Frauen an der Macht

Schleitheim Ausgerechnet eine stramm bürgerliche Gemeinde wird von einer Frauenmehrheit regiert. Wie konnte es dazu kommen?

Kämpferische Parolen, wie sie am 1. Mai zu hören sein werden, äussern sie praktisch nicht. Im Gegenteil. Sie sind pragmatisch, haben die Gemeindefinanzen im Auge und lehnen staatlich verordnete Frauenquoten ab. Sie, das sind: Karin Riederer, Karin Gubser und Susi Stamm, Gemeinderätinnen von Schleitheim.

Und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – haben die drei Frauen etwas erreicht, was selten vorkommt: Sie stellen die Mehrheit in einer Regierung. In keiner anderen Schaffhauser Gemeinde ist das der Fall.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine Gemeinde mehrheitlich von Frauen regiert wird? Und das ausgerechnet in Schleitheim, wo bei den letzten Nationalratswahlen fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler die SVP unterstützte? Ein Besuch im 1700-Seelen-Dorf soll Antworten geben.

Wie es zur Mehrheit kam? Zufall

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag. Draussen, vor der Gemeindeverwaltung, ist der Kopf eines Ochsen abgebildet. Er ziert das Schleitheimer Gemeindewappen. Auch das noch: Zu den fast 50 Prozent SVP-Wählerinnen und -Wählern gesellt sich ein männliches Wappentier.

Das Wappen von Schleitheim. Quelle: Wikipedia.
Das Wappen von Schleitheim. Quelle: Wikipedia.

Drinnen haben die drei Gemeinderätinnen an einem grossen Tisch im Sitzungszimmer Platz genommen. Die Antwort darauf, warum drei Frauen im Schleitheimer Gemeinderat politisieren, scheint simpel: «Das ist Zufall», sagt Sozialreferentin Susi Stamm. «Es wurden nicht explizit Frauen gesucht.» Karin Gubser und Karin Riederer nicken zustimmend.

Ist das wirklich alles?

«Vielleicht verkaufen wir uns unter Wert», sagt Karin Gubser. «Aber ich glaube wirklich, es ist Zufall.»

In Schleitheim laufe es wie folgt ab, sagt Karin Riederer: «Wenn ein Gemeinderatsmitglied zurücktritt, sucht eine Kommission nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. So wurde auch ich angefragt. Man hat mir damals auch gesagt: ‹Wenn du zusagst, dann suchen wir niemand anderes mehr und würden dich zur Wahl vorschlagen›.» So ist es dann auch gekommen. Karin Riederer wurde Ende 2016 ohne Gegenkandidatin oder -kandidat in den Gemeinderat gewählt. Auch Stamm und Gubser sagen, sie hätten sich seinerzeit keiner Kampfwahl stellen müssen.

Seit Anfang 2017 sind die Frauen somit in der Überzahl. Darüber gewitzelt, dass man jetzt in der Mehrheit sei, habe man schon, sagt Schulreferentin Karin Gubser. «Aber das kam ohne Absicht und Planung zustande.»

Ruhm und Publicity? Gibt es nicht

Klar ist: Ruhm und Publicity erhält ein Mitglied eines Gemeinderats in der Regel nicht, das zeigt auch ein Blick in das Archiv der Schaffhauser Nachrichten, der einzigen Tageszeitung der Region. Karin Riederer schaffte es seit ihrer Wahl Ende 2016 genau zweimal in die Zeitung: Als die Referate verteilt wurden und im März dieses Jahres, als die Gemeinde die Jahresrechnung 2018 präsentierte. Schulreferentin Karin Gubser kam in der gleichen Zeit immerhin fünfmal in den SN zu Wort. Dreimal ging’s um die Badi.

Hinzu kommt, dass das Pensum von 20 Prozent für das Gemeinderatsamt kaum ausreiche, wie die drei Frauen unisono sagen.

Die Suche nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten verlief deshalb auch schon harzig. Stellt sich die Frage: Ist das Amt für die Männer zu unattraktiv? Wurden die Frauen erst dann angesprochen, als bereits eine Reihe von Männern abgesagt hatte?

Susi Stamm gesteht, dass die Wahlfindungskommission seinerzeit zuerst ihren Mann angefragt hatte, ob er Gemeinderat werden wolle. Dieser habe jedoch abgewunken. Die beiden anderen Frauen wissen es nicht.

Stamm sagt aber auch, sie habe sich früher kaum für Politik interessiert und sei auch nie an die Gemeindeversammlungen gegangen. Erst als der Gemeinderat im Jahr 2006 bei der Bibliothek sparen wollte und sie sich zuerst mit einem Leserbrief und später an der Gemeindeversammlung erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt hatte, wurde sie wahrgenommen. «Ich glaube, dadurch bin ich bekannter geworden.» Kurze Zeit später wurde sie angefragt und in eben jenen Gemeinderat gewählt, den sie vorher kritisiert hatte.

Susi Stamm sagt darum auch: «Ich glaube, es gibt einfach mehr Männer als Frauen, die sich für Politik interessieren.» Ausserdem sagt Stamm, die erst kürzlich aus dem Kantonsrat zurückgetreten ist: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen weniger hart debattieren und selbstkritischer sind, während Männer unbeschwerter ihre Meinung kundtun.»

Dieses Bild zeige sich auch an den Gemeindeversammlungen: Die Männer seien deutlich in der Überzahl, würden häufiger heikle Fragen stellen und schärfer gegen den Gemeinderat schiessen. «Generell», sagt Stamm, «teilen Männer heftiger aus, können aber auch mehr einstecken. Was beispielsweise Tamara Funiciello von der Juso alles aushalten muss, das könnten wahrscheinlich die wenigsten Frauen. Frauen haben eine dünnere Haut.»
Gubser: «Ausser Theresa May. Was auf der umebolzet wird… und sie steht immer noch vorne hin. Chapeau.»
Stamm: «Merkel auch.»
Gubser: «Ja, stimmt»

Frauenquoten? Nein

Von Frauenquoten – ob in der Politik oder in der Wirtschaft – halten die drei Gemeinderätinnen nichts. Karin Gubser findet gar die ganze Debatte um Frauen in der Politik «müssig»: «Wenn man einen guten Mann hat und sich wegen einer Quote für eine mittelmässige Frau entscheiden muss, finde ich das nicht gut. Es soll der oder die Beste gewählt werden.» Die Schulreferentin glaubt, dass der Frauenanteil im Laufe der Zeit auch ohne Quoten steigen werde: «Die konservative Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die es vor zwanzig Jahren noch gab, ändert sich.»

Auch Karin Riederer spricht von einem «Zwängeln» und sagt, es spiele keine Rolle, ob Regierungen zu 100 Prozent nur aus Männern oder Frauen bestehen. «Es braucht andere Fähigkeiten: Eine gewisse Lebenserfahrung, man muss flexibel sein und sich in andere hineinversetzen können.» Und es benötige ein Grundinteresse an der Politik. Insbesondere hier sieht Riederer Nachholbedarf, vor allem bei den Jungen: Die Einführung eines Schulfachs Politik würde die Lehrerin darum begrüssen. Ihre beiden Gemeinderatskolleginnen pflichten ihr bei.

Susi Stamm ist ebenfalls keine Quotenbefürworterin, sagt aber, gemischte Gremien seien für eine breit abgestützte Entscheidungsfindung besser. «Frauen haben zudem einen sensibleren Blickwinkel, wenn es um soziale Themen wie Familien, Asyl- und Gesundheitswesen geht.»

Was Karin Gubser stört, ist die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen durch die Medien. Diese würden häufiger die Outfits von Frauen unter die Lupe nehmen: «Männer können einen schwarzen Tschoope anziehen und fertig. Frauen sind hier viel exponierter, müssen schick aussehen, zum Coiffeur und zur Pediküre gehen. Das ist aufwendig und braucht Zeit.»

Tatsächlich hatte das SRF nach den Bundesratswahlen im Dezember in «Glanz & Gloria» eine Stilkritik an den Outfits der neuen Bundesrätinnen Viola Amherd («rund, weich, warm») und Karin Keller-Sutter («Pokerface, streng») ausgestrahlt. Später entschuldigte sich das SRF dafür.

7-to-7? Unbezahlbar

Was die drei Gemeinderätinnen gemeinsam haben: Sie sind allesamt berufstätig und haben Kinder. Karin Riederer arbeitet neben ihrem Amt als Finanzreferentin gar Vollzeit als Lehrerin: «Mein Mann ist jetzt Hausmann, er kümmert sich um die Kinder. Es ist streng, aber es ist machbar», sagt sie.

Die Frage liegt auf der Hand: Soll der Staat das Angebot für die Kinderbetreuung verbessern?

Wieder bleiben die drei Gemeinderätinnen skeptisch und denken auch an die Schleitheimer Finanzen. Der Steuerfuss der Klettgauer Gemeinde liegt bei 115 Prozent, nur in drei anderen Schaffhauser Gemeinden wird die Bevölkerung noch stärker zur Kasse gebeten.

«Ich denke schon, dass man darüber diskutieren muss, das Angebot auszubauen. Aber das würde viel Geld wegfressen. Vielleicht müsste auch die Wirtschaft ein Kässeli öffnen und nicht nur die Gemeinden», sagt Susi Stamm.

«Logisch wäre 7-to-7 super», sagt auch Karin Gubser. «Aber als kleine Gemeinde mit wenigen Schülerinnen und Schülern können wir das schlicht nicht machen.» Karin Riederer sieht das genauso.

Lohnkontrollen? Ja und nein

Die drei Frauen sprechen wohlüberlegt, wägen Vor- und Nachteile ab und entscheiden sich dann für das Wohl der Gemeinde. Und fast immer sind sie gleicher Meinung. Nur einmal wird die Wortwahl etwas deftiger: beim Lohnunterschied zwischen Mann und Frau.

«Das ist total ungerecht», sagt Susi Stamm. «Definitiv, wenn ein Mann für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommt als eine Frau, dann ist das frech», sagt auch Karin Riederer. Und Karin Gubser stimmt zu: «Das geht gar nicht.»

Die Meinungen, was dagegen unternommen werden sollte, gehen jedoch auseinander. Karin Riederer spricht sich klar dafür aus, dass Firmen durch den Staat kontrolliert werden sollen: «Es braucht so lange Kontrollen, bis die Löhne überall gleich sind. Sonst ändert sich nichts.»

Karin Gubser bleibt dagegen zurückhaltend: «Die Frau kann ja auch über ihren Lohn verhandeln. Und es steht ihr offen, ob sie den Job annehmen will», sagt sie. Und Susi Stamm befürchtet, dass auch jene Firmen kontrolliert werden, die längst gleiche Löhne zahlen und deshalb die Bürokratie überhandnehme.

Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau ist auch Thema des landesweiten Frauenstreiks, der am 14. Juni stattfinden wird.

Die Idee eines Frauenstreiks, um ein Zeichen gegen die Lohnungleichheit zu setzen, unterstützen die drei Frauen. Selber daran teilnehmen werden sie aber voraussichtlich nicht. Karin Riederer wird an diesem Tag, einem Freitag, in der Schule unterrichten. Susi Stamm arbeitet in der Sozialbegleitung und sagt: «Ich kann dann nicht einfach freimachen.» Einzig Karin Gubser ist noch unschlüssig, ob sie teilnehmen wird. Vermutlich eher nicht. Sie sagt: «Wir machen hier unsere Arbeit, tun, was möglich ist, und sind damit total ausgelastet. Wir können uns nicht um alles kümmern.»

Dieser Artikel erschien am 25. April in der Schaffhauser AZ.

Grüner Strom von rechten Politikern

Drei Mitglieder von SVP und FDP setzen auf erneuerbare Energien – und erhalten dafür staatliche Subventionen. Das sei gerechtfertigt, sagen sie.

Die Solaranlagen von Hansueli Graf. Bild: zVg
Die Solaranlagen von Hansueli Graf. Bild: zVg

Die Energiewende hat Namen. Namen wie Martin Kessler, Andrea Müller, Hansueli Graf und viele weitere. Es sind Privatpersonen, die auf dem Dach ihres Hauses oder ihres Bauernhofes eine Solaranlage installiert oder auf ihrem Landstück eine Biogasanlage erstellt haben. Und damit erneuerbaren Strom erzeugen.

Und erstaunlich: Die vermutlich grösste private Stromproduzentin von erneuerbaren Energien im Kanton Schaffhausen ist ausgerechnet eine SVP-Politikerin: Andrea Müller, Thaynger Gemeinderätin, betreibt mit ihrem Mann die Müller Energie GmbH, die laut eigener Website eine Biogasanlage und eine Photovoltaikanlage besitzt.

In den letzten vier Jahren hat die Müller Energie GmbH gemäss der neusten, letzte Woche veröffentlichten Liste der Bezügerinnen und Bezüger der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) des Bundesamts für Energie (BfE) 5,8 Gigawattstunden erneuerbaren Strom produziert. Dafür hat die Firma 2,3 Millionen Franken Vergütungen erhalten. Von allen bei der KEV registrierten Schaffhauser Projekten hat einzig die KBA Hard, die von mehreren Gemeinden betrieben wird, mehr Strom ins Netz gespiesen und entsprechend mehr Gelder bekommen.

Warum Andrea Müller auf erneuerbare Energien setzt und wie wichtig die staatlichen Subventionen für den Betrieb der Anlagen sind, bleibt unklar. Die Thaynger SVP-Gemeinderätin will sich gegenüber der AZ nicht zu den Vergütungen äussern.

SVP-Politiker fährt Elektroauto

Andere stehen dazu. Hansueli Graf, Gemeindepräsident von Oberhallau und Kantonsrat der SVP, war einer der Ersten, der im Kanton Schaffhausen eine Solaranlage bei Swissgrid, der nationalen Netzgesellschaft, angemeldet hatte. Das war im Mai 2008. Der Landwirt sagt, er sehe in der regionalen Strom- und Energieproduktion eine Chance für die Landwirtschaft. «Ich will mein Geld möglichst nicht den Ölscheichs schicken», sagt Graf. Inzwischen fährt der Oberhallauer ein Elektroauto, das er mit Strom der eigenen Solaranlage auflädt. «Das macht wirklich Freude, weil das Produzieren und das Ernten erlebbar wird.»

Graf findet es gerechtfertigt, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien im Verhältnis zu den Investitionen unterstützt wurde. In den Jahren 2011 bis 2018 hat Graf Vergütungen von knapp 250 000 Franken erhalten. «Diese Anschubfinanzierung hat es gebraucht. Ich habe damals weit über eine halbe Million Franken investiert. Das brauchte Mut und Finanzkraft», sagt Graf.

Heute könne seine eigene Photovoltaikanlage Strom für ca. zehn Rappen pro Kilowattstunde produzieren und brauche keine Unterstützung mehr. Konkret produziert Grafs von der KEV unterstützte Anlage 120 Megawattstunden Strom pro Jahr. Hinzu kommt eine zweite Anlage für den Eigengebrauch, die weitere 20 Megawattstunden beisteuert. «Dem Eigenverbrauch gehört die Zukunft. Das macht unabhängiger», sagt Graf. Dies entspreche ausserdem der Energiestrategie des Bundes.

Der Landwirt hat sich den erneuerbaren Energien verschrieben. Er amtiert als Präsident des Vereins Landenergie Schaffhausen, der die Nutzung erneuerbarer Energien wie Sonne, Biomasse, Kleinwind und Holz in der Landwirtschaft fördert und Projekte für den Bau von entsprechenden Energieerzeugungsanlagen unterstützt und begleitet. Gleichzeitig politisiert Graf in der SVP, die die Energiestrategie 2050 des Bundesrates wie auch die kantonale Energiestrategie zur Stärkung der erneuerbaren Energien, die 2015 vom Schaffhauser Stimmvolk verworfen wurde, zuerst im Kantonsrat verwässert und anschliessend mit einer Nein-Parole bekämpft hat.

An der Position der SVP in Sachen Umweltpolitik scheint sich auch in diesen Tagen nichts zu ändern. Präsident Albert Rösti bezeichnete die Umweltpolitik nach den Zürcher Wahlen als «saisonalen Trend». Und diesen Dienstag äusserte sich auch Christoph Blocher an einer Pressekonferenz. Ob der Mensch am Klimawandel Schuld trage, sei hoch umstritten, sagte Blocher laut dem Tages-Anzeiger. Die Gletscher seien früher schon geschrumpft und gewachsen.

«In diesem Bereich bin ich schon noch ziemlich einsam in der SVP, aber ich bleibe dran», sagt Hansueli Graf. Und er ist überzeugt: «Die Position der SVP in der Umweltpolitik wird sich wandeln. Wir sollten ja nicht am Volk vorbeipolitisieren.»

Ziel: Atomenergie ersetzen

Einige Kilometer südlich von Oberhallau, in Trasadingen, lebt Martin Kessler, Baudirektor und Mitglied der FDP. Auch seine Partei ist nicht dafür bekannt, konsequent erneuerbare Energien fördern zu wollen. Wie die SVP haben die Schaffhauser Freisinnigen die Energiestrategien des Bundes und des Kantons abgelehnt.

Dennoch: Auf dem Hausdach von Familie Kessler ist eine Solaranlage installiert. In Betrieb ging sie kurz vor Weihnachten 2011. Ab 2015 erhielt Familie Kessler KEV-Gelder, kumuliert knapp 18 000 Franken bis Ende 2018. Durchschnittlich produzierte die Solaranlage der Kesslers etwas mehr als 9 Megawattstunden Strom pro Jahr. «Das deckt den gesamten Stromverbrauch unseres Vier-Personen-Haushalts und meines Elektroautos», sagt der Baudirektor. Auch Kessler findet es gerechtfertig, dass die erneuerbaren Energien mit staatlichen Mitteln gefördert werden. Finanziell gelohnt habe sich die eigene Solaranlage deswegen aber noch nicht, sagt Kessler. Er rechnet damit, dass sich die Anlage in etwa zehn Jahren amortisiert habe.

Martin Kessler setzt nicht nur privat auf den Ausbau der Solarenergie. Als zuständiger Regierungsrat vertrat Kessler vor knapp einem Jahr die neuen Ziele der Schaffhauser Regierung in Sachen Umweltpolitik im Schaffhauser Kantonsrat. Diese lauten bis 2035: Ausbau der Solarenergie auf 100 Gigawattstunden (GWh). Das ist siebenmal mehr, als 2016 produziert wurde (neuere Zahlen liegen nicht vor). Weiter sollen die Windenergie auf 53 GWh, die Geothermie auf 26 GWh, die Biomasse auf 25 GWh und die Wasserkraft um 5 GWh ausgebaut werden. Zusammen mit bestehenden Anlagen ausserhalb des Kantonsgebiets sowie der aktuell genutzten Wasserkraft könnte damit «der Anteil der Kernenergie vollständig ersetzt werden», heisst es im entsprechenden Bericht der Regierung. Gleichzeitig soll der Stromverbrauch im gesamten Kanton stabil bei 500 GWh bleiben.

Nach dem «Bremser» – der Ablehnung der kantonalen Energiestrategie 2015 – wolle die Regierung nun «ein Konzept umsetzen, das Wirkung zeigt», sagte Kessler im Parlament. Konkrete Vorlagen werden folgen, sagt der Baudirektor: «Der Kantonsrat wird somit in den nächsten Jahren öfters Gelegenheit haben, zu beweisen, wie ernst es ihm mit der Energiewende und damit auch mit der Klimapolitik ist.»

Graf: Windenergie vorantreiben

Unterstützung erhielt Martin Kessler von SVP-Kantonsrat Hansueli Graf: «Ich denke, diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen, die einheimischen Ressourcen besser zu nutzen», sagte Hansueli Graf während der Debatte. Gleichzeitig sammeln Parteikolleginnen und -kollegen des Oberhallauer Landwirts zurzeit Unterschriften für eine Initiative, die die Hürden für den Bau von Grosswindanlagen erhöhen würde.

Dabei liegt gerade die Windenergie im Kanton Schaffhausen völlig brach. 2016 wurde noch keine einzige Kilowattstunde Windstrom produziert. Seither hat sich daran nicht viel geändert. Das Wepfer-Windrad des Schaffhauser Elektrizitätswerks produzierte 2017 und 2018 im Schnitt lediglich 9,5 Megawattstunden Strom pro Jahr. Das ist minim mehr als die Solaranlage von Familie Kessler.

Aus diesem Grund sagt auch Hansueli Graf, der Kanton müsse die Windenergie vorantreiben, «denn diese ist eine optimale und notwendige Ergänzung für die Nacht und die Wintermonate». Ob er sich mit dieser Haltung innerhalb der Partei neue Freunde macht, wird sich zeigen.

Dieser Artikel erschien am 18. April in der Schaffhauser AZ.

Der Feind sitzt in Bern

Das Schaffhauser Fernsehen ist 25 Jahre alt. Seine Geschichte wurde auch in Bundesbern mitgeprägt – zum Leidwesen des SHf.

Eröffnung der N4-Brücke am 15. August 1996: SHf-Reporter Thomas Moser im zweiminütigen Live-Gespräch mit Bundesrat Moritz Leuenberger. Videostill SHf
Eröffnung der N4-Brücke am 15. August 1996: SHf-Reporter Thomas Moser im zweiminütigen Live-Gespräch mit Bundesrat Moritz Leuenberger. Videostill SHf

«Jetz hämmer öpe die zwei Minute», sagt der amtierende Schweizer Verkehrs- und Medienminister Moritz Leuenberger (SP). Er ist sichtlich genervt. Im nächsten Moment schneidet die Regie auf den Reporter, Thomas Moser, der gekonnt improvisiert. Derweil schleicht sich der Bundesrat hinter ihm aus dem Bild. Und das mitten im Interview während der Livesendung von der Eröffnung der N4-Brücke.

Auch heute, mehr als 20 Jahre später, erinnert sich Thomas Moser noch an diese Episode. «Ich hatte ihm eine unbequeme Frage gestellt», sagt er und lacht.

Der Anfang vom Ende?

War es diese eine Begegnung mit dem Schaffhauser Fernsehsender, die Bundesrat Moritz Leuenberger dazu bewog, dem SHf den Stecker ziehen zu wollen?

Wahrscheinlich nicht. Zu simpel wäre eine Verschwörungstheorie dieser Art. Und dennoch: Die 25-jährige Geschichte des SHf ist auch die Geschichte eines Kampfes gegen Bern, vor allem gegen Leuenbergers Bundesamt für Kommunikation (Bakom). Die Entscheide der Berner Behörde lesen sich wie die Chronologie eines Versuchs, dem Schaffhauser Fernsehsender das Licht auszuknipsen.

Doch von Anfang an: Die Idee eines Schaffhauser Fernsehsenders reifte im Medienhaus Meier + Cie. «Norbert Neininger wollte nicht, dass jemand von aussen kommt und Fernsehen in Schaffhausen betreibt», erzählt Thomas Moser, der dem Schaffhauser Fernsehen als Erster ein Gesicht gab. Ab dem 3. April 1994, als das SHf seinen regulären Betrieb aufnahm, stand Moser regelmässig vor der Kamera. Damals wurde noch aus einem Studio beim heutigen Rhypark gesendet.

Moser, der die Journalistenschule am MAZ und ein Volontariat bei Radio Munot absolviert hatte, wurde von Norbert Neininger angefragt, ob er beim Schaffhauser Fernsehen mitmachen wolle. Moser sagte zu. «Es war extrem spannend, das neue Medium Fernsehen kennenzulernen.»

Die damalige Infrastruktur sorgte allerdings auch für einige Herausforderungen: Die Sasag, die städtische Kabelnetzbetreiberin, hatte seinerzeit nur einen Kanal für Lokalfernsehen. Darüber wurde bereits Tele D, das damals schon existierte, in die Schaffhauser Stuben gesendet. Damit auch das SHf empfangen werden konnte, musste man sich mit Tele D einigen. «Dass Norbert Neininger und Peter Schuppli vom Tele D das Heu publizistisch gesehen nicht auf der gleichen Bühne hatten, war bekannt. Also traf ich mich jeweils mit Peter Schuppli im Paradiesli, wo wir besprochen haben, wer zu welcher Zeit senden darf», sagt Moser. Man einigte sich. Und so konnten die Schaffhauserinnen und Schaffhauser zwei Lokalsender auf einem Kanal empfangen.

Bakom contra SHf

Seinerzeit arbeiteten beim SHf drei Redaktoren, die sich 280 Stellenprozente teilten. Und zu dieser Zeit erhielt der Schaffhauser Fernsehsender auch noch Gebührengelder aus Bern, wenn auch einen «sehr bescheidenen Anteil», wie Moser sagt. Später, als die Kämpfe um die Gebührengelder entbrannten, war Moser bereits weitergezogen. Die Bühne des Schaffhauser Fernsehens brachte ihn zu Siemens und später zur Generis. Inzwischen ist Thomas Moser Pressesprecher von Johnson & Johnson Schweiz.

Währenddessen geriet das junge SHf bereits zunehmend unter Druck. Ab 1999 gab es zusätzliche Konkurrenz: Das Bakom beschloss, auch dem Winterthurer Sender Tele Top eine Konzession für die Region Schaffhausen zu erteilen. Das kam bei den Verantwortlichen des SHf nicht gut an. «Wir sind über den Entscheid des Bakom empört und verärgert», erklärte der damalige SVP-Ständerat und SHf-Verwaltungsratspräsident Bernhard Seiler in den Schaffhauser Nachrichten.

Das SHf wollte in der Folge Tele Top den Kampf ansagen und sein Empfangsgebiet bis in die Kantone Thurgau, St. Gallen und die Stadt Winterthur erweitern. Doch wieder entschied das Bakom gegen das SHf: 2001 lehnte es das Gesuch des Schaffhauser Fernsehsenders um eine Ausdehnung des Sendegebiets ab.

Der damalige SHf-Geschäftsführer Wälz Studer bezeichnete den Entscheid als «Katastrophe», «nicht nachvollziehbar» und «einen Schlag ins Gesicht der Region Schaffhausen». Bundesbern bevorzuge die Zürcher Medien, beklagte Studer: Während der Winterthurer Sender Tele Top die Erlaubnis habe, sein Programm in Schaffhausen auszustrahlen, dürfe das SHf im Gegenzug nicht in der zweitgrössten Zürcher Stadt empfangen werden.

Und es kam noch schlimmer: Im Juli 2007 fällte der Bundesrat «einen Entscheid mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Schaffhauser Medienlandschaft», wie die SN später festhielten. Der Kanton Schaffhausen erhielt im Gegensatz zu früher keine eigene Konzession für einen Fernsehsender mehr, sondern wurde stattdessen dem Grossraum Thurgau und Zürich zugeteilt. Die einzige Konzession ging an Tele Top, dem SHf wurden ab Januar 2009 sämtliche Gebührengelder gestrichen. Alle drei Entscheide fielen in die Zeit, als Moritz Leuenberger als Medienminister amtierte.

Das SHf schlägt zurück

Und dennoch war das nicht das Ende. Der Verwaltungsrat des SHf beschloss, den Sender mit tieferem Budget weiterzubetreiben. Stefan Wabel, späterer Geschäftsführer, liess sich in den SN mit den Worten zitieren, man wolle SHf «mit schlank produzierten, aber exklusiven Inhalten» wieder vermehrt ins Gespräch bringen. Das Jahresbudget wurde auf eine halbe Million Franken festgelegt. 2004 waren es einmal 800 000 Franken gewesen. Ausserdem wurden Verhandlungen mit Tele Top geführt, ob SHf das tägliche Schaffhauser Fenster für den Sender mit Sitz in Winterthur produzieren könne. Auch die Schaffhauser Regierung schaltete sich ein und sprach sich für diese Zusammenarbeit aus. Doch dazu sollte es nie kommen.

Ausserdem hatte das SHf beschlossen, nach Bern zurückzuschiessen. Nur ein paar Monate nach dem Entscheid des Bundesrates, im September 2007, rief das SHf die Sendung «Teleblocher» ins Leben (siehe auch AZ vom 26.10.17.). Der damals noch amtierende SVP-Bundesrat Christoph Blocher durfte im Gespräch mit Matthias Ackeret einmal pro Woche über Bundesbern wettern. Bis heute ist «Teleblocher» wohl die einzige, überregional bekannte Sendung des SHf geblieben.

Ein Chef, zwei Praktikantinnen

Beim Sender hat derweil die nächste Generation das Zepter übernommen. Sebastian Babic ist seit knapp zwei Jahren Geschäftsführer und Redaktionsleiter. Zusammen mit zwei Praktikantinnen bildet er die Redaktion des SHf, hinzu kommen ein paar Techniker. Wie hoch das aktuelle Jahresbudget ist, will Babic nicht sagen. Klar ist: Grosse Sprünge zu machen, scheint mit diesem Personalbestand kaum möglich. Dennoch setzt das SHf inzwischen auch wieder auf News, wozu es – weil es keine Gebühren gibt – nicht verpflichtet wäre. «Aber das interessiert die Leute», sagt Babic.

Dieser Artikel erschien am 4. April in der Schaffhauser AZ.