Die neue Bescheidenheit des FCS

Roland Klein, der neue Besitzer des FC Schaffhausen, über Traumschlösser, ausländische Investoren und den Beinahe-Kollaps des Vereins.

Der FC Schaffhausen ist verkauft. Per 30. Juni übernimmt Roland Klein 100 Prozent der FC Schaffhausen AG und knapp 92 Prozent der Stadion Schaffhausen AG, die das Fussballstadion vermarktet. Das gab der FCS am Montag bekannt. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Das Stadion sowie der Mantelteil mit den Katakomben bleiben im Besitz der Firmen Fontana Invest und Methabau. Laut Medienmitteilung seien die beiden Firmen dem neuen Clubbesitzer aber finanziell grosszügig entgegengekommen und hätten die Miete «deutlich reduziert».

Auf Nachfrage der AZ erläutert Methabau, dass die reduzierte Miete für die nächsten 4,5 Jahre gelte. Ausserdem habe Metha­bau bereits seit Anfang Jahr auf «einen substantiellen Teil» des Mietzinses verzichtet. Wie hoch die Miete ist, wird nicht bekannt gegeben.

Laut Roland Klein bleibt der aktuelle Staff dem Verein zumindest vorläufig erhalten. Dazu gehört auch der bisherige FCS-Geschäftsführer Marco Truckenbrod Fontana. Hingegen steht der Verein derzeit ohne Trainer da, der Vertrag mit Jürgen Seeberger ist ausgelaufen. Weiter haben nur neun Spieler noch einen gültigen Vertrag.

Roland Klein, wie viele Stunden schlafen Sie zurzeit?
Roland Klein Genug. Und ich schlafe gut.

Sie sind noch nicht 24 Stunden pro Tag damit beschäftigt, einen neuen Trainer und neue Spieler zu verpflichten?
Nein, und ich hoffe auch, dass das nie so sein wird. Jeder Mensch braucht noch eine gewisse Freizeit und Lebensqualität.

Aber die Zeit drängt. Mitte Juli beginnt die neue Saison, und es gibt viele offene Personalfragen.
Priorität hatte bisher der Erhalt der Lizenz. Klar muss man jetzt so schnell wie möglich zuerst die Trainerfrage klären und dann mit dem neuen Trainer das Kader zusammenstellen. Wir sind uns bewusst, dass leider nicht viel Zeit bleibt. Mit der Planung einer Saison beginnt man normalerweise bereits im April oder Mai. Das war in diesem Fall nicht möglich, aber wir werden sicher bis zum Saisonstart eine kompetitive Mannschaft stellen.

Gibt es ein konkretes sportliches Ziel für die nächste Saison?
Nein, das gebe ich nicht vor. Sicher müssen wir den Ligaerhalt schaffen. Und wir wollen nicht mehr so stark ins Schleudern kommen wie in der abgelaufenen Saison. Allerdings glaube ich, dass die Mannschaft stark genug gewesen wäre, um nicht derart in Abstiegsgefahr zu geraten. Aber die Umstände waren schwierig. Das drückte auf die Leistung. Deshalb muss ich der Mannschaft ein Kompliment machen. Sie zeigte keine Zerfallserscheinungen und hat sich am Ende gut gerettet.

Würden Sie mittelfristig das Wort Super League in den Mund nehmen?
(lacht) Wir haben gerade erst die Lizenz für die Challenge League erhalten. Darüber sollten wir uns jetzt freuen und nicht von der Super League träumen. In der nächsten Saison sind mit GC, Aarau und Lausanne starke Mannschaften mit dabei. Die wollen alle aufsteigen. Wir müssen vor allem finanziell gesund bleiben.

«Wenn wir die Finanzen nicht im Griff haben, dann kann es sein, dass der Club irgendwann nicht mehr existiert. Das war jetzt beinahe der Fall.»

Sind solide Finanzen das oberste Ziel?
Es ist sicher das wichtigste Ziel. Natürlich wollen wir sportlichen Erfolg haben, aber die Finanzen bilden die Grundlage. Wenn wir die Finanzen nicht im Griff haben, dann kann es sein, dass der Club irgendwann nicht mehr existiert. Das war jetzt beinahe der Fall. Dementsprechend muss das Fundament sehr solide gelegt werden. Dann bauen wir Schritt für Schritt darauf auf.

In den Schaffhauser Nachrichten hiess es, Sie hätten Kontakte zu potenten ausländischen Geldgebern, beispielsweise aus Katar. Einige FCS-Anhänger haben bereits gestutzt und ahnten Böses. Es gab mit Xamax und dem FC Wil in den letzten Jahren zwei Clubs, bei denen ausländische Geldgeber einstiegen. Der eine ging danach konkurs, der andere ist knapp daran vorbeigeschrammt.
Ich habe viele Jahre in Südostasien und in Katar gelebt. Es wurde deshalb spekuliert, dass ich eventuell einen Katari mitbringe, der den FC Schaffhausen sponsern wird. Aber das ist nicht der Plan. Das wäre auch ein völlig falscher Weg für den FC Schaffhausen wie auch generell für alle Schweizer Clubs. Jene reichen Leute aus dem Osten, die wirklich ernsthaft mitwirken wollen, interessieren sich für die ganz grossen Clubs wie Paris und Manchester. Und auf die anderen kann man sich nicht verlassen. Dann passiert genau das, was in der Schweiz passiert ist: Einer dieser ausländischen Investoren ist zwei Jahre dabei, verliert aber dann die Lust und steigt wieder aus, während die Verträge mit diversen Spielern noch ein, zwei Jahre weiterlaufen. Dann hat man ein finanzielles Problem. Das wird unter meiner Leitung sicher nicht geschehen.

Das klingt vernünftig, so wie Sie auch vom früheren FCS-Trainer Rolf Fringer beschrieben werden. Sind Sie einer, der realistisch bleibt und nicht das Blaue vom Himmel verspricht?
Traumschlösser werden sicher nicht gebaut, das kann ich garantieren. Aber wir werden alles versuchen, um mit gesunden Finanzen so weit wie möglich zu kommen. Der FC Thun ist so ein Beispiel, an dem man sich orientieren kann. Meiner Meinung nach hat der FC Schaffhausen zwei Aufgaben: Da wäre die Förderung von jungen Spielern. Wir wollen Profiverhältnisse für die 18- bis 22-jährigen Spieler bieten. Mit 25, 26 Jahren müssen sie aber den Sprung nach ganz oben geschafft haben. Wenn das nicht gelingt, haben wir die zweite Aufgabe, diese Spieler wieder Schritt für Schritt in den normalen Arbeitsmarkt einzugliedern. Sonst haben sie später ein riesiges Problem.

Das heisst, der FC Schaffhausen bleibt ein Profibetrieb?
Jein. Wir brauchen ein Gerüst aus ein paar erfahrenen Spielern, von denen die Jungen profitieren können.

In der abgelaufenen Saison hatte der FCS ein Budget von 3,5 Millionen Franken. Das klingt, als hätten Sie nicht vor, dieses zu erhöhen.
Nein, wir werden mit dem arbeiten, was wir zur Verfügung haben. Aber wir werden natürlich versuchen, die Einnahmen zu steigern und das Marketing zu verbessern.

Das bedeutet, der FC Schaffhausen wird auch künftig eher gegen den Abstieg als um den Aufstieg spielen.
Ich glaube nicht, dass sich der finanzielle Unterschied zwischen den Vereinen, die Budgets von zwei Millionen Franken haben, und jenen, die vier Millionen besitzen, zwingend in der sportlichen Bilanz widerspiegeln muss. Natürlich gibt es eine Differenz zu Lausanne, GC und Aarau, die teilweise wesentlich mehr Geld zur Verfügung haben. Bei den anderen sieben Clubs kommt es darauf an, wie gut man arbeitet. Hier spielt auch der Trainer eine wichtige Rolle.

«Es gibt Gründe, weshalb man immer wieder Geld – und zwar namhafte Summen – in den Club nachschiessen musste»

Wenn man die Medienmitteilung des FCS liest, hat man den Eindruck, Sie hätten ziemlich gut verhandelt. Der Mietpreis für das Stadion wird künftig deutlich reduziert. Das entlastet den Club finanziell. Hatten Sie Einblick in die Finanzen und diesen Punkt beanstandet?
In erster Linie war es die Firma Methabau, die dazu Hand geboten hat. Aber natürlich musste ich gewisse Punkte ansprechen, die meiner Meinung nach nicht tragbar waren. Es gibt Gründe, weshalb man immer wieder Geld – und zwar namhafte Summen – in den Club nachschiessen musste. Ein Challenge-League-Verein kann nicht gewaltige Mieten bezahlen, das holt man einfach nicht raus. Methabau hat sich hier sehr kooperativ gegeben, als wir aufgezeigt haben, was möglich ist und was nicht.

Ist der FC Schaffhausen jetzt komplett schuldenfrei?
Bis Ende Juni, wenn ich den Verein offiziell übernehme, müsste es so weit sein.

Wie viel Vermögen besitzen Sie persönlich, das Sie allenfalls in den Club stecken werden, wenn es wieder einmal kriseln sollte?
Das möchte ich nicht bekannt geben. Erste Priorität hat, dass wir nicht mehr Geld ausgeben, als wir einnehmen. Wenn es ein kalkuliertes Risiko gibt, also wenn wir beispielsweise einen bestimmten Spieler kaufen und mit ihm gute Chancen hätten, aufsteigen zu können, dann müsste man sich überlegen, zusätzlich etwas zu investieren. Aber in der nächsten Saison wird das sicher nicht der Fall sein.

Kommen wir zum Image des FCS: Die Zuschauerzahlen sprechen Bände. Nur zwei Challenge-League-Vereine hatten in der abgelaufenen Saison weniger Besucherinnen und Besucher als der FCS. Mit dem neuen Stadion hat die Distanz zum Verein auch geografisch gesehen zugenommen.
Ich glaube nicht, dass es mit der räumlichen Lage des Stadions zusammenhängt. Ich gehe auch ins Kino nach Herblingen. Und ich glaube auch nicht, dass es an der sportlichen Situation gelegen hat. Vielmehr vermute ich, es liegt an der emotionalen Nähe des Vereins zu den Schaffhauserinnen und Schaffhausern. Diese Nähe müssen wir wieder herstellen. Wir müssen die ersten Schritte machen und den Kontakt zu den Vereinen in der Umgebung und den Schaffhauserinnen und Schaffhausern suchen.

Es gibt Leute, die beklagen, dass man sich mit dem Verein nicht richtig identifizieren kann und man nicht weiss, für was dieser Verein eigentlich steht. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise der FC Thun für solides, ehrliches Handwerk, der FC Winterthur für eine gewisse politische Haltung.
Ich habe in letzter Zeit einige Spiele im Lipo-Park besucht. Die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen knapp auf den Anpfiff und gehen danach sofort wieder. Vielleicht müssen wir am Matchtag mehr bieten, sodass auch vor und nach dem Spiel noch etwas läuft, woran die Leute Spass haben und womit sich die Kinder beschäftigen können. Beim Catering sehe ich auch noch Potenzial. Und den Kontakt zu den Schaffhauser Unternehmen, die dem Club als Sponsoren treu sind, wollen wir intensivieren. Ich will, dass der FCS die Schaffhauserinnen und Schaffhauser wieder bewegt.

Sprechen wir über die Liga. In dieser Saison blieb es bis zum letzten Spieltag spannend, aber davor herrschte teilweise gähnende Langeweile, viermal in Folge gingen Vereine entweder in Konkurs oder stiegen freiwillig ab, weil sie die finanziellen Mittel nicht auftreiben konnten. Müsste die Liga die Auflagen senken?
Meiner Meinung nach muss man sich darüber Gedanken machen. Die Challenge League soll ja eine Ausbildungsliga sein, und die Clubs bekommen deshalb ja auch Subventionen, wenn sie junge Spieler einsetzen. Aber in einer Liga mit zehn Vereinen ist das sehr schwierig. In der abgelaufenen Saison konnten bis kurz vor Schluss mehrere Clubs um den Aufstieg mitspielen, und am unteren Ende der Tabelle gab es vier, fünf Vereine, die lange zittern mussten. Das ist für die Ausbildung der Jungen ganz schlecht. So stehen sie permanent unter Druck. Ein gewisser Druck ist manchmal gut, aber ein junger Spieler muss sich auch in Ruhe entwickeln können. Meiner Meinung nach sollte die Challenge League deshalb auf 12 oder 14 Vereine aufgestockt werden.

Handkehrum würde dadurch die Spannung wieder etwas verloren gehen.
Aber hat die Spannung mehr Zuschauer in die Stadien gelockt? Gab es in den entscheidenden Abstiegsspielen doppelt so viele Zuschauer wie im Normalfall? Nein. Es hatte keine Auswirkungen. In der Super League ist das tiptop, dort soll es Spannung geben. Aber in der Challenge League sollte sich der Druck auf die Clubs in Grenzen halten. Die Zuschauer kommen ins Stadion, weil sie sich mit dem Club identifizieren. Da müssen wir ansetzen.

Der Absteiger FC Rapperswil-Jona hatte einen höheren Zuschauerschnitt. Dort gab es aber auch Stehplätze für acht Franken. Dafür kommt man nicht in den Lipo-Park.
Ich habe die Ticketpreise noch nicht angeschaut. Grundsätzlich habe ich lieber viele Zuschauer, die wenig bezahlen, als wenige Zuschauer, die viel bezahlen. Und ich habe es gerne, wenn das Stadion mit vielen Familien und Kindern gefüllt ist. Das ist die Zukunft des Schaffhauser Fussballs.

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Wer ist Roland Klein?

Im Jahr 1960 geboren, hat Roland Klein ursprünglich die KV-Lehre absolviert, sich später zum Sportlehrer ausbilden lassen und unter anderem in der Saison 1985/1986 beim FC Schaffhausen in der Nati B gespielt. Anschliessend wechselte er zum FC Winterthur.

Nach seiner Fussball-Karriere landete er 1995 in Vietnam. «Eigentlich suchten die einen Trainer, hatten aber kein Geld», erzählte Klein einst der Süddeutschen Zeitung. «Da habe ich gesagt: Ich könnte euer Marketing machen, ich habe Kaufmann gelernt.» So wurde Roland Klein TV-Rechte-Händler, zunächst für Vietnam, später für 16 weitere asiatische Staaten. Ausserdem lotste Klein als Spielervermittler europäische Fussballgrössen wie Mario Basler, Stefan Effenberg und Pep Guardiola nach Katar.

Zurück in der Schweiz, war Roland Klein Sportchef beim FC Winterthur und später Vizepräsident des Grasshopper Clubs Zürich. Im März 2018 musste Klein gehen, nachdem er – wie er im Gespräch mit der AZ sagt – «einen ziemlich schonungslosen Bericht über die internen Probleme des Vereins», der jährlich acht Millionen Franken Defizit machte, abgeliefert hatte. «Das hat natürlich nicht allen gefallen», sagt Klein.js.

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Zuschauerzahlen des FCS

Der FCS sprach früher einmal davon, dass es pro Spiel durchschnittlich 2500 Zuschauerinnen und Zuschauer benötige, um die Rechnung ausgeglichen zu halten. Nach zweieinhalb Jahren hat sich gezeigt, dass eine solche Zahl völlig unrealistisch ist. In der abgelaufenen Saison haben durchschnittlich knapp 1200 Personen ein FCS-Heimspiel besucht. Mit Ausnahme der Saison 2016/17, in der das Eröffnungsspiel des neuen Stadions sowie zwei Heimspiele gegen den FC Zürich stattfanden, hat der FCS in etwa gleich viele Zuschauer wie früher auf der Breite.

Saison und Zuschauer pro Spiel
2013/14 (Breite): 1580
2014/15 (Breite): 1294
2015/16 (Breite): 1173
2016/17 (Breite/Lipo): 2329*
2017/18 (Lipo-Park): 1241
2018/19 (Lipo-Park): 1194

*Hinrunde: Breite, Rückrunde: Lipo-Park.
Quelle: Swiss Football League.

Dieses Interview erschien am 6. Juni in der Schaffhauser AZ.