für mich sonnenklar.

Kommen wir zurück zur aktuellen Lage: In der Stadt sind noch sechs Vollzeitstellen unbesetzt und es gebe keine Bewerbungen. Was geschieht, wenn bis nach den Sommerferien nicht alle Klassen eine Lehrperson haben? Gibt es einen Notfallplan?
Abgerechnet wird kurz vor den Sommerferien. Wir müssen diese Situation ernst nehmen, aber das hatten wir auch schon. Wenn tatsächlich noch Stellen unbesetzt bleiben, muss man allenfalls zu Notmassnahmen greifen und frisch pensionierte Lehrpersonen zurückholen. Vielleicht müssen auch zwei kleine Klassen zusammengelegt werden. Allenfalls muss man schauen, dass Lehrpersonen, die Teilzeit arbeiten, noch zusätzlich ein paar Lektionen übernehmen. Hier hat es noch viel Potenzial.

Würden mit der Zusammenlegung von Klassen die Anstellungsbedingungen der bestehenden Lehrpersonen nicht noch zusätzlich verschlechtert?
Das ist die Kehrseite. Aber wir haben klare Richtwerte, Minimal- und Maximalzahlen. Wir sind Schweizer Meister, was kleine Klassen angeht. Es gibt hier sehr wohl noch Luft nach oben, gerade in ländlichen Gebieten.

Dass ein Teil des Unterrichts ausfallen wird, ist keine Option?
Ganz klar: nein. Es gibt eine Schulpflicht. Und wir werden alles daran setzen, dass jedes Kind eine Lehrerin oder einen Lehrer hat.

Dieses Interview erschien am 2. Mai in der Schaffhauser AZ.

Kritik am Erziehungsdepartement

Lehrermangel: Willkürliche Lohneinstufungen und mangelhafte Wertschätzung: Katrin Huber, Schulratspräsidentin der Stadt, kritisiert den Kanton.

Der Co-Präsident des Schaffhauser Lehrerinnen- und Lehrervereins, Patrick Stump, spricht von einem «Notstand». Und Katrin Huber, Präsidentin des städtischen Schulrates, sagt: «So eine Situation habe ich noch nie erlebt.»

Im Kanton Schaffhausen fehlt es an Lehrpersonen. 66 Stellen waren am 29. April an den Schulen des Kantons gemäss der kantonalen Stellenbörse noch offen. Davon sollten 59 bis zum 1. August besetzt sein, sonst hat die eine oder andere Klasse nach den Sommerferien keine Lehrperson.

In der Stadt sind laut Katrin Huber für das nächste Schuljahr noch sechs Vollzeitstellen unbesetzt. Zudem fehlen Lehrpersonen für diverse Lektionen. Nun wären noch drei Monate Zeit, um die Stellen zu besetzen. Nur: «Die Stellen sind teilweise schon seit Monaten ausgeschrieben. Für gewisse Stellen gibt es keine einzige Bewerbung», sagt Katrin Huber.

Den Hauptgrund für die fehlenden Lehrpersonen sieht der Schaffhauser Lehrerinnen- und Lehrerverein bei den zu tiefen Löhnen, gerade im Vergleich zum Nachbarkanton Zürich. Schaffhausen müsste die Löhne um einen Viertel anheben, um auf das Zürcher Niveau zu kommen, sagte Patrick Stump letzte Woche im Schaffhauser Bock.

Kein gutes Zeugnis für den Kanton Schaffhausen gibt es auch vom Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband. In einer Lohnanalyse vom Sommer 2018 stellte der Verband dem Kanton in den Punkten «anforderungsgerechte Löhne» und «verlässliche Lohnperspektive» – wie einigen anderen Kantonen – die Note «ungenügend» aus. Demnach entspreche der Lohn der Lehrpersonen im Vergleich mit anderen Branchen nicht der Ausbildung und den Anforderungen.

Ein Versuch der Regierung, die Löhne aller Schaffhauser Staatsangestellten inklusive der Lehrpersonen zu erhöhen, scheiterte 2017 im Kantonsrat. Eine Mehrheit aus FDP und SVP schickte eine entsprechende Vorlage bachab.

Allerdings sucht nicht nur der Kanton Schaffhausen nach Lehrpersonen. In den letzten zwei Wochen berichteten auch die Südostschweiz und das Walliser Newsportal 1815.ch über einen Lehrermangel in Glarus und im Oberwallis.

Tiefere Lohneinstufungen

Die Situation in Schaffhausen liesse sich zumindest teilweise entschärfen, wenn das kantonale Erziehungsdepartement (ED) gewisse Methoden hinterfragen würde, findet Schulratspräsidentin Katrin Huber. Teil des Problems ist, dass zwar die Gemeinden Lehrpersonen für ihre Schulen suchen und einstellen müssen, wie viel diese Lehrpersonen verdienen, entscheidet jedoch das ED.

Wie Huber gegenüber der AZ sagt, empfinden einige Lehrpersonen die Lohneinstufungen des Departements als «willkürlich». Sie beklagen eine «mangelnde Wertschätzung» ihrer Arbeit. Beispielsweise komme es öfter vor, dass pensionierte Lehrpersonen, die an die Schule zurückkehren, vom ED deutlich weniger Lohn zugesprochen erhalten, als sie vor der Pensionierung bekamen. «Eine pensionierte Person aus dem Thurgau mit vielen Jahren Berufserfahrung, die eine Stellvertretung in einer Landgemeinde übernehmen sollte, wurde gar zum Minimallohn eingestuft», sagt Katrin Huber und nennt gleich ein weiteres Beispiel: «Eine Lehrperson, die nach ihrem Mutterschaftsurlaub noch ein weiteres Halbjahr Auszeit nahm und danach in den Beruf zurückkehrte, wurde ebenfalls zurückgestuft.»

Ausserdem ziehe das ED Personen, die ursprünglich als Kindergartenlehrperson ausgebildet wurden, danach die heilpädagogische Weiterbildung absolvierten und nun als Heilpädagoginnen und Heilpädagogen auf Primarstufe arbeiten, fünf Prozent vom Lohn ab, weil sie «stufenfremd» arbeiten. Andere Kantone würden das nicht so handhaben. «Das macht Schaffhausen zusätzlich unattraktiv», so Huber.

Dieser Artikel erschien am 2. Mai in der Schaffhauser AZ. Gleichzeitig erschien ein Interview mit Christian Amsler.

Ein zerbrechlicher Pakt

Die SP konnte dem Regierungsrat bei der Umsetzung der Steuerreform Zugeständnisse abringen. Jetzt stellt sich die Frage: Hält dieser Pakt? Eine Analyse.

Pressekonferenz Mitte April im Hotel Rüden. Daniel Preisig macht noch einen kleinen Scherz. Es komme ja nicht alle Tage vor, dass er neben SP-Nationalrätin Martina Munz sitze und gemeinsam fürs gleiche Lager kämpfe. Danach lobt der SVP-Kantonsrat die Vorzüge des Bundesgesetzes über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung (STAF), die in zweieinhalb Wochen zur Abstimmung kommt.

Dass die SP-Nationalrätin am gleichen Tisch sitzt, hat Gründe. Und hängt damit zusammen, was Preisigs Parteikollegin Cornelia Stamm Hurter derzeit überall verspricht: Die Finanzdirektorin nutzt die Pressekonferenz zur STAF und wiederholt, was sie bereits Wochen zuvor sagte. Wenn die STAF angenommen wird, werde der Kanton im Rahmen der kantonalen Steuerreform eine Steuergutschrift von 320 Franken pro Kind und Jahr gewähren. Ausserdem sollen die Kinderzulagen um 30 Franken und die Ausbildungszulagen um 40 Franken steigen. Zusätzlich will die Regierung in den nächsten sechs Jahren insgesamt zwölf Millionen Franken investieren, um die familienergänzende Kinderbetreuung zu fördern.

Cornelia Stamm Hurter. Bild: SVP
Cornelia Stamm Hurter. Bild: SVP

Das sind ungewohnte Töne. Man könnte meinen, aus der SVP-Politikerin sei eine Sozialdemokratin geworden.

Tatsache ist: Die Finanzdirektorin verknüpft geschickt die kantonale Unternehmenssteuerreform mit kinder- und familienfreundlichen Extras. Das Mantra: Ja, wir senken die Steuern für die Firmen, aber auch Familien werden profitieren. Stamm Hurter tut es vermutlich im Wissen darum, dass die Steuersenkungspläne der Regierung bei der Stimmbevölkerung nur so eine Chance haben werden.

Die Folgen der USR III

Blenden wir zwei Jahre zurück: Es war ein grosser Sieg, den die SP im Februar 2017 feiern konnte. Die Unternehmenssteuerreform (USR) III wurde vom Souverän bachab geschickt, auch der Kanton Schaffhausen sagte mit 58 Prozent Nein.

Dieses Resultat kam zustande, weil neben linken Wählerinnen und Wählern auch die Hälfte der SVP-Wählerschaft Nein gestimmt hat. Das ergab eine Analyse des Forschungsprojekts VOTO im Auftrag der Schweizerischen Bundeskanzlei. Beleg dafür sind auch die Schaffhauser Gemeinden. Mit Ausnahme von Stetten erteilten alle Gemeinden der USR III eine Absage.

Martina Munz. Bild: martinamunz.ch
Martina Munz. Bild: martinamunz.ch

Wenn es um die Unternehmenssteuern geht, scheint eine Gruppe konservativer Wählerinnen und Wähler dann doch eher mit den Linken zu stimmen. Und diese Gruppe ist offenbar so gross, dass sie das Resultat entscheidend beeinflussen kann.

Im Umkehrschluss heisst das: Eine Senkung der Unternehmenssteuern hat in Schaffhausen nur dann eine Chance, wenn zumindest ein Teil der Linken mit im Boot sitzt. Für die SP die perfekte Gelegenheit, der bürgerlichen Regierung Zugeständnisse abzuringen.

Der Wunschkatalog der SP

Wird die STAF am 19. Mai angenommen, erhält Schaffhausen einen höheren Anteil an der direkten Bundessteuer. Was soll der Kanton mit diesem Geld machen? Das wollte die Schaffhauser Regierung von den Parteien und mehreren einflussreichen Verbänden wissen und lancierte vor knapp einem Jahr eine Umfrage. Die SP antwortete und deponierte beim Finanzdepartement gleich einen breiten Forderungskatalog: Ein Fonds zur Finanzierung von Kindertagesstätten, Tagesschulen sowie schulergänzenden Kinderbetreuungsangeboten, eine Erhöhung der Kinderzulagen um mindestens 75 Franken und eine neue Familienergänzungszulage. Die Juso legte noch einen drauf und verlangte zusätzlich Vergünstigungen im öffentlichen Verkehr, mehr Investitionen in bezahlbaren Wohnraum sowie höhere Stipendien.

Alles haben sie nicht bekommen. Aber immerhin 12 Millionen sollen es sein.

Die Frage ist: Hält dieser Pakt? Der Kantonsrat, in dem die bürgerlichen Parteien die Mehrheit haben, wird der 12 Millionen Franken schweren Kinderbetreuungsvorlage von Cornelia Stamm Hurter noch zustimmen müssen. Ob er das tut, ist alles andere als sicher.

Daniel Preisig. Bild: daniel-preisig.ch
Daniel Preisig. Bild: daniel-preisig.ch

Wie schwer sich insbesondere die Partei von Stamm Hurter mit Subventionen für Einrichtungen zur Kinderbetreuung tut, machte die Debatte um die «7-to-7»-Initiative der Alternativen Liste und den Gegenvorschlag der Regierung klar. Die SVP-Basis fällte zu beiden Vorlagen die Nein-Parole.

Damit zurück an besagte Pressekonferenz. SVP-Kantonsrat Daniel Preisig drückt sich auf Nachfrage der AZ um eine klare Antwort herum, ob er und seine Partei die Kinderbetreuungsvorlage annehmen oder ablehnen werden. Dazu sei es noch zu früh.

Martina Munz, die nebenan sitzt, holt umgehend zur Drohung aus: «Wenn das Versprechen nicht umgesetzt wird, werden wir die kantonale Umsetzung der Steuerreform ablehnen.»

Das Bündnis von SP und Regierung ist auf sehr brüchigem Fundament gebaut.

Diese Analyse erschien am 2. Mai in der «Schaffhauser AZ».

Frauen an der Macht

Schleitheim Ausgerechnet eine stramm bürgerliche Gemeinde wird von einer Frauenmehrheit regiert. Wie konnte es dazu kommen?

Kämpferische Parolen, wie sie am 1. Mai zu hören sein werden, äussern sie praktisch nicht. Im Gegenteil. Sie sind pragmatisch, haben die Gemeindefinanzen im Auge und lehnen staatlich verordnete Frauenquoten ab. Sie, das sind: Karin Riederer, Karin Gubser und Susi Stamm, Gemeinderätinnen von Schleitheim.

Und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – haben die drei Frauen etwas erreicht, was selten vorkommt: Sie stellen die Mehrheit in einer Regierung. In keiner anderen Schaffhauser Gemeinde ist das der Fall.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine Gemeinde mehrheitlich von Frauen regiert wird? Und das ausgerechnet in Schleitheim, wo bei den letzten Nationalratswahlen fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler die SVP unterstützte? Ein Besuch im 1700-Seelen-Dorf soll Antworten geben.

Wie es zur Mehrheit kam? Zufall

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag. Draussen, vor der Gemeindeverwaltung, ist der Kopf eines Ochsen abgebildet. Er ziert das Schleitheimer Gemeindewappen. Auch das noch: Zu den fast 50 Prozent SVP-Wählerinnen und -Wählern gesellt sich ein männliches Wappentier.

Das Wappen von Schleitheim. Quelle: Wikipedia.
Das Wappen von Schleitheim. Quelle: Wikipedia.

Drinnen haben die drei Gemeinderätinnen an einem grossen Tisch im Sitzungszimmer Platz genommen. Die Antwort darauf, warum drei Frauen im Schleitheimer Gemeinderat politisieren, scheint simpel: «Das ist Zufall», sagt Sozialreferentin Susi Stamm. «Es wurden nicht explizit Frauen gesucht.» Karin Gubser und Karin Riederer nicken zustimmend.

Ist das wirklich alles?

«Vielleicht verkaufen wir uns unter Wert», sagt Karin Gubser. «Aber ich glaube wirklich, es ist Zufall.»

In Schleitheim laufe es wie folgt ab, sagt Karin Riederer: «Wenn ein Gemeinderatsmitglied zurücktritt, sucht eine Kommission nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. So wurde auch ich angefragt. Man hat mir damals auch gesagt: ‹Wenn du zusagst, dann suchen wir niemand anderes mehr und würden dich zur Wahl vorschlagen›.» So ist es dann auch gekommen. Karin Riederer wurde Ende 2016 ohne Gegenkandidatin oder -kandidat in den Gemeinderat gewählt. Auch Stamm und Gubser sagen, sie hätten sich seinerzeit keiner Kampfwahl stellen müssen.

Seit Anfang 2017 sind die Frauen somit in der Überzahl. Darüber gewitzelt, dass man jetzt in der Mehrheit sei, habe man schon, sagt Schulreferentin Karin Gubser. «Aber das kam ohne Absicht und Planung zustande.»

Ruhm und Publicity? Gibt es nicht

Klar ist: Ruhm und Publicity erhält ein Mitglied eines Gemeinderats in der Regel nicht, das zeigt auch ein Blick in das Archiv der Schaffhauser Nachrichten, der einzigen Tageszeitung der Region. Karin Riederer schaffte es seit ihrer Wahl Ende 2016 genau zweimal in die Zeitung: Als die Referate verteilt wurden und im März dieses Jahres, als die Gemeinde die Jahresrechnung 2018 präsentierte. Schulreferentin Karin Gubser kam in der gleichen Zeit immerhin fünfmal in den SN zu Wort. Dreimal ging’s um die Badi.

Hinzu kommt, dass das Pensum von 20 Prozent für das Gemeinderatsamt kaum ausreiche, wie die drei Frauen unisono sagen.

Die Suche nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten verlief deshalb auch schon harzig. Stellt sich die Frage: Ist das Amt für die Männer zu unattraktiv? Wurden die Frauen erst dann angesprochen, als bereits eine Reihe von Männern abgesagt hatte?

Susi Stamm gesteht, dass die Wahlfindungskommission seinerzeit zuerst ihren Mann angefragt hatte, ob er Gemeinderat werden wolle. Dieser habe jedoch abgewunken. Die beiden anderen Frauen wissen es nicht.

Stamm sagt aber auch, sie habe sich früher kaum für Politik interessiert und sei auch nie an die Gemeindeversammlungen gegangen. Erst als der Gemeinderat im Jahr 2006 bei der Bibliothek sparen wollte und sie sich zuerst mit einem Leserbrief und später an der Gemeindeversammlung erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt hatte, wurde sie wahrgenommen. «Ich glaube, dadurch bin ich bekannter geworden.» Kurze Zeit später wurde sie angefragt und in eben jenen Gemeinderat gewählt, den sie vorher kritisiert hatte.

Susi Stamm sagt darum auch: «Ich glaube, es gibt einfach mehr Männer als Frauen, die sich für Politik interessieren.» Ausserdem sagt Stamm, die erst kürzlich aus dem Kantonsrat zurückgetreten ist: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen weniger hart debattieren und selbstkritischer sind, während Männer unbeschwerter ihre Meinung kundtun.»

Dieses Bild zeige sich auch an den Gemeindeversammlungen: Die Männer seien deutlich in der Überzahl, würden häufiger heikle Fragen stellen und schärfer gegen den Gemeinderat schiessen. «Generell», sagt Stamm, «teilen Männer heftiger aus, können aber auch mehr einstecken. Was beispielsweise Tamara Funiciello von der Juso alles aushalten muss, das könnten wahrscheinlich die wenigsten Frauen. Frauen haben eine dünnere Haut.»
Gubser: «Ausser Theresa May. Was auf der umebolzet wird… und sie steht immer noch vorne hin. Chapeau.»
Stamm: «Merkel auch.»
Gubser: «Ja, stimmt»

Frauenquoten? Nein

Von Frauenquoten – ob in der Politik oder in der Wirtschaft – halten die drei Gemeinderätinnen nichts. Karin Gubser findet gar die ganze Debatte um Frauen in der Politik «müssig»: «Wenn man einen guten Mann hat und sich wegen einer Quote für eine mittelmässige Frau entscheiden muss, finde ich das nicht gut. Es soll der oder die Beste gewählt werden.» Die Schulreferentin glaubt, dass der Frauenanteil im Laufe der Zeit auch ohne Quoten steigen werde: «Die konservative Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die es vor zwanzig Jahren noch gab, ändert sich.»

Auch Karin Riederer spricht von einem «Zwängeln» und sagt, es spiele keine Rolle, ob Regierungen zu 100 Prozent nur aus Männern oder Frauen bestehen. «Es braucht andere Fähigkeiten: Eine gewisse Lebenserfahrung, man muss flexibel sein und sich in andere hineinversetzen können.» Und es benötige ein Grundinteresse an der Politik. Insbesondere hier sieht Riederer Nachholbedarf, vor allem bei den Jungen: Die Einführung eines Schulfachs Politik würde die Lehrerin darum begrüssen. Ihre beiden Gemeinderatskolleginnen pflichten ihr bei.

Susi Stamm ist ebenfalls keine Quotenbefürworterin, sagt aber, gemischte Gremien seien für eine breit abgestützte Entscheidungsfindung besser. «Frauen haben zudem einen sensibleren Blickwinkel, wenn es um soziale Themen wie Familien, Asyl- und Gesundheitswesen geht.»

Was Karin Gubser stört, ist die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen durch die Medien. Diese würden häufiger die Outfits von Frauen unter die Lupe nehmen: «Männer können einen schwarzen Tschoope anziehen und fertig. Frauen sind hier viel exponierter, müssen schick aussehen, zum Coiffeur und zur Pediküre gehen. Das ist aufwendig und braucht Zeit.»

Tatsächlich hatte das SRF nach den Bundesratswahlen im Dezember in «Glanz & Gloria» eine Stilkritik an den Outfits der neuen Bundesrätinnen Viola Amherd («rund, weich, warm») und Karin Keller-Sutter («Pokerface, streng») ausgestrahlt. Später entschuldigte sich das SRF dafür.

7-to-7? Unbezahlbar

Was die drei Gemeinderätinnen gemeinsam haben: Sie sind allesamt berufstätig und haben Kinder. Karin Riederer arbeitet neben ihrem Amt als Finanzreferentin gar Vollzeit als Lehrerin: «Mein Mann ist jetzt Hausmann, er kümmert sich um die Kinder. Es ist streng, aber es ist machbar», sagt sie.

Die Frage liegt auf der Hand: Soll der Staat das Angebot für die Kinderbetreuung verbessern?

Wieder bleiben die drei Gemeinderätinnen skeptisch und denken auch an die Schleitheimer Finanzen. Der Steuerfuss der Klettgauer Gemeinde liegt bei 115 Prozent, nur in drei anderen Schaffhauser Gemeinden wird die Bevölkerung noch stärker zur Kasse gebeten.

«Ich denke schon, dass man darüber diskutieren muss, das Angebot auszubauen. Aber das würde viel Geld wegfressen. Vielleicht müsste auch die Wirtschaft ein Kässeli öffnen und nicht nur die Gemeinden», sagt Susi Stamm.

«Logisch wäre 7-to-7 super», sagt auch Karin Gubser. «Aber als kleine Gemeinde mit wenigen Schülerinnen und Schülern können wir das schlicht nicht machen.» Karin Riederer sieht das genauso.

Lohnkontrollen? Ja und nein

Die drei Frauen sprechen wohlüberlegt, wägen Vor- und Nachteile ab und entscheiden sich dann für das Wohl der Gemeinde. Und fast immer sind sie gleicher Meinung. Nur einmal wird die Wortwahl etwas deftiger: beim Lohnunterschied zwischen Mann und Frau.

«Das ist total ungerecht», sagt Susi Stamm. «Definitiv, wenn ein Mann für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommt als eine Frau, dann ist das frech», sagt auch Karin Riederer. Und Karin Gubser stimmt zu: «Das geht gar nicht.»

Die Meinungen, was dagegen unternommen werden sollte, gehen jedoch auseinander. Karin Riederer spricht sich klar dafür aus, dass Firmen durch den Staat kontrolliert werden sollen: «Es braucht so lange Kontrollen, bis die Löhne überall gleich sind. Sonst ändert sich nichts.»

Karin Gubser bleibt dagegen zurückhaltend: «Die Frau kann ja auch über ihren Lohn verhandeln. Und es steht ihr offen, ob sie den Job annehmen will», sagt sie. Und Susi Stamm befürchtet, dass auch jene Firmen kontrolliert werden, die längst gleiche Löhne zahlen und deshalb die Bürokratie überhandnehme.

Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ist auch Thema des landesweiten Frauenstreiks, der am 14. Juni stattfinden wird.

Die Idee eines Frauenstreiks, um ein Zeichen gegen die Lohnungleichheit zu setzen, unterstützen die drei Frauen. Selber daran teilnehmen werden sie aber voraussichtlich nicht. Karin Riederer wird an diesem Tag, einem Freitag, in der Schule unterrichten. Susi Stamm arbeitet in der Sozialbegleitung und sagt: «Ich kann dann nicht einfach freimachen.» Einzig Karin Gubser ist noch unschlüssig, ob sie teilnehmen wird. Vermutlich eher nicht. Sie sagt: «Wir machen hier unsere Arbeit, tun, was möglich ist, und sind damit total ausgelastet. Wir können uns nicht um alles kümmern.»

Dieser Artikel erschien am 25. April in der Schaffhauser AZ.

Grüner Strom von rechten Politikern

Drei Mitglieder von SVP und FDP setzen auf erneuerbare Energien – und erhalten dafür staatliche Subventionen. Das sei gerechtfertigt, sagen sie.

Die Solaranlagen von Hansueli Graf. Bild: zVg
Die Solaranlagen von Hansueli Graf. Bild: zVg

Die Energiewende hat Namen. Namen wie Martin Kessler, Andrea Müller, Hansueli Graf und viele weitere. Es sind Privatpersonen, die auf dem Dach ihres Hauses oder ihres Bauernhofes eine Solaranlage installiert oder auf ihrem Landstück eine Biogasanlage erstellt haben. Und damit erneuerbaren Strom erzeugen.

Und erstaunlich: Die vermutlich grösste private Stromproduzentin von erneuerbaren Energien im Kanton Schaffhausen ist ausgerechnet eine SVP-Politikerin: Andrea Müller, Thaynger Gemeinderätin, betreibt mit ihrem Mann die Müller Energie GmbH, die laut eigener Website eine Biogasanlage und eine Photovoltaikanlage besitzt.

In den letzten vier Jahren hat die Müller Energie GmbH gemäss der neusten, letzte Woche veröffentlichten Liste der Bezügerinnen und Bezüger der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) des Bundesamts für Energie (BfE) 5,8 Gigawattstunden erneuerbaren Strom produziert. Dafür hat die Firma 2,3 Millionen Franken Vergütungen erhalten. Von allen bei der KEV registrierten Schaffhauser Projekten hat einzig die KBA Hard, die von mehreren Gemeinden betrieben wird, mehr Strom ins Netz gespiesen und entsprechend mehr Gelder bekommen.

Warum Andrea Müller auf erneuerbare Energien setzt und wie wichtig die staatlichen Subventionen für den Betrieb der Anlagen sind, bleibt unklar. Die Thaynger SVP-Gemeinderätin will sich gegenüber der AZ nicht zu den Vergütungen äussern.

SVP-Politiker fährt Elektroauto

Andere stehen dazu. Hansueli Graf, Gemeindepräsident von Oberhallau und Kantonsrat der SVP, war einer der Ersten, der im Kanton Schaffhausen eine Solaranlage bei Swissgrid, der nationalen Netzgesellschaft, angemeldet hatte. Das war im Mai 2008. Der Landwirt sagt, er sehe in der regionalen Strom- und Energieproduktion eine Chance für die Landwirtschaft. «Ich will mein Geld möglichst nicht den Ölscheichs schicken», sagt Graf. Inzwischen fährt der Oberhallauer ein Elektroauto, das er mit Strom der eigenen Solaranlage auflädt. «Das macht wirklich Freude, weil das Produzieren und das Ernten erlebbar wird.»

Graf findet es gerechtfertigt, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien im Verhältnis zu den Investitionen unterstützt wurde. In den Jahren 2011 bis 2018 hat Graf Vergütungen von knapp 250 000 Franken erhalten. «Diese Anschubfinanzierung hat es gebraucht. Ich habe damals weit über eine halbe Million Franken investiert. Das brauchte Mut und Finanzkraft», sagt Graf.

Heute könne seine eigene Photovoltaikanlage Strom für ca. zehn Rappen pro Kilowattstunde produzieren und brauche keine Unterstützung mehr. Konkret produziert Grafs von der KEV unterstützte Anlage 120 Megawattstunden Strom pro Jahr. Hinzu kommt eine zweite Anlage für den Eigengebrauch, die weitere 20 Megawattstunden beisteuert. «Dem Eigenverbrauch gehört die Zukunft. Das macht unabhängiger», sagt Graf. Dies entspreche ausserdem der Energiestrategie des Bundes.

Der Landwirt hat sich den erneuerbaren Energien verschrieben. Er amtiert als Präsident des Vereins Landenergie Schaffhausen, der die Nutzung erneuerbarer Energien wie Sonne, Biomasse, Kleinwind und Holz in der Landwirtschaft fördert und Projekte für den Bau von entsprechenden Energieerzeugungsanlagen unterstützt und begleitet. Gleichzeitig politisiert Graf in der SVP, die die Energiestrategie 2050 des Bundesrates wie auch die kantonale Energiestrategie zur Stärkung der erneuerbaren Energien, die 2015 vom Schaffhauser Stimmvolk verworfen wurde, zuerst im Kantonsrat verwässert und anschliessend mit einer Nein-Parole bekämpft hat.

An der Position der SVP in Sachen Umweltpolitik scheint sich auch in diesen Tagen nichts zu ändern. Präsident Albert Rösti bezeichnete die Umweltpolitik nach den Zürcher Wahlen als «saisonalen Trend». Und diesen Dienstag äusserte sich auch Christoph Blocher an einer Pressekonferenz. Ob der Mensch am Klimawandel Schuld trage, sei hoch umstritten, sagte Blocher laut dem Tages-Anzeiger. Die Gletscher seien früher schon geschrumpft und gewachsen.

«In diesem Bereich bin ich schon noch ziemlich einsam in der SVP, aber ich bleibe dran», sagt Hansueli Graf. Und er ist überzeugt: «Die Position der SVP in der Umweltpolitik wird sich wandeln. Wir sollten ja nicht am Volk vorbeipolitisieren.»

Ziel: Atomenergie ersetzen

Einige Kilometer südlich von Oberhallau, in Trasadingen, lebt Martin Kessler, Baudirektor und Mitglied der FDP. Auch seine Partei ist nicht dafür bekannt, konsequent erneuerbare Energien fördern zu wollen. Wie die SVP haben die Schaffhauser Freisinnigen die Energiestrategien des Bundes und des Kantons abgelehnt.

Dennoch: Auf dem Hausdach von Familie Kessler ist eine Solaranlage installiert. In Betrieb ging sie kurz vor Weihnachten 2011. Ab 2015 erhielt Familie Kessler KEV-Gelder, kumuliert knapp 18 000 Franken bis Ende 2018. Durchschnittlich produzierte die Solaranlage der Kesslers etwas mehr als 9 Megawattstunden Strom pro Jahr. «Das deckt den gesamten Stromverbrauch unseres Vier-Personen-Haushalts und meines Elektroautos», sagt der Baudirektor. Auch Kessler findet es gerechtfertig, dass die erneuerbaren Energien mit staatlichen Mitteln gefördert werden. Finanziell gelohnt habe sich die eigene Solaranlage deswegen aber noch nicht, sagt Kessler. Er rechnet damit, dass sich die Anlage in etwa zehn Jahren amortisiert habe.

Martin Kessler setzt nicht nur privat auf den Ausbau der Solarenergie. Als zuständiger Regierungsrat vertrat Kessler vor knapp einem Jahr die neuen Ziele der Schaffhauser Regierung in Sachen Umweltpolitik im Schaffhauser Kantonsrat. Diese lauten bis 2035: Ausbau der Solarenergie auf 100 Gigawattstunden (GWh). Das ist siebenmal mehr, als 2016 produziert wurde (neuere Zahlen liegen nicht vor). Weiter sollen die Windenergie auf 53 GWh, die Geothermie auf 26 GWh, die Biomasse auf 25 GWh und die Wasserkraft um 5 GWh ausgebaut werden. Zusammen mit bestehenden Anlagen ausserhalb des Kantonsgebiets sowie der aktuell genutzten Wasserkraft könnte damit «der Anteil der Kernenergie vollständig ersetzt werden», heisst es im entsprechenden Bericht der Regierung. Gleichzeitig soll der Stromverbrauch im gesamten Kanton stabil bei 500 GWh bleiben.

Nach dem «Bremser» – der Ablehnung der kantonalen Energiestrategie 2015 – wolle die Regierung nun «ein Konzept umsetzen, das Wirkung zeigt», sagte Kessler im Parlament. Konkrete Vorlagen werden folgen, sagt der Baudirektor: «Der Kantonsrat wird somit in den nächsten Jahren öfters Gelegenheit haben, zu beweisen, wie ernst es ihm mit der Energiewende und damit auch mit der Klimapolitik ist.»

Graf: Windenergie vorantreiben

Unterstützung erhielt Martin Kessler von SVP-Kantonsrat Hansueli Graf: «Ich denke, diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen, die einheimischen Ressourcen besser zu nutzen», sagte Hansueli Graf während der Debatte. Gleichzeitig sammeln Parteikolleginnen und -kollegen des Oberhallauer Landwirts zurzeit Unterschriften für eine Initiative, die die Hürden für den Bau von Grosswindanlagen erhöhen würde.

Dabei liegt gerade die Windenergie im Kanton Schaffhausen völlig brach. 2016 wurde noch keine einzige Kilowattstunde Windstrom produziert. Seither hat sich daran nicht viel geändert. Das Wepfer-Windrad des Schaffhauser Elektrizitätswerks produzierte 2017 und 2018 im Schnitt lediglich 9,5 Megawattstunden Strom pro Jahr. Das ist minim mehr als die Solaranlage von Familie Kessler.

Aus diesem Grund sagt auch Hansueli Graf, der Kanton müsse die Windenergie vorantreiben, «denn diese ist eine optimale und notwendige Ergänzung für die Nacht und die Wintermonate». Ob er sich mit dieser Haltung innerhalb der Partei neue Freunde macht, wird sich zeigen.

Dieser Artikel erschien am 18. April in der Schaffhauser AZ.

Der Feind sitzt in Bern

Das Schaffhauser Fernsehen ist 25 Jahre alt. Seine Geschichte wurde auch in Bundesbern mitgeprägt – zum Leidwesen des SHf.

Eröffnung der N4-Brücke am 15. August 1996: SHf-Reporter Thomas Moser im zweiminütigen Live-Gespräch mit Bundesrat Moritz Leuenberger. Videostill SHf
Eröffnung der N4-Brücke am 15. August 1996: SHf-Reporter Thomas Moser im zweiminütigen Live-Gespräch mit Bundesrat Moritz Leuenberger. Videostill SHf

«Jetz hämmer öpe die zwei Minute», sagt der amtierende Schweizer Verkehrs- und Medienminister Moritz Leuenberger (SP). Er ist sichtlich genervt. Im nächsten Moment schneidet die Regie auf den Reporter, Thomas Moser, der gekonnt improvisiert. Derweil schleicht sich der Bundesrat hinter ihm aus dem Bild. Und das mitten im Interview während der Livesendung von der Eröffnung der N4-Brücke.

Auch heute, mehr als 20 Jahre später, erinnert sich Thomas Moser noch an diese Episode. «Ich hatte ihm eine unbequeme Frage gestellt», sagt er und lacht.

Der Anfang vom Ende?

War es diese eine Begegnung mit dem Schaffhauser Fernsehsender, die Bundesrat Moritz Leuenberger dazu bewog, dem SHf den Stecker ziehen zu wollen?

Wahrscheinlich nicht. Zu simpel wäre eine Verschwörungstheorie dieser Art. Und dennoch: Die 25-jährige Geschichte des SHf ist auch die Geschichte eines Kampfes gegen Bern, vor allem gegen Leuenbergers Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Die Entscheide der Berner Behörde lesen sich wie die Chronologie eines Versuchs, dem Schaffhauser Fernsehsender das Licht auszuknipsen.

Doch von Anfang an: Die Idee eines Schaffhauser Fernsehsenders reifte im Medienhaus Meier + Cie. «Norbert Neininger wollte nicht, dass jemand von aussen kommt und Fernsehen in Schaffhausen betreibt», erzählt Thomas Moser, der dem Schaffhauser Fernsehen als Erster ein Gesicht gab. Ab dem 3. April 1994, als das SHf seinen regulären Betrieb aufnahm, stand Moser regelmässig vor der Kamera. Damals wurde noch aus einem Studio beim heutigen Rhypark gesendet.

Moser, der die Journalistenschule am MAZ und ein Volontariat bei Radio Munot absolviert hatte, wurde von Norbert Neininger angefragt, ob er beim Schaffhauser Fernsehen mitmachen wolle. Moser sagte zu. «Es war extrem spannend, das neue Medium Fernsehen kennenzulernen.»

Die damalige Infrastruktur sorgte allerdings auch für einige Herausforderungen: Die Sasag, die städtische Kabelnetzbetreiberin, hatte seinerzeit nur einen Kanal für Lokalfernsehen. Darüber wurde bereits Tele D, das damals schon existierte, in die Schaffhauser Stuben gesendet. Damit auch das SHf empfangen werden konnte, musste man sich mit Tele D einigen. «Dass Norbert Neininger und Peter Schuppli vom Tele D das Heu publizistisch gesehen nicht auf der gleichen Bühne hatten, war bekannt. Also traf ich mich jeweils mit Peter Schuppli im Paradiesli, wo wir besprochen haben, wer zu welcher Zeit senden darf», sagt Moser. Man einigte sich. Und so konnten die Schaffhauserinnen und Schaffhauser zwei Lokalsender auf einem Kanal empfangen.

Bakom contra SHf

Seinerzeit arbeiteten beim SHf drei Redaktoren, die sich 280 Stellenprozente teilten. Und zu dieser Zeit erhielt der Schaffhauser Fernsehsender auch noch Gebührengelder aus Bern, wenn auch einen «sehr bescheidenen Anteil», wie Moser sagt. Später, als die Kämpfe um die Gebührengelder entbrannten, war Moser bereits weitergezogen. Die Bühne des Schaffhauser Fernsehens brachte ihn zu Siemens und später zur Generis. Inzwischen ist Thomas Moser Pressesprecher von Johnson & Johnson Schweiz.

Währenddessen geriet das junge SHf bereits zunehmend unter Druck. Ab 1999 gab es zusätzliche Konkurrenz: Das Bakom beschloss, auch dem Winterthurer Sender Tele Top eine Konzession für die Region Schaffhausen zu erteilen. Das kam bei den Verantwortlichen des SHf nicht gut an. «Wir sind über den Entscheid des Bakom empört und verärgert», erklärte der damalige SVP-Ständerat und SHf-Verwaltungsratspräsident Bernhard Seiler in den Schaffhauser Nachrichten.

Das SHf wollte in der Folge Tele Top den Kampf ansagen und sein Empfangsgebiet bis in die Kantone Thurgau, St. Gallen und die Stadt Winterthur erweitern. Doch wieder entschied das Bakom gegen das SHf: 2001 lehnte es das Gesuch des Schaffhauser Fernsehsenders um eine Ausdehnung des Sendegebiets ab.

Der damalige SHf-Geschäftsführer Wälz Studer bezeichnete den Entscheid als «Katastrophe», «nicht nachvollziehbar» und «einen Schlag ins Gesicht der Region Schaffhausen». Bundesbern bevorzuge die Zürcher Medien, beklagte Studer: Während der Winterthurer Sender Tele Top die Erlaubnis habe, sein Programm in Schaffhausen auszustrahlen, dürfe das SHf im Gegenzug nicht in der zweitgrössten Zürcher Stadt empfangen werden.

Und es kam noch schlimmer: Im Juli 2007 fällte der Bundesrat «einen Entscheid mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Schaffhauser Medienlandschaft», wie die SN später festhielten. Der Kanton Schaffhausen erhielt im Gegensatz zu früher keine eigene Konzession für einen Fernsehsender mehr, sondern wurde stattdessen dem Grossraum Thurgau und Zürich zugeteilt. Die einzige Konzession ging an Tele Top, dem SHf wurden ab Januar 2009 sämtliche Gebührengelder gestrichen. Alle drei Entscheide fielen in die Zeit, als Moritz Leuenberger als Medienminister amtierte.

Das SHf schlägt zurück

Und dennoch war das nicht das Ende. Der Verwaltungsrat des SHf beschloss, den Sender mit tieferem Budget weiterzubetreiben. Stefan Wabel, späterer Geschäftsführer, liess sich in den SN mit den Worten zitieren, man wolle SHf «mit schlank produzierten, aber exklusiven Inhalten» wieder vermehrt ins Gespräch bringen. Das Jahresbudget wurde auf eine halbe Million Franken festgelegt. 2004 waren es einmal 800 000 Franken gewesen. Ausserdem wurden Verhandlungen mit Tele Top geführt, ob SHf das tägliche Schaffhauser Fenster für den Sender mit Sitz in Winterthur produzieren könne. Auch die Schaffhauser Regierung schaltete sich ein und sprach sich für diese Zusammenarbeit aus. Doch dazu sollte es nie kommen.

Ausserdem hatte das SHf beschlossen, nach Bern zurückzuschiessen. Nur ein paar Monate nach dem Entscheid des Bundesrates, im September 2007, rief das SHf die Sendung «Teleblocher» ins Leben (siehe auch AZ vom 26.10.17.). Der damals noch amtierende SVP-Bundesrat Christoph Blocher durfte im Gespräch mit Matthias Ackeret einmal pro Woche über Bundesbern wettern. Bis heute ist «Teleblocher» wohl die einzige, überregional bekannte Sendung des SHf geblieben.

Ein Chef, zwei Praktikantinnen

Beim Sender hat derweil die nächste Generation das Zepter übernommen. Sebastian Babic ist seit knapp zwei Jahren Geschäftsführer und Redaktionsleiter. Zusammen mit zwei Praktikantinnen bildet er die Redaktion des SHf, hinzu kommen ein paar Techniker. Wie hoch das aktuelle Jahresbudget ist, will Babic nicht sagen. Klar ist: Grosse Sprünge zu machen, scheint mit diesem Personalbestand kaum möglich. Dennoch setzt das SHf inzwischen auch wieder auf News, wozu es – weil es keine Gebühren gibt – nicht verpflichtet wäre. «Aber das interessiert die Leute», sagt Babic.

Dieser Artikel erschien am 4. April in der Schaffhauser AZ.

«Es ist gut, dass ich mich aufrege»

CVP-Präsident Gerhard Pfister über Gott, Lob von linker Seite und medialen Einheitsbrei.

Gerhard Pfister, glauben Sie, dass Gott die Wahlen beeinflussen wird?
Gerhard Pfister Nein.

Warum nicht? Glaubt Gott nicht an die CVP?
Gott hat anderes zu tun, als sich um die CVP zu kümmern. Und wir sind keine Partei der Religion, wir sind eine Christdemokratische Partei.

Haben Sie mal daran gedacht, die CVP umzubenennen?
Nein. Das C ist durchaus eine schwierige Marke, aber es ist immerhin eine Marke und ein Alleinstellungsmerkmal. Ausserdem habe ich den Eindruck, dass eine Werte-orientierte Politik und das Bekenntnis zur christlich geprägten Geschichte der Schweiz auch heute noch einen Platz haben. Immer wieder wird über Fundamentalismus und Rechtsstaat diskutiert. Dabei kann die CVP ihre christlichen Werte einbringen. Abgesehen davon haben wir vor drei Jahren die Basis ausdrücklich befragt, ob wir das C beibehalten wollen. Sie hat mit 90 Prozent gesagt: Ja.

Tatsache ist, dass die CVP in den letzten drei Jahren bei vielen kantonalen Wahlen Stimmen eingebüsst hat. Wissen Sie eigentlich auswendig, wie viele Sitze die CVP verloren hat?
Nicht exakt. Natürlich ärgert mich jeder einzelne Sitzverlust und freut mich jeder Sitzgewinn. Die aktuellen Umfragen zeigen aber, dass die CVP seit Herbst 2018 von allen Parteien am meisten zugelegt hat. Wir sind jetzt wieder knapp auf dem Niveau von vor vier Jahren. Ich bin überzeugt: Wenn wir so weiterarbeiten wie in den letzten paar Monaten, wirkt sich das auch im Wahlherbst aus.

Die CVP hat seit April 2016, als Sie das Parteipräsidium übernommen haben, 22 Sitze bei kantonalen Parlamentswahlen verloren. Im Fussball hätte man einen Trainer mit einer solchen Bilanz vermutlich schon längst entlassen und nicht auf die Kehrtwende gewartet. Sie gehen davon aus, dass jetzt die Kehrtwende kommt?
Ja. Als ich dieses Traineramt angenommen habe, habe ich gesagt, dass ich keinen Kurzeinsatz leisten will, sondern die Partei nachhaltig stärken möchte. Das ist ein Unterfangen von mehreren Jahren. FDP und SVP haben jeweils sieben, acht Jahre benötigt, bis sie den Turnaround geschafft haben. Ich gebe mir also noch ein paar Jahre Zeit. Wir sind auf gutem Weg.

Gerhard Pfister: «Wir gehören nicht zum linken Lager.». Foto: gpfister.ch
Gerhard Pfister: «Wir gehören nicht zum linken Lager.». Foto: gpfister.ch

Als Sie zum Parteipräsidenten gewählt wurden, haben viele damit gerechnet, dass die CVP nach rechts rutscht. «Ausgerechnet der reaktionärste Kopf der CVP wird ihr künftiger Vorsteher», schrieb die WOZ seinerzeit. Inzwischen bekommt die CVP Lob von linker Seite. SP-Präsident Levrat sagte in der NZZ: «Die CVP spielt ihre Rolle als ausgleichendes Element gut.» Ist Ihnen wohl im linken Lager?
Wir gehören nicht zum linken Lager. Lob von einem SP-Präsidenten zu erhalten, ist mängisch ein wenig vergiftet. Ich meine das kollegial und wertschätzend, aber es ist so: Die einen sagen, die CVP sei nach rechts gerutscht, die anderen sagen, wir seien eher nach links gerückt. Das heisst, wir sind in der Mitte geblieben. Dort gehören wir auch hin.

Sie machen aber sogar Werbung für die linke WOZ. Wie viel hat Ihnen die WOZ eigentlich dafür bezahlt?
Nichts. Das hat mich sogar sehr viel gekostet, nämlich zwei, drei Stunden Fotoshooting im Bundeshaus. Das war ziemlich aufwendig. Ich hatte der WOZ zugesagt, weil ich überzeugt bin, dass die Medien- und Meinungsvielfalt für unsere Gesellschaft etwas vom Wichtigsten ist. Ich rege mich zwar jeden Donnerstag auf, wenn ich die WOZ lese. Aber es ist gut, dass ich mich aufrege. Und es ist gut, dass es diese Stimme gibt. Ich hätte auch für die Weltwoche Werbung gemacht, wenn man mich gefragt hätte. In beiden Zeitungen lese ich Meinungen, die man sonst nirgends wahrnimmt. Hingegen führt der Zusammenschluss der grossen Medienhäuser immer stärker zu einem Einheitsbrei.

Müsste die Politik die Medien stärker unterstützen?
Wir greifen den Medien bereits mit der indirekten Presseförderung unter die Arme. Der Staat vergünstigt die Zustellung der Zeitungen. Das ist wichtig. Eine direkte Presseförderung sehe ich hingegen kritisch. Wenn der Staat Geld für den Journalismus ausgibt, ist das aus meiner Sicht gefährlich. Es bestünde das Risiko, dass der Staat bestimmt, was er in den Medien gerne lesen würde, wenn er sie schon finanziert. Es würde die Unabhängigkeit der Medien tangieren. Ich bin mir bewusst, dass es die Medienlandschaft in der Schweiz im Zeitalter der Digitalisierung unglaublich schwer hat. Viele Menschen sind sich nicht klar, dass Journalismus etwas kosten muss.

Jetzt will der Bundesrat Online-Medien fördern. Was halten Sie davon?
Ich sehe das sehr kritisch, weil es das Kernproblem nicht löst. Es ist ein Gesetz für die digitalen Medien. Wir müssen eher schauen, dass die Vielfalt erhalten bleibt. Das staatlich zu regulieren, halte ich allerdings für sehr schwierig.

Gehen Sie davon aus, dass die Printmedien wie die CVP irgendwann verschwinden werden?
Im Gegenteil. Wenn die Printmedien die gleiche Entwicklung machen wie die CVP, werden sie mehr Abonnenten gewinnen. Ich glaube, die Printmedien bleiben länger, als viele meinen. Ja, die Digitalisierung verändert den Journalismus und die Art und Weise, wie die Leute zu Nachrichten kommen. Darauf muss der Printjournalismus reagieren, indem er weniger darüber berichtet, was gerade passiert, sondern die Geschehnisse einordnet und Kritik übt. Für Wochenzeitungen beispielsweise sehe ich nach wie vor ein grosses Potenzial.

Zum Schluss eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Die Anzahl der Scheidungen hat 2018 zugenommen. Ist das ein schlechtes Omen für die CVP?
Nein. Ich würde schon sagen: Lieber man geht auseinander, als dass man ein Leben führt, das für beide keine Qualität hat. Wichtig ist, dass bei Scheidungen stets das Wohl des Kindes über allem steht.

Damit zur guten Nachricht: In Schaffhausen kann die CVP gar keine Wählerinnen und Wähler verlieren, weil sie vor vier Jahren gar nicht zur Wahl angetreten ist. Haben Sie der Parteipräsidentin Nathalie Zumstein schon zum Wahlerfolg gratuliert?
Ich habe ihr gratuliert und vor allem für den Einsatz gedankt. Hier in Schaffhausen, wo die CVP sehr klein ist, ist es nicht selbstverständlich, sich dermassen zu engagieren. Dafür ist die CVP in anderen Kantonen wie Appenzell Innerrhoden sehr stark. Dort sind die anderen Parteien so klein wie die CVP hier in Schaffhausen. Das gehört ebenfalls zur Vielfalt der Schweiz.

Dieses Interview mit Gerhard Pfister erschien am 7. März in der Schaffhauser AZ.

«FDP und SVP haben nichts zustande gebracht»

SP-Präsident Christian Levrat wettert über rechte Klientelpolitik und Parteien, die sich einen grünen Anstrich geben.

Christian Levrat, haben Sie sich schon bei Michael Elsener bedankt?
Christian Levrat Nein. Aber ich habe die wütenden Reaktionen der FDP wahrgenommen (lacht). Erst danach habe ich mir die Sendung angesehen.

Finden Sie seinen Slogan «FDP – Fuck de Planet» gut?
Er bringt sehr direkt zum Ausdruck, was viele denken. Und es entspricht dem Verhalten der FDP bei der Diskussion über das CO2-Gesetz. Dort hat die FDP wirklich eine himmeltraurige Rolle gespielt. Die Freisinnigen haben alle wirksamen Mittel zur Reduktion des CO2-Ausstosses gestrichen wie etwa die Flugticketabgabe oder Massnahmen im Gebäudebereich. Am Schluss waren sie noch erstaunt, dass das Gesetz im Nationalrat keine Mehrheit fand. Die FDP hat es verdient, angeprangert zu werden. Jetzt scheinen sie die Diskussion drehen zu wollen.

FDP-Präsidentin Petra Gössi hat bei der Klimapolitik ein Entgegenkommen signalisiert. Prominente Schaffhauser FDP-Mitglieder wie Regierungsrat Christian Amsler und Kantonalpräsident Marcel Sonderegger unterstützen einen ökologischeren Kurs. Nehmen Sie das ernst?
Ich hoffe, dass ich es ernst nehmen kann. Bloss sieht es ziemlich stark nach einem reinen Vorwahlkampf-Geplänkel aus. Der frühere FDP-Präsident Philipp Müller hatte auch schon von einem ökologischeren Kurs gesprochen. Letztlich sehe ich eine FDP, die im Bereich Klima eine rückwärtsgewandte Politik betreibt, statt in die Zukunft zu schauen.

«Die FDP hat es verdient, angeprangert zu werden.»

Mit ein Auslöser für den Kurswechsel waren vermutlich die Klimastreiks. Waren Sie überrascht, dass Schülerinnen und Schüler auf die Strasse gehen und fürs Klima streiken?
Nicht wirklich, meine Tochter hat in ihrer Schule diese Klimastreiks mitgestaltet und hat eine Rede in Freiburg gehalten. Was mich aber überrascht hat, war die Breite der Bewegung. Am Anfang haben viele gedacht, ok, die Jungen wollen einfach einen Tag freimachen. Dann gab es aber auch in vielen Städten Demonstrationen an einem Samstag.

Haben Sie Ihre Tochter beim Verfassen der Rede unterstützt?
Nein, sie verantwortet ihre Texte selber. Ich habe ihr lediglich geraten, die Rede auswendig zu lernen. Wenn du vor 2000 Leuten auftrittst, kannst du nicht zitternd mit dem Zettel in der Hand sprechen.

Glauben Sie, die Klimastreiks haben einen Einfluss auf die Wahlen?
Ja, mit Sicherheit. Sie helfen vor allem den Grünen und den Grünliberalen. Andere Parteien versuchen jetzt, sich vor den Wahlen noch schnell einen grünen Anstrich zu geben. Das ist billig. Die Aufgabe der SP wird sein, im Wahlkampf nicht nur über das Umweltproblem an sich, sondern auch über sozial verträgliche Lösungen für die Energiewende zu reden.

Die Umsetzung der Energiewende wird schwierig, kantonale Strategien wie in Bern (vor drei Wochen), in Solothurn (2018) und schon früher in Schaffhausen (2015) wurden abgelehnt. In Schaffhausen hätte jede Bürgerin und jeder Bürger mehr für den Strom zahlen müssen. Dabei muss die Bevölkerung schon Steuern, Krankenkassenprämien und Versicherungen bezahlen. Irgendwann ist es vielleicht genug.
Diese Haltung verstehe ich. Genau deshalb kann man die Klimafrage nicht losgelöst von der sozialen Frage angehen. Es wurden zum Teil Massnahmen ohne Rücksicht auf jene Menschen ergriffen, die nicht wissen, wie sie das alles finanzieren sollen. Schauen Sie, was in Frankreich mit den Gilets Jaunes geschehen ist. Das ist genau die gleiche Logik. Wenn man die Benzinsteuer erhöht und gleichzeitig die Reichtumssteuer abschafft, provoziert das logischerweise einen Aufstand.

Wie könnte eine sozial verträgliche Energiewende aussehen?
In erster Linie muss die Energiewende über die Steuern finanziert werden, damit die Superreichen überproportional dazu beitragen. Das würde die Energiewende für den Mittelstand erträglich machen. Nur auf Pro-Kopf-Abgaben, Gebühren, Reglemente und Zwänge zu setzen, ist keine gute Idee. Sonst reagiert die Bevölkerung mit Ablehnung. Die Lösung von Basel-Stadt ist ein gutes Modell: Hausbesitzer, die veraltete Heizungen haben und nicht wissen, wie sie eine neue Heizung bezahlen sollen, erhalten eine Unterstützung vom Staat. Und schliesslich müssen wir den AHV-Fonds, die Nationalbank und die Banken dazu bringen, keinen Rappen mehr in fossile Energien zu investieren. Die Schweiz als globaler Akteur in der Finanzpolitik würde damit ein Signal an die gesamte Welt senden.

Wenn wir bei den Steuern sind: Bei der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III hat die SP mit drohenden Steuererhöhungen für den Mittelstand für ein Nein Werbung gemacht. In der Stadt Schaffhausen unterstützt die SP jetzt eine Steuererhöhung.
Es braucht ein Gleichgewicht. In den letzten 20 Jahren sind in den meisten Kantonen die Steuern gesunken, vor allem die Reichen haben davon massiv profitiert. Gleichzeitig sind Pro-Kopf-Gebühren gestiegen, in erster Linie die Krankenkassenprämien. Wir haben also ein Steuersystem, das sich in den letzten 20 Jahren zuungunsten des Mittelstandes entwickelt hat. Dieser Entwicklung gilt es einen Riegel zu schieben.
Eine andere Frage ist, wie die Steuermittel verwendet werden. Auf Bundesebene haben wir in den letzten Jahren erlebt, dass deutlich mehr Geld für Armee, Landwirtschaft und Strassen verwendet wurde – zulasten des Sozialen, vor allem bei den Verbilligungen für die Krankenkassenprämien. Es findet eine knallharte Klientelpolitik von FDP und SVP statt, die im Nationalrat die Mehrheit haben. Sie bedienen ihre Kundschaft: Landwirte, Armeefreunde und Automobilisten.

Hat die Schweiz Ihrer Meinung nach grundsätzlich einen guten Sozialstaat?
(überlegt) Nein… doch, aber einen mit erheblichen Schwächen. Zum Beispiel das Krankenkassensystem. Die Last für den Mittelstand hat enorm zugenommen. Früher versprachen Bundesrätin Ruth Dreifuss und Bundesrat Flavio Cotti, dass niemand mehr als acht Prozent seines Einkommens für die Krankenkasse zahlen muss. Heute sind wir bei 14 Prozent. Darum haben wir eine Initiative lanciert, die verlangt, dass niemand mehr als zehn Prozent bezahlen muss.
Hinzu kommt das Problem der älteren Arbeitnehmer, die ihre Stelle verlieren. Deren Situation ist teilweise dramatisch. Es kann nicht sein, dass solche Menschen ihre Pensionskasse verlieren oder ihr Haus verlassen müssen und für die letzten drei, vier Jahre bei der Sozialhilfe landen. Das ist absurd.
Die Bürgerlichen denken, man müsse die Sozialbedingungen so schlecht wie möglich machen. Dann würden die Leute schon wieder arbeiten. Die SP hat eine andere Logik: Wir müssen es den 45-Jährigen und den 50-Jährigen ermöglichen, eine neue Ausbildung zu machen, damit sie auch nachhaltig wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Das Ziel der SP ist vor allem, die Mehrheit von FDP und SVP im Nationalrat zu brechen. Vor 20 Jahren war es noch anders, damals besassen FDP und SVP im Ständerat mit 25 von 46 Sitzen die Mehrheit. Hätten Sie damals gedacht, dass der Ständerat einmal…
…zum Hort des Fortschrittes wird? (lacht). Nein.

Für die Linke ist der Ständerat inzwischen ein Glücksfall.
Paradoxerweise sind wir im Ständerat dabei, die laufende Legislatur der Rechten zu retten. FDP und SVP haben mit ihrer Mehrheit im Nationalrat praktisch nichts zustande gebracht. Weder beim Klima noch bei der Gesundheit, der Bildung oder in der Europapolitik. Die letzte Chance, um eine verlorene Legislatur zu verhindern, kommt am 19. Mai mit der STAF (Anm. d. Red.: Vorlage zur Steuerreform und AHV-Finanzierung) ausgerechnet aus dem Ständerat, und zwar von Personen, die nicht Teil der FDP-SVP-Mehrheit sind. Diese STAF-Vorlage ist unglaublich wichtig. Im Ständerat haben wir erkannt, dass wir zusätzliche Gelder bei der AHV und eine dringende Steuerreform brauchen.

Die STAF hat auch viele Gegner im linken Lager. Die Grünen haben das Referendum ergriffen, die Juso hat die Nein-Parole beschlossen.
Ich begreife dieses Abwehrverhalten von links nur begrenzt. Mit der STAF bekommt die AHV zusätzlich zwei Milliarden Franken pro Jahr. 93 Prozent der Leute beziehen von der AHV mehr, als sie einzahlen. Wenn es uns gelingt, die AHV über zusätzliche Einnahmen und nicht über einen Leistungsabbau finanzieren zu können, verdient das von linker Seite mehr als nur ein Schulterzucken. Wir brauchen dieses Geld, um Rentenkürzungen oder eine Erhöhung des Rentenalters zu verhindern.

Die Kritik von links zielt vor allem auf die Steuerreform.
Hier plädiere ich dafür, die Vorlage ernsthaft anzuschauen. Es geht hier nicht um Steuergeschenke, sondern um eine Erhöhung der Steuern für multinationale Firmen, die heute wegen ihrer Sonderstatus praktisch keine Steuern auf Kantons- und Gemeindeebene bezahlen. Diese Unternehmen werden künftig gleich viel Steuern bezahlen wie die anderen Unternehmen, die STAF bringt Mehreinnahmen.
Ich kann verstehen, dass die Steuerreform nicht allen Erwartungen von linker Seite entspricht. Aber man muss diese Reform nicht mit einer Wunschvorstellung, sondern mit dem jetzigen Zustand vergleichen. Heute bringen wir die halbe Welt um Steuereinnahmen. Wir schaffen mit dieser Reform endlich die Steuerprivilegien für Briefkastenfirmen ab, dafür kämpfen wir schon lange.

Kommen wir zum Schluss noch mal auf das Thema Streik. Haben Sie eigentlich auch einmal die Schule geschwänzt?
Ja, eine ganze Woche lang.

Aus politischen Gründen?
Nein, ich habe einen Mordprozess im Gerichtssaal verfolgt. Ich wollte Jura studieren, und der Prozess hat mich sehr interessiert. Die Schulleitung hat mir dafür nicht freigegeben, aber ich bin trotzdem hingegangen.

Dieses Interview erschien am 28. Februar in der Schaffhauser AZ.