FCS: Aufstieg in drei Jahren

Mit der anfänglichen Zurückhaltung ist es vorbei: Jetzt sagt Roland Klein, er wolle mit dem FC Schaffhausen wieder in die Super League.

«Traumschlösser werden sicher nicht gebaut, das kann ich garantieren.» Das sagte Roland Klein vor einem Jahr, als er neuer Präsident des FC Schaffhausen wurde. Nun ging am vergangenen Wochenende die erste Saison der Ära Klein zu Ende. Die Baustellen bleiben gross: Hauptsponsor weg, Sicherheitschef weg, rote Zahlen, zweitletzter Platz. Und trotzdem träumt der Club bereits wieder von der Super League.

Roland Klein, ich nehme an, Sie haben sich die erste Saison beim FCS anders vorgestellt. Wie lautet Ihr Fazit? Abhaken und nach vorne schauen?

Roland Klein Nach vorne schauen sicher. Abhaken noch nicht ganz. Man muss immer darauf achten, aus dem Vergangenen Schlüsse zu ziehen und es in Zukunft besser zu machen. Finanziell gesehen haben wir die Kurve hinbekommen, der Club stand kurz vor dem Bankrott, heute steht er auf gesunden Beinen, alle Rechnungen sind bezahlt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Es gab viele negative Schlagzeilen: Streitereien um die Stadionmiete, Mobbingvorwürfe, offene Schulden bei der Stadion AG. Und als man dachte, es kann nicht mehr schlimmer kommen, kam noch die Coronakrise. Gab es nie eine Phase, in der Sie darüber nachgedacht haben, alles wieder hinzuschmeissen?

Nein. Ich habe gewusst, dass es nicht einfach wird. Aber ich habe schon genug Erfahrungen im Fussballgeschäft gesammelt, um das alles richtig einschätzen zu können.

Sportlich lautete Ihr Ziel, den Ligaerhalt zu schaffen. Das war geschenkt, nachdem entschieden wurde, dass es wegen der Coronakrise keinen Absteiger geben wird. Ansonsten sieht die Bilanz relativ bescheiden aus: Nur sechs Siege in 36 Spielen, weniger als ein Tor pro Spiel erzielt. Lag einfach nicht mehr drin?

Die nackten Zahlen sind sehr negativ. Es war aber klar, dass die erste Saisonhälfte sehr schwierig werden würde. Die Vorbereitungszeit nach der Übernahme des Clubs war sehr kurz. Dann, Anfang der zweiten Saisonhälfte, hatten wir einen guten Lauf. Man sah einen Aufwärtstrend. Bis die Zwangspause kam. Nachher hatten vor allem die jungen Spieler grosse Mühe, wieder den Tritt zu finden. Sie sind vielleicht etwas leichtfertiger mit der Situation umgegangen und dachten sich: Wir sind dann schon parat, wenn es wieder losgeht. So war es aber nicht. Die Fitness hat gefehlt.

Diese Saison hat auch gezeigt, dass Murat Yakin allein keine Wunder bewirken kann. Dennoch haben Sie die Verträge mit den Yakins verlängert. Was für eine Rolle spielt Murat Yakin beim FCS? Er bezeichnet sich ja selber als «Trainer plus».

Normalerweise kommen und gehen Trainer innert kurzer Zeit. Das garantiert keine Konstanz. Wenn man den sportlichen Erfolg planen will, muss man Konstanz reinbringen. Und für einen Club wie Schaffhausen ist es schon speziell, Personen wie Murat und Hakan Yakin hier zu haben. Ich glaube, die sportliche Führung, die wir hier haben, ist etwas vom Besten, das es gibt, auch im Vergleich mit den Super-League-Clubs.

Ob sich der FCS gute Spieler leisten kann, hängt bekanntlich mit den finanziellen Mitteln zusammen, die dem Club zur Verfügung stehen. Nun ist der bisherige Hauptsponsor Bollinger aber ausgestiegen. Was stimmt Sie optimistisch, ausgerechnet in Krisenzeiten neue Unternehmen zu finden, die beim FCS Geld für Werbung ausgeben werden?

Zuerst einmal muss ich der Firma Bollinger danken, dass sie den Club viele Jahre lang finanziell unterstützt hat. Das ist aussergewöhnlich. Thomas Bollinger war auch in schwierigen Zeiten dabei. Er hat aber schon vor einem Jahr gesagt, dass das die letzte Saison sein werde, in der er als Trikotsponsor auftreten wird. Das hat also nichts mit der Coronakrise zu tun. Aber sicher wird es schwierig, in dieser Zeit neue Sponsoren zu finden. Wenn man wüsste, ab wann es wieder normal weitergeht… So ist es fast unmöglich zu planen.

«In den letzten Monaten bestanden die einzigen Einnahmen aus dem Verkauf einer Handvoll Würste.»
Roland Klein

Was bedeutet das für das Budget der kommenden Saison? Gibt es ein Worst-Case-Szenario?

Wir haben ein Budget von rund drei Millionen Franken. Das zeigt, wie viel pro Monat reinkommen muss. In den letzten Monaten bestanden die einzigen Einnahmen aus dem Verkauf einer Handvoll Würste. Es kann eine sehr harte Zeit werden. Aber generell können Vereine in der Challenge League kein Geld verdienen. In der Super League ist es möglich, wenn man vernünftig wirtschaftet. Die Einnahmen in der Super League, unter anderem aus Fernsehgeldern, sind sechsmal höher.

Das heisst, der FCS muss aufsteigen?

Wir wollen in den nächsten zwei, drei Jahren in die Super League.

Dafür muss aber investiert werden. Der «Blick» warf die Frage auf, ob Patrick Liotard-Vogt, der Enkel eines früheren Nestlé-Managers, beim FCS als Investor einsteigt, nachdem Sie ihn zu einem Heimspiel eingeladen hatten. Was ist da dran?

Wir haben lose Gespräche geführt und werden sehen, ob es irgendwann zu einer Zusammenarbeit oder einer Partnerschaft kommt.

Es gibt immer wieder Clubs wie Neuenburg Xamax oder der FC Wil, bei denen Investoren einstiegen, keinen Erfolg hatten, wieder abzogen und einen enormen Schuldenberg hinterliessen. Teilweise gingen die Vereine pleite und mussten in den Amateurligen neu anfangen. Das nährt die Skepsis.

Im Moment gibt es mit Ineos bei Lausanne und Champion Union HK Holdings Limited bei GC Investoren, die – so denke ich – einen seriösen Job machen. Natürlich verstehe ich, dass es Bedenken gibt. Der FC Wil wollte mehr, als er sein kann. Sie hatten höhere Ambitionen und hatten das Gefühl, mit den türkischen Investoren ist das möglich.

Ist der FC Schaffhausen nicht auf einem ähnlichen Niveau wie der FC Wil?

Es kommt immer darauf an, wie man das Ziel erreichen will. Alles auf eine Karte setzen, fünf Spieler einkaufen, die das Budget enorm belasten und hoffen, dass es klappt, das wollen wir nicht. Wir haben zwar jetzt neue Spieler geholt, die uns qualitativ weiterbringen werden, das glauben wir jedenfalls, aber die verdienen einen Lohn, der in einem vernünftigen Rahmen liegt und den wir tragen können.

GC und Lausanne gehören Investoren, die noch weitere Teams in anderen Ligen besitzen. GC wurde auch schon das «Farmteam» des englischen Premier-League-Clubs Wolverhampton Wanderers genannt. Kann das die Lösung sein?

Ich glaube, im Fussball werden solche Konstrukte künftig noch häufiger auftauchen. Vor allem in kleineren Ländern wie der Schweiz, Österreich oder Dänemark. Weil sie wirtschaftlich Sinn machen. Für einen Schweizer Club ist es unglaublich schwierig geworden, einen guten ausländischen Spieler zu holen. Früher war das möglich, der FCS konnte Spieler aus der zweiten deutschen Bundesliga holen. Jogi Löw, Uwe Dreher, Axel Thoma. Es war für sie attraktiv, in der Schweiz zu spielen. Inzwischen haben sich die Löhne enorm unterschiedlich entwickelt, die Schere ging extrem auseinander. In der Super League gibt es noch ein paar wenige Spieler, die sehr gute Löhne erhalten. Aber ansonsten ist die Super League zu einer Verkaufsliga geworden. Die Clubs bilden junge Spieler aus und verkaufen sie dann an ausländische Vereine. Ich meine: Wolverhampton bekommt mindestens 100 Millionen Pfund allein aus Fernsehgeldern. Das heisst, der Verein kann es sich leisten, junge Spieler zu kaufen und diese für ein, zwei Jahre in tieferen Ligen spielen zu lassen. Wenn es der Schweizer Fussball geschickt anstellt, kann er davon profitieren. Und solange es auf dem Spielfeld noch stimmt und die Partnerschaften langfristig ausgelegt sind, spielt es keine Rolle, wer hinter den Kulissen das Geld gibt.

«Eine zweite Profiliga ist aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht mehr realistisch.»
Roland Klein

Wenn der FCS Teil eines solchen Konstrukts wird, dann wären Sie als Club-Präsident aber nur noch der Schaffhauser Abteilungsleiter einer internationalen Fussballfirma.

(lacht) Wenn es einmal so weit kommen sollte, dann bin ich vielleicht nicht mehr hier. Nein, der FC Schaffhausen wird sicher nicht Teil der Wolverhampton Wanderers oder von Manchester United, das ist klar. Aber vielleicht finden wir jemanden, der beim FCS einsteigen wird.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten die Ausgaben des Clubs um zwei Millionen Franken gesenkt…

2,5 Millionen…

Schreibt der FCS jetzt eine schwarze Null?

Nein. Aber es ist alles bezahlt.

Und wer hat das Defizit übernommen?

Es gibt nicht viele, die dafür infrage kommen.

Das heisst, Sie persönlich haben das Loch gestopft?

Unter anderem. Um den FCS zu retten, waren während den letzten zwölf Monaten viele beteiligt. Manche auch nur im Hintergrund.

Wie viel mussten Sie persönlich einschiessen?

Das will ich nicht sagen.

Eine Grössenordnung?

Das soll privat bleiben.

Und obwohl der FCS keine schwarzen Zahlen schreibt, wird jetzt der Aufstieg anvisiert? Wie soll das funktionieren? Gegenüber vielen anderen Clubs in der Challenge League, gerade gegenüber GC, wird der FCS – was die finanziellen Mittel angeht – immer der Underdog bleiben.

Es gibt ja noch die Möglichkeit, als Zweitplatzierter über die Barrage aufzusteigen. Und es muss auch noch nicht nächste Saison klappen. Klar wäre es mir lieber gewesen, GC wäre aufgestiegen, dann hätten wir in der nächsten Saison eine ausgeglichenere Liga.

Zum Schluss: Während der Zwangspause wurde darüber diskutiert, die Super League auf zwölf Vereine aufzustocken und die Challenge League auf acht Teams zu reduzieren. Sie sprachen sich dafür aus, der Vorschlag wurde aber abgelehnt. Warum?

Ich habe den Eindruck, als würden wir Clubs auf ein Rotlicht zufahren, die Augen zumachen und hoffen, dass von links und rechts nichts kommt, wenn wir uns nur auf die Bundeskredite verlassen. In der 12er-Super-League und der 8er-Challenge-League hätte es ein Jahr lang keine Absteiger gegeben. Dies hätte es finanziell schwächeren Clubs ermöglicht, sich ein Jahr lang, mit stark verminderten Ausgaben, der schwierigen Coronazeit zu widersetzen. Klar wäre eine Challenge League ohne Aufsteiger nicht besonders spannend gewesen, aber die Vereine hätten massiv Kosten sparen können. Eine zweite Profiliga mit zehn Teams ist aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht mehr realistisch. Aber vielleicht werden nicht alle Vereine durch die Coronakrise kommen und es wird am Ende nur noch 14, 15 oder 16 Clubs geben, die einen Profibetrieb aufrechterhalten können. Dann bleibt womöglich gar keine andere Wahl, als aus Super League und Challenge League eine gemeinsame Liga zu bilden. Wer weiss.

Dieses Interview erschien am 6. August in der Schaffhauser AZ.