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Deutschland verkauft den Güterbahnhof

Die SBB werden alleinige Besitzerin des Güterbahnhofs und wollen das Areal entwickeln. Laut einem Experten könnten Wohnungen für 2000 Personen gebaut werden.

Es ist ein Ort mit Symbolkraft. Er steht für grosse Träume genauso wie für die harte Realität: Der Schaffhauser Güterbahnhof, seit fast 30 Jahren praktisch stillgelegt, scheint längst aus der Zeit gefallen zu sein und lebt trotzdem immer noch irgendwie weiter. Vermutlich deshalb, weil er für seine beiden grossen Besitzerinnen, Deutschland und die SBB, lange Zeit zu unbedeutend war, als dass man sich um ihn hätte kümmern müssen. 

Vor 50 Jahren indes war der Schaffhauser Güterbahnhof bedeutender Teil einer grossen Vision des langjährigen Schaffhauser Stadtpräsidenten, Nationalrates und Verwaltungsrates der SBB, Walther Bringolf. Er wollte aus der Munotstadt einen internationalen Dreh- und Angelpunkt im Güterverkehr machen. Jahrelang weibelte er für einen Ausbau des Güterbahnhofs, der in den 60er-Jahren an seine Kapazitätsgrenzen stiess. Doch der Neubau, der schliesslich im September 1975 eingeweiht wurde, stand unter keinem guten Stern. Die Erdölkrise von 1973 hatte Schaffhausen und Europa gebeutelt, der Handel brach ein. Ende der 80er-Jahre setzte dann bereits der Niedergang des für rund 60 Millionen Franken ausgebauten Güterbahnhofs ein. Das auch deshalb, weil die Georg Fischer AG ihre Giesserei von Schaffhausen nach Singen verlegte.

Schliesslich wurde fern von Schaffhausen entschieden, dass der Güterverkehr auf der Schiene vermehrt via Basel von und nach Italien verkehren sollte. Anfang der 90er-Jahre wurde der Güterbahnhof von den SBB weitgehend stillgelegt. Auf dem Areal kehrte Ruhe ein. Wo sich einst die Güterverwaltungen von SBB und DB, Schweizer und deutscher Zoll sowie acht Speditionsfirmen mit dem Verladen von diversen Gütern beschäftigten, gibt es heute noch ein Brockenhaus, einige Büros der Verkehrspolizei und ein paar weitere Sitzungszimmer. Dazu passt: In einem dieser Zimmer fanden einst Bewerbungskurse für Arbeitslose statt. Doch inzwischen scheint es nicht mal mehr das zu geben. Oder wie es die Stadt formuliert: Beim Güterbahnhof «bestehen Zwischennutzungen und Leerstände».

SBB: Kein Weiterverkauf geplant

Ein Problem: Es gibt zwei Besitzerinnen, die sich das Areal teilen. 35 Prozent des fast 100 000 Quadratmeter grossen Geländes gehören Deutschland, konkret dem Bundeseisenbahnvermögen BEV. Die restlichen 65 Prozent besitzen die SBB. Für keine der beiden Eigentümerinnen schien eine neue Entwicklung des Schaffhauser Güterbahnhofs in den vergangenen Jahrzehnten Priorität zu haben, zumal Absprachen über die Landesgrenzen hinaus naturgemäss die bürokratischen Wege erheblich verlängern. Und es fehlte der politische Druck. 

Schliesslich zwang die Schweizer Stimmbevölkerung 2013 mit der Zustimmung zum Raumplanungsgesetz die SBB als grösste Grundbesitzerin der Schweiz, die innere Verdichtung voranzutreiben. Jetzt, sechs Jahre später, erhält die Entwicklung des Güterbahnhofs neuen Schub. Nachdem die SBB vor einem Jahr bekannt gegeben haben, das gesamte Areal erwerben zu wollen, ist der Kauf nun praktisch unter Dach und Fach. Das Bundeseisenbahnvermögen BEV schreibt auf Nachfrage der AZ, dass die Verhandlungen mit den Schweizer Behörden abgeschlossen seien. Der Kaufvertrag sei bereits vom Bundesamt für Verkehr genehmigt worden. Auch über den Preis seien sich «beide Partner einig». Das heisst konkret: «Wir erwarten den baldigen Vertragsschluss», wie das BEV schreibt. Die SBB bestätigen, dass sie die 35 Prozent von Deutschland erwerben. Über den Kaufpreis werden keine Angaben gemacht. 

Stellt sich die Frage: Was machen die SBB mit dem Areal? Die Grundstückspreise in den Städten stiegen in den letzten Jahren markant an. Die SBB wussten das zu nutzen und machten mit Landverkäufen kräftig Geld. Gemäss dem Sonntagsblick haben die SBB von 2007 bis 2017 Land und Immobilien im Wert von über 1,5 Milliarden Franken verkauft. Planen die SBB nach dem Kauf des Güterbahnhofs den Weiterverkauf des Areals?

Nein, schreiben die SBB. Man wolle das Areal im Eigentum behalten, könne sich aber vorstellen, «je nach Projektentwicklung Arealteile im Baurecht abzugeben».

Klar ist: Das weitgehend brachliegende Güterbahnhofareal hat für die Stadt Schaffhausen «grosses Entwicklungspotenzial». Das sagt der Experte Hans-Georg Bächtold. Der frühere Kantonsplaner von Basel-Landschaft hat bei der Entwicklung von ähnlichen Arealen in der Nordwestschweiz bereits mit den SBB zusammengearbeitet. Er schätzt, dass auf dem Gelände des heutigen Güterbahnhofs «Wohnungen für 2000 Personen gebaut und attraktive, verbindende Freiräume gestaltet werden könnten». Die zentrale Lage des Areals sei ein enormer Standortvorteil. Auch für den Bau von Hochhäusern sieht Bächtold das Gebiet als geeignet: «Der Schattenwurf ist beim Güterbahnhof nicht so problematisch.» Auch die Aussicht von anderen Gebäuden würde vergleichsweise wenig gestört.

Eine geheime Studie

Auch die Politik machte sich schon Gedanken, was aus dem Güterbahnhof werden soll. 2010 reichte AL-Politiker Simon Stocker einen politischen Vorstoss ein und wollte vom Stadtrat wissen, ob er bereit sei, «einen Prozess zur Umnutzung des Güterbahnhofs anzustossen». Der damalige Baureferent Peter Käppler (SP) sagte, Stocker renne mit seinem Vorstoss «offene Türen» ein, und kündigte eine Potenzialstudie an, die «im Laufe des Frühlings 2011» der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte.  

Seither sind acht Jahre vergangen. In der Zwischenzeit schossen hinter dem Bahnhof auf dem Bleicheareal oder im Mühlental neue Gebäude gen Himmel. Auf dem Güterbahnhof hingegen geschah: nichts. 

Simon Stocker, mittlerweile längst selber Mitglied des Stadtrats, weiss nicht, was aus besagter Studie geworden ist, und verweist an das Baureferat. Im Chefsessel dieses Referats kam es seither zu zwei Rochaden. Inzwischen sitzt dort Katrin Bernath (GLP), die besagte Studie mit dem Verweis darauf, sie diene als Grundlage für eine «laufende Entwicklung», nicht herausgeben will. 

Eine Vorstellung, was auf dem Güterbahnhof einmal entstehen soll, hat die Stadt aber schon einmal publik gemacht. Gemäss dem Anfang Jahr vom Stadtrat genehmigten Richtplan werden auf dem Gelände 30 Prozent Wohnungen und 70 Prozent Arbeitsplätze angestrebt. 

Diese Angaben seien für die SBB «im Sinn eines langfristigen Ziels realistisch und sinnvoll». Für konkrete Aussagen zur künftigen Nutzung und zur Anzahl geplanter Wohnungen sei es indes noch zu früh. Grundsätzlich aber streben die SBB «in all ihren Arealentwicklungen eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Städten und Kantonen an», so auch in diesem Fall. Man wolle «einen Beitrag zur städtebaulichen Entwicklung des Gebiets und der Stadt Schaffhausen leisten». 

Nicht unbeteiligt ist auch der Kanton. Baudirektor Martin Kessler (FDP) sagt: «Die SBB, die Stadt Schaffhausen und der Kanton haben beschlossen, das Güterverwaltungsareal mittelfristig städtebaulich gemeinsam zu entwickeln.» Abklärungen für einen möglichen Rahmenplan seien bereits gemacht worden. «Der Landverkauf ermöglicht die nächsten Schritte», sagt Kessler. Der Baudirektor schliesst zudem nicht per se aus, Teile des Areals selber zu erwerben: «Grundsätzlich ist der Kanton an einer Entwicklung dieser sehr zentralen Lage interessiert. Falls ein Angebot der SBB käme, würde der Kanton dies prüfen.»

Bis die letzte Stunde des Güterbahnhofs geschlagen hat, dürfte es allerdings noch ein paar Jahre dauern. Laut Richtplan der Stadt hat der Güterbahnhof nur die Priorität 2 (mittelfristig). Fünf Projekte – Mühlental, Rheinufer-Ost, Herblingertal, Ebnat-West und Grubenquartier – sind laut Richtplan dringender. Dem Güterbahnhof bleibt eine letzte Gnadenfrist. 

Dieser Artikel erschien am 5. Dezember in der «Schaffhauser AZ».

Der Herbst-Blues von 1975

Vor 43 Jahren handelte der einstige Kommunist und «az»-Verwaltungsratspräsident Ernst Illi wie ein «übelster Kapitalist»: Er entliess mehr als die Hälfte der Redaktion, um die Löhne zu senken.

Längst hat der Sound von B. B. King und Muddy Waters die Welt erobert. Schwerer, amerikanischer Blues hallt aus den Boxen. Die Fernsehsender zeigen, wie US-Präsident Gerald Ford in Salzburg auf der Treppe der «Air Force One» ausrutscht und auf den Hintern fällt. Derweil stehen die Kommunisten nach dem Sieg über die Amerikaner in Vietnam kurz davor, auch Laos unter ihre Kontrolle zu bringen.

Wir schrei­ben den 3. Juni 1975.

An diesem Dienstag braut sich über der Schaffhauser Webergasse ein Unwetter zusammen. An den nächsten beiden Tagen wird gar Hagel auf die Munotstadt niederprasseln. Das wird die Schweizerische Hagelversicherungsgesellschaft später in ihren Akten notieren.

Am Tag vor dem Sturm treffen sich die Bosse der damaligen «schaffhauser az» und reden Tacheles: Verwaltungsratspräsident Ernst Illi sagt, «das Redaktionsproblem» müsse subito gelöst werden. So steht es im Protokoll der damaligen Verwaltungsratssitzung.

Dreieinhalb Monate später entlässt der Verwaltungsrat den Chefredaktor Hanspeter Gahlinger sowie Redaktorin Susie Ilg und Redaktor Max Hess. Nur Lisbeth Vetter und Hugo Leu bleiben übrig. Ein Aufschrei geht durch die Medienbranche.

Was war geschehen?

Interne Zensur

Die Zeiten wurden rau. Inserateeinnahmen brachen weg, die Abozahlen sanken. Die «schaffhauser az» stand unter Spardruck. «Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die Redaktionskosten mit 75’000 Franken viel zu hoch sind (…)», steht im Protokoll der VR-Sitzung vom Juni 1975.

Taktgeber im Verwaltungsrat der «schaffhauser az» waren damals zwei einstige Kommunisten, die schon lange das Pensionsalter erreicht hatten: Verwaltungsratspräsident Ernst Illi, einst Gemeindepräsident von Neuhausen, hatte bereits mehr als 70 Jahre auf dem Buckel. Und VR-Mitglied Walther Bringolf, zu diesem Zeitpunkt längst als Stadtpräsident und Nationalrat zurückgetreten, war gar schon 80 Jahre alt.

Unter dem Titel «Die Grossväter schlugen zu» rollte das damalige alternative Schaffhauser Magazin «Info» im November 1975 die Hintergründe der Entlassungen auf. Laut dem Magazin herrschte innerhalb der Schaffhauser Linken schon seit längerer Zeit ein zäher Machtkampf zwischen zwei Generationen, der auch für Zoff zwischen Redaktion und Verwaltungsrat sorgte. Den Alten war die Redaktion zu aggressiv und nahm zu wenig Rücksicht auf Inserenten. Deshalb griffen sie ein. So schrieb das «Info»: «Die alteingesessenen Setzer, gedeckt vom Verwaltungsrat, (…) zensurierten Artikel nach eigenem Gutdünken, liessen ganze Linien weg, verwiesen Beiträge, die ihnen nicht passten, auf zweitrangige Plätze oder verhinderten überhaupt das Erscheinen von nicht genehmen Arbeiten.» Die «az» hatte nach dem Verständnis von Illi und Bringolf als Propagandablatt für die Partei zu dienen.

Dass dies nicht immer der Fall war, zeigt ein Brief eines Genossen an den VR. Darin beklagt sich der SP-Politiker, sein Votum im Parlament sei in der Berichterstattung der «az» ungenügend berücksichtigt worden.

Die Dolchstosslegende

Eine jüngere SP-Generation um den Thaynger Gemeindepräsidenten Walter Stamm und Kurt Reiniger, Bringolfs Nachfolger im Nationalrat, hatte – «alarmiert durch das Abserbeln der ‹az› einerseits und die Klagen der Redaktion andererseits» – im Jahr zuvor versucht, die alte Garde um Illi und Bringolf abzulösen. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, die «az» ruinieren zu wollen.

Reiniger und Stamm, vom «Info» «Palastrevolutionäre» genannt, forderten die Einberufung einer Aktionärsversammlung und die Einsetzung eines Krisenstabes – dem sie selbst angehören sollten.
Auch die Redaktion positionierte sich: Sie stellte sich hinter die «Palastrevolutionäre» und drohte damit, kollektiv den Hut zu nehmen, wenn die Forderungen von Reiniger und Stamm abgelehnt würden.

Allerdings verbündeten sich die beiden Putschisten ausgerechnet mit dem Verleger des «Schaffhauser Bocks», René Steiner. Dies wiederum brachte Walther Bringolf, der im «Bock» eine Konkurrenz sah, gewaltig auf die Palme. Er beschuldigte die jüngeren Genossen, die «az» an Steiner verhökern zu wollen – eine «Dolchstosslegende», wie das «Info» später festhielt. Dennoch stellten sich die Aktionäre mehrheitlich auf die Seite von Bringolf. Die Palastrevolution scheiterte.

In der Folge baute der Verwaltungsrat seine Macht aus und schwang im September 1975 die grosse Entlassungskeule.

Illis Alleingang

Im Vorfeld der Kündigungen hatte Chefredaktor Gahlinger eigene Sparvorschläge eingebracht. So sollte bei den Fotografien gespart sowie das Budget für die freien Mitarbeiter halbiert werden. 17’000 Franken hätte man seiner Ansicht nach ohne Entlassungen einsparen können. Der Verwaltungsrat hielt davon allerdings wenig. Ausserdem seien die Sparvorschläge eine Woche zu spät eingetroffen.

Das Gremium beschloss deshalb einstimmig, Gahlinger zu entlassen. Unter anderem warf es dem Geschassten fehlende organisatorische Fähigkeiten vor.

Die Kündigungen von Susie Ilg und Max Hess hatte VR-Präsident Ernst Illi allerdings im Alleingang entschieden und die Betroffenen nicht im Vorfeld informiert. Illi hatte gehofft, Ilg und Hess danach zu einem tieferen Lohn wieder für die «az» gewinnen zu können. Das zeigen die Akten. Ein Vorhaben, das nicht aufging – und schweizweit für Empörung sorgte.

Die Schweizerische Journalisten-Union protestierte gegen die Entlassungen in einem in den «Schaffhauser Nachrichten» publizierten offenen Brief an den Verwaltungsrat. Sie kritisierte unter anderem, dass der VR «die gesamte schweizerische Gewerkschaftsbewegung in Misskredit» gebracht habe. Den Versuch, Ilg und Hess zu günstigeren Konditionen erneut anzustellen, bezeichnete die Journalisten-Union gar als ein «Verhalten, das übelster kapitalistischer Tradition entspricht».

Auch die Gewerkschaft VPOD forderte den VR auf, die Kündigungen rückgängig zu machen. Die Geschäftsleitung der SP meldete sich ebenfalls zu Wort und distanzierte sich von den Entlassungen. Und sogar die «SN» nahmen «mit Sorge» von den Kündigungen Kenntnis.

Gahlingers Theorie

Hanspeter Gahlinger seinerseits vermutete im Interview mit dem «Info», dass Personen aus dem Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) hinter seiner Entlassung steckten. Dies, nachdem er in mehreren Artikeln die Georg Fischer AG kritisiert hatte, weil sie eine Arbeitersiedlung im Pantli-Quartier «bei Nacht und Nebel» abgerissen hatte. Gahlinger musste allerdings auch einräumen, dass er die Sparvorschläge eine Woche zu spät eingereicht hatte.

Trotz Protesten gegen die Entlassungen blieb der Verwaltungsrat der «az» hart. Zudem hatten Susie Ilg und Max Hess ohnehin keine Lust mehr, zur Zeitung zurückzukehren, wie sie dem VR mitteilten. Später ernannte der Verwaltungsrat Arthur Müller als neuen Chefredaktor.

Susie Ilg sollte danach Korrespondentin bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA werden und Hanspeter Gahlinger Nachrichtenchef beim «Blick».

Max Hess wird 1981 in den Schaffhauser Stadtrat und acht Jahre später gar zum dritten sozialdemokratischen Stadtpräsidenten nach Hermann Schlatter und Walther Bringolf gewählt.

Der Wandel bei der «az» wird erst ein paar Jahre später eingeleitet, als Hans-Jürg Fehr und Bernhard Ott – der Autor des damaligen «Info»-Artikels – bei der Zeitung einsteigen.

Dieser Artikel erschien im Rahmen der Jubiläumsserie «100 Jahre az» am 25. Oktober in der «schaffhauser az» und beruht unter anderem auf dem Buch «Wir sind da und bleiben da» des Wirtschafts­historikers Adrian Knoepfli.

Die gestohlene Glocke

Was die Schaffhauser in die Eidgenossenschaft trieb.

Der Schaffhauser Stadtpräsident Peter Neukomm und der Lottstetter Bürgermeister Jürgen Link reichen sich die Hände. Man kennt sich aus der Regionalkonferenz Zürich Nordost, wo man gemeinsam die Pläne kritisch hinterfragt, im Zürcher Weinland Atommüll zu vergraben.

Diesmal geht es um etwas anderes. Um ein Stück Schaffhauser und Lottstetter Geschichte. Oder anders gesagt: Um Diebesgut, das sich seit über 500 Jahren in Schaffhauser Besitz befindet.

Peter Neukomm, Jürgen Link und der Schaffhauser Stadtarchivar Peter Scheck steigen die Treppen des Fronwagturms empor. Keiner der Protagonisten war schon einmal hier oben. Zusammen mit dem Fotografen und dem Journalisten der «az» platzt die Gruppe in das Büro der Kommunikationsagentur «Kommpass». Nach einer kurzen Erklärung öffnen die freundlichen Herren die ausklappbare Tür zum Estrich. Ein Stapel Zeitungsbündel wird zur Seite geräumt. Es ist dunkel und riecht nach modrigem Holz. Die Balken, die das Dach des Fronwagturms stützen, scheinen uralt zu sein.

Der Fronwagturm. Bild: Wikimedia Commons.
Der Fronwagturm. Bild: Wikimedia Commons.

Eine halbwegs stabile Leiter führt zu einer kleinen Dachluke. Langsam wird sie geöffnet. Und da ist sie: die geschichtsträchtige Glocke.

Es herrscht Krieg

Wir schreiben das Jahr 1449. Im Norden Frankreichs tobt Jahre nach dem Tod der legendären Jeanne d’Arc noch immer der Hundertjährige Krieg. Im Tessin kämpfen die Urner gegen die Mailänder um Bellinzona. Im Westen der jungen Eidgenossenschaft haben die Berner soeben die Freiburger zermürbt. Rund um Zürich ist das Land vom «Alten Zürichkrieg» zwischen Eidgenossen und Zürchern schwer gezeichnet. Und dann beginnen auch im süddeutschen Raum die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fürsten und dem schwäbischen Städtebund um Nürnberg und Augsburg. Mittendrin sind die Schaffhauser, als eines von 31 Mitgliedern dieses Städtebundes.

Nicht weit entfernt von der Stadt Schaffhausen, bei Lottstetten, liegt das Schloss Balm. Es gehört den Grafen Alwig und Rudolf von Sulz. Die Grafen haben die schwäbischen Städte verärgert, weil sie den Handelsverkehr stören. Kürzlich sollen sie kostbare Tücher beschlagnahmt haben. Die Schaffhauser sehen sich darum gezwungen, dem Treiben der Grafen Einhalt zu gebieten.

Ein Fussmarsch vom Herrenacker nach Balm dauert zwei Stunden, zu Pferd ist man schneller dort.

Es ist die Nacht vom 22. auf den 23. September, als die Schaffhauser zusammen mit eidgenössischen Söldnern die Burg angreifen. Sie sind siegreich und nehmen Ursula, die Mutter der beiden Grafen, in Gefangenschaft. Später brennen sie das Schloss nieder, ein Teil der Beute wird an die Schaffhauser Bürger verhökert.

Die Provokation

Unter dem Diebesgut befindet sich auch das Burgglöcklein. Dieses hängen die Schaffhauser auf dem Fronwagturm auf, direkt neben dem Haus der Grafen von Sulz. Damit diese durch das Glockengeläut an die erlittene Niederlage erinnert werden.

«Eine klare Provokation», sagt Stadtarchivar Peter Scheck. Er hat die Episode über den Überfall auf die Burg Balm in seinem Werk «Die politischen Bündnisse der Stadt Schaffhausen von 1312 bis 1454» niedergeschrieben.

Später kauften die Schaffhauser den Grafen von Sulz auch besagtes Haus ab. Eines Abends im alten Gasthaus «Tanne» sei der Kaufvertrag besiegelt worden. Graf Alwig von Sulz soll nicht mehr ganz nüchtern gewesen sein, erzählt Scheck.

Laut einer Sage haben die Schaffhauser noch in der gleichen Nacht mit dem Abriss des Hauses begonnen. Heute befindet sich an dieser Stelle die Gasse namens «Tanne», die den Fronwagplatz mit dem Herrenacker verbindet.

Die Strafe

26. März 1451. Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz, der dem königlichen Hofgericht vorstand, verurteilt die Schaffhauser für den Überfall auf die Burg Balm: Die Schaffhauser müssen das Schloss neu aufbauen, der Gräfin Ursula die Beute vollumfänglich zurückerstatten und die Angehörigen eines beim Kampf getöteten Knechts mit 100 Gulden entschädigen. Das Urteil wird später von höchster Stelle, dem römisch-deutschen König Friedrich III., bestätigt. Die Schaffhauser wollen die Strafe allerdings nicht akzeptieren.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der schwäbische Städtebund hat inzwischen mit den Fürsten Frieden geschlossen und will die Schaffhauser bei ihren Kriegsausgaben nicht unterstützen. «Die Zukunft für Schaffhausen sah schlecht aus. Einerseits drohten Kosten von gewaltiger Höhe, andererseits musste man ständig mit einem Überfall österreichischer Truppen rechnen. Zudem zweifelte man je länger, je mehr an der Zuverlässigkeit der verbündeten Reichsstädte. In dieser Not wandten sich die Schaffhauser an die Eidgenossen, die inzwischen ihren eigenen Zwist beigelegt hatten», schreibt Peter Scheck in seinem Buch.

Wie gut die Schaffhauser die Boten der Eidgenossen behandelt haben, beschreibt Scheck wie folgt: «Es ist aus dieser Zeit keine Stadtrechnung vorhanden, die unter der Rubrik ‹Schenkkanten› nicht mindestens einen Boten der Eidgenossenschaft aufführt, der mit Stadtwein beschenkt worden ist.»

Ein paar Jahre später, 1454, schliessen die Schaffhauser mit den Eidgenossen ein offizielles Bündnis. 1501 wird Schaffhausen schliesslich vollwertiges Mitglied der Eidgenossenschaft. Die Burg Balm wird nie wieder aufgebaut.

Vergebung

568 Jahre nach dem Überfall auf die Burg Balm: Würden die Lottstetter die Glocke eigentlich gerne zurückwollen?
Bürgermeister Jürgen Link winkt ab. Sollen sie sie behalten, die Schaffhauser.

Hätten wir auch nicht hergegeben, meint Peter Neukomm.

Die Glocke jedenfalls schlägt weiterhin, versichern die Herren der Kommunikationsfirma. Jede Viertelstunde.

Quelle: Die politischen Bündnisse der Stadt Schaffhausen von 1312 bis 1454. Scheck, Peter. Schaffhausen: Meier, 1994.

Dieser Artikel erschien am 29. Dezember in der «schaffhauser az».