«Die SP hat mich enttäuscht»

Ein 21-jähriger Sozialdemokrat aus Interlaken hat die gesamte Parteileitung der SP Schweiz vorgeführt: Dimitri Rougy kämpft für das Referendum gegen die sogenannten «Sozialdetektive».

Dimitri Rougy. Foto: Instagram
Dimitri Rougy. Foto: Instagram

Dimitri Rougy, SP-Parlamentarier in Interlaken und Student der Kulturwissenschaften an der Universität Luzern, lancierte mit drei Mitstreitern das Referendum gegen das Gesetz für die Überwachung der Versicherten und damit gegen die sogenannten «Sozialdetektive» oder «Versicherungsspitzel». Nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2016 entschieden hatte, für die Überwachung von IV-Bezügern fehle eine gesetzliche Grundlage, erliessen National- und Ständerat im März ein neues Gesetz – gegen den Widerstand von SP und Grünen. Dennoch wollte die SP-Leitung um Präsident Christian Levrat das neue Gesetz nicht mittels Referendum bekämpfen. Weil Dimitri Rougy und seine Mitstreiter über 60’000 Unterschriften gesammelt haben, kommt es voraussichtlich doch noch zur Volksabstimmung.

az Dimitri Rougy, warum setzen Sie sich für dieses Referendum ein? Sind Sie persönlich betroffen?
Dimitri Rougy Ja. Ich bin betroffen, meine Familie ist betroffen, alle sind betroffen. Das Gesetz erlaubt den Krankenkassen, der Krankentaggeldversicherung, der Invalidenversicherung und der AHV, selber Observation durchzuführen. Als ich das gelesen und erkannt habe, wie schnell dieses Gesetz durch das Parlament ging, habe ich realisiert: etwas stimmt nicht. Und tatsächlich: Nach massivem Druck durch die Versicherungslobby hat das Parlament ein Gesetz durchgepeitscht, das den Versicherungen mehr Mittel gibt als der Polizei bei der Fahndung nach Terroristen. Das Parlament hat hier den Bogen massiv überspannt und jedes Augenmass verloren.

Übertreiben Sie damit nicht? Es wird kaum jede Person überwacht werden, das wäre doch völlig unverhältnismässig und würde massive Kosten verursachen.
Nein, wir übertreiben nicht. Der Wortlaut des Gesetzes ist klar. Die Observationen können von den Versicherungen selber angeordnet und durchgeführt werden, es gibt kaum Einschränkungen. Sie erhalten damit Kompetenzen, die bis anhin nur Polizei und Staatsanwaltschaft innehatten. Dass man solche Kompetenzen Privaten abtritt, die ein eigenes Interessen verfolgen, und es keine neutrale Stelle mehr dazwischen gibt, ist in einem Rechtsstaat sehr bedenklich.

Was wäre die Alternative?
Unser Grundrecht auf Privatsphäre muss geschützt werden. Ein Richtervorbehalt könnte ein gangbarer Weg sein. Wichtig ist aber, dass dieses Gesetz an der Urne an den Absender zurückgeschickt wird. Danach kann das Parlament darüber diskutieren, wie eine rechtsstaatliche Vorlage aussieht.

Wie viel Zeit haben Sie in das Referendum investiert? Sie haben unter anderem das Konzept für das Referendum entworfen, das macht man nicht nebenbei.
Ich engagiere mich gerne in der Freizeit für politische Anliegen, für die Menschen. Am Anfang habe ich nebenbei für das Referendum gearbeitet, inzwischen ist es zu einer Art Full-Time-Job geworden.

Es ist Sommer, die Sonne scheint: Sie könnten jetzt auch in der Badi sein, Fussball schauen, Bier trinken…
Ich habe mir diese Gedanken auch gemacht. Ich habe mich gefragt, wie viel es mir wert ist, wie viel Zeit ich aufwenden möchte. Für mich war es eine Abwägung zwischen Freizeit und dem Einsatz für die Verteidigung eines Grundrechts, das alle haben sollten. Am Ende spürte ich einen inneren Drang, dass ich das machen muss.

Sind Sie enttäuscht, dass andere Parteien oder Organisationen, die mehr Personal und Ressourcen haben, auf das Referendum verzichtet haben? Zum Beispiel die SP?
Natürlich bin ich von der SP-Leitung enttäuscht. Aber nicht nur die linken Parteien hätten einschreiten müssen, sondern alle. Es geht um unsere Grundrechte. Diese entstammen einer grundliberalen Tradition. Jede Partei hätte sich wehren sollen. Ich glaube, sie waren im Parlament einfach blind oder wurden von den Lobbyisten geblendet.

Auf Twitter konnte jeder live mitverfolgen, wie sich dieses Referendum anbahnte…
…(lacht) Bei uns kann man eigentlich alles auf Twitter mitverfolgen.

Als klar wurde, dass das Referendum ergriffen wird, war der Medienrummel sehr gross. Selten wurde ein Referendum dermassen intensiv begleitet wie dieses. Waren Sie davon überrascht?
Ja, das hat mich überrascht. Das hat uns in der Unterschriftensammlung stark geholfen. Wir hatten natürlich gehofft, dass das medial aufgegriffen wird. Dass es so erfolgreich wurde, ist aber nicht nur uns zu verdanken, sondern den 11’000 Personen, die das überall verbreitet haben. Ich habe noch nie eine Kampagne erlebt, die derart viral ging.

Der «Tages-Anzeiger» zitierte aus Ihrem Plan. Darin stand: «Das Konzept funktioniert nur, wenn keine gros­se Organisation das Referendum lanciert.» Was heisst das? Waren Sie froh darüber, dass die SP das Referendum nicht von Anfang an unterstützt hat?
Aus dem Kontext herausgerissen wirkt dieser Satz seltsam. Es stimmt selbstverständlich nicht, dass wir wollten, dass keine Organisation das Referendum unterstützt. Das Konzept sah vor, dass eine Bewegung von unten, aus der Bevölkerung heraus, entsteht. Das hätte nicht funktioniert, wenn eine grosse Organisation mitgemacht hätte, und es wäre auch nicht nötig gewesen. Eine Partei hat ganz andere Strukturen. Wäre die Ausgangslage anders gewesen, hätte es ein anderes Konzept benötigt.

Die Besonderheit an diesem Referendum war, dass Einzelpersonen über Online-Medien aufgerufen haben, sich zu beteiligen. Finanziert wurde es über ein Crowdfunding. Hätten die Medien ebenso intensiv berichtet, wenn es anders gewesen wäre? Wenn die SP das Referendum ergriffen hätte?
Wenn man ehrlich ist: wahrscheinlich nicht. Ich glaube, es ist tatsächlich einmalig, dass dermassen intensiv über ein Referendum berichtet wird.

Die SP-Leitung war gegen das Referendum, einige Parteimitglieder waren anderer Meinung. Diesen Konflikt innerhalb der Partei haben die Medien ebenfalls aufgegriffen. Das hat Ihnen zusätzlich in die Karten gespielt.
Dieser Konflikt hat der SP geschadet, das ist sicher so. Aber wie gesagt, wir hätten uns gewünscht, dass die SP oder eine andere Partei das Referendum lanciert. Christian Levrat hat den Entscheid gefällt, dies nicht zu tun.

Ich vertraue auf die Kraft der Masse.

Dimitri Rougy

SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann sagte: «Mir graut vor einem Abstimmungskampf, in dem die SVP während Monaten über Sozialhilfebezüger und Behinderte herzieht.» Können Sie das nachvollziehen? Was, wenn das Gesetz hochkant angenommen wird?
Die SP hat mit Blick auf die Wahlen 2019 entschieden, das Referendum nicht zu ergreifen. Ich glaube, das war falsch. Wir dürfen unsere liberalen Grundwerte nicht aufopfern, nur weil man das Gefühl hat, dass eine Abstimmung an der Urne verloren geht und uns das Stimmen kosten könnte. Auch wenn es unangenehm ist, sollten wir uns für unsere Werte einsetzen. Und ich vertraue auf die Kraft der Masse, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Dieses Gesetz sät Misstrauen und zielt auf die Spaltung der Gesellschaft. Es geht um das in der Verfassung geschützte Grundrecht auf Privatsphäre. Darum, dass wir nicht in unserer Wohnung bespitzelt werden. Ich glaube, die Schweizerinnen und Schweizer sind intelligent genug, diesen Angriff zu erkennen. Darum gehe ich davon aus, dass das Gesetz abgelehnt wird.

Dass ein Referendum von Einzelpersonen erfolgreich gesammelt werden kann, hat auch die Politikwissenschaftler auf den Plan gerufen…
…(lacht) die kommen immer bei solchen Dingen.

Politologe Uwe Serdült von der Universität Zürich warnte im «Tages-Anzeiger» vor dieser Entwicklung. Er befürchtet, wenn Entscheide ständig an der Urne gefällt werden, benötige es keine Parteien mehr. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine sehr spannende Frage. Parteien und Organisationen haben in der Schweiz die historisch gewachsene Funktion, bevor ein Gesetz verabschiedet wird, die Interessen ihrer Wähler einzubringen. Das Referendum hingegen bietet die Möglichkeit, dass die Bürger gegen ein Gesetz das Veto einlegen und «Stop» sagen können. Jetzt ist es so: Alle rechtsstaatlichen Bedenken sind von Rechtsprofessoren, vom Verein Demokratische Juristen Schweiz, bereits von Anfang an eingebracht worden. Sie wurden ignoriert. Wenn nun eine ausserparlamentarische Gruppe ein Referendum lanciert, ist das höchst demokratisch. Es ist ein Mittel der Bevölkerung, nicht mehr nur ein Marketinginstrument von Parteien, die sich profilieren wollen. Das ist der Inbegriff der direkten Demokratie.

Dennoch: Ist die Hürde von 50’000 Unterschriften für ein Referendum noch hoch genug? Das sind inzwischen weniger als 1 Prozent der Stimmberechtigten.
Das glaube ich nicht. Im Gegenteil, Organisationen und Parteien haben Mühe, Unterschriften für ein Referendum zu sammeln. Es ist immer häufiger so, dass sie Leute dafür bezahlen, dass sie Unterschriften sammeln. Das finde ich aus demokratiepolitischer Sicht sehr heikel.

Aber wenn bereits ein paar Privatpersonen erfolgreich ein Referendum ergreifen können, könnte das dazu führen, dass es künftig extrem viele Referenden gibt.
Es ist ja nicht so, dass wir die Unterschriften mühelos gesammelt hätten. Wir sind 11’000 Leute, die jeden Tag, bei jedem Wetter, auf die Strasse gegangen sind, in der gesamten Schweiz. Dahinter steckt sehr viel Knochenarbeit. Ausserdem gibt es eine Frist von 100 Tagen. Das ist eine sehr kurze Zeit, zumal die Unterschriften von den Gemeinden noch beglaubigt werden müssen. Nur weil es jetzt einmal geklappt hat, ist das noch lange kein Trend. Sollte es tatsächlich häufiger zu Referenden kommen, sind vielleicht die Entscheide des Parlaments einfach nicht gut genug. Ausserdem muss man sich überlegen, ob es nicht einmal Zeit wäre, um über Lobbying zu reden, über Deals im Hinterzimmer. Und darüber, wer eigentlich diese Gesetze schreibt. Das ist zentral. Dort hadert die Schweizer Demokratie zurzeit. Das Referendum ist derzeit das beste Mittel, um den Lobbyisten entgegenzuwirken.

Streben Sie eine Politikerkarriere an?
(lacht) Das fragen alle. Ich kämpfe momentan für ein Referendum, das ich aus tiefster Überzeugung mache. Dann möchte ich mein Studium beenden. Ich weiss nicht genau, was nebenbei noch Platz hat. Ehrlich gesagt, habe ich noch nicht die Zeit gefunden, mir Gedanken darüber zu machen. Es ist jetzt auch nicht die Zeit dafür.

Ich bin kein Parteisoldat.

Dimitri Rougy

Oder ist eine politische Karriere in der SP sowieso schon vorbei? Sie haben sich vermutlich innerhalb der Partei nicht viele Freunde gemacht.
Ich weiss es nicht. Ich bin sicherlich kein Parteisoldat. Ich stehe für meine Werte ein und nicht dafür, was eine Partei sagt. Und ich nehme mir das Recht heraus, etwas zu tun, was die Parteileitung ablehnt. Ich habe eine eigene Meinung und stehe dazu.

Die Debatte darüber, wie viel Überwachung nötig ist, wird in den nächsten Jahren nicht abflachen. Auch die Schaffhauser Regierung will ein neues Polizeigesetz, das die Kompetenzen der Polizei massiv ausbauen würde.
Auch im Kanton Bern sollen Observationen der Polizei einfacher möglich sein. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, weil sie unsere Grundrechte im Kern trifft. Wir müssen uns fragen, wie viel Freiheit wir bereit sind, abzugeben. Irgendwann dient diese Überwachung nicht mehr der Sicherheit, sondern der Kontrolle und Manipulation. Das ist gefährlich. Dagegen müssen wir uns wehren.

Dieses Interview erschien am 28. Juni in der «schaffhauser az».

«Niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben»

Der Zürcher Musiker Stereo Luchs hat erfolgreich den jamaikanischen Dancehall-Sound und Mundart-Lyrics kombiniert. Die Jugend fährt voll darauf ab, auch in Schaffhausen.

Foto: Facebook.
Foto: Facebook.

Den Swiss Music Award holte er nicht. Dennoch reitet der Vollblutzürcher Silvio Brunner alias Stereo Luchs seit dem Release seines zweiten Albums «Lince» Ende des vergangenen Jahres auf einer Erfolgswelle. Der «Tages-Anzeiger» nannte die Platte «grossartig», fünf der sechs Club-Shows im vergangenen Dezember waren ausverkauft, darunter das Taptab.

Seit Anfang Juni tourt der studierte Architekt erneut durch die Schweiz. Diesen Samstag spielt er mit der Basler Band «The Scrucialists» am Taptab-Hinterhoffest. Mit Schaffhausen verbindet den Mittdreissiger aber nicht nur die Auftritte auf hiesigen Bühnen, sondern auch eine Freundschaft mit «Min King»-Sänger Philipp Albrecht.

az Stereo Luchs, warum gibt es noch kein Duett von dir und Philipp Albrecht?
Stereo Luchs Gute Frage, wir haben es versucht, für das letzte Album von «Min King» war ein gemeinsamer Song geplant. Aber irgendwie hat er nicht dazugepasst und blieb liegen. Wahrscheinlich holen wir das bald nach. Wir haben schon drei angefangene Songs auf der Harddisc.

Wie kam der Kontakt zwischen dir und Philipp Albrecht zustande?
Ich habe ihn in einem Zürcher Plattenladen kennengelernt, dem Reggae Fever im Kreis 4. Dort haben wir uns hin und wieder gesehen. Ich habe mitbekommen, dass er singt, damals noch bei einer Ska-Band, Plenty Enuff. Das ist schon ziemlich lange her, 15 Jahre oder so. Wann und wie genau der Kickoff war und wir begannen, zusammen an musikalischen Projekten zu arbeiten, weiss ich nicht mehr…

Inzwischen sind deine Shows und jene von «Min King» häufig ausverkauft, eure Songs werden in den kommerziellen Radios gespielt, aber ihr seid unterschiedliche Wege gegangen: Du hast dein Album «Lince» bei einem Major Label, Universal, herausgebracht, «Min King» hat sich dagegen entschieden.
Philipp meinte, «mach das nicht, mach das nicht» (lacht).

Es gibt Bands, die befürchten, bei einem Major-Label könnten sie nicht mehr das tun, was sie wollen, sondern müssten sich den Vorstellungen der Labels anpassen.
Ich habe lange darüber nachgedacht. Ich bin extrem heikel, wenn mir jemand sagen will, wie ich mein Ding machen soll. Aber ich habe einen solchen Druck nie gespürt. Es ist alles 100-prozentig so, wie ich es machen wollte. Das Label nimmt mir vor allem bürokratische Arbeit ab. Vorher habe ich alles selber herausgegeben, über mein eigenes Label «Pegel, Pegel», das war mega viel Arbeit, vor allem Buchhaltung, Promo, Vertrieb. Ich habe selber Päckli an cede.ch geschickt und Excel-Listen geführt… Dann noch ein neues Album zu machen, das ging nicht. «Min King» sind mehrere Personen, sie können sich die Arbeit aufteilen, aber ich muss alles selber machen.

Drei Jahre vorher, 2014, hast du die Dancehall-Single «Ich blib grad» veröffentlicht. Du singst: «Zu vil Chohle killt Vibes» und «Ich läb vo Freud a de Musig und nid vo Platteverchäuf». Drei Jahre später der Major-Deal. Bist du eingeknickt?
Nein, nur weil das neue Album bei Universal erschien, habe ich nicht mehr Geld. Ich versuche jetzt, von der Musik zu leben und habe meinen früheren Bürojob beim Hochbauamt aufgegeben. Ich habe mich also für weniger statt für mehr Geld entschieden. «Alles oder nichts» ist die Devise.

Und geht’s auf?
Momentan kann ich viele Liveshows spielen. Ich komme über die Runden, aber ich lebe wie ein Student (lacht). Ich glaube, man überschätzt dieses Major-Label-Ding.

Dein neues Album «Lince» stiess auf breite Resonanz, die Presse hat dich auf dem Radar, du hast viele Interviews gegeben. In «Ich blib grad» singst du auch:

De Hype blibt still, ke mediale Exzess,
bruch kä Rampeliecht und kä Rägäbogepress.
«Ich blib grad», 2014

Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich habe ziemlich viel Promo gemacht, ja. Aber alles Dinge, die ich cool fand.

Hast du auch Anfragen abgelehnt?
Auf jeden Fall. Ich nenne keine Mediennamen, aber ich mache nicht alles mit. Mit «medialem Exzess» meine ich diese Selfie-Kultur, das «Me-me-me»-Ding… Damit kann ich nach wie vor nicht viel anfangen. Ich bin auf Instagram präsenter als auch schon, aber ich halte nicht die ganze Zeit das Handy vor den Grind und sage: «Kauft meine CD, kauft meine CD.»

Müsste man aber nicht genau das tun? Der «Tages-Anzeiger» schrieb, du seist zu «eigenbrötlerisch». Das stehe dir im Weg, um ein Star zu werden.
Ich glaube, damit meinte der Autor, dass ich lieber im Studio als auf der Bühne bin. Ich weiss nicht, wie eigenbrötlerisch ich bin… Aber Star, was heisst das schon, das ist ein seltsamer Begriff. Das ist zu amerikanisch gedacht. Was sind denn Stars in der Schweiz? Vielleicht gibt es Leute, die das werden wollen. Ich will einfach jeden Tag Musik machen.

Müsstest du nicht genau das machen, wenn du von der Musik leben willst?
Hey, jein. CD-Verkäufe decken meine Miete definitiv nicht, das ist schon so. Aber früher habe ich nicht bewusst weniger Promo gemacht. Oft war ich einfach zu spät dran, weil ich dieses und jenes auch noch tun musste. Ich habe beispielsweise nie einen Videoclip hinbekommen. Ok, amigs hanis eifach verhängt. So sollte es diesmal nicht sein. Wenn ich mir schon die Arbeit mache, ein Album zu produzieren – und das ist verdammt viel Arbeit –, dann will ich es auch unter die Leute bringen, aber nicht auf eine unappetitliche Art.

Im Vergleich zu deinem ersten Album «Stepp usem Reservat» scheint «Lince» deutlich persönlicher zu sein, dafür weniger gesellschaftskritisch.
Das kann man so zusammenfassen. Das heisst nicht, dass ich weniger gesellschaftskritisch geworden bin. Ich war an einer Weichenstellung, stellte mir Fragen: Wie geht’s musikalisch weiter, wie geht’s privat weiter… dann ist das dabei rausgekommen. Songs schribsch eifach, die wott muesch schriebe.

Wieso känni die Stross scho,
a dere Chrüzig bini scho moll gsi.
Sie chunt mr bekannt vor,
ich weiss immer nonid wohii.
«Sie seit», 2017

Warum? Liegt das am Älterwerden?
Ich glaube, wenn man jünger ist, hat man mehr Energie, die man direkt rauslassen muss. Im Sinn von «Figg di, figg di, schiist mi ah», vielleicht aber auch nicht immer extrem reflektiert.

Hast du einmal über die Stränge geschlagen und Passagen verfasst, die du heute nicht mehr schreiben würdest?
Es gibt sicher Zeilen, die ich nicht mehr genau so schrei­ben würde. Aber ich bereue nichts. Was mich etwas nervt, gerade im Reggae- und Dancehall-Business, ist dieses Schwarz-Weiss-Ding: Auf der einen Seite die Bösen, die alles falsch machen, auf der anderen Seite die Künstler, die alles wissen und alles richtig machen. Niemand ist 100-prozentig perfekt, niemand führt ein Mutter-Theresa-Leben. Diese Erkenntnis kommt mit dem Alter. Man sieht immer mehr Graustufen, immer mehr Widersprüche, auch bei sich selber. Mir fiel es schwerer, einen Bashing-Song gegen einen Politiker oder eine Partei zu produzieren. Aber einen Song zu schreiben, der alles relativiert, das kannst du auch nicht machen. Also habe ich es sein lassen. Dann schreibst du lieber ein Buch, da hast du mehr Zeilen, um alles zu erklären.
So oder so: Einen «Fuck Trump»- oder «Fuck Blocher»-Song zu machen, ist nicht besonders schwierig. Es muss schon hin und wieder gesagt werden, aber ich bin nicht der, der diese Songs macht.

Was als alternativer, urbaner Künstler schon fast zur Pflicht gehört, hast du aber auch schon gemacht: das Polizei-Bashing.
(lacht) Auf dem neuen Album wird sie verschont.

Die letzten vier Jahre hatte Zürich mit Richard Wolff einen links-alternativen Polizeivorsteher. Hat sich etwas verändert? Ist die Polizei toleranter geworden?
Der allerkrasseste Peak ist ein Stück weit vorbei. 2011, als ich «Was isch los» geschrieben habe, war der Anfang einer krassen Nulltoleranz-Phase. Alles, was alternativ war, wurde nicht bewilligt oder dichtgemacht. Es gab hohe Bussen, Soundanlagen wurden beschlagnahmt. Es kam zu einigen Verhaftungen, Velofahrer wurden zu Boden gerissen. Diese «Jetzt-müssen-wir-mal-durchgreifen-Phase» ist nicht mehr ganz so heftig, aber die Polizei ist schon noch ziemlich repressiv. Ich glaube, Wolff konnte gar nicht alles ändern, er ist nur eine Person im ganzen Apparat.

Was isch den los mit ihne,
d’Youths wännd sich amüsiere aber chönd nöd will de Chaschtewage stoht scho do.
Was ischs Problem mit ihne,
mir wännd doch nu es bizli Roots, Realität und Kultur i däne Strosse ha.
«Was isch los», 2013

Kommen wir zurück zu deinem neuen Album: Du gehst mit anderen Schweizer Mundart-Künstlern teilweise hart ins Gericht:

CH-Musig macht mi liecht verläge,
paar vo dene sind nöd nume liecht dänäbed.
«Träne uf em Tanzbode», 2017

Hast du darauf Reaktionen erhalten?
Nein, ich habe auch niemanden persönlich angegriffen. Es geht in dem Song um die gesamte Schweizer Musik-Szene, diesen kleinen Kuchen. Schweizer Mundart-Musik brennt auf super-kleiner Flamme und es passiert zum Teil nicht so viel Neues. Es ist auch ein Stück weit ein Frust-Song. Ich meine, ich könnte auch einfach mit der Freundin ins Kino oder irgendwo essen gehen, anstatt im Studio zu hocken. Und zum Teil werden Songs hochgejubelt, einfach weil sie auf Mundart sind. Ich finde viele Texte einfach nicht gut. Wenn das alle anderen anders sehen – fair enough. Mir ist es wichtig, dass ich so gut wie möglich hinter jeder Zeile stehen kann und keine Klischees bediene.

«Lince» kann man kaum einem Genre zuordnen. Es gibt weniger harte Dancehall-Songs wie auf dem Vorgänger. Aber auch kaum richtige Reggae-Lieder. Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Das wurde ich schon oft gefragt und ich habe mich immer schwer getan, darauf eine kluge Antwort zu finden. Ich habe es dann mit «urbaner Musik» zusammengefasst, was eigentlich ein Scheiss-Begriff ist. Der Kern ist sicher noch Reggae und Dancehall. Aber auch andere Einflüsse, bizli England, bizli Lagos. Das hatte nicht nur musikalische Gründe, sondern hing auch mit den Texten zsammen. Die passten zum Teil nicht auf Dancehall- oder Reggae-Beats.

Foto: Facebook.
Foto: Facebook.

«Ziitreis» ist dein poppigster Song und hat es vermutlich deshalb in die Mainstream-Radios geschafft. Hast du darüber nachgedacht, den Song auf einem Reggae-Beat zu produzieren?
Ich hatte ihn auf einem eigenen Beat, die meisten Beats habe ich demomässig selber produziert. Das war ein poppiger Modern-Roots-Island-Pop-Plastik-Beat. Auch ziemlich poppig, aber mit mehr Offbeat. Es gab schon vier Versionen von diesem Song. Die Hookline ist schon mehrere Jahre alt. Aber es passte nicht, ich kam nicht weiter. Das war der einzige Song, den Chris vom Berliner Kollektiv «Kitschkrieg» bei der Produktion von «Lince» völlig umgekrempelt hat. Und ich has huere gfühlt. Klar, «Ziitreis» könnte auch ein Reggae-Song sein, und ich werde das auch wieder machen. Aber ich wollte mich von diesem Image befreien, Stereo Luchs sei Reggae und Retro. Ich wollte meine Freiheit zurück.

D’Summer werded chürzer und d’Kater hebed länger ane
D’Jungs mached Nochwuchs, studiered Babyname
Schiebed Chinderwage, anderi laded Tinder abe
Ich mach mis Ding, hol’ es Guinness usem Inderlade.

«Ziitreis», 2017

Dieses Interview erschien am 21. Juni in der «schaffhauser az».

Vier Siege für die Regierung

Die Schaffhauser Regierung hatte allen Grund zur Freude: Das Schaffhauser Stimmvolk hat am Sonntag bei allen vier kantonalen Vorlagen so entschieden, wie die Regierung empfohlen hatte. Das Sicherheitszentrum, das Strassenverkehrsamt sowie die Busfusion wurden teils deutlich angenommen. Die Linke, die gegen die Fusion von VBSH und RVSH gekämpft hatte, musste eine Niederlage einstecken. Sogar in der Stadt nahmen die Stimmberechtigten die Busfusion mit 66,4 Prozent an.

Die Volksinitiative für ein fünfjähriges Poststellenmoratorium, die von der Regierung abgelehnt wurde, fand auch bei der Stimmbevölkerung keine Mehrheit.

Die Stimmbeteiligung betrug 62 Prozent.

Hohe Siegquote

Seit Beginn der aktuellen Legislatur im Januar 2017 hat der Schaffhauser Regierungsrat somit zehn von zwölf Abstimmungen gewonnen. Einzig die Abstimmungen über die Volksschulinitiative sowie die Vereinsbesteuerung gingen verloren. Noch besser sieht die Bilanz für den Kantonsrat aus, er kommt sogar auf elf Siege.

Nachdem die Stimmberechtigten in der vergangenen Legislatur noch mehr als die Hälfte der Vorlagen von Kantons- und Regierungsrat abgeschmettert hatten, scheinen Parlament und Regierung den Puls der Bevölkerung nun wieder deutlich besser zu spüren.

Resultate

Kanton:
Geldspielgesetz: 64,2 % Ja
Vollgeld-Initiative: 27,2 % Ja
Auf nationaler Ebene wurde das Geldspielgesetz angenommen, die Vollgeld-Initiative abgelehnt.

Sicherheitszentrum: 60,6 % Ja
Strassenverkehrsamt: 55,2 % Ja
Busfusion: 71,8 % Ja
Post-Initiative: 45,7 % Ja

Stadt:
Busfusion: 66,4 % Ja

Beschwerden gegen die städtische und drei der vier kantonalen Abstimmungen sind weiterhin hängig.

Dieser Artikel erschien am 14. Juni in der «schaffhauser az».