PUK-Bericht: Schaden in Millionenhöhe

Die Untersuchung zur Schulzahnklinik legt Missstände offen. Regierungsrat Christian Amsler (FDP) habe «das Ausmass der Vorwürfe unterschätzt».

Die erste Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) in der Geschichte des Kantons Schaffhausen hat heute Morgen ihren Bericht präsentiert. Die PUK war im November 2018 gegen den Willen von Regierungsrat Christian Amsler (FDP) vom Kantonsrat eingesetzt worden und untersuchte seither diverse Vorwürfe rund um die Schaffhauser Schulzahnklinik. Der nun vorliegende Bericht umfasst inklusive Anhänge satte 290 Seiten.

Einerseits ging es um den Vorwurf, dass Zahnärzte Patientinnen und Patienten von der Schulzahnkinik in ihre privaten Praxen abgeworben hätten. Diesen Vorwurf konnte die PUK erhärten. So heisst es im Bericht: «Die PUK erachtet es als erwiesen, dass Patientinnen und Patienten ab 2007 von der Schulzahnklinik in die Privatpraxis von X. [Name zensiert] wechselten. Dieser hatte Patientinnen und Patienten aktiv aufgefordert, in die Privatpraxis zu wechseln oder sie im Unklaren darüber gelassen, dass die private Praxis mit der Schulzahnklinik nicht identisch war. Diese Wechsel verstiessen gegen die Interessen der Schulzahnklinik. Am augenfälligsten ist der Wechsel bei Behandlungen, die von der Eidgenössischen IV bezahlt wurden. Diese erfolgten fast ausschliesslich durch X. in der privaten Praxis.» Der exakte finanzielle Schaden bleibt zwar unbekannt, kann aber grob geschätzt werden, schreibt die PUK weiter: «Der Schulzahnklinik sind durch die Patientenwechsel und Abwerbungen und insbesondere durch den erheblichen Rückgang der IV-Fälle ein Umsatzverlust und ein Schaden entstanden. Hierzu sind nur Schätzungen möglich. Für die Jahre 2009 bis 2018 bewegt sich die maximale Umsatzeinbusse bei IV-Fällen in der Bandbreite von CHF 590’000 bis CHF 1’310’000.»

Weiter hält die PUK aber auch fest, dass an der Schulzahnklinik zu wenig gearbeitet worden sei. Die «Bürozeit war zu grosszügig bemessen, so dass die gesetzliche Arbeitszeit von 42 Stunden nicht eingehalten wurde.» Es «mussten aufgrund der Befragungen (…) erhebliche Abweichungen zwischen geleisteten und bezahlten Stunden festgestellt werden. Die Finanzkontrolle hat für nicht erbrachte Arbeitsleistungen zwischen 2016 bis 2018 einen Betrag von CHF 1’101’000 errechnet.» 

Die PUK untersuchte auch die Rolle von Christian Amsler, Vorsteher des Erziehungsdepartements (ED), der für die Schulzahnklinik zuständig war, bis der Regierungsrat nach der Einsetzung der PUK entschied, sie dem Finanzdepartement zuzuordnen. Amsler kommt dabei nicht besonders gut weg. So heisst es im Bericht, es habe bereits 2017 seitens der Ärzteschaft Hinweise auf Missstände bei der Schulzahnklinik gegeben, schliesslich «mit den Zeitungsberichten und den parlamentarischen Anfragen ab Ende Februar 2018 entwickelte sich eine öffentliche Dynamik», so die PUK. «Der Vorsteher des Erziehungsdepartements ordnete eine umfassende interne Untersuchung an. Die extern beigezogene juristische Unterstützung wies auf den dringenden Verdacht von treuwidrigem Verhalten und Abwerbungen hin und empfahl eine vertiefte Abklärung. Trotzdem wurde an der internen Untersuchung festgehalten. Diese konnte den Verdacht nicht erhärten. Man schenkte den Bestreitungen der beteiligten Zahnärzte mehr Glauben als den gegenteiligen Aussagen von Mitarbeitenden und Eltern von Patientinnen und Patienten. Eine externe Stelle hätte eine unabhängige Untersuchung durchführen können. Offensichtlich hatte Christian Amsler die Dimensionen der Interessenkollisionen nicht erkannt und liess zu, dass die Fragen um die Schulzahnklinik eine grosse politische Brisanz entwickelten.»

Und: Spätestens im Mai 2017 «musste dem Vorsteher des ED und dem Dienststellenleiter bekannt gewesen sein, dass X [Name zensiert] Inhaber der Praxis an der Y-strasse [Name zensiert] war. Das Heft in die Hand nahm Christian Amsler erst, nachdem er im März 2018 durch Medienartikel und Anfragen aus dem Kantonsrat dazu getrieben worden war. Der Auftrag für eine Untersuchung kam spät. Eine interne Untersuchung war von vornherein ein heikles Unterfangen, denn die Aufsicht über die Schulzahnklinik lag beim ED selber. Deshalb wäre bereits zu jenem Zeitpunkt eine externe Untersuchung angebracht gewesen.» Aufgrund eines Memorandums einer Drittperson seien «alle brisanten Fragen auf dem Tisch» gelegen. Dazu die PUK: «Weil das Ausmass der Vorwürfe unterschätzt wurde, unterliess es Christian Amsler, mit einer externen Untersuchung einen kritischen Blick von aussen auf die historisch gewachsenen und nie hinterfragten Strukturen der Schulzahnklinik zu werfen.»

Allerdings war Amsler laut PUK-Bericht nicht der einzige Regierungsrat, der bei der Schulzahnklinik offensichtlich nicht gut genug hingeschaut hatte. 2003 hatte die Regierung entschieden, dem damaligen Leiter der Schulzahnklinik nebenbei den Betrieb einer Privatpraxis zu bewilligen. Dazu schreibt die PUK: «Auffallend ist, wie der im Jahr 2003 getroffene Entscheid, Z. [Name zensiert] eine Privatpraxis zu bewilligen, über all die Jahre von sämtlichen Vorgesetzten (Departementssekretär, Dienststellenleiter, Vorsteher und Vorsteherin ED) nie hinterfragt worden war und alle immer erklärten, dies sei im Jahr 2003 der Wille des Regierungsrates gewesen. Damit konnte die Verantwortung einfach auf einen früheren Entscheid des Regierungsrates abgewälzt werden. Ebenso war es ein nicht infrage gestelltes Dogma, für das Halten von guten Mitarbeitenden sei es unabdingbar, dass eine lukrative Nebenbeschäftigungsmöglichkeit in Form von Mitarbeit in einer privaten Praxis bestehe. Ein Hinterfragen wäre umso mehr angezeigt gewesen, weil offensichtlich ein Zahnarzt in einer eindeutig konkurrenzierenden Tätigkeit in einer privaten Praxis tätig gewesen war und später die Praxis von Z. [Name zensiert] übernommen hatte. Die PUK erachtet dies als eine Nichtwahrnehmung der Führung aller Vorgesetzten im Bereich der Aufsicht und der Kontrolle. Diese Führungsaufgabe haben alle (Regierungsrat, Departementsvorstehende, direkte Vorgesetzte [Departementssekretär/Dienststellenleiter]) inne. Auf dieser Stufe der Verantwortung kann die Schuld nicht einfach jemand anderem zugeschoben werden, zumal niemand der Beteiligten die Missstände erkannt und energisch behoben hat. Die oberste Verantwortung tragen die Departementsvorstehenden des ED, weil sie die direkte Verantwortung für die sich in ihrem Departement befindliche Schulzahnklink hatten.»

Der Bericht der PUK wird nach den Sommerferien im Kantonsrat besprochen. Die PUK bestand aus fünf Mitgliedern der grössten Parteien SVP, FDP, SP, AL und Präsidentin Regula Widmer (GLP).

Der gesamte PUK-Bericht ist: hier.

Die AKW-Hypothek

Die Entsorgung des Atommülls wird teuer. Im Streit um die Höhe der Kosten widersprechen sich nun sogar zwei Schaffhauser Regierungsräte.

Es ist ein Satz, der grossen Zündstoff bietet: «Das Departement des Innern hat dazu eine andere Meinung.» Das sagte Martin Kessler (FDP), Vorsteher des kantonalen Baudepartements, kürzlich an einer Sitzung des Kantonsrates, an der über die Kosten des Atommülls diskutiert wurde. Im Klartext: Ein Schaffhauser Regierungsrat sagt öffentlich, dass das Departement eines anderen Schaffhauser Regierungsrates eine andere Meinung hat.

Würde das tagtäglich vorkommen, würde beispielsweise der Schweizer Innenminister Alain Berset eine Corona-Ausgangssperre verhängen und im gleichen Atemzug sagen, das Justizdepartement von Karin Keller-Sutter vertrete dazu eine andere Meinung, dann wäre der öffentliche Aufruhr gigantisch. Und es wäre das Ende des Schweizer Kollegialitätsprinzips, wonach sich ein Regierungsmitglied an die Beschlüsse der Mehrheit hält und diese gegenüber der Öffentlichkeit vertritt, auch wenn seine eigene Meinung davon abweicht.
Warum also sagt der amtierende Regierungspräsident Martin Kessler, das Departement seines Kollegen Walter Vogelsanger (SP) vertrete in Sachen Atommüllkosten eine andere Meinung?

Die Antwort ist etwas kompliziert. Aber so viel ist klar: Es geht um wahnsinnig viel Geld.

Schaffhausen: AKW-Mitbesitzer

Vor eineinhalb Jahren lud das eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) die Kantone anlässlich einer Revision der Stilllegungs- und Entsorgungsverordnung des Bundes dazu ein, ihre Meinungen zum Thema einzubringen. Die Verordnung regelt unter anderem, wer für die Entsorgung des radioaktiven Abfalls zahlt. Wie teuer die Entsorgung des Atommülls konkret wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Verwaltungskommission des Stilllegungsfonds für Kernanlagen und des Entsorgungsfonds für Kernkraftwerke (STENFO), der fünf offiziell unabhängige Mitglieder sowie drei Vertreter der grossen Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW angehören, budgetiert Kosten von 23,5 Milliarden Franken. Das UVEK hingegen rechnet mit Ausgaben von 24,6 Milliarden. Einig ist man sich insofern, dass die geschätzten Kosten in den letzten Jahren gestiegen sind.

Für diese Kosten müssen in erster Linie die AKW-Betreiber, also die grossen Stromkonzerne, aufkommen. Je tiefer die Kosten, desto geringer auch die Beiträge, die sie in die beiden Fonds einzahlen müssen.
Nun: Eine Milliarde mehr oder weniger, das ist auch für den Kanton Schaffhausen von Bedeutung, der in dieser Frage eine Doppelrolle einnimmt. Einerseits besitzt Schaffhausen knapp acht Prozent der Aktien des Stromkonzerns Axpo, dem wiederum die Atomkraftwerke Beznau 1 und Beznau 2 gehören. Hinzu kommen Beteiligungen an den AKW Leibstadt und Gösgen. Vor diesem Hintergrund hat Schaffhausen ein finanzielles Interesse daran, dass die Axpo-Beiträge in den Stilllegungs- und den Entsorgungsfonds so tief wie möglich sind. Wenn die Axpo Gewinne schreibt, profitiert der Kanton in Form von Dividenden, so wie in der Vergangenheit geschehen. Laut den kantonalen Geschäftsberichten erhielt Schaffhausen von der Axpo zwischen 2006 und 2014 insgesamt 90 Millionen Franken. Seither allerdings gab es keine Dividenden mehr, was mit ein Grund war, weshalb der Schaffhauser Regierungsrat einst das Sparpaket EP14 schnürte.

Bei der Axpo bekam man in den letzten Jahren die tieferen Strompreise zu spüren, ausserdem steigen die Kosten für den Atommüll: «Axpo sah sich veranlasst, die Parameter ihrer Rückstellungen für den Nachbetrieb, die Stilllegung und die Entsorgung des Kernkraftwerks Beznau anzupassen, was sich mit 90 Mio. CHF negativ auswirkte», heisst es beispielsweise im aktuellen Geschäftsbericht.

Risiko für die Steuerzahlenden

Andererseits drohen den Schweizer Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern hohe Kosten. Wie das UVEK auf Anfrage der AZ schreibt, fehlen noch insgesamt 9,8 Milliarden Franken. Was, wenn diese Lücke nie gestopft wird oder die Kosten weiter ansteigen?

Sollte ein AKW-Betreiber in Konkurs gehen und seine Beiträge in die beiden Fonds nicht mehr leisten können, müssten in letzter Konsequenz die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler einspringen. Brisant: Das Risiko, dass dieser Fall eintreffe, sei «hoch», zitierte der Blick kürzlich aus einer geheimen Risikoanalyse des STENFO.

Das sieht auch der Finanzexperte Kaspar Müller so, der gegenüber der Zeitung meinte, die Beiträge der AKW-Betreiber seien «zu tief» und es bestehe «ein Finanzierungsproblem, das ziemlich sicher beim Steuerzahler landen wird». Dies unter anderem, weil es «die Atomlobby» geschafft habe, einen sogenannten Sicherheitszuschlag von 30 Prozent wieder abzuschaffen. Dazu später mehr.

Die Axpo schreibt auf Anfrage der AZ: «Die Behauptungen von Kaspar Müller sind unbegründet.» Das Risiko für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sei «äusserst gering» und «die Finanzierung der Fonds durch die Branche gewährleistet».

Entschädigungen fürs Endlager

Aus Schaffhauser Sicht spielt neben dem Risiko für Steuerzahlerinnen und Steuerzahler allerdings auch noch das Atommüllendlager, das möglicherweise vor der Schaffhauser Haustür gebaut wird, eine Rolle. Sollte das Endlager im Weinland entstehen, stellt sich die Frage, ob Entschädigungen für nahe gelegene Schaffhauser Gemeinden wie beispielsweise Neuhausen und die Stadt anfallen, und wie hoch diese sein werden. Die Rede ist von 800 Millionen Franken, die dereinst insgesamt verteilt würden. Diese Mittel sollen, sofern sie vorhanden sind, dem Entsorgungsfonds entnommen werden.

Allerdings: Hat es im Entsorgungsfonds am Ende zu wenig Geld für Entschädigungen, könnten die Schaffhauser Gemeinden leer ausgehen. Vor diesem Hintergrund monierte auch Kantonsrat Urs Capaul (Grüne) kürzlich im Parlament, die Beiträge der AKW-Betreiber müssten erhöht werden.

Das hat der Bundesrat zwar getan. Ab diesem Jahr sollten die Beiträge der Stromkonzerne verdoppelt werden. Allerdings hat das Bundesgericht eine Beschwerde gegen die Kostenberechnung des UVEK gutgeheissen. Nun wird nochmals neu gerechnet. Klar ist aber, dass der von Kaspar Müller erwähnte Sicherheitszuschlag abgeschafft wird. Mit diesem Zuschlag hätten mögliche Mehrkosten abgedeckt werden sollen.
Der Bundesrat entschied sich unter anderem deshalb für die Abschaffung, weil sich viele Kantone dafür ausgesprochen hatten. Darunter auch Schaffhausen, wie aus der Stellungnahme des Baudepartements unter Martin Kessler hervorgeht, die kürzlich veröffentlicht wurde.

Anders beispielsweise die Kantone Basel-Land und Basel-Stadt. Sie forderten die Beibehaltung des 30-prozentigen Sicherheitszuschlags.

Uneinigkeit in der Regierung

Warum hat sich Schaffhausen für die Abschaffung eingesetzt? Schaut das Schaffhauser Baudepartement bei den Atommüllkosten in erster Linie auf das Wohl des Stromkonzerns Axpo, an dem der Kanton Aktien hält, als auf die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler und die betroffenen Schaffhauser Gemeinden? Gehört Martin Kessler zur «Atomlobby», wie es Kaspar Müller formulierte?

Nein, sagt Kessler: «Die Sicherheit steht an oberster Stelle, aber der Sicherheitszuschlag ist nicht mehr vertretbar. Das sagen auch die Experten.» Kessler verweist auf die Empfehlung der Eidgenössischen Finanzkontrolle, die im Juni 2018 zum Schluss kam, der Sicherheitszuschlag sei «nicht mehr angemessen». Ausserdem sollten die AKW-Betreiber noch genügend Mittel haben, um in erneuerbare Energien investieren zu können. Und: Die Gefahr des Konkurses eines AKW-Betreibers hält Kessler für unrealistisch. Im Gegenteil: Bei der Axpo rechne man gar damit, ab dem Jahr 2022 wieder Dividenden ausschütten zu können, so Kessler.

Anderer Ansicht ist Kesslers Amtskollege Walter Vogelsanger (SP), Vorsteher des Innendepartements. «Mein Departement war gegen die Abschaffung des Sicherheitszuschlags», sagt Vogelsanger auf Nachfrage der AZ. «Die Entsorgung wird ein langer Prozess. Die heutigen Kostenberechnungen sind mit grossen Unsicherheiten verbunden. Es besteht deshalb ein Risiko, dass die Kosten weiter ansteigen und am Ende vielleicht doch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler für die Entsorgung des Atommülls zahlen müssen.» Vogelsanger verweist auf den Blick-Artikel. Vor diesem Hintergrund sollten die Beträge der AKW-Betreiber nicht zu optimistisch berechnet werden, meint der Vorsteher des Innendepartements.

Wir halten fest: Zwei Schaffhauser Regierungsräte streiten öffentlich über die Kosten der Atommüllentsorgung. Ist das das Ende des Kollegialitätsprinzips?

«Von Streit kann keine Rede sein»

Nein, sagt Baudirektor Martin Kessler. Der Gesamtregierungsrat habe das Baudepartement seinerzeit damit beauftragt, die Stellungnahme zuhanden des UVEK zu verfassen. Das habe sein Departement getan. Und: «Von einem öffentlichen Streit zwischen zwei Regierungsräten kann keine Rede sein. Es handelt sich um unterschiedliche Einschätzungen zwischen zwei Departementen. Bei einer verwaltungsinternen Vernehmlassung ist es Usus, dass in einem solchen Fall die Haltung des federführenden Departementes zur Rückmeldung wird.» Von einem Streit zu sprechen, sei «reine Polemik». «Im Übrigen bin auch ich der Meinung, dass die Beiträge nicht zu optimistisch berechnet werden sollen – genau deshalb müssen die Kostenschätzung und die Äufnung der Fonds periodisch überprüft und gegebenenfalls angepasst werden», sagt Kessler.

Walter Vogelsanger meint, es gebe verschiedene Einschätzungen und Interessen bezüglich des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds, «und das ist Teil unseres demokratischen Systems». Allerdings: Auf die Frage, ob die Schaffhauser Stellungnahme, die in den Entscheid des Bundesrates eingeflossen ist, anders aussehen würde, wenn sein Departement das Schreiben verfasst hätte, gibt er eine klare Antwort: «Ja».

Dieser Artikel erschien am 18. Juni in der «Schaffhauser AZ».

Club der verloren gegangenen Träume

Ein geleakter Businessplan von Aniello Fontana offenbart das ganze finanzielle Dilemma des FC Schaffhausen. Am Ende musste der frühere FCS-Mäzen eine Wohnung nach der anderen verkaufen, um seinen Club zu retten.

Es war ein einziger grosser Chnorz. Ein Jahr ist vergangen, seit Roland Klein den FC Schaffhausen für einen symbolischen Franken übernommen und das Erbe von Aniello Fontana angetreten hat. Es war ein Jahr der negativen Schlagzeilen, der gegenseitigen Beschuldigungen und der Erfolglosigkeit. «Schaffhausen-Zoff immer irrer», titelte der Blick, nachdem sich Anfang Mai schliesslich auch noch Agnes Fontana zu Wort gemeldet hatte. Die Witwe des langjährigen FCS-Mäzens Aniello Fontana drohte in den Schaffhauser Nachrichten damit, den Club aus dem Stadion zu werfen. Klein konterte: «Sie können uns gerne kündigen, im Hinblick auf die hohen Kosten für das Stadion würden Sie uns sogar einen Gefallen tun.»

Das Dilemma ist offensichtlich: Es ist keiner mehr da, der die Probleme des Clubs mit Geld löst. Der FCS hat jahrzehntelang nur als professioneller Fussballclub existiert, weil der Immobilienhändler Fontana unermüdlich Geld in den Verein gepumpt hat. Es begann Ende 1991 damit, als der FCS laut Vereinschronik «vor dem Ruin» stand und Fontana den Club vor dem Kollaps rettete, indem er Schulden von 1,1 Millionen Franken tilgte. Seither folgten weitere Millionen. Einige frühere Weggefährten, die anonym bleiben möchten, sagen gegenüber der AZ, Fontana habe inklusive Stadionbau 30 Millionen Franken in den Club investiert, andere nennen gar 45 Millionen.

Nur einmal schwarze Zahlen

Es heisst auch, der Club habe in den 27 Jahren unter Fontana in fast jedem Jahr ein Defizit verursacht. Einzig im Jahr 2003 habe der FCS schwarze Zahlen geschrieben. Das war, als der Verein bis in den Cuphalbfinal in Basel vorstiess und von den hohen Ticketeinnahmen profitierte, die dank der damals 27 000 Zuschauerinnen und Zuschauer zustande kamen.

Seit dem Tod von Aniello Fontana aber ist der grosse Streit ums Geld entbrannt. Bittere Ironie der Geschichte: Der ehemalige Patron des Clubs ist daran nicht ganz unschuldig.

Das Firmengeflecht

Fontana hat um den Bau des Stadions ein kompliziertes Firmengeflecht installiert. Da ist die Firma Methabau, die den Mantelteil des Stadions besitzt. Dann die Firma Fontana Invest II, deren einzige Verwaltungsrätin inzwischen die Witwe Agnes Fontana ist. Irgendwie ist die Basler WIR-Bank involviert, die beim Bau einst als Geldgeberin auftrat. Und dann gibt es die Stadion Schaffhausen AG, die eigentlich nichts besitzt und von der keiner genau weiss, wozu sie überhaupt nützlich ist, ausser vielleicht um Steuern und Sozialabgaben zu optimieren und ein paar Fans dazu zu bringen, völlig überteuerte Aktien zu kaufen und den Club damit zu subventionieren.

Jetzt allerdings zeigen sich die Schwächen dieses Konstrukts. Die verschiedenen Protagonisten haben sich verkracht und legen sich gegenseitig Steine in den Weg. Dabei sind sie aufeinander angewiesen. Ohne FCS keine Mieteinnahmen für die Fontanas und womöglich gar der Konkurs der Stadionbesitzerin Fontana Invest. Und ohne Stadion keine Spielstätte für den Club und damit unter Umständen keine Lizenz, was in letzter Konsequenz gar den Zwangsabstieg in die Niederungen des Amateurfussballs bedeuten könnte.

Es sei denn, der Club bekommt von der Stadt und der Liga tatsächlich die Erlaubnis, wieder an einen anderen Ort umziehen zu können. «Wir prüfen aktuell, ob wir wieder im Stadion Breite trainieren und spielen können, sollte es zu einer Kündigung kommen. Eine Machbarkeitsstudie ist in Abklärung, Stadtrat Raphaël Rohner habe ich darüber bereits informiert.» Das sagte Roland Klein Anfang Mai in den SN.

Wie ernst dieser Plan ist, bleibt offen. Der zuständige Stadtrat Raphaël Rohner sagt heute, einen Monat später, es sei noch kein offizielles Gesuch des FCS eingegangen, wieder auf der Breite spielen zu können. Auch das Neuhauser Stadion Langriet ist offenbar keine Option. Hier sei ebenfalls keine Anfrage gestellt worden, sagt Gemeindepräsident Stephan Rawyler. Auf die Frage, ob der Wegzug eine leere Drohung war, antwortet Roland Klein nicht.

Am 25. Februar 2017 war die FCS-Welt noch in Ordnung: Im Eröffnungsspiel des Lipo-Parks schlägt der FCS den FC Winterthur 2:1. Bild: J. Sauter.

Stadtrat Raphaël Rohner moniert derweil: «Wir verfügen zurzeit noch immer nicht über die für eine objektive Beurteilung der Situation und des effektiven Handlungsbedarfs notwendigen Informationen, vor allem in Bezug auf die Verträge und die finanzielle Lage der Eigner.» Die Stadt tappt im Dunkeln. Klar ist einzig: Ohne FCS im Herblingertal ist Aniello Fontanas Stadion vollkommen sinnlos.

Der Businessplan von 2012

Aber um wie viele tausend Franken geht es in diesem Streit? Wie viel zahlt der Club für die Nutzung des Stadions? Ist es wirklich zu teuer, oder ist das nur eine Ausrede?

Roland Klein und Methabau schweigen. Laut Agnes Fontana und den SN zahlt der Club derzeit 350 000 Franken Miete pro Jahr, wovon 200 000 für den Stadionteil und 150 000 für den Mantelteil (Garderoben, VIP-Bereich, Büros und Sitzungszimmer) anfallen.

Klar ist: Auf der Breite waren die Kosten deutlich tiefer. In der Challenge League verlangte die Stadt als Vermieterin 20 000 Franken pro Jahr, in der Super League 40 000. Das gibt die Stadt gegenüber der AZ bekannt.

Zum Vergleich: Der FC Wil bezahlt laut der Stadionbesitzerin, der Stadt Wil, jährlich eine Miete von 27 500 Franken sowie einen Infrastrukturbeitrag von knapp 50 000 Franken.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Klein aus finanziellen Gründen Fontanas Stadion verlassen will. Allerdings: Aniello Fontana musste doch irgendeinen Plan haben, wie das Stadion finanziert werden sollte. Wie sah dieser Plan aus?

Ein Businesskonzept des FCS aus dem Jahr 2012, das der AZ vorliegt, zeigt detailliert, wie Fontana einst gerechnet hat (siehe Kasten). Zwar sind einige Zahlen inzwischen überholt, so kostete das Stadion nicht 22 Millionen Franken, wie im damaligen Businessplan festgehalten, sondern nur 16 Millionen. Zumindest war das die im Abstimmungsmagazin 2015 kolportierte Zahl. Dennoch lassen sich aus dem Businessplan Rückschlüsse ziehen, vor allem auf die jährlichen Kosten des Stadions.

Laut aktualisiertem Businessplan fallen für Hypotheken (3 Prozent), voraussichtlich bei der Kreditgeberin WIR-Bank, pro Jahr 262 000 Franken an. Für die Rückzahlung eines Darlehens, wahrscheinlich von der Firma Methabau, kommen 145 000 Franken dazu. Die Betriebs- und Unterhaltskosten sowie Zahlungen in einen Erneuerungsfonds machen zusammen 224 000 Franken aus. Allein für das Stadion fallen demnach Kosten von 631 000 Franken pro Jahr an. Vor diesem Hintergrund wird klar, weshalb die Stadionbesitzerin Agnes Fontana der Firma Methabau laut deren Aussagen in den SN noch 3,2 Millionen Franken schuldet. Gegenüber der WIR-Bank dürften die Schulden wohl noch deutlich höher sein. Die Bank äussert sich auf Nachfrage der AZ nicht. Die Zahlen indes erhärten den Verdacht, dass sich die Fontana Invest eine weitere Mietreduktion womöglich gar nicht leisten kann.

Insgesamt zeige der Businessplan, dass das finanzielle Konzept von Aniello Fontana niemals habe aufgehen können. So zumindest ist die Einschätzung von Andreas Mösli, Geschäftsführer des FC Winterthur, der die Zahlen für die AZ studiert hat. «Das Stadion ist ein Klumpen, der Geld kostet», konstatiert er. Und: Die budgetierten Ausgaben, beispielsweise für die Sicherheitskosten (100 000 Franken) seien zu tief angesetzt, während die Einnahmen, beispielsweise aus Ticketverkäufen (600 000 Franken), zu optimistisch berechnet wurden: «Nicht einmal mit 2800 Personen pro Spiel kommen wir auf diesen Betrag», sagt Mösli. Der FCS hat im Schnitt rund 1500 Gäste. Darunter seien aber zahlreiche Tickets für Kinder, Sponsoren oder Saisonkartenbesitzer, die gratis oder sehr günstig abgegeben werden, meint Mösli.

16 Wohnungen in 2 Jahren verkauft

Dass der Club die Kosten des Stadions langfristig nicht aufbringen kann, schien 2018 auch Aniello Fontana zu dämmern. Im Laufe des Jahres hat Fontana dieses Loch vermutlich gestopft, indem er Wohnung um Wohnung verkauft hat.

Belegt ist: Insgesamt haben Aniello und Agnes Fontana 2018 und 2019 laut den Schaffhauser Amtsblättern 16 Wohnungen im Kanton Schaffhausen verkauft, hinzu kamen Stockwerkverkäufe des Hotels Chlosterhof in Stein am Rhein. «Wir haben für den Stadionbau alle unsere Liegenschaften verkauft, um das Stadion zu finanzieren und damit in Schaffhausen weiterhin Profifussball zu garantieren», sagte Agnes Fontana Anfang Mai im Blick. Noch im August 2019 wurden offene Rechnungen bei der Stadion Schaffhausen AG im Umfang von 112 000 Franken beglichen, wie Unterlagen zeigen.

Ihr Mann aber hätte es wissen können. Viele, auch nahestehende Personen, hatten es ihm gesagt: Aniello, das Stadion ist zu teuer. Alternative Szenarien, ein Challenge-League-Stadion, wurden diskutiert, doch Fontana wollte nicht hören.

Auch Andreas Mösli kann es heute noch nicht nachvollziehen: «Es war ein Fehler, dieses Stadion zu bauen», sagt er. Auch der FC Winterthur befasste sich in den letzten Jahren mit der Frage, ob man ein neues Stadion erstellen solle, um die Auflagen der Liga einhalten zu können. «Wir haben mehrere Standorte geprüft und wieder verworfen. Ein neues Stadion an einem anderen Standort wäre zu teuer geworden», sagt Mösli. Schliesslich wurde das bisherige Stadion Schützenwiese sanft renoviert und ergänzt. Die Stadt Winterthur investierte knapp neun Millionen Franken, woran sich der FCW mit einer Million beteiligen musste. Der FCS hingegen erhielt von der Stadt Schaffhausen praktisch keinen Rappen. Und: Die Winterthurer Schützenwiese ist nicht Super-League-tauglich. Das heisst: Sollte der FC Winterthur irgendwann einmal aufsteigen, wird er am Stadion nochmals nachbessern und investieren müssen, solange die Auflagen der Liga nicht geändert werden.

In dieser Lage war der FC Schaffhausen schon einmal. Und das ist womöglich mit ein Grund, warum Aniello Fontana dieses Stadion unbedingt bauen wollte. Er hatte einen Traum.

Der Traum von der Super League

Im Sommer 2004 stieg der FCS in die höchste Liga auf. Das Stadion Breite genügte den Auflagen der Liga allerdings schon damals nicht. Erst auf den letzten Drücker half die Stadt mit, die Breite so einzurichten, dass die Liga zumindest provisorisch ihren Segen geben konnte, um Super-League-Spiele durchführen zu können. Und dann gab es sie, diese magischen Momente, die der Fussball bewirken kann. Sie fanden auf der Breite statt, unter den Augen von Aniello Fontana.

Es ist der 14. November 2004, Temperaturen um den Gefrierpunkt, als 7250 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Breite kommen, einige hocken auf Bäumen, um den aktuellen Aufsteiger FC Schaffhausen gegen den amtierenden Schweizer Meister FC Basel zu sehen. Dank eines Eigentores des Basler Aussenverteidigers David Degen gewinnt der FCS 1:0. Nach dem Match johlen und jubeln die FCS-Spieler rund um ihren Trainer Jürgen Seeberger herum, der gerade live ins Sportpanorama zugeschaltet wird und dem Moderator Matthias Hüppi ein paar Fragen beantworten soll. Seeberger sagt: «Entschuldigung Herr Hüppi, ich verstehe überhaupt nichts.»

FCS-Trainer Jürgen Seeberger nach dem Sieg gegen den FC Basel. Bild: Screenshot SRF Sportpanorama.

Vielleicht waren es Spiele und Emotionen wie diese, von denen Fontana auch später noch geträumt hat und die er seinem FCS auch in Zukunft ermöglichen wollte.

Es hat sich ausgeträumt

Fern von Schaffhausen, in Basel, liest der frühere FCS-Spieler und Clubangestellte Martin Thalmann die aktuellen Schlagzeilen rund um den Club. «Es tut mir weh, was derzeit passiert», sagt er. «Aniello Fontana hat langfristig gedacht, für die nächsten 40, 50 Jahre. Jetzt ist der Club in einer schwierigen Phase», meint Thalmann. «Aber vielleicht haben sie in Zukunft wieder ein starkes Team beisammen und schaffen den Aufstieg.»

Stand heute, scheint dieser Traum weiter weg als je zuvor. Denn was nützt es, ein modernes Stadion zu haben, wenn man es sich nicht leisten kann? Ist es überhaupt möglich, einen Challenge-League-Club kostendeckend zu führen?

Andreas Mösli sagt: «Nein. Es braucht einen Mäzen oder mindestens einen Hauptsponsor, der mit Herzblut und dem nötigem Geld dabei ist.»

Axel Thoma, einst Sportchef beim FCS, bei GC und beim FC Wil, findet hingegen: «Ja, es ist möglich.» Während fünf Saisons beim FC Wil sei ihm das gelungen. Dafür brauche es aber ein Konzept. Seines lautete: Spieler verkaufen. «Im Schnitt haben wir dadurch pro Saison eine halbe Million Franken eingenommen», meint Thoma. «So kann es aufgehen.»

Andreas Mösli ist skeptisch: «Wir hatten einmal Glück, als wir Manuel Akanji verkauft haben.» Akanji, heute Nationalspieler, kickte einst in Winterthur, bevor er via Basel nach Dortmund wechselte. «Dieser Transfer hat unseren Hauptsponsor ein paar Saisons lang entlastet. Aber solche Einnahmen kann man nicht budgetieren.»

Und die Swiss Football League meint: «Der Betrieb eines Fussballunternehmens kann auch ohne Mäzen funktionieren. Der FC St. Gallen beweist in dieser Saison eindrücklich, dass der sportliche Erfolg nicht zu Lasten einer umsichtigen Unternehmensführung erzwungen werden muss.»

In St. Gallen träumen sie vom Meistertitel 2020. In Schaffhausen leckt man die Wunden der Ära Fontana. Das war schon anders. 2003 empfing der FCS die St. Galler zuhause auf der Breite zum Cup-Viertelfinal. 3800 Zuschauerinnen und Zuschauer und Aniello Fontana waren mit dabei. Die FCS-Fans hissten ein Spruchband: «Ihr gehört an die OLMA, wir zum Finale.» Der FCS siegte dank eines Treffers von Enzo Todisco, der sein Glück kaum fassen konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Diese Siege sind nicht vom Himmel gefallen. Fontana hat sich und dem FCS solche Momente mit Geld erkauft. Diese Zeit ist jetzt zumindest fürs Erste vorbei. Es hat sich ausgeträumt.

Dieser Artikel erschien am 11. Juni 2020 in der «Schaffhauser AZ».

Unruhe im rechten Lager

Die SVP will mit Michael Mundt einen zweiten Sitz im Schaffhauser Stadtrat erobern – und schadet damit den Freisinnigen. Eine Analyse.

Die Stadtratskandidaten der SVP: Daniel Preisig (bisher, links) und Michael Mundt. Bild: SVP SH

«Das ist ein Seich.» FDP-Mann Thomas Hauser ist zu ehrlich, um seinen Ärger künstlich überspielen zu können. Ausgerechnet die FDP und die SVP, die noch vor vier Jahren den grossen «bürgerlichen Schulterschluss» feierten und gemeinsam in den Wahlkampf zogen, bekämpfen sich nun gegenseitig. 

Die SVP gab am 26. Mai bekannt, neben dem amtierenden Finanzreferenten Daniel Preisig zusätzlich mit Michael Mundt zu den Schaffhauser Stadtratswahlen vom 30. August anzutreten. Damit stehen nun sieben Kandidaturen für fünf Stadtratssitze fest. Neben den vier Bisherigen Peter Neukomm (SP), Katrin Bernath (GLP), Raphaël Rohner (FDP) und Daniel Preisig (SVP) bewerben sich drei neue Personen zur Wahl um den frei werdenden Sitz von Simon Stocker (AL): Christine Thommen (SP), Diego Faccani (FDP) und nun eben auch Michael Mundt. 

Dass die Bisherigen wiedergewählt werden, ist zwar nicht in Stein gemeisselt, aber dennoch das wahrscheinlichste Szenario jeder Wahl. Die Resultate der letzten 20 Jahre zeigen das klar auf: Seit den Gesamterneuerungswahlen im Jahr 2000 sind bei Exekutivwahlen in der Stadt und im Kanton insgesamt 36-mal die Bisherigen wiedergewählt, aber nur drei Personen aus dem Amt abgewählt worden. 2012 traf es Peter Käppler (SP) in der Stadt, 2004 wurde Herbert Bühl (ÖBS) aus dem Regierungsrat gewählt und 2000 erwischte es einen zweiten Sozialdemokraten, Stadtrat Werner Widmer.

Sofern die SP-Wählerinnen und -Wähler wie schon vor vier Jahren neben ihren eigenen Kandidierenden erneut die GLP-Frau Katrin Bernath auf den Wahlzettel schreiben, wird die Baureferentin wiedergewählt werden. Dasselbe gilt umgekert für Peter Neukomm. Am Thron des amtierenden Stadtpräsidenten wird kaum zu rütteln sein, holte Neukomm doch schon bei den vergangenen beiden Gesamterneuerungswahlen jeweils am meisten Stimmen.

«Für Linksgrün ist das ein Vorteil»

Somit ist klar: Realistisch gesehen kann höchstens einer der beiden neu antretenden bürgerlichen Männer von FDP und SVP die Wahl schaffen. Das weiss auch Polit-Urgestein Thomas Hauser: «Als ich von der Kandidatur von Michael Mundt gehört habe, konnte ich es nicht glauben. Mathematisch geht das nicht auf. Jetzt bekämpfen sich die Bürgerlichen auf der rechten Seite und werden sich gegenseitig Stimmen wegnehmen.» Für das linksgrüne Lager, das in der Stadt ohnehin sehr stark sei, wie die Zustimmung zur Boden-Initiative und zur Transparenz-Initiative gezeigt habe, sei diese Konstellation nun «ein riesiger Vorteil». Dabei sollte es laut Hauser das gemeinsame Ziel der Bürgerlichen sein, im August die vor vier Jahren mit dem Rücktritt von Urs Hunziker verlorene bürgerliche Mehrheit zurückzuerobern. Was der Stadtrat derzeit beschliesse, beispielsweise in Sachen Duraduct, seien «fürchterliche Geschichten». Deshalb sagt Hauser: «Es wäre besser, wenn entweder nur die FDP oder nur die SVP mit zwei Kandidaten antreten würde.» Oder anders gesagt: Wenn sich zwei streiten, dann freut sich die Dritte. Das ist in diesem Fall SP-Kandidatin Christine Thommen.

Schadensbegrenzung

Im letzten Jahr kündigten die Freisinnigen der SVP die Liebe auf, indem sie eine gemeinsame Listenverbindung bei den Nationalratswahlen verweigerten. Jetzt grätscht die SVP der FDP bei den Stadtratswahlen dazwischen. Droht ein handfester Krach zwischen den beiden Parteien auszubrechen? «Davon gehe ich nicht aus», sagt SVP-Kandidat Michael Mundt. Zwar meinte auch Mundt Mitte Februar, nachdem die Zweier-Kandidatur der FDP feststand: «Eine vierte bürgerliche Kandidatur könnte die Chancen der anderen bürgerlichen Kandidaten schmälern.» Heute sagt der SVP-Politiker, angesichts der Ausgangslage seien die Chancen für ihn und für Diego Faccani ähnlich: «Schwierig, aber nicht unmöglich». Und weil es ohnehin schon schwierig sei, würde seine Kandidatur die Chancen von Faccani auch nicht schmälern. Stattdessen habe die Bevölkerung nun mehr Auswahl, als 34-Jähriger sei er im ähnlichen Alter wie Simon Stocker, als dieser einst gewählt wurde. «Es wäre schön, wenn diese Generation wieder eine Stimme im Stadtrat hat», sagt Mundt.

Auch FDP-Präsident Stephan Schlatter versucht, den Schaden kleinzureden. Von einem Affront der SVP gegenüber der FDP will Schlatter nichts wissen. «Es steht jedem frei, zu kandidieren», sagt er zur Kandidatur von Mundt. «Jetzt kandidiert einer mehr.» Ansonsten ändere sich nicht viel an der Ausgangslage, auch wenn eine weitere Kandidatur grundsätzlich immer «ein zusätzliches Handicap» darstelle. Ob sich FDP und SVP gegenseitig unterstützen werden, sei noch offen.

Der FDP-Präsident scheint sich also irgendwie mit der Lage arrangieren zu wollen, während es der SVP offensichtlich wichtiger ist, Michael Mundt in die Poleposition zu bringen, um dereinst Preisigs Nachfolge antreten zu können, als den Freisinnigen bei der Rückeroberung ihres zweiten Sitzes zu helfen. 

Diese Analyse erschien am 28. Mai in der «Schaffhauser AZ».