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«Niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben»

Der Zürcher Musiker Stereo Luchs hat erfolgreich den jamaikanischen Dancehall-Sound und Mundart-Lyrics kombiniert. Die Jugend fährt voll darauf ab, auch in Schaffhausen.

Foto: Facebook.
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Den Swiss Music Award holte er nicht. Dennoch reitet der Vollblutzürcher Silvio Brunner alias Stereo Luchs seit dem Release seines zweiten Albums «Lince» Ende des vergangenen Jahres auf einer Erfolgswelle. Der «Tages-Anzeiger» nannte die Platte «grossartig», fünf der sechs Club-Shows im vergangenen Dezember waren ausverkauft, darunter das Taptab.

Seit Anfang Juni tourt der studierte Architekt erneut durch die Schweiz. Diesen Samstag spielt er mit der Basler Band «The Scrucialists» am Taptab-Hinterhoffest. Mit Schaffhausen verbindet den Mittdreissiger aber nicht nur die Auftritte auf hiesigen Bühnen, sondern auch eine Freundschaft mit «Min King»-Sänger Philipp Albrecht.

az Stereo Luchs, warum gibt es noch kein Duett von dir und Philipp Albrecht?
Stereo Luchs Gute Frage, wir haben es versucht, für das letzte Album von «Min King» war ein gemeinsamer Song geplant. Aber irgendwie hat er nicht dazugepasst und blieb liegen. Wahrscheinlich holen wir das bald nach. Wir haben schon drei angefangene Songs auf der Harddisc.

Wie kam der Kontakt zwischen dir und Philipp Albrecht zustande?
Ich habe ihn in einem Zürcher Plattenladen kennengelernt, dem Reggae Fever im Kreis 4. Dort haben wir uns hin und wieder gesehen. Ich habe mitbekommen, dass er singt, damals noch bei einer Ska-Band, Plenty Enuff. Das ist schon ziemlich lange her, 15 Jahre oder so. Wann und wie genau der Kickoff war und wir begannen, zusammen an musikalischen Projekten zu arbeiten, weiss ich nicht mehr…

Inzwischen sind deine Shows und jene von «Min King» häufig ausverkauft, eure Songs werden in den kommerziellen Radios gespielt, aber ihr seid unterschiedliche Wege gegangen: Du hast dein Album «Lince» bei einem Major Label, Universal, herausgebracht, «Min King» hat sich dagegen entschieden.
Philipp meinte, «mach das nicht, mach das nicht» (lacht).

Es gibt Bands, die befürchten, bei einem Major-Label könnten sie nicht mehr das tun, was sie wollen, sondern müssten sich den Vorstellungen der Labels anpassen.
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich bin extrem heikel, wenn mir jemand sagen will, wie ich mein Ding machen soll. Aber ich habe einen solchen Druck nie gespürt. Es ist alles 100-prozentig so, wie ich es machen wollte. Das Label nimmt mir vor allem bürokratische Arbeit ab. Vorher habe ich alles selber herausgegeben, über mein eigenes Label «Pegel, Pegel», das war mega viel Arbeit, vor allem Buchhaltung, Promo, Vertrieb. Ich habe selber Päckli an cede.ch geschickt und Excel-Listen geführt… Dann noch ein neues Album zu machen, das ging nicht. «Min King» sind mehrere Personen, sie können sich die Arbeit aufteilen, aber ich muss alles selber machen.

Drei Jahre vorher, 2014, hast du die Dancehall-Single «Ich blib grad» veröffentlicht. Du singst: «Zu vil Chohle killt Vibes» und «Ich läb vo Freud a de Musig und nid vo Platteverchäuf». Drei Jahre später der Major-Deal. Bist du eingeknickt?
Nein, nur weil das neue Album bei Universal erschien, habe ich nicht mehr Geld. Ich versuche jetzt, von der Musik zu leben und habe meinen früheren Bürojob beim Hochbauamt aufgegeben. Ich habe mich also für weniger statt für mehr Geld entschieden. «Alles oder nichts» ist die Devise.

Und geht’s auf?
Momentan kann ich viele Liveshows spielen. Ich komme über die Runden, aber ich lebe wie ein Student (lacht). Ich glaube, man überschätzt dieses Major-Label-Ding.

Dein neues Album «Lince» stiess auf breite Resonanz, die Presse hat dich auf dem Radar, du hast viele Interviews gegeben. In «Ich blib grad» singst du auch:

De Hype blibt still, ke mediale Exzess,
bruch kä Rampeliecht und kä Rägäbogepress.
«Ich blib grad», 2014

Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich habe ziemlich viel Promo gemacht, ja. Aber alles Dinge, die ich cool fand.

Hast du auch Anfragen abgelehnt?
Auf jeden Fall. Ich nenne keine Mediennamen, aber ich mache nicht alles mit. Mit «medialem Exzess» meine ich diese Selfie-Kultur, das «Me-me-me»-Ding… Damit kann ich nach wie vor nicht viel anfangen. Ich bin auf Instagram präsenter als auch schon, aber ich halte nicht die ganze Zeit das Handy vor den Grind und sage: «Kauft meine CD, kauft meine CD.»

Müsste man aber nicht genau das tun? Der «Tages-Anzeiger» schrieb, du seist zu «eigenbrötlerisch». Das stehe dir im Weg, um ein Star zu werden.
Ich glaube, damit meinte der Autor, dass ich lieber im Studio als auf der Bühne bin. Ich weiss nicht, wie eigenbrötlerisch ich bin… Aber Star, was heisst das schon, das ist ein seltsamer Begriff. Das ist zu amerikanisch gedacht. Was sind denn Stars in der Schweiz? Vielleicht gibt es Leute, die das werden wollen. Ich will einfach jeden Tag Musik machen.

Müsstest du nicht genau das machen, wenn du von der Musik leben willst?
Hey, jein. CD-Verkäufe decken meine Miete definitiv nicht, das ist schon so. Aber früher habe ich nicht bewusst weniger Promo gemacht. Oft war ich einfach zu spät dran, weil ich dieses und jenes auch noch tun musste. Ich habe beispielsweise nie einen Videoclip hinbekommen. Ok, amigs hanis eifach verhängt. So sollte es diesmal nicht sein. Wenn ich mir schon die Arbeit mache, ein Album zu produzieren – und das ist verdammt viel Arbeit –, dann will ich es auch unter die Leute bringen, aber nicht auf eine unappetitliche Art.

Im Vergleich zu deinem ersten Album «Stepp usem Reservat» scheint «Lince» deutlich persönlicher zu sein, dafür weniger gesellschaftskritisch.
Das kann man so zusammenfassen. Das heisst nicht, dass ich weniger gesellschaftskritisch geworden bin. Ich war an einer Weichenstellung, stellte mir Fragen: Wie geht’s musikalisch weiter, wie geht’s privat weiter… dann ist das dabei rausgekommen. Songs schribsch eifach, die wott muesch schriebe.

Wieso känni die Stross scho,
a dere Chrüzig bini scho moll gsi.
Sie chunt mr bekannt vor,
ich weiss immer nonid wohii.
«Sie seit», 2017

Warum? Liegt das am Älterwerden?
Ich glaube, wenn man jünger ist, hat man mehr Energie, die man direkt rauslassen muss. Im Sinn von «Figg di, figg di, schiist mi ah», vielleicht aber auch nicht immer extrem reflektiert.

Hast du einmal über die Stränge geschlagen und Passagen verfasst, die du heute nicht mehr schreiben würdest?
Es gibt sicher Zeilen, die ich nicht mehr genau so schrei­ben würde. Aber ich bereue nichts. Was mich etwas nervt, gerade im Reggae- und Dancehall-Business, ist dieses Schwarz-Weiss-Ding: Auf der einen Seite die Bösen, die alles falsch machen, auf der anderen Seite die Künstler, die alles wissen und alles richtig machen. Niemand ist 100-prozentig perfekt, niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben. Diese Erkenntnis kommt mit dem Alter. Man sieht immer mehr Graustufen, immer mehr Widersprüche, auch bei sich selber. Mir fiel es schwerer, einen Bashing-Song gegen einen Politiker oder eine Partei zu produzieren. Aber einen Song zu schreiben, der alles relativiert, das kannst du auch nicht machen. Also habe ich es sein lassen. Dann schreibst du lieber ein Buch, da hast du mehr Zeilen, um alles zu erklären.
So oder so: Einen «Fuck Trump»- oder «Fuck Blocher»-Song zu machen, ist nicht besonders schwierig. Es muss schon hin und wieder gesagt werden, aber ich bin nicht der, der diese Songs macht.

Was als alternativer, urbaner Künstler schon fast zur Pflicht gehört, hast du aber auch schon gemacht: das Polizei-Bashing.
(lacht) Auf dem neuen Album wird sie verschont.

Die letzten vier Jahre hatte Zürich mit Richard Wolff einen links-alternativen Polizeivorsteher. Hat sich etwas verändert? Ist die Polizei toleranter geworden?
Der allerkrasseste Peak ist ein Stück weit vorbei. 2011, als ich «Was isch los» geschrieben habe, war der Anfang einer krassen Nulltoleranz-Phase. Alles, was alternativ war, wurde nicht bewilligt oder dichtgemacht. Es gab hohe Bussen, Soundanlagen wurden beschlagnahmt. Es kam zu einigen Verhaftungen, Velofahrer wurden zu Boden gerissen. Diese «Jetzt-müssen-wir-mal-durchgreifen-Phase» ist nicht mehr ganz so heftig, aber die Polizei ist schon noch ziemlich repressiv. Ich glaube, Wolff konnte gar nicht alles ändern, er ist nur eine Person im ganzen Apparat.

Was isch den los mit ihne,
d’Youths wännd sich amüsiere aber chönd nöd will de Chaschtewage stoht scho do.
Was ischs Problem mit ihne,
mir wännd doch nu es bizli Roots, Realität und Kultur i däne Strosse ha.
«Was isch los», 2013

Kommen wir zurück zu deinem neuen Album: Du gehst mit anderen Schweizer Mundart-Künstlern teilweise hart ins Gericht:

CH-Musig macht mi liecht verläge,
paar vo dene sind nöd nume liecht dänäbed.
«Träne uf em Tanzbode», 2017

Hast du darauf Reaktionen erhalten?
Nein, ich habe auch niemanden persönlich angegriffen. Es geht in dem Song um die gesamte Schweizer Musik-Szene, diesen kleinen Kuchen. Schweizer Mundart-Musik brennt auf super-kleiner Flamme und es passiert zum Teil nicht so viel Neues. Es ist auch ein Stück weit ein Frust-Song. Ich meine, ich könnte auch einfach mit der Freundin ins Kino oder irgendwo essen gehen, anstatt im Studio zu hocken. Und zum Teil werden Songs hochgejubelt, einfach weil sie auf Mundart sind. Ich finde viele Texte einfach nicht gut. Wenn das alle anderen anders sehen – fair enough. Mir ist es wichtig, dass ich so gut wie möglich hinter jeder Zeile stehen kann und keine Klischees bediene.

«Lince» kann man kaum einem Genre zuordnen. Es gibt weniger harte Dancehall-Songs wie auf dem Vorgänger. Aber auch kaum richtige Reggae-Lieder. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Das wurde ich schon oft gefragt und ich habe mich immer schwer getan, darauf eine kluge Antwort zu finden. Ich habe es dann mit «urbaner Musik» zusammengefasst, was eigentlich ein Scheiss-Begriff ist. Der Kern ist sicher noch Reggae und Dancehall. Aber auch andere Einflüsse, bizli England, bizli Lagos. Das hatte nicht nur musikalische Gründe, sondern hing auch mit den Texten zsammen. Die passten zum Teil nicht auf Dancehall- oder Reggae-Beats.

Foto: Facebook.
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«Ziitreis» ist dein poppigster Song und hat es vermutlich deshalb in die Mainstream-Radios geschafft. Hast du darüber nachgedacht, den Song auf einem Reggae-Beat zu produzieren?
Ich hatte ihn auf einem eigenen Beat, die meisten Beats habe ich demomässig selber produziert. Das war ein poppiger Modern-Roots-Island-Pop-Plastik-Beat. Auch ziemlich poppig, aber mit mehr Offbeat. Es gab schon vier Versionen von diesem Song. Die Hookline ist schon mehrere Jahre alt. Aber es passte nicht, ich kam nicht weiter. Das war der einzige Song, den Chris vom Berliner Kollektiv «Kitschkrieg» bei der Produktion von «Lince» völlig umgekrempelt hat. Und ich has huere gfühlt. Klar, «Ziitreis» könnte auch ein Reggae-Song sein, und ich werde das auch wieder machen. Aber ich wollte mich von diesem Image befreien, Stereo Luchs sei Reggae und Retro. Ich wollte meine Freiheit zurück.

D’Summer werded chürzer und d’Kater hebed länger ane
D’Jungs mached Nochwuchs, studiered Babyname
Schiebed Chinderwage, anderi laded Tinder abe
Ich mach mis Ding, hol’ es Guinness usem Inderlade.

«Ziitreis», 2017

Dieses Interview erschien am 21. Juni in der «schaffhauser az».