Big Brother «az»

120 Abstimmungen des Kantonsrats hat die «az» im Jahr 2016 gefilmt und ausgewertet. Die Analyse zeigt: Linda De Ventura (AL) und Mariano Fioretti (SVP) sind die Schaffhauser Extrempolitiker.

Mürrisch blickt SVP-Mann Walter Hotz zur Decke des Kantonsratssaals und grummelt etwas vor sich hin. Was er sagt, ist auf den Videoaufnahmen nicht zu hören – zu weit die Distanz zwischen der Kamera und dem amtierenden zweiten Vizepräsidenten des Rates. Aber so viel ist offensichtlich: Walter Hotz ist unzufrieden. Dennoch macht er keinen Wank, als es zur Abstimmung kommt. Seine Ratskollegen stehen auf, erst die Parteifreunde, danach die Linken. Nur Walter Hotz bleibt sitzen und stimmt weder Ja noch Nein. Er enthält sich der Stimme – aus welchem Grund auch immer. Und er tut das oft, so oft wie kein anderer im Rat.

Mindestens 23-mal hat der häufig als schärfster Kritiker der Regierung bezeichnete SVPler im zu Ende gehenden Jahr weder mit Nein noch mit Ja abgestimmt. Damit ist Walter Hotz der Enthaltungskönig des Schaffhauser Kantonsrats 2016, dicht gefolgt von Urs Capaul und Lorenz Laich.

Enthaltungskönige
Wer sich am häufigsten enthalten hat:
1. Walter Hotz, SVP (23-mal)
2. Urs Capaul, ÖBS (22)
3. Lorenz Laich, FDP (21)

Das pure Gegenteil der drei Herren ist SP-Frau Martina Munz. Die Nationalrätin hat sich im ganzen Jahr 2016 nur zweimal der Stimme enthalten, so selten wie kein anderes Ratsmitglied.

Die «az» weiss das, weil sie in Kooperation mit Radio Rasa und dem Magazin «Lappi tue d’Augen uf» das ganze Jahr über alle Abstimmungen des Schaffhauser Kantonsrats gefilmt hat – mit der Bewilligung des Kantonsratsbüros.

Insgesamt 19 Sitzungen à jeweils rund vier Stunden tagte der Rat im Jahr 2016 – angefangen mit der Debatte über das 40-Millionen-Franken schwere Sparpaket ESH4. Dabei mussten die Kantonsräte über 100-mal aufstehen, wenn sie Ja oder Nein sagen wollten. Und mit zwei Ausnahmen wegen eines technischen Defekts hat die «az» alle Abstimmungen aufgenommen und nun auch ausgewertet.

Die Daten geben nicht nur den Enthaltungskönig preis, sondern zeigen auch, wer im Jahr 2016 am meisten Abstimmungen verpasst hat. Auch hier liegt ein SVP-Mann an der Spitze: Werner Schöni. In den Reihen der Volkspartei gibt es aber auch viele, die immer anwesend waren und keine einzige Abstimmung verpasst haben. Es sind Samuel Erb, Manuela Schwaninger, Barbara Hermann, Walter Hotz sowie CVP-Frau Theresia Derksen, EDU-Mann Andreas Schnetzler und die Freisinnigen Thomas Hauser und Lorenz Laich. Von den Linken schaffte das keiner.

Die Abwesenden
Wer am meisten Abstimmungen verpasst hat:
1. Werner Schöni, SVP (43-mal)
2. Osman Osmani, SP (36)
3. Susi Stühlinger, AL (34)

Die erste Links-Rechts-Analyse
78 der 120 Abstimmungen hat die «az» berücksichtigt, um damit das erste Links-Rechts-Ranking des Schaffhauser Kantonsrats zu erstellen. Die Resultate bestätigen die gängigen Klischees. Dass linksaus­sen mit Linda De Ventura eine AL-Frau politisiert, ist keine Überraschung, dass sich der Genosse Patrick Strasser am rechten Flügel der SP wiederfindet, auch nicht, und dass Mariano Fioretti (SVP) der rechteste Kantonsrat ist, schon gar nicht. Dennoch liefert die «az» mit der Auswertung erstmals Beweise.

Die Linksten
1. Linda De Ventura, AL
2. Jonas Schönberger, AL
3. Susi Stühlinger, AL
4. Mattias Freivogel, SP
5. Martina Munz, SP

Die Rechtesten
1. Mariano Fioretti, SVP
2. Ueli Werner, JSVP
3. Samuel Erb, SVP
4. Andreas Gnädinger, SVP
5. Werner Schöni, SVP

Und es finden sich auch Überraschungen: zum Beispiel, dass die einzigen beiden GLP-Vertreterinnen die Mitte praktisch alleine besetzen. Die ÖBS politisierte im letzten Jahr näher bei den Sozialdemokraten als bei den eigenen Fraktionskolleginnen der GLP. Und die CVP steht insgesamt sogar weiter rechts als die FDP. Zudem fahren die Jungfreisinnigen – insbesondere Marcel Montanari – eine deutlich rechtere Politik als die Vertreter ihrer Mutterpartei.

Neun Zählfehler in einem Jahr
Nebenbei zeigen die Filmaufnahmen auch, dass sich die beiden Stimmenzähler bei neun der 120 Abstimmungen verzählt haben. Das entspricht jeder dreizehnten Abstimmung. In acht Fällen spielte das keine Rolle, aber ein entscheidender Zählfehler führte dazu, dass auf die Vorlage zum Verordnungsveto (siehe «az» vom 1. September) fälschlicherweise nicht eingetreten und vom Ratspräsidenten darum als erledigt bezeichnet wurde. Das Thema kommt im nächsten Jahr wieder aufs politische Tapet.


Auf Bild klicken für grössere Darstellung

***

Die Methodik
Die Links-Rechts-Analyse beruht auf 78 ausgewählten Abstimmungen des Schaffhauser Kantonsrats im Jahr 2016. Bei jeder Abstimmung hat der Autor festgelegt, ob ein Ja oder ein Nein für linke oder rechte Politik steht. Dies aufgrund folgender gängiger Kriterien:

Links bedeutet: für einen starken Staat (gegen Sparmassnahmen) mit entsprechenden finanziellen Mitteln, für die Stärkung des Umweltschutzes sowie die Rechte von Ausländern.

Rechts bedeutet: Für weniger Steuern und Gebühren für Unternehmen und Bürger, für einen schlanken Staat, für weniger Eingriffe in die Wirtschaft, für weniger Bürokratie, für eine konservative Familienpolitik.

Jeder Kantonsrat erhielt pro Abstimmung entweder den Wert -1 (links), 0 (Enthaltung) oder +1 (rechts). Abwesenheiten wurden nicht gewertet. So kam Linda De Ventura auf einen Wert von -63. Dieser Wert wurde danach durch die Anzahl Abstimmungen dividiert, an denen das Ratsmitglied anwesend war (also entweder Ja oder Nein gestimmt oder sich der Stimme enthalten hat). Daraus resultiert für Linda De Ventura der gerundete Wert von -0,86 auf der Links-Rechts-Skala.

Diese Methodik unterscheidet sich von anderen Links-Rechts-Ratings wie beispielsweise jenem der Firma «sotomo» von Politgeograf Michael Hermann, der jeweils für die NZZ ein Nationalratsranking erstellt. Das Ranking der «az» ist darum nicht vergleichbar mit anderen Links-Rechts-Analysen, erst recht nicht von anderen Parlamenten.

Insgesamt hat die «az» 120 Abstimmungen erfasst. Darunter gab es aber auch Abstimmungen, die sich nicht in das Links-Rechts-Schema einordnen lassen oder einstimmig ausgefallen sind, wie beispielsweise die Abstimmungen über die Geschäftsberichte der kantonalen Gebäudeversicherung oder der Kantonalbank.

Diese Analyse erschien am 29. Dezember 2016 in der «schaffhauser az».

FDP & SVP: Keine Unterschiede

Der «bürgerliche Schulterschluss» existiert nicht nur bei Wahlen, sondern auch bei städtischen Volksabstimmungen. In der zu Ende gehenden Legislatur fällten FDP und SVP immer die gleiche Parole. Das schafften nicht mal SP und Juso.

Mitten in der Legislatur wählten die Schaffhauser Daniel Preisig (SVP) in den Stadtrat und verschafften damit FDP und SVP eine Mehrheit in der Regierung. Die Linken verfluchten das Wahlresultat und sahen düsteren Zeiten entgegen. Doch wie sich nun – zwei Jahre später – herausstellt, blieb die rechte Revolution weitgehend aus. Einerseits lag das an FDP-Stadtrat Urs Hunziker, der das eine oder andere Mal gegen das Duo Preisig/Rohner stimmte und damit rechten Maximalforderungen nach einer höheren Steuersenkung oder einem billigeren Breite-Schulhaus eine Absage erteilte. Zu einem wesentlichen Teil war es aber auch das Parlament, das nicht so mitspielte, wie dies Freisinnige und SVPler gerne gehabt hätten.

Weil FDP, SVP und EDU zusammen nur 17 von 36 Sitzen innehaben, hatte der rechte Stadtrat keine Mehrheit im Gros­sen Stadtrat und war darum stets auf mindestens einen Unterstützer aus der Mitte-Fraktion mit ÖBS, GLP, EVP und CVP angewiesen, die sieben Sitze besetzt.

17-mal in der zu Ende gehenden Legislatur fiel ein Entscheid des Parlaments nur mit einer Stimme Unterschied oder gar mit dem Stichentscheid des Ratspräsidenten aus. Nicht immer wurden wichtige Entscheide dermassen knapp gefällt. Aber manchmal schon, vor allem während der Budgetdebatten. In den letzten beiden Jahren wurden jeweils vier Entscheide mit einer Stimme Differenz gefällt – unter anderem, weil die Mitte-Fraktion nicht geschlossen abstimmte.

Die Macht einer Stimme
So war es Georg Merz (ÖBS), der vor einem Jahr die entscheidende Stimme gegen die Erhöhung der Subventionen für Kammgarn, Taptab und Vebikus abgab, die der jungfreisinnige Grossstadtrat Till Hardmeier gefordert hatte. Merz stellte sich hinter den Sparantrag und nahm Till Hardmeier gegen Angriffe des Stadtrates und von linker Seite gar in Schutz: «Ich glaube, Till Hardmeier will nicht die ganze Kultur an die Wand fahren», sagte er damals. Die Kürzung um 33’000 Franken bezeichnete er als «verantwortbar».

An der gleichen Sitzung lehnte seine Fraktionskollegin Theresia Derksen (CVP) zuerst eine Steuersenkung um drei Prozentpunkte ab, stimmte danach aber als einzige ihrer Fraktion für eine Steuersenkung um einen Prozentpunkt (den sogenannten Steuerrabatt) und damit gegen den Antrag ihres Fraktionskollegen René Schmidt (GLP), der den Steuerfuss unverändert lassen wollte.

Labile Mitte, vereinte Rechte
Wie unterschiedlich die Mittefraktion tickt, zeigen auch die Parolen der vier Parteien zu den städtischen Volksabstimmungen. 19-mal mussten die Stimmberechtigten der Stadt seit Januar 2013 zur Urne, um entweder Ja, Nein oder bei Stichfragen ein Kreuz auf ihren Stimmzettel zu kritzeln. In wichtigen Fragen waren ÖBS, GLP, EVP und CVP nicht gleicher Meinung, beispielsweise beim Breite-Schulhaus und beim Lindli-Verkauf. Dann, wenn man nur noch Ja oder Nein sagen kann, kippt die ÖBS eher nach links, die CVP nach rechts. Königsmacherin ist die GLP, die seit der Abstimmung über das FCS-Stadion im März 2015 jede städtische Volksabstimmung gewonnen hat – 13-mal in Folge.

Im Gegensatz zur labilen Mitte marschieren FDP und SVP konsequent im Gleichschritt. Beide Parteien haben zu ­allen 19 Volksabstimmungen inklusive Stichfragen exakt dieselben Parolen herausgegeben. So bekämpften Freisinnige und SVPler erfolgreich die 2000-Watt-Gesellschaft und die linken Wohnbau-Initiativen. Und gemeinsam verloren sie die Abstimmungen über das Breite-Schulhaus und den Verkauf des Lindli-Areals.

Zum Vergleich: Nicht einmal SP und Juso sind immer gleicher Meinung. Die Jungpartei war in vier der 19 Sachfragen anderer Ansicht, beispielsweise bei den Abstimmungen über den FCS-Park und den Verkauf des Hohberg-Areals. In beiden Fällen empfahl die Juso ein Nein, die SP ein Ja.

Die je nach Thema unklaren Mehrheitsverhältnisse im Parlament widerspiegeln auch die politische Stimmungslage in der Schaffhauser Bevölkerung. Und das muss man dem Grossen Stadtrat zugute halten: In zwei wichtigen Fragen – dem Breite-Schulhaus und dem Lindli-Areal – haben sowohl die linke wie auch die rechte Ratsseite eingesehen, dass man sich nicht einig wird. Im Gegensatz zum Kantonsrat, der zuletzt das Raumplanungsgesetz scheitern liess, einigte man sich auf einen Kompromiss und liess das Stimmvolk zwischen zwei Varianten entscheiden.

Abschlusszeugnis: gut
Insgesamt kann sich die Arbeit des Gros­sen Stadtrates mehr als sehen lassen. Seit Januar 2013 wurden Vorlagen des Parlaments nur in drei Fällen vom Stimmvolk verworfen: beim FCS-Park, beim Verkauf des Hohberg-Areals und bei der 2000-Watt-Gesellschaft. Diese Bilanz zeigt, dass der Grosse Stadtrat deutlich näher beim Volk politisiert als der Kantonsrat, der im gleichen Zeitraum mit nahezu allen bedeutenden Vorlagen gescheitert ist. Dem städtischen Parlament darf darum ein gutes Zeugnis ausgestellt werden, obwohl die Wortgefechte bisweilen unterirdisches Niveau erreichen. Dann verhallen sogar «Pschhht»-Aufrufe im Minutentakt wirkungslos.

Landverkäufe haben’s schwer
Die Bilanz nach Parteien zeigt auch, dass sowohl rechte wie linke Maximalforderungen von einer Mehrheit nicht unterstützt werden. SP, AL und Juso scheiterten mit ihren Wohnbau- und Boden-Initia­tiven ebenso wie FDP und SVP in Sachen Breite-Schulhaus und Lindli-Verkauf.

Überraschende Zeichen hat das Stimmvolk kaum gesetzt, einzig in Sachen Bodenpolitik zeigt sich eine Tendenz. Dreimal entschieden die Stimmberechtigten der Stadt darüber, ob sie städtischen Boden verkaufen wollen oder nicht. Nur dem Verkauf eines Grundstücks an der Artilleriestrasse wurde an der Urne zugestimmt. Zuvor haben die Schaffhauser den Verkauf einer Hohberg-Parzelle abgelehnt. In diesem Jahr scheiterte auch der Verkauf des Lindli-Areals – deutlich.
Symbolisch dafür steht der Meinungswechsel bei den Sozialdemokraten. Während die SP Anfang 2013 den Verkauf der Hohberg-Parzelle noch unterstützte, gab sie später zum Landverkauf an der Artilleriestrasse Stimmfreigabe heraus. Den Verkauf des Lindli-Areals lehnte die Partei dann schliesslich ab, genau so wie ÖBS und GLP. Es scheint, als wären Landverkäufe heute nicht mehr mehrheits­fähig.

Diese Analyse erschien am 17. November 2016 in der «schaffhauser az».

Höhenflug und Bruchlandung

Zugpferd Katrin Bernath beflügelt die erstmals zu den Kantonsratswahlen angetretene Grünliberale Partei. Hingegen wurde die AL auf den Boden der Realität zurückgeholt – weil sie es verpasst hat, auf dem Land Fuss zu fassen. Und in der Stadt scheint sie ihren Zenit erreicht zu haben. Eine Analyse.

Was in Zürich gerade in Mode ist, kommt in Schaffhausen zehn Jahre später an. Diesen Eindruck hinterlassen die Wahlen vom Sonntag. Im April 2007 trat die neu gegründete Grünliberale Partei im Kanton Zürich zum ersten Mal zu den Kantonsratswahlen an, nachdem sie sich von den Grünen abgespalten hatte. Aus dem Stand holte die neue Partei 5,8 Prozent der Stimmen.

Am Sonntag hatte die Schaffhauser GLP ihre Feuertaufe – und meisterte sie mit Bravour. Bei ihren ersten kantonalen Parlamentswahlen machte sie 5,7 Prozent der Stimmen, obwohl sie nicht einmal in allen Wahlkreisen antrat. Die Grünliberalen sind damit fünftstärkste Partei im Kanton. Dazu kommt auch noch Glück: Ihr Wähleranteil entspricht exakt 3,5 von 60 Kantonsratssitzen – macht aufgerundet vier Sitze. Zwei mehr als bisher.

Sieg auf Kosten der Linken
Zwei Gründe für den Erfolg der GLP liegen auf der Hand. Erstens sammelte die GLP wohl die 3,5 Prozent der Stimmen, welche die ÖBS gegenüber 2012 verloren hat.

Zweitens zog die Lokomotive Katrin Bernath massiv Stimmen an. Die vor einem Monat in den Schaffhauser Stadtrat gewählte Umweltökonomin holte fast 1700 Stimmen von fremden Listen – so viele wie kein anderer Kandidat im ganzen Kanton. Und: Sie ist vor allem bei linken Wählern beliebt. 800 dieser 1700 Stimmen bekam Bernath von SP-, AL- und ÖBS-Wählern, 500 von freien Listen, nur 300 von SVP, FDP und EDU, 100 von CVP und EVP.

Neben Bernath erhielten auch die anderen Kandidaten der städtischen GLP eher im linken als im rechten Lager zusätzliche Stimmen. So erreichten die Grünliberalen in der Stadt einen Wähleranteil von 8,5 Prozent – deutlich mehr als auf dem Land. Das verwundert nicht.

Bereits nach den Zürcher Kantonsratswahlen 2007 schrieb das Forschungsinstitut «gfs.bern» über die GLP-Wähler: «Sie kommen vorwiegend aus dem Mitte/Links-Spektrum und siedeln sich auch weiterhin dort an. Sie stehen links der CVP, auch der EVP, aber klar näher dem Zentrum als die SP und die Grünen. Sie sind weltanschaulich gemässigter als die Wählenden der klassischen rotgrünen Parteien. Sie wollen weniger Öffnung und mehr Sicherheit, und sie wollen vor allem mehr liberale, weniger staatliche Lösungen in der Politik.»

SP schafft die Kehrtwende
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass das linke Lager – bestehend aus SP, AL und Juso – praktisch gleich stark bleibt wie vor vier Jahren. Die SP legte 0,5 Prozent zu, die AL verlor 0,4 und die Juso 0,2 Prozent. Nachdem die Sozialdemokraten 2008 und 2012 Stimmen eingebüsst hatten – zu einem Teil an die AL –, ist es ihnen nun gelungen, wieder leicht zuzulegen.

Dass das linke Lager dennoch einen Sitz im Kantonsrat verliert, liegt an der AL. Die Alternative Liste hat das erste Mal seit der Gründung der Partei im Jahr 2003 bei Parlamentswahlen Wähler verloren. Besonders unglücklich: es sind entscheidende Stimmen.

Der Wähleranteil der AL (7,1 Prozent) reicht nur noch für 4,4 Sitze – und wird abgerundet. 2012 wurde das Wahlresultat der AL noch auf fünf Sitze aufgerundet, was zur Gründung einer eigenen Fraktion reichte. Nun muss sich die AL einen Partner suchen.

Einer der Gründe für die knappe Wahlniederlage ist offensichtlich. Die AL ist auf dem Land nach wie vor praktisch inexistent. Ausser dem wiedergewählten Trasadinger Gemeinderat Matthias Frick hat die Partei weder im Reiat noch in Neuhausen und Stein am Rhein bekannte Persönlichkeiten. Diese aufzubauen hat sie in den letzten vier Jahren verpasst. Sie stellt in keiner der Landgemeinden Vertreter in den kommunalen Parlamenten – sie ist nicht einmal zu den Wahlen angetreten. Dementsprechend ist die AL auf dem Land nach wie vor eine Kleinpartei, die Wähleranteile zwischen 2,7 Prozent (Reiat) und 5,4 Prozent (Stein am Rhein) macht. Gegenüber 2012 konnte die Alternative Liste ausserhalb der Stadt nur um 16 Stimmen zulegen. Sie verbleibt damit bei unter vier Prozent Wähleranteil. Wenn die AL stärker werden will, muss sie zwingend auf dem Land zulegen.

AL – das Maximum erreicht?
Kein Zuwachs auf dem Land ist der Grund, warum sich die AL nicht steigern konnte. Weshalb die Partei sogar verloren hat, ist schwieriger zu deuten. Möglicherweise profitierte die Partei in den letzten Jahren davon, dass sie als neue, unverbrauchte Kraft Stimmen von parteiungebundenen Wählern abholte. Diesmal scheint es, als hätte ein Teil dieser Wähler die GLP-Liste eingeworfen.

Möglicherweise hat die AL mit 11,4 Prozent Wähleranteil in der Stadt aber auch ihren Zenit erreicht. In keiner anderen bedeutenden Stadt der Deutschschweiz holt eine Partei links der SP mehr Stimmen als die AL in der Munotstadt. In Zürich machte die Alternative Liste bei den städtischen Parlamentswahlen 2014 6,5 Prozent, in Winterthur 3,4 Prozent. In der Stadt Bern erreichen mehrere linke Kleinparteien zusammen rund sechs Prozent. Im Kanton Basel-Stadt vereint das «Grüne Bündnis», zu dem auch die linksalternative Gruppe «Basta!» zählt, zwar rund 12 Prozent der Stimmen – aber eben nur mit den Grünen zusammen. In St. Gallen und Luzern gibt es neben SP und Grünen keine weitere Linkspartei.

Gleichzeitig zeigten die Stadtschulratswahlen, dass die Schaffhauser AL durchaus Personen in den eigenen Reihen hat, die bis weit in die Mitte wählbar sind.

SVP vergibt Sitz Nummer 22
Insgesamt ändert sich an den Mehrheitsverhältnissen im Kantonsrat so gut wie nichts. SVP und FDP halten mit ihren Jungparteien und der EDU weiterhin die absolute Mehrheit (siehe Grafik unten). Sie holen zusammen 33 der 60 Sitze – gleich viele wie vor den Wahlen. Die SVP stellt mit 21 Sitzen klar am meisten Kantonsräte. Einen möglichen 22. Sitz vergab die Partei mit ihrer Taktik, mit fünf verschiedenen Listen anzutreten. Hätte die SVP nur eine Liste eingereicht und damit gleich viele Stimmen geholt, hätte sie 22 Sitze erobert. Weil sich die Stimmen aber aufteilten und vier der fünf Listen abgerundet wurden, reichte es nur für 21 Sitze.

Die Mitte mit CVP, EVP, GLP und ÖBS legt einen Sitz zu und kommt auf neun Sitze. SP, Juso und AL schicken neu nur noch 18 Vertreter in den Kantonsrat.

Resultat Kantonsratswahlen:
SVP: 33.1% | +3.9% | 20 Sitze
SP: 21.5% | +0.5% | 13 Sitze
FDP: 13.9% | -1.1% | 9 Sitze
AL: 7.1% | -0.4% | 4 Sitze
GLP: 5.7% | +5.7% | 4 Sitze
ÖBS: 3.9% | -3.5% | 2 Sitze
EDU: 3.9% | +0.3% | 2 Sitze
CVP: 3.7% | -1.2% | 2 Sitze
EVP: 2.4% | +0.2% | 1 Sitz
JSVP: 2.0% | -2.4% | 1 Sitz
jf: 1.7% | -1.6% | 1 Sitz
Juso: 1.3% | -0.2% | 1 Sitz

Diese Analyse erschien am 29. September in der «schaffhauser az» .

Bilanz der Legislatur 2013-2016

Die Verlierer
Über 21 kantonale Vorlagen musste das Schaffhauser Stimmvolk seit Beginn der aktuellen Legislatur im Januar 2013 entscheiden. Nur acht Mal folgte es dabei den Parolen der FDP. Damit verloren die Freisinnigen von allen Parteien am meisten Volksabstimmungen. Das liegt unter anderem daran, dass die FDP die regierungstreuste Partei ist. Nur in zwei Fällen folgte die FDP nicht dem Regierungsrat.

Zuletzt unterstützte die FDP als einzige Partei erfolglos sämtliche Massnahmen des Sparpakets ESH4. Weiter entschied das Stimmvolk bei der Strukturreform, dem Tourismusgesetz, dem Budget 2015, dem Wasserwirtschaftsgesetz, den Sparmassnahmen bei den Landeskirchen und der Schulzahnklinik sowie bei der Stahlgiesserei-Vorlage und der «Steuern runter»-Initiative gegen die Empfehlung der Freisinnigen.

Die Sieger
Am anderen Ende der Skala steht ausgerechnet die Jungpartei der FDP. Die Jungfreisinnigen gewannen 14 der 21 Vorlagen und dürfen sich damit bis jetzt als Sieger dieser Legislatur fühlen. Das liegt unter anderem daran, dass die jungen Liberalen acht Mal eine andere Parole herausgaben als die FDP. Unter anderem lehnten die Jungfreisinnigen das Tourismusgesetz und die Strukturreform ab. Mit ihrem Kernanliegen – der eigenen Volksinitiative «Steuern runter» – erlitten die Jungfreisinnigen allerdings Schiffbruch.

Auf Platz zwei folgt die EVP, der die Stimmberechtigten 13 Mal folgten.

Die starke Opposition
Am häufigsten bekämpften SP und AL Vorlagen des Regierungsrates. Beide Parteien gingen seit Januar 2013 jeweils 14 Mal in die Opposition – meistens erfolgreich. Die SP gewann neun Mal, wenn sie Regierungs- und Kantonsrat bekämpfte, die AL acht Mal. Insgesamt gewann die SP zwölf Volksabstimmungen, die AL zehn. Unterschiede zwischen den beiden Parteien zeigten sich unter anderem beim Spitalgesetz, beim Tourismusgesetz und beim Wasserwirtschaftsgesetz.

Wenn es darum geht, Vorlagen der Regierung zu bekämpfen, ist auch die SVP stark. Die Volkspartei ging zwar nur in sechs von 21 Fällen in die Opposition, gewann dabei aber immerhin fünf Mal. Das zeigt deutlich: Wenn eine der beiden gros­sen Parteien SP und SVP eine Vorlage bekämpft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie abgelehnt wird. Gleichzeitig war das Parlament so schwach wie noch nie seit mindestens 1977. In der Legislatur 2013–2016 brachte es beim Stimmvolk nur 38 Prozent der Vorlagen durch. In den früheren Legislaturen seit 1977 wurden jeweils zwischen 70 und 96 Prozent der Vorlagen von Kantons- und Regierungsrat von den Stimmberechtigten angenommen.

Diese Analyse erschien am 15. September 2016 in der «schaffhauser az».

Aufgelaufen

Die FDP kann ihren zweiten Stadtratssitz nicht verteidigen, Diego Faccani verliert das Duell gegen Katrin Bernath. Der «bürgerliche Schulterschluss» ist gescheitert. Die Analyse zu den Stadtratswahlen.

Es ist eine historische Niederlage. Mit zwei Ausnahmen war die Schaffhauser FDP seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mit mindestens zwei Vertretern in der Schaffhauser Stadtregierung vertreten. Ab 2017 wird das nicht mehr der Fall sein. Am Sonntag wählte die Stimmbevölkerung Katrin Bernath (GLP) neu in den Stadtrat. Diego Faccani (FDP), der den Sitz seines Parteikollegen Urs Hunziker verteidigen sollte, hatte das Nachsehen – und zwar deutlich. Faccani holte gerade mal drei Viertel so viel Stimmen wie die Kandidatin der Grünliberalen. Diese wiederum liess sogar Finanzreferent Daniel Preisig (SVP) hinter sich.

Als Stadtrat gewählt:
Peter Neukomm (SP): 7869 Stimmen
Simon Stocker (AL): 7232 Stimmen
Raphaël Rohner (FDP): 6179 Stimmen
Katrin Bernath (GLP): 6095 Stimmen
Daniel Preisig (SVP): 5804 Stimmen

Nicht gewählt:
Diego Faccani (FDP): 4642 Stimmen

Dass die FDP ihren zweiten Sitz verliert, war – wäre sie auf dem aktuellen Kurs weitergesegelt – nur eine Frage der Zeit. Zu schwach hat sich die Partei in den letzten Jahren präsentiert. In der Stadt büssten die Freisinnigen in den letzten Jahren bei allen Parlamentswahlen Stimmen ein, ob Grossstadtrat, Kantonsrat oder Nationalrat. Das führte dazu, dass die Partei Sitz um Sitz verlor: 2007 mussten die Freisinnigen ihren Nationalratssitz an Thomas Hurter (SVP) abgeben, 2008 ging das Stadtpräsidium an Thomas Feurer (ÖBS), und 2011 unterlag Christian Heydecker im Kampf um den bis dato freisinnigen Ständeratssitz dem Neuhauser Unternehmer Thomas Minder (parteilos). Den zweiten Schaffhauser Stadtratssitz rettete die Partei vor vier Jahren nur mit einem Vorsprung von 25 (!) Stimmen auf die SP.

Verheerender Schulterschluss
Nach diesem Schuss vor den Bug verbrüderte sich die FDP mit der SVP. Ein Fehler, denn heute ist klar: Die Wahl von SVP-Mann Daniel Preisig, welche die FDP vor zwei Jahren tatkräftig mitunterstützte, war einer der Hauptgründe, warum die Freisinnigen am Sonntag ihren zweiten Sitz verloren haben. Damals im Herbst 2014, nach dem Rücktritt von Thomas Feurer, trat Katrin Bernath bereits einmal an. Zudem schickte die SP Katrin Huber Ott ins Rennen. Beide unterlagen Preisig.

Hätten sich die Freisinnigen damals nicht vehement für Preisig ausgesprochen – vielleicht stattdessen sogar für Bernath –, wäre die GLP-Kandidatin wohl schon 2014 gewählt worden. Die SVP wiederum hätte wohl in diesem Jahr angegriffen – gegen die FDP. In diesem Fall wären die Freisinnigen aber ziemlich sicher von den Mitte- und Linkswählern unterstützt worden. Der Angriff der SVP wäre dadurch chancenlos gewesen.

Fakt bleibt: Der «bürgerliche Schulterschluss» hat der FDP in der Stadt bis heute rein gar nichts gebracht. Dafür hat die Partei ihre Eigenständigkeit inzwischen fast komplett aufgegeben. Sie war nicht einmal in der Lage, bei der Wahl um die Verteidigung des eigenen Stadtratssitzes den Lead im Wahlkampf zu übernehmen. Diesen überliess sie den SVP-Grossstadträten Hermann Schlatter und Mariano Fio­retti.

Kritik aus den eigenen Reihen
Diese Entwicklung gefällt längst nicht allen Freisinnigen. Ein altgedientes FDP-Mitglied, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, kritisiert gegenüber der «az» die «Anbiederung nach rechts» und moniert: «Das Verhalten der bürgerlichen Stadträte ist eine Frechheit. Es kann nicht sein, dass man die Stadträte der anderen, linken Parteien mit der eigenen Mehrheit so an die Wand drückt.»

Eine kritische Stimme, die anscheinden ungehört verhallt. Denn die Haupt-Protagonisten von FDP und SVP, Stephan Schlatter (Präsident FDP Stadt), Diego Faccani, Daniel Preisig und Hermann Schlatter, lobten noch am Wahlabend im Haus der Wirtschaft die «hervorragende Zusammenarbeit», «den guten Wahlkampf» und dankten für die gegenseitige Unterstützung.

Hermann Schlatter «hat gedacht, es reicht», warum es doch nicht klappte, «müssen wir analysieren». Diego Faccani vermutet, «vielleicht hat der Frauenbonus eine Rolle gespielt». Klar ist für den unterlegenen Stadtratskandidaten: Katrin Bernath wurde vor allem von den Linken gewählt. Eine Einschätzung, die mit Sicherheit zutrifft und ihre Gründe hat.

Die Kulturszene im Rücken
Ein Indiz dafür, dass entweder die Wahlbeteiligung links der Mitte stärker war als auf der rechten Seite oder selbst viele bürgerliche Wähler die linken Kandidaten wählten, zeigen die Resultate von Peter Neukomm (SP) und Simon Stocker (AL). Beide konnten gegenüber 2012 an Stimmen zulegen – obwohl sich die Zahl der gültigen Stimmen ingesamt kaum veränderte.

Stocker machte im Vergleich zur letzten Erneuerungswahl mehr als 1600 Stimmen vorwärts, Neukomm immerhin 550, wobei er schon 2012 mit einem riesigen Vorsprung von knapp 1700 Stimmen vor dem zweitplatzierten Thomas Feurer landete.
Der Grund für das starke linke Lager und die deutliche Wahl von Katrin Bernath könnte auf den 8. Dezember 2015 zurückzuführen sein. Vielleicht haben die FDP und Diego Faccani schon damals den entscheidenden Fehler gemacht, als sie – angespornt von der SVP – im Stadtparlament die Kultursubventionen kürzten und sich damit völlig unnötigerweise einen neuen Gegner geschaffen haben: die Kulturszene.

Katrin Bernath wiederum nahm an den Treffen des kurze Zeit später neu ins Leben gerufenen Kulturbündnisses teil und zeigte, dass sie sich für die Schaffhauser Kulturszene einsetzt. Hinter den Kulissen mobilisierte die Szene darum kräftig für die Wahl von Katrin Bernath. Denn für die Kulturschaffenden war klar: Selten war eine Wahl so eminent wichtig wie diese.

Ob der Frauenbonus – Bernath zieht nach Veronika Heller (SP, 1998–2008) und Jeanette Storrer (FDP, 2009–2012) als erst dritte Frau in die Stadtregierung ein – wirklich eine dermassen entscheidende Rolle spielte, erscheint hingegen fragwürdig. Denn Frauen wählen so oder so linker als Männer, das zeigen Studien immer wieder. Sprich: Frauen hätten wohl auch eher einen GLP-Mann statt einen FDP-Mann gewählt.

Klar aufgegangen ist die Taktik der SP, auf einen Angriff für einen zweiten Sitz zu verzichten und stattdessen Katrin Bernath zu unterstützen. Damit konnten die Sozialdemokraten korrigieren, was sie 2014 selber mitbewirkt hatten: die rechtskonservative Mehrheit. Denn Katrin Bernath brachte am Sonntag nachträglich den Beweis: Hätte sich die SP vor zwei Jahren zurückgehalten und Katrin Bernath wäre allein gegen Preisig angetreten, hätte sie gewonnen – und die SVP wäre heute nicht im Stadtrat vertreten.

Dieser Artikel erschien am 1. September 2016 in der «schaffhauser az»

Näher dran, aber doch vorbei

Die FDP verteidigt ihren zweiten Sitz in der Kantonsregierung gegen den Angriff von SP, AL und ÖBS. Warum die Taktik der Linken – obwohl sie nicht zum Ziel führte – dennoch richtig war.

Als Regierungsrat gewählt:
Ernst Landolt (SVP, bisher): 15’451 Stimmen
Christian Amsler (FDP, bisher): 14’858 Stimmen
Rosmarie Widmer Gysel (SVP, bisher): 13’915 Stimmen
Martin Kessler (FDP, neu): 12’106 Stimmen
Walter Vogelsanger (SP, neu): 11’373 Stimmen

Nicht gewählt:
Kurt Zubler (SP, neu): 10’431 Stimmen
Linda De Ventura (AL, neu): 4731 Stimmen
Susi Stühlinger (AL, neu): 3960 Stimmen
Jürg Biedermann (ÖBS): 3884 Stimmen

Haben AL und ÖBS den zweiten Regierungsratssitz der SP verhindert? Diese Frage wurde am Sonntag schnell aufgeworfen. Unter anderem meinte der Politexperte von «Tele Top», Matthias Kappeler, fünf linke Kandidaten ins Rennen zu schicken, sei die falsche Strategie gewesen.

In der Tat könnte man meinen, wenn man die Stimmen von AL und ÖBS den beiden SP-Kandidaten hinzurechnet, hätte es für den zweiten SP-Sitz gereicht. Doch diese Milchbüechli-Rechnung hat einen Haken: Diejenigen, die AL und ÖBS gewählt haben, dürften zu einem sehr grossen Teil die gleichen Personen sein, die auch die beiden SP-Kandidaten aufgeschrieben haben. Sprich: Diese Wähler hätten anstelle eines AL- oder ÖBS-Kandidaten nicht nochmals einen SPler aufschreiben können, sondern hätten die restlichen Linien auf dem Wahlzettel wohl leer gelassen oder sogar bürgerliche Kandidaten gewählt. Letzteres hätte wiederum dazu geführt, dass die SP-Kandidaten im Vergleich zu ihren Kontrahenten von FDP und SVP noch mehr an Boden verloren hätten. Sprich: Auch ohne linkes Fünferticket hätte die SP den zweiten Sitz verpasst – vermutlich sogar noch deutlicher. Das zeigt auch der Vergleich mit der Wahl vor vier Jahren – als auf linker Seite mit Ursula Hafner-Wipf und Werner Bächtold (beide SP) nur zwei Kandidaten zur Verfügung standen. Damals war die Zahl der leeren Stimmen mit 54’812 enorm hoch. Am Sonntag hat sich diese auf 25’539 mehr als halbiert.

In den Reihen der SP wurden zudem Stimmen laut, die einen zweiten Wahlgang befürchteten, wenn sie neben den eigenen Kandidaten auch noch Linda De Ventura, Susi Stühlinger und Jürg Biedermann gewählt hätten. Doch auch dieses Szenario war von Anfang an nahezu ausgeschlossen. Bereits 2012 holte Werner Bächtold als Sechstplatzierter fast 1000 Stimmen mehr als das absolute Mehr. Diesmal übertraf Kurt Zubler die gesetzlich vorgesehene Wahlhürde noch deutlicher.

Fakt ist: Walter Vogelsanger und Kurt Zubler holten mehr Stimmen als das Duo Werner Bächtold und Ursula Hafner-Wipf vor vier Jahren, wobei Letztere sogar als Bisherige angetreten war. Kurt Zubler machte über 1400 Stimmen mehr als Werner Bächtold und blieb nur 1700 Stimmen hinter Direktkonkurrent Martin Kessler (FDP). 2012 holte Bächtold über 3000 Stimmen weniger als seine direkte Kontrahentin Rosmarie Widmer Gysel (SVP). Dass es trotzdem nicht für einen zweiten Sitz reichte, liegt an der Wählerbasis der SVP, die offensichtlich sehr zahlreich Martin Kessler gewählt hat – obwohl SVP und FDP sich offiziell nicht gegenseitig zur Wahl empfahlen.

Zudem ist die Strategie der FDP, einen Kandidaten vom Land ins Rennen zu schicken, aufgegangen. Kessler holte als neuer Kandidat ausserhalb der Stadt sogar mehr Stimmen als Reto Dubach vor vier Jahren als Bisheriger. Das ist bemerkenswert.

Diese Analyse erschien am 1. September 2016 in der «schaffhauser az».

Teurer als erlaubt

Seit SVP-Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel die Schaffhauser Polizei übernommen hat, überschreitet diese jedes Jahr ihr Budget. Insgesamt hat die Polizei über fünf Millionen Franken mehr ausgegeben, als ihr zustand. Auf Druck einiger Kantonsräte kontrolliert die Finanzkontrolle nun die Polizeiausgaben.

Drohen die Polizeikosten aus dem Ruder zu laufen? Hat Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel die Finanzen ihrer Polizei nicht im Griff?

Fakt ist: Jahr für Jahr verschlingt die Schaffhauser Polizei mehr Geld. Gab der Kanton 2009, als Heinz Albicker noch Finanzdirektor war, 26,8 Millionen Franken für die Polizei aus, waren es 2015 schon fast 30 Millionen Franken. Das entspricht einer Zunahme um zwölf Prozent. Aber nicht nur das: In jedem Jahr, seit SVP-Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel am 1. April 2010 vom Erziehungsdepartement ins Finanzdepartement wechselte und damit die Verantwortung für die Schaffhauser Polizei übernahm, die dem Finanzdepartement unterstellt ist, hat die Polizei ihr Budget überschritten. Insgesamt hat die Polizei in den Jahren unter Rosmarie Widmer Gysel über fünf Millionen Franken mehr ausgegeben, als ihr laut Budget zugestanden hätte. Allein im Jahr 2012 waren es fast zwei Millionen Franken mehr als ursprünglich kalkuliert. 2013 war es wieder eine Million. Zuletzt, 2015, gab die Polizei 470’000 Franken mehr aus – unter anderem, weil der Regierungsrat nachträglich 92’000 Franken für Waffen gegen die «Terror-Gefahr» genehmigte (siehe «az» vom 6.5.2016).

Fünf Millionen in sechs Jahren
Mit den Budgetüberschreitungen konfrontiert, weist die Finanzdirektorin darauf hin, dass die Überschreitungen im Verhältnis zum gesamten Budget betrachtet werden müssten: «Bei kumulierten Ausgaben über sechs Jahre in der Höhe von 175,9 Mio. Franken entspricht dies einer Budgetüberschreitung um 2,9 Prozent.» Zudem würden höhere Ausgaben auch höhere Einnahmen generieren, sagt Rosmarie Widmer Gysel.

Der Vergleich von Ausgaben und Einnahmen zeigt tatsächlich, dass die Schaffhauser Polizei in den Jahren 2014 und 2015 mehr Geld eingenommen hat, als jeweils budgetiert war. In den Jahren 2010 bis 2013 war aber das Gegenteil der Fall, auch die Einnahmen blieben teilweise deutlich unter den Erwartungen. Unter dem Strich resultiert somit ein höherer Nettoaufwand von über fünf Millionen Franken seit 2010.

Hauptgrund: die Lohnkosten
Einer der Hauptgründe für die Budgetüberschreitungen bei der Schaffhauser Polizei sind die Lohnkosten. In jedem Jahr unter der Führung von Rosmarie Widmer Gysel ausser 2015 gab die Polizei – teilweise massiv – mehr Geld für die Löhne aus, als budgetiert war. Insgesamt stiegen die Lohnkosten von 17,8 Millionen Franken (2010) auf 19 Millionen (2015). Dazu beschäftigt die Schaffhauser Polizei mehr Personal, als der Kantonsrat bewilligt hat (siehe «az» vom 3.12.2015).

Nun überprüft die Finanzkontrolle von Kanton und Stadt Schaffhausen (Fiko) die Bücher der Schaffhauser Polizei. Das bestätigt der Leiter der Finanzkontrolle, Patrik Eichkorn, auf Anfrage der «az». Nur, die Budgetüberschreitungen der letzten Jahre seien nicht der Anlass für diese sogenannte Schwerpunktprüfung, «da Abweichungen in Aufwand und Ertrag sich nahezu aufgehoben haben», sagt Patrik Eichkorn. Wie bereits dargelegt, mag Eichkorns Aussage für die Jahre 2014 und 2015 zutreffen, nicht aber für die früheren Jahre. Das belegen die Zahlen eindeutig.

Was ist dann der Grund für die Untersuchung? Gibt es gar keinen? Ist alles nur reiner Zufall? Diesen Eindruck erwecken zumindest die Aussagen von Rosmarie Widmer Gysel und Patrik Eichkorn.

Rosmarie Widmer Gysel sagt: «Die Finanzkontrolle führt jedes Jahr Schwerpunktprüfungen durch.» Dabei gehe es «um die Prüfung der Ordnungsmässigkeit und Wirtschaftlichkeit». 2014 wurden unter anderen die Musikschulen überprüft, im letzten Jahr das Gesundheitsamt.

Fiko-Leiter Patrik Eichkorn bestätigt die Aussagen von Widmer Gysel: «Die Auswahl für eine solche Prüfung erfolgt aufgrund einer Risikoanalyse von 18 Faktoren wie beispielsweise Buchführung, Ertragssituation, Zunahme von öffentlichen Leistungen.» Und er ergänzt: «Die Schwerpunktprüfung der Schaffhauser Polizei war bereits für das Jahr 2015 vorgesehen, konnte aus Kapazitätsgründen aber nicht durchgeführt werden.» Nun erfolge sie eben in diesem Jahr.

GPK forderte die Untersuchung
Die Aussagen von Widmer Gysel und Eichkorn sind aber nur die halbe Wahrheit: Dass die Untersuchung bei der Schaffhauser Polizei jetzt erfolgt und nicht wieder aufgeschoben wird, entspricht einer Forderung aus der Politik. Der Präsident der Geschäftsprüfungskommission des Schaffhauser Kantonsrats (GPK), Patrick Stras­ser, sagt auf Anfrage der «az», dass die Polizei auch in der GPK ein Thema war. Bereits 2014 habe sich die GPK an einer Sitzung vertieft mit der Polizei auseinandergesetzt. Dabei wurden die gestiegenen Lohnkosten diskutiert und wurde kritisiert, dass der administrative Arbeitsanfall bei der Schaffhauser Polizei zulasten der Patrouillentätigkeit zunehme. «Anfang dieses Jahr forderte ein GPK-Mitglied schliesslich, dass die Fiko die Bücher der Polizei überprüft. Die Mehrheit der GPK stimmte einem Antrag zu, dass die Fiko diese Schwerpunktprüfung prioritär behandeln soll», sagt Strasser.

Während die Untersuchung läuft, zeigt sich Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel überzeugt, dass diese keine Unregelmässigkeiten in den Büchern der Polizei zu Tage bringt: «Wie immer ist alles ganz transparent.»

Dieser Artikel erschien am 18. August 2016 in der «schaffhauser az».

Kanton zahlt «SN»-Studie

Die Meier & Cie AG wollte zusammen mit der Journalistenschule MAZ eine Schaffhauser Medienakademie gründen. Dann sagte das MAZ ab – «unrentabel», lautete sein Fazit. Die Meier & Cie AG lässt aber noch nicht locker. Und bekommt für die Planung der Medienakademie Geld vom Kanton.

Das dominierende Schaffhauser Medienunternehmen, die Meier & Cie AG, wollte einen nächsten Schritt wagen: eine eigene Journalistenschule, hier in Schaffhausen. Das Ziel: Angehende Journalisten vor Ort ausbilden und damit den eigenen Nachwuchs sicherstellen. Praktische Erfahrungen hätten die Studenten gleich in den Subunternehmen der Meier & Cie AG sammeln können: bei den Schaffhauser Nachrichten, Radio Munot oder dem Schaffhauser Fernsehen.

Nach dem unerwarteten Tod des ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten Norbert Neininger vor einem Jahr geriet das Projekt allerdings ins Stocken – die Zeit verging, ohne dass sich etwas tat. Doch vom Tisch ist die Medienakademie noch nicht. Der Kanton Schaffhausen hat die Leistungsvereinbarung mit dem Mutterhaus der Schaffhauser Nachrichten um ein Jahr bis Ende Dezember 2016 verlängert. Das ist dem Verwaltungsbericht 2015 des Kantons zu entnehmen.

«Unrentabel», sagt das MAZ
Das erstaunt aus zwei Gründen. Erstens wurde die Leistungsvereinbarung nicht auf den neusten Stand gebracht. Noch immer heisst es, die Meier & Cie AG als Projektträgerin möchte «in Kooperation mit dem St. Galler Tagblatt und der Schweizer Journalistenschule MAZ ein umfassendes Aus- und Weiterbildungsangebot für junge zukünftige Medienschaffende» anbieten.

Dabei gab das MAZ bereits vor knapp zwei Jahren bekannt, dass es aus dem Projekt aussteigt. Gegenüber der «az» bestätigt Direktor Diego Yanez, dass das MAZ definitiv nicht mitmacht – was zum zweiten Grund führt: «Wir sind der Ansicht, dass eine regionale Journalistenschule in Schaffhausen nicht wirtschaftlich rentabel betrieben werden kann», sagt Yanez. Seiner Ansicht nach braucht eine Journalistenschule eine gewisse Grös­se. Das MAZ hat im Diplomlehrgang, in der zweijährigen Grundausbildung, zurzeit rund 40 Studierende pro Jahrgang. Im Raum Schaffhausen und in den angrenzenden Regionen rechnet er mit maximal fünf oder sechs Studierenden. «Das ist zu wenig,» Zudem habe das MAZ erkennen müssen, dass eine Journalistenschule in Schaffhausen das Luzerner Pendant konkurrenzieren könnte. Aus Schaffhausen werden zurzeit drei Studierende in Luzern ausgebildet – zwei im Lehrgang Radio, eine in der Diplomausbildung. Alle drei sind von Radio Munot.

Meier & Cie AG: Optimistisch
Unbeeindruckt von der Skepsis des MAZ, will die Meier & Cie AG erst eine Machbarkeitsstudie durchführen, um «zu prüfen, ob und mit welchem Angebot eine Medienakademie in Schaffhausen rentabel betrieben werden könnte», schreibt Beat Rechsteiner, der für die Meier & Cie AG die Verlängerung der Leistungsvereinbarung mit dem Kanton unterzeichnet hat. Im Gegensatz zum MAZ ist er der Ansicht, dass sich diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht beantworten lässt. Und er ergänzt: «Das Projekt verläuft nach Plan.»

Diese Studie, auf die das MAZ die Antwort bereits kennt, wird vom Kanton Schaffhausen mit 20’000 Franken aus der Staatskasse mitfinanziert. Dazu kommen 25’000 Franken vom Bund. Bei Gesamtkosten von 76’000 Franken heisst das: Der Steuerzahler finanziert eine Studie über ein Projekt – aus dem ein Projektträger bereits ausgestiegen ist – zu fast 60 Prozent.

Der Kanton wartet ab
Warum glaubt der Kanton trotz Absage des MAZ noch an dieses Projekt? Und wieso hat der Kanton eine Leistungsvereinbarung verlängert, die schon seit zwei Jahren nicht mehr aktuell ist?

Geld ist jedenfalls bisher noch keines geflossen, sagt Daniel Sattler, Sekretär des kantonalen Volkswirtschaftsdepartements, auf Anfrage der «az»: «Die Beiträge des Kantons werden jeweils erst entrichtet, wenn die Projektträger die in der Leistungsvereinbarung umschriebenen Leistungen erfüllt haben.» Aus diesem Grund sei auch keine Anpassung der Leistungsvereinbarung erforderlich. Ausserdem: «Bei Machbarkeitsprojekten geht es sodann um die Prüfung verschiedener Möglichkeiten. Der Abgang eines Allianzpartners bedeutet nicht gleich die Unmöglichkeit dieser Abklärungen.»

Sollte sich nach Abschluss dieser Abklärungen – und wenn die Steuergelder weg sind – allerdings herausstellen, dass sich eine Schaffhauser Journalistenschule nicht rentabel betreiben lässt, muss sich der Kanton kritische Fragen gefallen lassen.

Dieser Artikel erschien am 26. Mai 2016 in der «schaffhauser az».

Böser Bub Cédric war einmal

1.-Mai-Redner Cédric Wermuth über sein Image als «Bad Boy» und den drohenden Untergang des politischen Journalismus.

image

Herr Wermuth, lesen Sie eigentlich Leserkommentare?
Nicht mehr. Das habe ich mir eine Zeit lang angetan. Ich schaue manchmal, wenn ein neues Thema auf die politische Agenda kommt und es mich wirklich interessiert, wie die Leute darauf reagieren, ob es konstruktive Rückmeldungen gibt. Aber ich stelle fest, dass es jedes Mal zuerst eine Flut von Kommentaren gibt, die immer den gleichen Inhalt haben: Ich werde als Landesverräter beschimpft und beleidigt, ganz egal, um was es im Text geht. Und irgendwann hat man das gesehen. Aber ich bekomme auf Presseauftritte auch immer viele Rückmeldungen per Mail oder direkt. Diese sind meistens substanzieller. Ich antworte darum lieber auf diese Feedbacks.

Einige dieser persönlichen Rückmeldungen bewahren Sie auf.
Ja. Einige publiziere ich auch. Zum Teil sind die Leute sehr kreativ. Einmal bekam ich eine sehr aufwendig gestaltete Collage mit Bildern von mir und Hannibal Gaddafi. Der anonyme Schreiber vermutete, wir seien Zwillinge. Vielleicht mache ich mal ein Buch mit den besten Briefen.

Häufig wird Ihnen auch vorgeworfen, Sie hätten noch nie richtig gearbeitet. Nun treten Sie als Redner am Tag der Arbeit auf. Wenn Sie noch nie gearbeitet hätten, wäre das wohl unpassend.
Historisch ist der 1. Mai ja eigentlich ein Tag für weniger Arbeit. Die demonstrierenden Arbeiter und Arbeiterinnen kämpften für den Acht-Stunden-Tag. Zum Vorwurf, ich arbeite nicht: Es lohnt sich nicht, darauf zu antworten. Seit ich 15 bin, engagiere ich mich politisch. Ich habe gemeinsam mit anderen die JUSO zu einer initiativ- und kampagnenfähigen Jungpartei aufgebaut, war Vize-Präsident der zweitgrössten Partei des Landes, leite heute im Co-Präsidium die viertgrösste Kantonalsektion der SP, bin zweimal gewählter Nationalrat und Vize-Präsident der Bundeshausfraktion. Daneben habe ich mein Liz-Studium abgeschlossen, war und bin berufstätig und Vater einer Tochter. Heute arbeite ich zwischen 70 und 90 Prozent politisch, daneben erarbeite ich in Teilzeit Kampagnen für NGOs. Ich nehme zur Kenntnis, dass offenbar für viele Kritiker politisches Engagement nichts zählt, weil man dabei keine Millionenboni einstreichen kann. Früher hat mich das genervt, heute kann ich damit leben.

Sie sind einer der bekanntesten Politiker in der Schweiz. Warum?
Meine Bekanntheit hängt stark mit meinem früheren Amt als Juso-Präsident zusammen. Ich hatte das Glück, dass ich in einem Moment politisch aktiv wurde, als es auf linker Seite kaum eine prägnante, junge Figur gab.

Ihre Provokationen halfen dabei sicher. Provozieren Sie gerne?
Nicht um der Provokation willen. Die Frage ist, ob die politische Botschaft ankommt. Mit Provokation versucht man, einen Missstand anzuprangern. Sozialdemokratische Politik ist Provokation, weil sie dem bürgerlichen Selbstverständnis wehtut. Ich nenne ein Beispiel einer aktuellen Debatte: Wenn wir eine Elternzeit von 24 Wochen fordern, finden das alle radikal. Schauen wir aber die Familienrealitäten an, ist die Forderung geradezu pragmatisch. Eigentlich halte ich meine Politik nicht für sehr radikal, aber offenbar gibt es dazu unterschiedliche Wahrnehmungen. Wenn ich nichts verändern möchte, muss ich keine Politik machen.

Provozieren Sie bewusst, damit Sie in den Medien stattfinden?
Das war früher sicher so, damit haben wir die Juso als politische Kraft gestärkt und junge Menschen politisiert. Heute steht das für mich nicht mehr im Vordergrund.

Äussern Sie sich darum nun zurückhaltender?
Mir wurde die dauernde Präsenz in den Medien zu viel. Gerade mit der zunehmenden Boulevardisierung der Medienlandschaft bedeutet Präsenz auch immer, nahe am Abgrund zu stehen. Wer gehypt wird, wird auch gerne niedergeschrieben. Das ist eine Gratwanderung, die viel Nerven kostet. Heute kann ich beschliessen, ich sage jetzt drei Monate gar nichts. Das ist angenehmer.

Sie sorgen aber nach wie vor selber immer wieder für Aufsehen. Im letzten Jahr haben Sie für Roger Köppels «Weltwoche» Kolumnen geschrieben. Dafür wurden Sie sogar von der linken «WoZ» niedergeknüppelt. «Alles für den Scheinwerfer», titelte die «WoZ» damals.
Genau (lacht). Also, eine längerfristige Zusammenarbeit mit der «Weltwoche» war nie geplant, das hat die «WoZ» frei erfunden. Überhaupt waren Inhalt und Form dieses Verrisses nahe am Niveau der «Weltwoche». Es war von Anfang an klar, dass ich vier Artikel über den Wahlkampf schreibe, nicht mehr. Die «WoZ» ist eine wichtige Ergänzung der doch sehr bürgerlichen Medienlandschaft. Manchmal überbeisst sie ideologisch etwas, aber das ist ihre Rolle.

Haben Sie eigentlich einen PR-Berater?
Nein. Die Schweizer Politik ist viel zu wenig professionalisiert, damit man sich das als Nationalrat leisten könnte. Try and Error ist das Motto und manchmal spreche ich mich kurz mit der Parteileitung ab. Aber grundsätzlich ist der Umgang mit den Medien für die Linke eine sehr schwierige Frage: Wie geht man mit der zunehmenden Dominanz der bürgerlichen, sich stark reaktionär entwickelnden Schweizer Medienlandschaft um? Und wie geht man mit der «Weltwoche» um? Ignorieren oder nicht? Den Entscheid, den ich gefällt habe, kann man kritisieren. Die «WoZ» hat dann halt den Zweihänder ausgepackt, damit muss ich leben können. Ich probiere gerne aus, übertrete auch mal eine Grenze. Mir passen auch auf der linken Seite vorgespurte Wege oder Tabus nicht. Dann wird man auch kritisiert. Ich teile ja auch gerne aus, dann muss man auch einstecken können.

Nun wissen auch Journalisten, dass ein Artikel mit einem Quote von Ihnen viele Klicks und Kommentare generiert. Spüren Sie das, dass Sie zu allem um ein Statement gebeten werden?
Ja sicher, bis zu einem gewissen Grad ist das auch reizvoll. Vor allem am Anfang der politischen Karriere. Aber vielen Journalisten ging es nur noch darum, mich als Reizfigur zu instrumentalisieren, unabhängig vom Inhalt. Das haben mir Journalisten auch offen gesagt. Sie haben mir sogar vorgeschlagen, was ich sagen könnte.
(allgemeines Gelächter)
Das ist wirklich so. Früher, als ich noch Juso-Präsident war, habe ich jedes Mal, wenn SP-Präsident Christian Levrat etwas sagte, ein Telefon erhalten. Ich wurde gefragt, ob ich das nicht kritisieren wolle.

Waren Sie sich damals als Juso-Präsident bewusst, dass Sie sich mit Ihren Provokationen ein Image aufbauen, das Sie heute kaum mehr loswerden?
Nein, überhaupt nicht. Was Medienarbeit angeht, waren wir völlige Anfänger. Als 2008 ein neues Team gemeinsam mit mir die Leitung der Juso übernommen hat, haben wir uns vorgenommen, dass in fünf, sechs Jahren die Juso öffentlich wahrgenommen wird. Denn damals kannte niemand die Juso. Aber innert kürzester Zeit explodierte die Medienaufmerksamkeit. Auch wegen der Bankenkrise. Damit haben wir nie gerechnet. Wir haben relativ sorglos Aktionen durchgezogen wie die Hotelbesetzung in Baden oder einen Sitzstreik vor der UBS am Paradeplatz. Aber dass solche Geschichten so stark haften bleiben, hätte ich nicht gedacht. Auch heute fängt noch jedes Porträt damit an. Ich stehe zu allem, was wir gemacht haben, aber manchmal würde ich mir wünschen, die Medien würden etwas mehr meine heutige Rolle zur Kenntnis nehmen.

Was unterscheidet denn einen guten von einem schlechten Journalisten? Gibt es überhaupt noch gute Journalisten?
Ich kritisiere die Arbeit der Journalisten tatsächlich oft. Aber es ist immer zuerst eine Kritik an den Umständen, wie Journalisten ihre Arbeit erledigen müssen. Ich stelle fest, dass mich Journalisten anrufen, die erst seit einigen Tagen Bundeshaus-Redaktor oder im Inland-Team einer Zeitung sind und die bereits Artikel über Asyl-, Europa- und Atompolitik oder das neuste Positionspapier der SP schreiben müssen. Das ist schlicht nicht machbar. Selbst wir müssen uns ja auf wenige Themen konzentrieren, wenn wir die Berge von Akten bewältigen wollen. Die Journalisten haben oft nur noch Zeit für oberflächliche Analysen. Ich kann denen manchmal sagen, was ich will, ob das jetzt inhaltlich stimmt oder nicht, die haben gar nicht die Ressourcen, das zu überprüfen. Das ist das Hauptproblem. Beispielsweise hat der Blick vor ein paar Wochen einen Artikel über einen vermeintlichen Skandal beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit veröffentlicht (Anmerkung der Redaktion: hier der Link zum Blick-Artikel und hier der Link zur Stellungnahme von Cédric Wermuth). Die Geschichte ist schlicht falsch. Aber verschiedene Medien übernahmen die Story, weil niemand die Zeit hatte, die Fakten zu überprüfen. Es war wichtiger, diese Schlagzeile auch zu haben.

Dann haben Sie den eigentlichen Skandal aufgedeckt.
Ich war damals in der Finanzkommission, als der Entscheid fiel. Deshalb hat eine Journalistin der NZZ nachgefragt, worauf ich meine Akten rausgesucht habe. Als ich herausfand, wie dieser Fall zustande kam, habe ich mich so genervt, dass ich selber darüber geschrieben habe. Darum: Genügend Zeit für die Recherche ist sehr wichtig. Im allgemeinen sind die Journalisten bei Radio SRF am besten vorbereitet. Die sind am stärksten in den Themen drin. Bei den Printredaktionen spürt man den Profitdruck und die Ausdünnung der Redaktionsressourcen. Wenn wenige Leute für unzählige Themen verantwortlich sind, dann ist es klar, dass nur noch oberflächlich recherchierte Geschichten geschrieben werden. Es fehlt an Einordnung und kritischen Kommentaren, wie das ein Constantin Seibt macht.

Eine freie Presse gibt es auch noch, wenn sie durch die öffentliche Hand mitfinanziert wird. Aber wenn sie sich ihre Inhalte aus ökonomischen Zwängen bestimmen lässt, dann ist sie keine freie Presse mehr.

Cédric Wermuth

Wer ist daran schuld? Die Medienkonzerne?
Vor allem ist diese Entwicklung ein Ausdruck der ökonomischen Krise der Medienlandschaft, und da sind die Verleger sicher mitschuldig. Sie haben zum Beispiel die Einführung der Gratis-Zeitung gepusht. Und wie man jetzt feststellt, war das eine selbstkannibalisierende Entwicklung. Aber auch die Politik hat nicht reagiert. Eine freie Presse gibt es auch noch, wenn sie durch die öffentliche Hand mitfinanziert wird. Aber wenn sie sich ihre Inhalte von ökonomischen Zwängen bestimmen lässt, dann ist sie keine freie Presse mehr. Schauen Sie die aktuelle Debatte an: Jetzt fordern sogar einige Verleger, man müsse sich den Interessen der Inserenten beugen. Ich glaube, es braucht eine öffentlich-rechtliche Medienförderung, nicht nur für die SRG, auch für die Privaten.

Die neusten Abozahlen zeigen: Medien, die polarisieren, haben zugelegt. Vor allem die «WoZ» und die «Weltwoche». Hingegen hat die «NZZ» an Abonnenten verloren. Warum ist das so?
Dass die «WoZ» zulegt, ist sicher ein Ausdruck dafür, dass das Bedürfnis nach Einordnung und Orientierung in einer Zeit der Verunsicherung und permanenten Krise gestiegen ist. Das gleiche trifft wohl auch bei der «Weltwoche» zu, einfach auf der reaktionären Seite. Aber man muss die längerfristigen Perspektiven sehen. Ob man die Qualität nur steigern kann, wenn man Bezahl-Medien abschafft und die Finanzierung auf eine andere Art löst, weiss ich nicht. Aber die Frage muss man zumindest stellen. Denn die privaten Medien sind ein Teil des Service public – auch wenn sie das nicht gerne hören –, darum sind sie auch vom regulären Mehrwertsteuersatz befreit. Es kann nicht sein, dass die Medien als vierte Macht im Staat primär gewinnbringende Unternehmen sind. Das widerspricht der Logik des politischen Journalismus.

Wechseln wir das Thema und sprechen über die SP. In der Partei nehmen Sie die klassische Rolle des Oppositionspolitikers wahr, während Ihre Parteikollegin, Pascale Bruderer, erfolgreich Realpolitik betreibt. 2011 holte sie als erste SP-Vertreterin seit 1948 einen Ständeratssitz im Aargau. Sie hat beste Chancen, einmal Bundesrätin zu werden. Sie haben Ihre Chance darauf vermutlich schon verspielt. Warum wollen Sie nicht Bundesrat werden?
Ich würde mir aus ganz anderen Gründen ein Parlament wünschen, das sich überlegt, mich in den Bundesrat zu wählen (lacht). Das wäre dann ein Parlament mit einer substanziell anderen, fortschrittlichen Mehrheit. Bei den aktuellen Mehrheiten ist das tatsächlich sehr unwahrscheinlich. Ich würde allerdings auch nicht wollen.

Und ein Exekutivamt im Aargau?
Im Moment sicher nicht. Aus verschiedenen Gründen. Ich will aber vorausschicken, und das meine ich wirklich so: Ich bin sehr dankbar für alle, die ein Exekutivamt übernehmen. Gerade seit ich in Bundesbern bin, habe ich Respekt vor allen Bundesräten, schlicht wegen der zeitlichen Belastung, die dieses Amt mit sich bringt. Jeder von uns hat seine Grenzen, die muss man kennen. Ausserdem bin ich nicht der Typ, der gegen aussen glaubhaft eine Mehrheitsmeinung vertreten kann, die meinem politischen Herz zuwider ist. Ich werde lieber nicht gewählt, als dass ich meine Position aufgeben müsste. Aber wenn die Sozialdemokratie eine Volkspartei sein will, braucht es die gesamte Bandbreite. Und das funktioniert im Aargau sehr gut. Pascale und ich haben ein hervorragendes Verhältnis. Sie nimmt einfach eine andere Rolle wahr. Wenn ich in einer Kommission sitze, versuche ich auch, Kompromisse zu finden. Aber in der öffentlichen Arena geht es um grundsätzliche Positionen, das muss man unterschieden. Andere gehen in ihrem Exekutiv-Amt auf. Alain Berset zum Beispiel macht das sehr gut, Simonetta Sommaruga sowieso. Aber das muss auch nicht jeder. Eine politische Karriere besteht nicht immer daraus, ein Exekutivamt als Ziel zu haben. Aber vielleicht sieht das bei mir in zehn Jahren auch anders aus.

Immerhin provozieren Sie heute bereits nicht mehr so oft wie früher. Hat das auch mit dem Älterwerden zu tun? Man sagt, mit dem Alter kommt die Weisheit.
(lacht) Nein. Ich glaube erstens nicht, dass ich mich inhaltlich verändert habe (überlegt). Ich habe meine Position weiterentwickelt, aber es ist sicher nicht so, dass ich politisch in die Mitte gerückt wäre, im Gegenteil. Ich glaube, es hat schlicht und ergreifend mit der Veränderung meines Umfelds zu tun. Meine Partnerin und ich haben eine Tochter, eine Familie. Da werden andere Dinge wichtig. Und dafür braucht es mehr Zeit. Ein Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden. Ich habe Prioritäten gesetzt und sage heute bewusst Auftritte und Medienanfragen ab.

Trotzdem gibt es innerhalb der Partei auch inhaltliche Differenzen. Kürzlich stritt die SP an ihrem Parteitag über die Europapolitik. Wie funktioniert das in der SP, wenn verschiedene Ansichten aufeinanderprallen? Die Grünen zum Beispiel sind daran gescheitert, die haben sich gespalten.
Die innerparteiliche Auseinandersetzung ist enorm anstrengend, aber wichtig. Ich verstehe nicht, wieso Medien jedes Mal einen Skandal darin sehen wollen, wenn wir intern diskutieren. Wo soll denn die politische Debatte stattfinden, wenn nicht in der Partei? Es ist doch genau unsere Aufgabe, um Inhalte zu streiten. So entwickelt man politische Vorschläge. Und gerade in der Europapolitik gibt es heute keine eindeutigen Antworten mehr. Leider scheuen die Parteien – auch die SP – inhaltliche Auseinandersetzungen, weil man Angst vor dem Bild hat, das die Medien dann in die Öffentlichkeit transportieren. Das ist genau falsch. Demokratie ist Auseinandersetzung. Daniel Jositsch forderte nach den Wahlen einen neuen liberalen Flügel in der SP – ohne zu sagen, was er denn mit «liberal» genau meint. Das war wenig konstruktiv. Aber wenn ein solcher «liberaler» Flügel klare Positionen formulieren würde, über die wir streiten könnten, wäre das sehr produktiv. Das zwingt alle Seiten, ihre Argumente zu schärfen. Eine Partei, die nicht streitet, ist tot.

Die SVP ist keine demokratische Partei.

Cédric Wermuth.

Nun, bei der SVP gibt es nur einen, der sagt, so läuft’s. Das mussten zuletzt die Schaffhauser Bundesratskandidaten erfahren.
Das stimmt, da war ich wohl unpräzis: Jede demokratische Partei muss streiten. Die SVP ist keine demokratische Partei. Das hat manchmal sektenhafte Züge, was in dieser Partei abläuft. Nicht nur bei den Bundesratswahlen, auch jetzt. Das sieht man an der Ernennung von Andreas Glarner zum Chef Asyl. Das war eine eiskalte Absetzung von Heinz Brand. Wer nicht gehorcht, wird abserviert.

Wie viel Schaffhausen findet eigentlich in Bern statt? Hier beklagt man sich, Schaffhausen sei in Bern kein Thema.
Ich stelle fest, dass sich alle Kantone darüber beklagen. Auch Zürcher und Berner sagen, sie werden nicht entsprechend ihrer Bedeutung gewürdigt. Einerseits gibt es eine starke Tendenz zur Nationalisierung der Politik, das wird für kleinräumige Strukturen immer schwieriger. Gleichzeitig haben diese im Ständerat ein krasses Übergewicht. Es ist mit Verlaub schon etwas absurd, wenn 16’000 Appenzeller im Ständerat gleich viel Stimmen haben wie Zürich oder die Waadt. Die Kantonsgrenzen entsprechen längst nicht mehr den Lebensrealitäten. Mein Fall zeigt das exemplarisch: Noch vor einem Jahr wohnte ich in Baden, meine Partnerin in Luzern, ich studierte in Zürich und arbeitete in Bern. In welchem dieser vier Kantone mein Hauptwohnort war, kann ich eigentlich gar nicht sagen. Darunter leiden hauptsächlich die kleinen Kantone. Schaffhausen als Kanton spielt eine ähnliche Rolle wie andere kleine Kantone (überlegt). Immerhin habt ihr prominente und profilierte Ständeräte, das hilft. Von daher glaube ich eher, dass Schaffhausen ein Kanton ist, der im Verhältnis zu seiner Grösse überdurchschnittlich wahrgenommen wird.

Es gibt Leute, die sagen: Niemand lobbyiert in Bern für die Interessen des Kantons Schaffhausen. Oder haben Sie schon mal jemanden getroffen, der das macht? War schon eimal ein Schaffhauser Regierungsrat in Bern?
(überlegt)
Kennen Sie überhaupt einen Schaffhauser Regierungsrat?
Persönlich nicht enger. Ursula Hafner Wipf habe ich an Parteianlässen schon getroffen. Grundsätzlich stelle ich fest, dass die Kantone sehr unterschiedlich gut in Bern lobbyieren. Nach vier Jahren Bern bin ich aber sicher, dass die Kantone, die ins Lobbying investieren, daraus sehr viel Profit ziehen.

Gibt es dafür ein Beispiel?
Das Tessin. Der Kanton Tessin konnte innerhalb von wenigen Wochen sein Modell, wie Artikel 121 (Anmerkung der Redaktion: Masseneinwanderungsinitiative) umgesetzt werden soll, glaubwürdig verkaufen. Egal ob man den Vorschlag jetzt gut findet oder nicht, aber plötzlich setzen sich alle damit auseinander. Auch mein Kanton, der Aargau hat diese Wichtigkeit noch nicht begriffen. Andere Kantone wie Genf, Basel-Stadt oder Zürich sind ebenfalls sehr präsent. Zürich hat natürlich den Vorteil, dass es wegen seiner Grösse automatisch viel mehr Lobbyisten gibt, die sich für die Interessen des Kantons stark machen.

Von den kleinen Kantonen betreibt keiner Lobbyarbeit?
Letzthin habe ich mitbekommen, dass Basel-Land offenbar eine Lobbyistin hat, aber ich habe sie noch nie angetroffen.

Wie sieht es in der SP aus? Spielt Schaffhausen in der Partei eine Rolle seit Hans-Jürg Fehr weg ist?
Schaffhausen ist wie alle anderen. Hans-Jürg war natürlich eine überragende Figur, aber nicht weil er aus Schaffhausen kam, sondern von seiner Rolle her. Ich kann mich nur noch am Rand erinnern, ich war ja nur zwei Jahre mit ihm in der Fraktion. Martina Munz hat sich vor allem in der Umwelt- und Atompolitik in der Fraktion und darüber hinaus profiliert.

Sprechen wir noch kurz über den 1. Mai. Wie viele Reden halten Sie eigentlich an diesem Tag?
In diesem Jahr nur eine. Früher bin ich drei- oder viermal aufgetreten. Aber das mache ich nicht mehr. Man kann so nach der Rede gar nicht mehr mit den Leuten diskutieren. Und meist sind die Festbesucher dann eher enttäuscht, wenn man gleich wieder abrauscht. Ausserdem war ich schon seit längerem nicht mehr in Schaffhausen, und eigentlich gefällt mir die Stadt sehr. Ich werde also noch ein paar Stunden vor Ort sein und danach noch im Aargau eine 1.-Mai-Feier besuchen. Aber nur als Zuschauer.

 

Dieses Interview erschien in einer gekürzten Version am 28. April 2016 in der schaffhauser az.

Die betrogenen Gächlinger

Stellen Sie sich vor, Sie stimmen regelmässig ab, aber Ihre Stimme wird jahrelang nicht gezählt. So geschehen in Gächlingen. Dank einem Hinweis aus der Bevölkerung passiert das heute nicht mehr.

Quizfrage: Ist Ihre Stimme ungültig, wenn Sie brieflich abstimmen und die ausgefüllten Stimmzettel nicht in ein separates Couvert stecken?

Die Antwort darauf gibt Artikel 53ter des kantonalen Wahlgesetzes. Dieser besagt, dass die briefliche Stimmabgabe in folgenden drei Fällen ungültig ist: Wenn die Unterschrift auf dem Stimmrechtsausweis fehlt, das Couvert mehr als einen Stimmrechtsausweis enthält oder dieses zu spät eintrifft. Mit anderen Worten: Die Stimme bleibt gültig, auch wenn die Stimmzettel mit dem Stimmrechtsausweis im gleichen Couvert und nicht separat verpackt abgeschickt werden.

Neuhausen: Keine Erklärung
So weit, so klar. Nun zeigt die Praxis: Die Anzahl ungültiger Stimmen in den Schaffhauser Gemeinden variiert. Vor allem in Neuhausen ist die Zahl im Vergleich zu den anderen Gemeinden auffallend hoch. Sie ist sogar doppelt so hoch wie jene in Schaffhausen, obwohl es in der Stadt viermal so viele Stimmberechtigte gibt. Konkret waren bei den kantonalen Abstimmungen zwischen März 2013 und März 2016 jeweils zwischen 30 und 60 Stimmen ungültig. Das heisst: 0,9 bis 1,7 Prozent aller Neuhauser Stimmen sind ungültig. Also jede hundertste Stimme.

In der Stadt gab es im gleichen Zeitraum pro Urnengang zwischen fünf und 20 ungültige Stimmen, in vielen kleinen Gemeinden sind es meistens null.

In Neuhausen rätselt man, was der Grund dafür ist, dass die Zahl der ungültigen Stimmen so hoch ist: «Wir haben keine Erklärung dafür», sagt Gemeindeschreiberin Janine Rutz. Klar ist aber: Bei der brieflichen Stimmabgabe werden keine anderen Kriterien angewandt als in anderen Gemeinden. Janine Rutz hält fest: «Stimmzettel, die sich lose im gros­sen Stimmcouvert befinden und nicht in einem separaten Couvert abgegeben werden, sind auf jeden Fall gültig.»

Während Neuhausen noch rätselt, hat Gächlingen gehandelt. Denn auch in der Klettgauer Gemeinde waren bis Mitte 2015 jeweils viele Stimmen ungültig. Gemessen an der tieferen Anzahl Stimmberechtigten sogar enorm viele: Am 28. September 2014, als über die Demokratie- und die Flextaxinitiative abgestimmt wurde, waren 32 von 459 eingelegten Stimmzetteln ungültig. Das sind fast sieben Prozent. Ab August 2015 gab es pro Urnengang plötzlich nur noch drei bis sieben ungültige Stimmen.

Gächlingen hat reagiert
Warum? Die Gächlinger Gemeindeschreiberin Käthi Pinto sagt, im Sommer des letzten Jahres sei sie aus der Bevölkerung auf die hohe Zahl ungültiger Stimmen angesprochen worden. Die Gemeinde wandte sich darum an das kantonale Amt für Justiz und Gemeinden (AfJG). Es stellte sich heraus: Die Gächlinger Stimmenzähler haben jahrelang Stimmzettel für ungültig erklärt, die nicht in einem separaten Couvert verpackt waren. «Die Stimmenzähler sind damals davon ausgegangen, dass die Stimmzettel in ein privates zusätzliches Couvert eingelegt werden müssen», so Pinto.

Die Gemeindeschreiberin verweist auf den Stimmrechtsausweis, der vom AfJG für rechtens erklärt wurde und auf dem folgender Satz steht: «Die Stimmzettel ausfüllen und in ein privates Kuvert einlegen und verschliessen.»

Jede Stimme zählt
Dass rund 20 Gächlinger Stimmen jahrelang nicht gezählt wurden, spielte nie eine Rolle. Keine kantonale Abstimmung fiel dermassen knapp aus, dass die ungültigen Stimmen eine Bedeutung gehabt hätten. Dennoch: Im Oktober des letzten Jahres wurde das kantonale Tourismusgesetz mit einer Differenz von gerade einmal 117 Stimmen verworfen. Im ganzen Kanton gab es damals 75 ungültige Stimmen.

Noch knapper wurde es bei den Kantonsratswahlen vor vier Jahren. Die AL vereinte damals im ganzen Kanton acht (!) Wähler mehr auf sich als die ÖBS. Das war entscheidend dafür, dass die AL fünf Kantonsratssitze holte und damit Fraktions­stärke erreichte, während die ÖBS nur vier Sitze machte. In Gächlingen waren damals zwölf Wahlzettel ungültig.

Dieser Artikel erschien am 28. April 2016 in der «schaffhauser az».